mini|hochkant=1.3|„Araber von der Ausstellung ‚Kairo‘. Auf dem Gewerbegericht 1896“.Fotografien von Brandt aus dem Bestand der Stiftung Stadtmuseum Berlin, abgerufen am 16. November 2025. Die Männer hatten gegen die Arbeits- und Lebens­bedingungen in der Ausstellung geklagt.

Die Berliner Kairo-Ausstellung 1896 war eine Völkerschau und fand gleichzeitig mit der von Mai bis Oktober 1896 andauernden Berliner Gewerbeausstellung und der Berliner Kolonialausstellung statt. Auf einem etwa 36.000 m2 großen Ausstellungsgelände südlich des Treptower Parks und damit in direkter Nachbarschaft zur Gewerbe- und Kolonialausstellung wurden sowohl altägyptische Monumente als auch eine Kairoer Einkaufsstraße nachgebildet. Zu sehen waren unter anderem verschiedene Tempelbauten sowie ein 35 Meter hoher Nachbau der Cheops-Pyramide. In der Einkaufsstraße gab es diverse Restaurants, Geschäfte und Basare. Ergänzt wurde die Anlage durch weitere Gebäude wie Moscheen, Stadttore, eine Koranschule und einen Harem.

Die vom Impresario Willy Möller (1858–1900) aus Hamburg organisierte und unabhängig von der Gewerbeausstellung und mit Hilfe von im Handel mit Ägypten tätigen Unternehmen finanzierte Kairo-Ausstellung war – gemessen an der Zahl der Darsteller – eine der größten jemals im Deutschen Reich gezeigte Völkerschauen. Etwa 400 als „Araber“ bezeichnete Personen, darunter zahlreiche Frauen und Kinder, wurden zur Schau gestellt. Die Schau zählte nach Angaben der Veranstalter über zwei Millionen Besucher.

Impresario Willy Möller begann – anfangs zusammen mit seinem Bruder, dem Tierhändler Heinrich Möller aus St. Pauli – 1880 mit der Zurschaustellung indigener Menschen. Ihre erste Völkerschau der Nubier 1880 war ganz an die zeitgleich stattfindenden Nubier-Völkerschauen von Carl Hagenbeck angelehnt. Möller spezialisierte sich in den folgenden Jahren auf die Rekrutierung großer Völkerschauen mit indigenen Menschen aus Nordafrika. Er organisierte 1890 eine Völkerschau-Tournee „Beduinenkarawane aus der libyschen Wüste“ mit etwa 100 Darstellern sowie weitere große Völkerschauen der „Schuli-Truppe“ oder einer „Dinka-Karawane“, bevor er die „Sonderausstellung Kairo“ 1896 in Berlin veranstaltete. Die „Kairo“-Ausstellung war sein größtes Unternehmen, das er anfänglich noch als eine gewöhnliche Völkerschau geplant hatte, dann aber aufgrund seiner vielfältigen Kontakte nach Ägypten zu einem großen Ausstellungsgelände mit zahlreichen Nachbauten ägyptischer Monumente und Straßenzüge ausbaute.Carl Krug: Offizieller Führer durch die Special-Abteilung Kairo der Berliner Gewerbe-Ausstellung. Verlag des „Kleinen Journals“, Berlin 1896, S. 1, (Scan – zlb.de). Möller zeichnete bei der Kairo-Ausstellung sowohl für die Anwerbung der zur Schau gestellten Personen als auch zahlreicher ethnografischer Ausstellungsobjekte Verantwortung. Er führte anschließend noch weitere Beduinen-Völkerschauen durch. Möller verstarb im Februar 1900 mit 41 Jahren an Tropenfieber.Rea Brändle: „Wilde, die sich hier sehen lassen“. Jahrmarkt, frühe Völkerschauen und Schaustellerei. Verlag Chronos, Zürich 2023, ISBN 978-3-0340-1707-7.

