Johann Martin Kreutzer (* 12. November 1810 in Offingen; † 1855 in Erlangen) war ein deutscher Veterinärmediziner und Hochschullehrer. Nach mehreren Stationen als privat, dann in der Armee und schließlich im öffentlichen Dienst praktizierender Tierarzt, lehrte er zwischen Februar 1848 und Oktober 1850 an der Königlich Bayerischen Central-Veterinär-Schule in München. Heutzutage ist er vor allem als Ideengeber für eine Reformierung des veterinärmedizinischen Studiums einerseits und des Selbstverständnisses des Fachgebietes insgesamt andererseits in Erinnerung.
Leben Herkunft, Ausbildung, Militärdienst und Privatleben Er kam 1810 als Sohn des Forstwartes Wenzel Kreutzer und dessen Ehefrau Anna Loehle in Offingen, einem kleinen Ort im Oberdonaukreis, zur Welt und wuchs vier Brüdern und drei Schwestern in einer Familie römisch-katholischen Glaubens auf.Josef Härtl: Prof. Dr. phil. et Dr. med. h. c. Johann Martin Kreutzer, Märtyrer oder Rebell? In: Historia Medicinae Veterinariae. Band 2, Heft 4, 1977, Seiten 112–122. Als er drei Jahre alt war, zog die Familie in das nahe Gundremmingen. Nach dem Besuch der Volksschule überzeugten die Lehrer und der Pfarrer die Eltern, dass Johann aufgrund seiner „guten Noten und wegen seines großen Eifers“ das Gymnasium besuchen sollte. Dies tat er ab Oktober 1819 in Augsburg und wechselte 1822 nach Dillingen an der Donau. Dort zeigte er Neigungen vor allem für Geschichte und Philologie und übersetzte beispielsweise „mit Begeisterung“ Werke von Ovid, Titus Livius und Homer.
Im Alter von 16 Jahren meldete er sich zum Wehrdienst und wurde bereits drei Monate später als Mitglied einer Artillerieeinheit, die in einer Würzburger Garnison stationiert war, zum Unteroffizier befördert. In der Stadt machte er die Bekanntschaft mit August Ryß (1776–1834), der das 1791 von Fürstbischof Franz Ludwig von Erthal gegründete Veterinärinstitut an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg leitete. Ryß erkannte Kreutzers Fähigkeiten, ermöglichte ihm Hilfsarbeiten in seinem TierspitalMünchener tierärztliche Wochenschrift. Band 77, 1926, Seite 418. und motivierte ihn, sich für die Aufnahmeprüfung der Königlich Bayerischen Central-Veterinär-SchuleDiese Bildungs- und Forschungseinrichtung wurde 1790 als Thier-Arzney-Schule gegründet, hieß dann ab 1810 Königlich Bayerische Central-Veterinär-Schule, ab 1852 Königlich Bayerische Central-Thierarzneischule und ab 1890 Königlich Bayerische Tierärztliche Hochschule München, ehe sie 1914 als tierärztliche Fakultät in die Ludwig-Maximilians-Universität München eingegliedert wurde. in München anzumelden, die der pfalzbayerische Kurfürst Karl Theodor 1790 auf Anregung Benjamin Thompsons ins Leben gerufen hatte. Die Aufnahmeprüfung am 26. Oktober 1827 verlief erfolgreich für Kreutzer: Er gehörte zu den 13 Männern unter den 34 Bewerbern, die angenommen wurden. In der Folge studierte er bis 1830 bei Joseph Mundigl (1782–1847), Joseph Plank (* 1782) und Konrad Ludwig Schwab (1780–1859) Veterinärmedizin. Darüber hinaus arbeitete er sich autodidaktisch auch in die Klassiker der deutschen Philosophie ein und las zahlreiche Werke von Johann Gottfried Herder, Immanuel Kant und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. Während des Studiums beschwerte sich Kreutzer darüber, dass „klinische Untersuchungsobjekte wie kranke Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen fehlten und die [Studenten] ohne die einfachsten Operationen an diesen Tieren durchgeführt zu haben, die Schule verließen“. Die Professoren sahen sich zu einer Erwiderung genötigt und „entschuldigten diesen Missstand damit, dass auch an den viel besser eingerichteten Schulen in Alfort, Lyon, Berlin, Wien dieser Mangel gegeben sei, dass ferner aus einer Lehranstalt keine wirklichen Praktiker hervorgehen, da die praktische Gewandtheit erst im praktischen Leben nach und nach erworben“ werden könne. Allerdings erkannten sie das Problem an und betonten, dass auch sie auf Besserung hofften. Es ist davon auszugehen, dass Kreutzers Konfliktfreudigkeit und seine Neigung zum Widerspruch ihn bei seinen Dozenten unbeliebt machten. Explizit schrieb er, dass er sich von Schwab „hintangesetzt und gedrückt fühlte“. Nichtsdestotrotz schloss er sein Studium ab und wurde 1830 approbiert.
