mini|Entwicklung der ukrainischen Alterspyramide zwischen 1989 und 2021 Der Artikel Demografie der Ukraine beschäftigt sich mit der Bevölkerungsentwicklung und anderen demografischen Indikatoren der Ukraine. Das Land zählte Anfang der 1990er Jahre rund 52 Millionen Einwohner und gehörte damit zu den bevölkerungsreichsten Ländern Europas. Seither ist die Einwohnerzahl jedoch stark rückläufig: niedrige Geburtenraten, hohe Sterblichkeit und eine erhebliche Abwanderung ließen die Bevölkerung bis 2019 auf schätzungsweise 45 Millionen Menschen schrumpfen, wovon ein Teil durch den Beginn des russisch-ukrainischer Konflikts effektiv nicht mehr unter ukrainischer Kontrolle stand. Die demografische Krise wurde durch die russische Invasion 2022 drastisch verschärft, Millionen Menschen flohen ins Ausland, und zehn bis hunderttausende kamen ums Leben. Die Ukraine weist heute eine der am schnellsten schrumpfenden und ältesten Bevölkerungen der Welt auf. 2025 lebten noch knapp 29 Millionen Einwohner in den von der ukrainischen Regierung kontrollierten Gebieten. Damit hat der russische Angriff die bereits vorher bestehende demografische Schrumpfung extrem beschleunigt. Während die Ukraine 1991 noch zu den 25 bevölkerungsreichsten Ländern der Welt gehörte, rangiert sie 2023 nur noch um Platz 40.
Demografische Geschichte der Ukraine
Mittelalter bis 19. Jahrhundert Die heutige Ukraine umfasst den Kern des mittelalterlichen ostslawischen Reiches der Kiewer Rus, das im 9. Jahrhundert entstand. Über mehrere Jahrhunderte wuchs die Bevölkerung der Rus langsam und erreichte in ihrer Spätzeit schätzungsweise rund 7,5 Millionen Menschen, davon jedoch nur ein Teil innerhalb der heutigen ukrainischen Staatsgrenzen.Г. В. Вернадский: Золотой век Киевской Руси. Алгоритм, 2012, S. 120. Kiew wurde um 1000 auf 35.000 bis 40.000 Einwohner geschätzt, eine der größten Städte Europas.Orest Subtelny (2009). Ukraine: A History. Fourth Edition. University of Toronto Press, ISBN 978-1-4426-9728-7, S. 48. Invasionen aus der Steppe (etwa durch Petschenegen und Kumanen) führten immer wieder zu Verwüstungen. Der verheerendste Einschnitt war der Mongolensturm 1237–1240, bei dem Kiew und andere Städte zerstört wurden. Große Teile der Bevölkerung kamen ums Leben oder flohen in entlegenere Regionen. Das einst dichte Siedlungsnetz der Ukraine dünnte im 13. Jahrhundert erheblich aus. Einige Überlebende wichen nach Norden aus, wo sich das aufstrebende Großfürstentum Moskau formierte. In den südlichen und östlichen Landesteilen der heutigen Ukraine etablierte sich das Krim-Khanat, unter dem die Steppengebiete entvölkert blieben und von regelmäßigen Sklavenraubzügen („Tatarenüberfälle“) heimgesucht wurden. Bis zu zwei Millionen Ukrainer, Russen und Polen wurden Schätzungen zufolge bis zum Ende des 17. Jahrhunderts Opfer des krimtatarischen Sklavenhandels.
Im 14. Jahrhundert gerieten die zentralen und westlichen Gebiete der Ukraine unter die Herrschaft des Großfürstentums Litauen, während der äußerste Westen bereits zu Polen gehörte. Ab 1569 kam die gesamte heutige Ukraine (mit Ausnahme der Krim) zur Adelsrepublik Polen-Litauen. Die Bevölkerung erholte sich allmählich von den Mongolenstürmen, doch die Steppengebiete im Süden blieben dünn besiedeltes Grenzland. Unter polnischer Verwaltung wuchs die ethnische Vielfalt: Neben der ruthenisch-orthodoxen Mehrheitsbevölkerung wanderten vermehrt Juden, Armenier und Deutsche in die ukrainischen Städte und Dörfer ein. Die meisten Menschen lebten jedoch weiterhin als Bauern in der offenen Feldmark, während nur wenige städtische Handelszentren existierten. Im 17. Jahrhundert wurden in der Ukraine die Kosaken zu einem entscheidenden demografischen und politischen Faktor. Aus entflohenen Leibeigenen und Abenteurern entstanden im Steppenvorland Kosakenheere, die teils im Dienst des polnischen Königs standen, zugleich aber eine eigene militärisch-demokratische Gesellschaftsordnung entwickelten.