Vorgeschichte und Planungen

mini|hochkant=1.3|Ausstellungsgelände der Berliner Gewerbeausstellung im Treptower Park mit der Kolonial- und der Kairo-Ausstellung im südlichen Bereich. Am Ort des heutigen Sowjetischen Ehrenmals befand sich 1896 der „Neue See“. Vorläufer der Berliner Kairo-Ausstellung (auch Special-Ausstellung Kairo, und oder Kairo in Berlin genannt) war die Pariser Weltausstellung 1867, bei der es erstmals eine Kairo-Ausstellung mit einer „Rue de Caire“, der Nachbildung einer orientalisch anmutenden Straße, gegeben hatte. Seither wurde diese zu „einem fast unabdingbaren Ausstellungsklassiker“Nana Badenberg: Zwischen Kairo und Alt-Berlin. Sommer 1896: Die deutschen Kolonien als Ware und Werbung auf der Gewerbe-Ausstellung in Treptow. In: Alexander Honold, Klaus R. Scherpe (Hrsg.): Mit Deutschland um die Welt. Eine Kulturgeschichte des Fremden in der Kolonialzeit. J.B. Metzler, Stuttgart 2004, ISBN 3-476-02045-2, S. 190–199, hier S. 190. – so bei der Pariser Weltausstellung 1889 mit 300 zur Schau gestellten Personen sowie auch 1893 in Chicago oder 1894 in Antwerpen.John MacKenzie: Imperiale Ausstellungen in Großbritannien. In: Pascal Blanchard u. a. (Hrsg.): MenschenZoos. Schaufenster der Unmenschlichkeit. Deutsche Erstausgabe. Aus dem Französischen von Susanne Buchner-Sabathy. Les éditions du Crieur Public, Hamburg 2012, ISBN 978-3-9815062-0-4, S. 335–345, hier S. 343 f. Laut George Steinmetz bemühten sich die Berliner Organisatoren die früheren „Rue de Cairo“-Ausstellungen zu übertreffen – durch ihre Ausmaße, die Planung mit „deutscher Gründlichkeit“ sowie Verzicht auf allzu theatralische Inszenierungen.

mini|hochkant|„Uebersichts-Plan“, 1896Carl Krug: Offizieller Führer durch Kairo. Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896. Berlin 1896, ohne Seitenangabe, nach der Inhalts-Uebersicht, vor S. 1 (Scan – zlb.de).In Deutschland gründete sich das Interesse auf die herrschende Ägyptomanie und zudem auf die – seit den 1880er Jahren intensivierte – Orientpolitik, um kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen zum Ägypten unter britischer Kolonialherrschaft aufzubauen. So kann die Kairo-Ausstellung auch als „Tribut an den Wettkampf der Metropolen und Nationen um den Besitz und die Repräsentation des Orients“ verstanden werden.

mini|Hinten: Kairo-Ausstellung mit Nach­bil­dung der Cheops-Pyramide, Foto von 1896Erinnerung an die Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896. Berlin 1896, ohne Seitenangabe (Scan – zlb.de). Maßgeblich für die Finanzierung der Ausstellung parallel zu der als „verhinderte Weltausstellung“ geltenden Berliner Gewerbeschau von 1896 waren im Ägypten-Handel tätige deutsche Unternehmen – insbesondere aus Kunsthandwerk, Exporthandel und Tourismus: Diese vermarkteten in der Kairo-Ausstellung ihre Waren und Dienstleistungen. Für die Durchführung wurde im Juli 1895 die Gesellschaft Kairo gegründet, die im April 1897 wieder aufgelöst wurde. Die Gestaltung lag in den Händen von Baumeister Gabriel Wohlgemuth (1850–1898), Gründer der Berliner Baugenossenschaft. Bereits im August 1895 wurde mit dem Aufbau begonnen. Die Beschaffung von Exponaten wurde auch vom deutschen Generalkonsul Edmund von Heyking, dem ägyptischen Khediven Abbas II. und dem ägyptischen Bildungsminister unterstützt.

Ausstellungsgelände mini|hochkant|Zeitungsinserat im Vorwärts, 13. Mai 1896Zeitungsinserate. In: Vorwärts. 13. Mai 1896, S. 8 (Scan – Deutsche Digitale Bibliothek). Die Berliner Kairo-Ausstellung fand vom 1. Mai bis zum 30. Oktober 1896 statt und durfte zwei Wochen länger geöffnet bleiben als die Gewerbe- und Kolonialausstellung. Sie war mit 36.577 m2 weit größer als die Kairo-Völkerschauen in Paris, Chicago oder Antwerpen. Das Gelände von 200 mal 170 m war von einem hohen Holzzaun umgeben und befand sich direkt am Ausstellungsbahnhof an der Görlitzer Bahn.Alexander C. T. Geppert: Weltstadt für einen Sommer. Die Berliner Gewerbeausstellung 1896 im europäischen Kontext. In: diegeschichteberlins.de, ohne Datum, abgerufen am 15. November 2025 (zuerst veröffentlicht in: Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins. Band 103, Nr. 1, Januar 2007, S. 434–448).

