Jakobus Albertus Onnen (* 3. August 1906 in Tichelwarf, Rheiderland; † 12. August 1943 in Lipljanschtschina, Gemeinde Naroditschi, Oblast Schitomir, Sowjetunion) war ein deutscher Lehrer und mutmaßlicher Täter des Holocaust. Im Jahr 2025 identifizierte ihn ein Forschungsteam unter Leitung des Historikers Jürgen Matthäus als Schützen auf der unter dem Titel Der letzte Jude in Winniza bekannten Aufnahme einer Massenerschießung. Das Bild gilt als eines der bekanntesten Zeugnisse des Holocaust.
Leben mini|Ehrenmal vor dem Heimatmuseum Rheiderland. Onnens Name wird auf der Platte ganz unten rechts genannt. Die Stelle wurde im November 2025 mit einer Plakette überklebt. Onnen wurde 1906 im ostfriesischen Dorf Tichelwarf nahe der niederländischen Grenze geboren. Er entstammte einer bürgerlichen Beamtenfamilie und interessierte sich schon in seiner Jugend für Fremdsprachen und Reisen. Sein Vater, der Hauptlehrer Johann Onnen, starb bereits 1924 mit nur 49 Jahren an einem Schlaganfall, was für den Siebzehnjährigen eine biografische Zäsur markiert.
1927 begann er ein Studium Neuer Sprachen an der Universität Göttingen, um ebenfalls Lehrer zu werden, und legte im Mai 1932 das Staatsexamen ab. Er trat zum 1. November 1931 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 723.098),Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/31241131 gehörte von Januar 1932 bis Juli 1933 der SA an und wechselte im November 1933 zur SS (SS-Nummer 267.841). 1933 und 1934 unternahm er Reisen nach London und Madrid, bereitete sich anschließend als Lehrer in Heiligenstadt auf die Assessorprüfung vor und unterrichtete von 1936 bis 1939 als Studienassessor Französisch, Englisch und Sport an der Deutschen Kolonialschule (DKS) in Witzenhausen bei Kassel. Dort trat er 1938 als Mitverfasser der Jubiläumsschrift 40 Jahre Deutsche Kolonialschule Witzenhausen40 Jahre Deutsche Kolonialschule Witzenhausen. Festschrift zum 40jährigen Bestehen der Deutschen Kolonialschule Witzenhausen 1898–1938. Bearbeitet von Studienassessor [Jakobus] Onnen […] und Archivassistent [Karl] Polte. Selbstverlag Deutsche Kolonialschule, Witzenhausen 1938 (online als PDF bei Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg). in Erscheinung und verfasste auch weitere Schriften. Biografisch auffällig ist sein dreimaliger erfolgloser Versuch (1935, 1937, 1938), mit jeweils unterschiedlichen Frauen eine Verlobungs- und Heiratsgenehmigung der SS zu erlangen, bis er sich schließlich im April 1939 spontan und ohne Genehmigung mit einer Pastorentochter aus Preußisch-Sachsen verheiratete.Standesamt Berlin-Steglitz, Eheregister Nr. 261/1939. Im August 1939 kam er aus nicht näher bekannten Gründen zum SS-Totenkopfverband im KZ Dachau und wurde damit Teil der bewaffneten Kräfte der SS. Interne Streitigkeiten an der Schule, an denen Onnen sich offensiv beteiligt hatte, dürften seine plötzliche Kündigung kurz vor Kriegsbeginn mitverursacht haben.
Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Onnen zum Jahreswechsel 1939/40 im Rahmen der sogenannten SS-Polizeiverstärkung als Schulungsleiter zur Ordnungspolizei nach Płock im besetzten Polen versetzt, wo er bis August 1940 blieb. Im Frühjahr 1941 war er an einer Oberschule für Jungen in Hohenelbe im annektierten Sudetenland angestellt, wo sich auch sein letzter Meldewohnsitz befindet. Im Zuge der Vorbereitung des Überfalls auf die Sowjetunion kam er Anfang Juni 1941 zur Einsatzgruppe C, die in der Ukraine eingesetzt wurde. Diese mobilen Einheiten waren in dem von deutschen Truppen besetzten Teil der Sowjetunion damit beschäftigt, die eroberten Gebiete von „Juden und Partisanen“ zu säubern. Die Einsatzgruppe C unter dem Kommando des Juristen und SS-Brigadeführers Otto Rasch bestand aus etwa 700 Mann und ermordete bis zum Frühjahr 1942 mehr als 100.000 überwiegend jüdische Zivilisten, woran sich Onnen aktiv beteiligte (siehe Abschnitt Identifikation als Schütze auf dem Holocaust-Foto Der letzte Jude in Winniza). Mit der Umwandlung der Einsatzgruppen in stationäre Dienststellen unterstand er dem Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD in Schitomir. In einem ukrainischen Dorf etwa 100 Kilometer nördlich der Stadt kam er am 12. August 1943 bei einem Einsatz gegen Partisanen ums Leben. Sein Grab befindet sich auf der 1996 eingeweihtenKyjiw (Kiew). Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, abgerufen am 20. Januar 2026. deutschen Kriegsgräberstätte in Kiew, wo er als „unbekannter Soldat“ bestattet wurde.