Unter Hetman Bohdan Chmelnyzkyj erhoben sich die Kosaken 1648 zum großangelegten Aufstand gegen die polnische Herrschaft. In diesem Krieg wurden fast alle Polen und zehntausende Juden in der Ukraine getötet oder vertrieben. Die verheerenden Kämpfe entvölkerten ganze Regionen. Im sogenannten Hetmanat errichteten die Kosaken einen de-facto unabhängigen Herrschaftsverband, riefen aber zur Sicherung ihrer Position 1654 den Moskauer Zaren zu Hilfe. In der Folge teilten Russland und Polen die Ukraine zwischen sich auf (Vertrag von Andrussowo 1667); die Ostukraine kam unter russische Oberhoheit, während die rechtsufrige Ukraine bis 1793 polnisch blieb. Die jahrzehntelangen Kriege im 17. Jahrhundert (neben den Kosakenaufständen auch der Russisch-Polnische Krieg und Kriege mit den Türken) forderten einen hohen Tribut. Weite Landstriche lagen entvölkert brach und viele Siedlungen wurden in den „Wirren“ jener Zeit aufgegeben.
Am Ende des 18. Jahrhunderts geriet nahezu das gesamte ukrainische Siedlungsgebiet unter die Herrschaft des Russischen Kaiserreichs. Nur Galizien, die Bukowina und die Karpatenukraine verblieben bis 1918 unter der Habsburgermonarchie. Die Integration in das Russische Reich ging mit einer zielgerichteten Russifizierung der ukrainischen Gebiete einher. Die Zaren förderten russische und deutsche Siedler und verboten im 19. Jahrhundert phasenweise die ukrainische Sprache in Schulen und Publikationen. In der Steppenregion kam es zur Vertreibung der Krimtataren; bis 1860 verließen zahlreiche Tataren die Krim in Richtung Osmanisches Reich, was diese Halbinsel ethnisch weitgehend slawisch (russisch/ukrainisch) prägte. Trotz staatlicher Repression erlebte die ukrainische Nationalbewegung im 19. Jahrhundert ihren Aufschwung, vor allem in den habsburgischen Gebieten. In Lemberg (Lwiw) und anderen westukrainischen Städten bildeten sich Vereine zur Pflege der ukrainischen Sprache und Kultur, welche die Keimzelle des ukrainischen Nationalismus bildeten.
Die Gesamtbevölkerung der Ukraine wuchs im 19. Jahrhundert rasch dank hoher Geburtenüberschüsse in der bäuerlichen Gesellschaft. Die erste gesamtimperiale Volkszählung 1897 erfasste im Russischen Reich 22,4 Millionen Ukrainer („Kleinrussen“), was rund 18 % der Gesamtbevölkerung Russlands entsprach. Zusammen mit den etwa 4 Millionen Ukrainern („Ruthenen“) in der Habsburgermonarchie (1910).Geographischer Atlas zur Vaterlandskunde an den österreichischen Mittelschulen, bearbeitet von Prof. Dr. Rudolf Rothaug, Kartographische Anstalt G. Freytag und Bendt, Wien 1911, Tabelle 2. Dennoch blieben die Ukrainer im Zarenreich politisch benachteiligt und ökonomisch überwiegend Bauern: Städte wie Kiew, Odessa, Charkiw oder Donezk wuchsen zwar im Industriezeitalter erheblich, doch wurde das städtische Bürgertum dort mehrheitlich von Russen, Juden und Polen gestellt. 87 Prozent der ethnischen Ukrainer waren Bauern und weniger als ein Drittel der ukrainischen Männer konnten lesen und schreiben. Vor dem Ersten Weltkrieg war die Ukraine eine demografisch junge, ländlich geprägte Gesellschaft mit hohen Geburtenraten (um 6 Kinder pro Frau) und einer weiter hin hohen Säuglings- und Kindersterblichkeit.
Sowjetzeit Der Erste Weltkrieg und der darauffolgende russische Bürgerkrieg trafen die Ukraine besonders hart. Zwischen 1914 und 1921 war das Land ununterbrochen Kriegsschauplatz und erlitt katastrophale Verluste: Rund 500.000 Ukrainer fielen im Weltkrieg, bis zu 1,5 Millionen Menschen im Bürgerkrieg. Die Ukrainische Volksrepublik blieb 1917–1920 ein nur kurzlebiger Versuch staatlicher Unabhängigkeit, bevor die Bolschewiki das Land bis 1921 unterwarfen. In dieser chaotischen Epoche (inklusive einer Hungersnot 1921 mit 250.000 Toten) dürfte die Bevölkerung der Ukraine deutlich unter das Vorkriegsniveau gefallen sein. Im Jahr 1926 wurden, nach Rückkehr einiger Flüchtlinge, in den Grenzen der späteren Ukrainischen SSR etwa 29 Millionen Einwohner gezählt. In den 1920er-Jahren verfolgte das Sowjetregime zunächst eine Politik der „Ukrainisierung“, die den Gebrauch der ukrainischen Sprache förderte und viele Einheimische in Partei und Verwaltung aufsteigen ließ.