In Augsburg heiratete Kreutzer am 16. Juni 1837 die aus Wolfratshausen stammende Sophie Widemann (* 1814).
Berufliche Karriere Unmittelbar nach seiner Approbation ließ er sich als praktischer Tierarzt in Waltersdorf und Illertissen nieder. Seiner Praxis war jedoch kein großer Erfolg beschieden, weshalb er als Nebenverdienst Schreiberdienste beim zuständigen Landgericht verrichtete. Schließlich absolvierte er 1832 den vorgeschriebenen Staatskurs, um sich auf eine Stelle beim Militär bewerben zu können. Da er sich öffentlich negativ über einen der Prüfer geäußert hatte, wurde er trotz sehr guter Noten erst 1834 eingestellt. Er erhielt eine Anstellung als veterinärmedizinischer Praktikant beim Königlich Bayerischen 4. Chevaulegers-Regiment „König“ in Augsburg und spezialisierte sich dort naturgemäß auf Pferdemedizin. Während dieser Periode hatte er viel Zeit für wissenschaftliche Arbeit und begann in größerem Umfang zu publizieren; seine Arbeiten erhielten dabei im In- und Ausland Anerkennung. Nach nur zwei Jahren kehrte Kreutzer in den zivilen Dienst zurück und wurde am 2. Dezember 1836 zum Landgerichtstierarzt in Wasserburg am Inn ernannt, wo er zusätzlich auch eine Praxis eröffnete. Er war unter anderem für die Schlachttier- und Fleischuntersuchungen zuständig und erhielt aus der Distrikts- und Magistratskasse ein Jahresgehalt von summiert 98 Gulden, während seine Praxis ihm etwa 300 Gulden einbrachte. Auch in Wasserburg blieb er jedoch nicht lang – bereits 1837 wechselte er nach Augsburg, wo er städtischer Polizeitierarzt und Mitglied des Kreis-Medicinal-Ausschusses wurde. Diese Anstellung sollte er für eine Dekade behalten.
Schließlich folgte Kreutzer einem Ruf an seine Alma Mater nach München. Dort wurde ihm zum 4. Februar 1848 die Stelle als dritter Professor für Veterinärmedizin übertragen, wobei man ihm als Lehrfächer allgemeine und besondere Naturgeschichte der Haustiere, allgemeine Pathologie und Therapie sowie spezielle Pathologie mit Klinik und Geburtshilfe zuwies. An der Königlichen Central-Veterinär-Schule traf er auf seine ehemaligen Dozenten Schwab und Plank, die nun seine beiden wesentlich dienstälteren Professorenkollegen waren. Kreutzer veröffentlichte im Laufe seiner Karriere zahlreiche Monographien und Aufsätze in wissenschaftlichen Fachzeitschriften, beispielsweise in der Zeitschrift für die gesammte Thierheilkunde und Viehzucht von Ernst Ludwig Wilhelm Nebel und Karl Wilhelm Vix, und übersetzte darüber hinaus auch einen Artikel des an der Freien Universität Brüssel lehrenden Jean Crocq (1824–1898) aus dem Französischen. Zwischen 1843 und 1855 gab er sogar eine eigene Zeitschrift heraus, die allerdings scheinbar nicht viele Abonnenten gewinnen konnte.Louis Georges Neumann: Biographies vétérinaires, par L. G. Neumann, Professeur à l’École vétérinaire de Toulouse. Avec 42 portraits dessinés par l’Auteur. Paris, Asselin et Houzeau, 1896. Sie firmierte zunächst als Correspondenz-Blatt, Repertorium und Literatur-Journal für die gesammte Veterinär-Medicin, wurde dann 1845 umbenannt in Central-Archiv für die gesammte Veterinär-Medizin, und für die veterinär-ärztlichen Unterrichts-, Standes- und Vereinsangelegenheiten und trug ab 1847 den Titel Centralzeitung für die gesammte Veterinärmedizin und ihre Hilfswissenschaften, mit vergleichender Bezugnahme auf die Menschenheilwissenschaft.Collection of foreign veterinary medical theses and dissertations. Ausgabe 1203, 1957, Seite 26.