Als „Quereinsteiger in die SS-Exekutive“ hatte Onnen weder die operative Kaderausbildung im Reichssicherheitshauptamt absolviert noch – wie zahlreiche andere Einsatzgruppen-Mitglieder – eine Karriere bei Sipo- und SD-Dienststellen durchlaufen. Während seiner Dienstzeit als SS-Unterführer erreichte er dementsprechend auch keinen höheren Rang: Zuletzt war er SS-Unterscharführer der Waffen-SS, was einem Unteroffizier entspricht. Eine Fotografie, die er Anfang 1936 einem seiner Heiratsgesuche beilegte, zeigt ihn in der schwarzen Uniform der Allgemeinen SS im Rang eines einfachen SS-Manns mit dem Ehrenwinkel der Alten Kämpfer. Der Historiker Jürgen Matthäus stellt fest: „Die Teilnahme an solchen Massakern brachte weder Karriere noch Belohnungen. In diesen Tötungseinheiten galt es als normal.“
In Weener ist sein Name auf dem Ehrenmal vor dem Heimatmuseum genannt, das an die Opfer von Krieg oder Gewalt erinnern soll. Die Stadt befasste sich nach Bekanntwerden der von Onnen begangenen Verbrechen damit, wie sie mit der Namensnennung umgehen soll. Schließlich beschloss die Stadtverwaltung den Namen im November 2025 mit einer Plakette zu überkleben, auf der sich ein QR-Code und ein Hinweis auf weitere Informationen in der Begegnungsstätte in der Westerstraße befinden. Dies wurde im selben Monat umgesetzt.
Identifikation als Schütze auf dem Holocaust-Foto Der letzte Jude in Winniza
Der Historiker Jürgen Matthäus identifizierte Onnen im Oktober 2025 auf einer Schwarz-Weiß-Fotografie aus den frühen 1940er-Jahren, die den Moment unmittelbar vor der Erschießung eines Juden durch einen Angehörigen der deutschen Einsatzgruppen vor einem Massengrab zeigt. Der bis dahin unbekannte SS-Mann, der auf dem Bild im Begriff ist, das Opfer durch einen Genickschuss zu ermorden, stellte sich als Jakobus Onnen heraus. Die Aufnahme, die allgemein als Der letzte Jude in Winniza betitelt wird, gilt als eine der bekanntesten Fotografien des Holocaust. Viele der Details der Aufnahme sind jedoch nach wie vor ungeklärt.
Matthäus befasst sich seit vielen Jahren mit dem Bild. Im Ergebnis seiner Untersuchungen geht er davon aus, dass die auf dem Bild festgehaltene Massenexekution 1941 entgegen der Ortsangabe im Titel nicht in Winnyzja, sondern in den frühen Nachmittagsstunden des 28. Juli 1941 in Berdytschiw von der Einsatzgruppe C begangen wurde. Er stützt sich dabei auf das Kriegstagebuch eines Wehrmachtsoffiziers namens Walter Materna, in dem dieser das Massaker schildert. In dem Tagebuch ist auch eine deutlich schärfere und detailreichere Version des Fotos Der letzte Jude in Winniza mit der Notiz „Ende Juli 1941. Erschießung von Juden durch die SS in der Zitadelle Berditschew“ sowie am unteren Rand zusätzlich: „28. Juli 1941“. Ein weiteres Foto zeigt die Szene aus einer um 90 Grad gedrehten Perspektive. Es stammt aus dem Besitz des Wehrmacht-Feldwebels Heinz Baier und ist ziemlich unscharf, da der Fotograf die Kamera während der Aufnahme zu stark bewegt hat. Sie scheint kurz nach dem anderen Foto entstanden zu sein und zeigt dieselben Zuschauer, möglicherweise auch denselben Täter, aber ein anderes Opfer. Das Bild ist auf der Rückseite ebenfalls mit Notizen versehen. Baier hatte dort handschriftlich vermerkt: „Judenerschießung in Berditschew durch SS“ sowie „Wahnsinn in höchster Potenz“. Diese Notizen könnten, so Die Welt, die von Matthäus’ Recherchen berichtete, auch nach 1945 entstanden sein. Ort und Zeitpunkt der Aufnahme waren damit geklärt, die Identität des Schützen hingegen blieb zunächst unklar.