Doch schon ab Ende der 1920er änderte Diktator Stalin den Kurs: Die Ukraine wurde in das rigorose Programm der forcierenden Industrialisierung und Kollektivierung eingebunden. Millionen von Landbewohnern zogen in die neuen Industriestädte, während auf dem Land die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft ab 1929 einen verheerenden Aderlass verursachte. Bauern, die Widerstand leisteten, wurden als „Kulaken“ verfolgt, deportiert oder ermordet. Die erzwungenen Getreideablieferungen führten 1932–33 zur Hungersnot (Holodomor), in deren Folge schätzungsweise etwa 3 Millionen Ukrainer verhungerten. Diese menschengemachte Hungerkatastrophe entvölkerte ganze Dörfer, besonders in der Kornkammer Ukraine, und gilt aus ukrainischer Sicht als Völkermord an den Ukrainern. Zeitgleich wurden bei Stalins „Großem Terror“ 1937/38 die ukrainischen Eliten weiter dezimiert: Intellektuelle, Priester, ehemalige Politiker und „bürgerliche Nationalisten“ fielen den Säuberungen zum Opfer. Gulagsystem und stalinistischer Massenmord forderten in der sowjetischen Ukraine eine weitere Million Opfer.
Zwischen 1926 und 1939 schrumpfte die Anzahl der Ukrainer in der Sowjetunion von 32 auf 28 Millionen, während die Anzahl der Russen von 78 auf 100 Millionen anwuchs. Insgesamt starben zwischen 1914 und 1939 rund 7 Millionen Menschen in der Ukraine einen gewaltsamen oder vermeidbaren Tod (Krieg, Hunger, Terror). Laut der (unzuverlässigen) sowjetischen Volkszählung von 1939 lebten im Gebiet der Ukrainischen SSR etwa 31,8 Millionen Menschen. Bald darauf wurden durch die sowjetische Besetzung Ostpolens der Sowjetukraine knapp 7 Millionen Einwohner in der heutigen Westukraine hinzugefügt.
Die deutsche Invasion im Zweiten Weltkrieg (1941–1944) bedeutete einen weiteren verheerenden Schlag. Insgesamt starben nach Schätzungen über 7 Millionen Ukrainer im Krieg, mehr als ein Sechstel der Vorkriegsbevölkerung. Darunter waren etwa 2,7 Millionen ukrainische Soldaten (Rotarmisten) und 4 Millionen Zivilpersonen, darunter 1,5 Millionen jüdische Ukrainer, die dem Holocaust zum Opfer fielen. Die Lebenswartung brach während dieser Jahre dramatisch ein (zeitweise nur 10 Jahre für Frauen bzw. 7 Jahre für Männer). Neben den Todesopfern verlor die Ukraine durch Krieg und Nachkrieg auch viele Menschen durch Vertreibung und Umsiedlung: Hunderttausende überlebende Juden wanderten nach 1945 ins Ausland aus, und die verbliebene polnische Minderheit der Westukraine (ca. 800.000 Personen) wurde 1944–46 nach Polen umgesiedelt. Die Krimtataren, eine muslimische Minderheit auf der Krim, wurden 1944 unter Stalin kollektiv der Kollaboration beschuldigt und vollständig nach Zentralasien deportiert (fast die Hälfte von ihnen starb im Exil).
Nach dem Krieg änderte sich Territorium und Fläche der Ukraine durch den Anschluss der Karpatenukraine (mit einer ungarischen Minderheit) 1945/1946 an die Sowjetukraine und den Transfer der Krim von der Russischen SFSR an die Ukraine 1954. Die Heimkehr der Soldaten und ein Babyboom sorgten ab 1946/47 wieder für steigende Geburtenzahlen, trotz einer letzten Hungersnot 1946/47, die nochmals etwa 100.000 Menschenleben in der Ukraine forderte. Die Volkszählung 1959 ergab 41,9 Millionen Einwohner in der Ukrainischen SSR und bis 1989 stieg die Bevölkerung auf 51,7 Millionen. Dieser Zuwachs resultierte v. a. aus natürlichen Geburtenüberschüssen, da bis in die 1970er-Jahre die Geburtenrate nur allmählich sank. Die Ukraine gehörte aber bereits in den 1960ern zu den demografisch „älteren“ Teilen der Sowjetunion und verzeichnete – wie auch Russland – eine Stagnation der männlichen Lebenserwartung, bedingt durch verbreiteten Alkoholmissbrauch und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.