Auf einer idealtypischen orientalischen Einkaufsstraße sollte das „moderne Kairo“ gezeigt werden. Es gab Basare, Cafés, Restaurants und Geschäfte, in denen z. B. Schmuck, Teppiche und Möbel verkauft wurden, sowie Handwerksbetriebe wie Baumwollweberei, Töpferei und Schmiede. In einem als Harem gekennzeichneten Gebäude wurden Frauen zur Schau gestellt, die den voyeuristischen Blicken vor allem des männlichen Publikums ausgesetzt waren. In einer „Koranschule“ wurden die mitgereisten Kinder der Darsteller unterrichtet. In diesem Teil der Ausstellung waren auch größere Bauwerke wie Moscheen, Stadttore und Kalifengräber nachgebaut. Die Besucher konnten sich in der Moschee, in der Gebete und Gottesdienste der Darsteller stattfanden, über den islamischen Glauben informieren und erhielten Ratschläge zur angemessenen Etikette im Umgang mit den Arabern oder den Besuch eines Gottesdienstes.

Außerdem wurden Nachbauten altägyptischer Monumente errichtet und als „publikumswirksame Verräumlichungs- und Verlebendigungsstrategien von Geschichte“ inszeniert. Das Gelände überragte eine 35 m hohe Imitation der Cheops-Pyramide: An der Stahlkonstruktion waren zwei Seiten der Pyramide aus Gips und Holz nachgebildet. Im Innern konnte eine Grabkammer besichtigt werden, in der Mumien aus den Berliner Museen ausgestellt wurden. Die Pyramide war nicht begehbar;Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde. Die Zurschaustellung „exotischer“ Menschen in Deutschland 1870–1940. Campus-Verlag, Frankfurt/Main / New York 2005, ISBN 3-593-37732-2, S. 252. mit einem elektrischen Fahrstuhl konnten die Besucher für 30 Pfennig aber auf eine Aussichtsplattform an der Spitze fahren. Weitere Bauwerke waren ein verkleinerter Nachbau des Horustempels von Edfu, ein nubischer Brunnentempel, Beamtengräber und ein Sphinx. Außerdem wurden eine große Arena sowie die Nachbildung eines Fellachendorfs mit dem Namen „el-Kafr“ errichtet. Es knüpfte an die „Eingeborenendörfer“ der benachbarten Kolonialausstellung an, sollte aber als besonders arm und rückständig scheinen, um das vermeintliche Elend der Ägypter unter britischer Kolonialherrschaft zu kritisieren.

Als Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Auguste Viktoria die Ausstellung zur Eröffnung am 1. Mai 1896 besuchten, waren die Bauten noch nicht ganz fertig gestellt. Sie hielten sich 45 Minuten in der Ausstellung auf, wo ihnen u. a. ein Reiterkampf der Beduinentruppen vorgeführt wurde. Der Kaiser soll am Ende geäußert haben: „Ich werde dem Khedive telegraphiren, wie sehr mir die Copie seines Kairo gefallen hat“.Paul Lindenberg: Pracht-Album fotografischer Aufnahmen der Berliner Gewerbe-Ausstellung 1896. Werner Verlag, Berlin 1896, S. 26 ().

Eine weitere Attraktion der Kairo-Ausstellung war die damals noch wenig verbreitete elektrische Beleuchtung, was einen „magischen Eindruck“ auf die Besucher gemacht habe und auch längere Öffnungszeiten ermöglichte. Die Kairo-Ausstellung war damit Vorläufer bei der Einführung elektrischer Technologien in die Ausstellungskultur.

Eintritt, Gesamtkosten und Besucherzahlen mini|hochkant|Ermäßigungsgutschein aus einem Billetbuch zur Gewerbeschau, 1896Berliner Kolonialausstellung – Billetbuch zu wesentlich ermässigten Preisen. W. Hagelberg, Berlin 1896, (Scan – zlb.de). mini|hochkant|„Specialausstellung Kairo“ – Plakat von Adolph Friedländer, 1896 Bildergalerie: Die „Specialausstellung Cairo“ auf der Berliner Gewerbeausstellung (1896). In: German History in Documents and Pictures, ohne Datum, abgerufen am 5. Oktober 2025. Im Zusammenhang der Berliner Gewerbeausstellung fanden mehrere Sonderausstellungen statt – neben der Kolonialausstellung auch die Ausstellung „Alt-Berlin“, außerdem ein Vergnügungspark und weitere Attraktionen. Sowohl für die Kolonialausstellung als auch für Kairo waren separate Eintritte zu entrichten. Weil sich ihre Eingänge in unmittelbarer Nachbarschaft an der Köpenicker Landstraße befanden, wurden die beiden Schauen vom Publikum anfangs häufig verwechselt. Der reguläre Eintritt betrug 50 Pfennig; eine Dauerkarte konnte für 15 Mark (M) erworben werden. Zu Beginn warben die Veranstalter mit freiem Eintritt nach 19 Uhr.