Den entscheidenden Hinweis erhielt Matthäus, nachdem ein angeheirateter Verwandter Onnens den Bericht in Die Welt gelesen und sich dann an den Historiker gewandt hatte. Der Mann kannte das Bild und vermutete seit Längerem, dass der auf dem Foto abgebildete Schütze der Onkel seiner Frau sein könnte. Grundlage dieser Annahme waren die physische Ähnlichkeit und erhaltene Korrespondenz aus der Zeit, die Onnens Aufenthalt in der Gegend bestätigte. Zwar waren seinen Angaben zufolge Onnens Briefe von der Ostfront in den 1990er Jahren vernichtet worden, doch konnte er Matthäus entscheidende Informationen zu Onnens Biografie sowie Vergleichsfotografien zur Verfügung stellen.Die für die Identifizierung genutzten Bilder sind teilweise hier abgedruckt: Diese nutzte das internationale Recherchekollektiv Bellingcat für eine KI-gestützte Bildanalyse.
Die eingesetzte KI stellte einen sehr hohen Übereinstimmungsgrad der Gesichtszüge des Mannes auf den Bildern aus Familienbesitz und der Person auf dem Foto Der letzte Jude in Winniza fest. Nach Angaben von Matthäus reichte dies als Identitätsbeleg allein nicht aus. Die von der KI festgestellte Ähnlichkeit sei jedoch hoch genug, um in Verbindung mit weiteren dokumentarischen Belegen eine hinreichend sichere Identifizierung zu ermöglichen. Diese sei ein „schrittweiser Prozess“ aus traditioneller Archivarbeit, glücklichen Zufällen und der Beteiligung von Freiwilligen der Open-Source-Journalismusgruppe Bellingcat gewesen.
Schriften Rohstoffe aus eigenem kolonialen Raum (= Bildung und Nation. Schriftenreihe zur Nationalpolitischen Erziehung. Nr. 69–71). Eichblatt, Leipzig 1937. Leibesübungen in den Tropen. In: Adolf von Duisburg: Wer will in die Kolonien? Verlag Dr. Hans Riegler, Berlin 1938.Bibl. Nchw.: Christiane Cantauw: Kolonialismus im Bücherschrank (Teil 2): „Wer will in die Kolonien?“ In: LWL Regionalgeschichte, 23. Mai 2023, abgerufen am 22. Januar 2026. 40 Jahre Deutsche Kolonialschule Witzenhausen. Festschrift zum 40jährigen Bestehen der Deutschen Kolonialschule Witzenhausen 1898–1938. Bearbeitet von Studienassessor [Jakobus] Onnen […] und Archivassistent [Karl] Polte. Selbstverlag Deutsche Kolonialschule, Witzenhausen 1938 (online als PDF bei Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg). Klaus-Günther Brackmann (neu bearb. von Jakobus Onnen): Deutsche Kolonialprobleme. Reichsberufswettkampfarbeit der Kolonialschule Witzenhausen. Berlin 1940.
Literatur
Jürgen Matthäus: Judenmord in Berdyčiv. Deutungsfortschritte und Erkenntnisgrenzen im Umgang mit einem ikonischen Holocaust-Foto. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft. Bd. 73 (2025), Heft 9, S. 705–729.
Weblinks
Lotti Höfer: Nazi-Verbrechen: Wie KI eine ostfriesische Kleinstadt verändert bei ndr.de vom 12. November 2025
Einzelnachweise
Kategorie:Person (deutsche Besetzung der Ukraine 1941–1944) Kategorie:Person der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD Kategorie:NSDAP-Mitglied Kategorie:SA-Mitglied Kategorie:SS-Mitglied Kategorie:Angehöriger der Waffen-SS Kategorie:Gymnasiallehrer (Deutschland) Kategorie:Ostfriese Kategorie:Deutscher Kategorie:Preuße Kategorie:Geboren 1906 Kategorie:Gestorben 1943 Kategorie:Mann