Konflikte in München und Lebensende Kreutzers Zeit als Professor in München war von zahlreichen Konflikten mit seinen Kollegen überschattet. Hauptsächlich ergaben sich diese aus seinem Wunsch, die veterinärmedizinische Lehre umfassend zu reformieren. Entsprechende Kritikpunkte hatte er bereits während seines Studiums geäußert und während der darauffolgenden 18 Berufsjahre praktischer Arbeit hatte er zahlreiche weitere Eindrücke sammeln können, die seinen Unmut über den Zustand des veterinärmedizinischen Fachgebietes verstärkten. Seine Kollegen – insbesondere Plank – waren allerdings wesentlich konservativer eingestelltDeutsche tierärztliche Wochenschrift. Band 80, 1973, Seite 257. und zeigten einen ausgeprägten Unwillen hinsichtlich Veränderungen. In der Folge kam es zu gegenseitigen persönlichen Anfeindungen und Intrigen. Darüber hinaus geriet Kreutzer in Auseinandersetzungen mit Vertretern des Ultramontanismus, als er zum Deutschkatholizismus übertrat und eine Münchner Sektion (die spätere freireligiöse Gemeinde) gründete.Carl Graefe: Die hippologische Literatur von 1848 bis einschliesslich 1857. Verzeichniss der in diesem Zeitraum über Alles, was das Pferd betrifft, erschienenen Bücher, mit biographischen Notizen über die Verfasser. Verlag von F. A. Brockhaus, 1863, Seiten 97–98. Schließlich wurde er nach nur etwa zweieinhalb Jahre währender Beschäftigung am 25. Oktober 1850 „wegen fortgesetzter Unverträglichkeit mit seinen Amtsgenossen“Carl Hahn: Geschichte der K. B. Zentral-Tierarzneischule München 1790 bis 1890. Festschrift zur Centenarfeier. Selbstverlag der Lehranstalt, 1890, Seiten 235–237. seines Amtes enthoben, aus dem Staatsdienst entlassen und erhielt ein Aufenthaltsverbot für München.
Er verließ dementsprechend die Stadt und zog nach Fürth und bald darauf nach Erlangen, wo er in ärmlichen Verhältnissen lebte. In Anerkennung seiner Verdienste und obschon er „in Wort und Schrift den Einfluss der Humanmediziner auf die Veterinärwissenschaft stets scharf geißelte“, verlieh ihm die medizinische Fakultät der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen noch 1850 ehrenhalber den akademischen Grad eines Doktors der Medizin (Dr. med. h. c.) – er war erst der dritte Tierarzt, dem diese Auszeichnung zuteilwurde. Später promovierte er an der Universität noch zum Doktor der Philosophie (Dr. phil.) und widmete sich ansonsten vergleichsweise zurückgezogen der Abfassung zahlreicher veterinärmedizinischer Schriften, die sowohl populärwissenschaftlicher als auch fachlicher Natur waren.
Obwohl er in Erlangen „selbst unter den Universitätslehrern mehr als gewöhnliche Achtung“Joachim Boessneck: Chronik der tierärztlichen Fakultät. In: Laetitia Boehm; Johannes Spörl (Hrsg.): Die Ludwig-Maximilians-Universität in ihren Fakultäten. Erster Band. Duncker & Humblot, 1972, ISBN 3-428-02702-7, Seiten 281–346. genoss, litt Kreutzer im Laufe der Jahre zunehmend an DepressionenKarl Alexander von Müller: Die wissenschaftlichen Anstalten der Ludwig-Maximilians-Universität zu München. Chronik zur Jahrhundertfeier. Selbstverlag der Lehranstalt, 1926, Seite 141.Münchener tierärztliche Wochenschrift. Band 83, 1932, Seite 110. und Wahnvorstellungen. Im April 1855 erkrankte er schwer und verübte nach der Genesung im Sommer gleichen Jahres einen Suizidversuch, indem er sich die Pulsadern aufschnitt. Zwar wurde er rechtzeitig gefunden, ärztlich versorgt und konnte gerettet werden – jedoch setzte er wenige Wochen später mit einem Messerstich ins Herz seinem Leben ein Ende. Seiner Beerdigung wohnten sämtliche Erlanger Universitätsprofessoren sowie zahlreiche weitere Menschen bei.
Bewertung Mit seinen Ideen hinsichtlich der Reformierung der veterinärmedizinischen Lehre und des Studiums sowie des Fachgebietes insgesamt eckte Kreutzer bereits früh an. Seine 1834 im Alter von 24 Jahren publizierte Schrift Abhandlung über den Werth, die Selbstständigkeit und den Umfang der Thierheilkunde, die Lage des Veterinär-Wesens, sowie die Nothwendigkeit und Art und Weise der Verbesserung desselben sorgte für viel Aufsehen in der tierärztlichen Zunft. Zwanzig Jahre nach ihrer Veröffentlichung war 1854 darüber rückblickend in der monatlichen Fachzeitschrift Der Tierarzt folgendes zu lesen: