Der Mordfall Jean de Broglie ist ein französischer Kriminalfall des Jahres 1976. Jean de Broglie, der zur ehemaligen Adelsfamilie der Broglie gehörte, hatte seit 1951 zahlreiche hohe politische Ämter bekleidet und war an mehreren Finanzunternehmen beteiligt. Er wurde am Morgen des 24. Dezember 1976 in Paris auf offener Straße erschossen. Die der Planung und Ausführung der Tat Beschuldigten wurden 1981 zu Gefängnisstrafen verurteilt. Weder das wirkliche Motiv für die Ermordung de Broglies noch dessen Urheber konnten jedoch zweifelsfrei ermittelt werden.

Die Vorgeschichte Im Januar des Jahres 1976Die Angaben in den Abschnitten „Die Vorgeschichte“ und „Chronologie“ folgen, wenn nicht im Einzelfall anders angegeben, Lothar Baiers Reportage Die neuen Geheimnisse von Paris – Wer ließ den Prinzen de Broglie erschießen? (s. Literatur). wurden die Finanzberater Patrick de Ribemont und Pierre de Varga Eigentümer des im 8. Pariser Arrondissement gelegenen Restaurants Rôtisserie de la Reine Pédauque. Der Erwerb des Restaurants war ihnen nur möglich durch eine Verschuldung in Höhe von vier Millionen Francs bei Jean de Broglie, – In anderen Quellen, so auch z. B. in Lothar Baiers Reportage (s. Literatur), hieß es de Ribemont sei einziger Besitzer, de Varga lediglich Geschäftsführer des Restaurants gewesen. der für diese Summe selbst einen Bankkredit aufnehmen musste.Ein Jahr später, zum Zeitpunkt seines Todes hatte de Broglie Schulden in Höhe von ca. 14 Millionen Francs, davon fast 6 Millionen Francs gegenüber der Staatskasse. Zu Geschäftsführern des Restaurants wurden Pierre de Varga und mit Victor-François de Broglie einer der Söhne des Gläubigers ernannt.

Ein weiterer im Verlauf der Affäre Beschuldigter, der Polizist Guy Simoné, hatte sich 1976 ebenfalls Geld von Jean de Broglie geliehen – den vergleichsweise geringen Betrag von 100.000 Francs.

Am frühen Morgen des 24. Dezember 1976 begab sich Jean de Broglie zu einer Besprechung mit Pierre de Varga in dessen Privatwohnung im Haus Nummer 2 der Rue des Dardanelles im 17. Arrondissement von Paris. Im selben Haus besaß auch Patrick de Ribemont eine Wohnung.

Chronologie 24. Dezember 1976 – ca. 9:15 Uhr. Unmittelbar nach Verlassen des Hauses in der Rue des Dardanelles wird Jean de Broglie mit drei Kugeln niedergeschossen. Er stirbt auf der Stelle an den Verletzungen. Sein Mörder kann entkommen. Nachdem in ersten Radio- und TV-Meldungen über die Ermordung de Broglies berichtet wurde, meldet sich bei der AFP ein anonymer Telefonanrufer und behauptet, er rufe im Namen der Groupe Charles-Martel an, sie sei für den Anschlag verantwortlich. Dies erweist sich gemäß den polizeilichen Ermittlungen der folgenden Tage als ein Täuschungsmanöver.

29. Dezember 1976. Auf einer Pressekonferenz verkündet Innenminister Michel Poniatowski im Beisein der Leiter der brigade criminelle und der police judiciaire, mit der Verhaftung von Pierre de Varga sei jetzt das Netz der Täter komplett („le coup de filet est complet“). Zuvor waren schon Patrick de Ribemont, er galt neben de Varga als zweiter Auftraggeber, sowie der Auftragskiller Gérard Frèche und Guy Simoné, ein Polizist, der als Organisator des Vorgehens galt, verhaftet worden. Auch das Motiv sei bereits ermittelt worden – de Ribemont und de Varga hätten den Gläubiger der ihm geschuldeten vier Millionen Francs ausschalten wollen.

1. März 1977. De Ribemont wird aus der Haft entlassen, und das Verfahren gegen ihn wird am 21. März 1980 endgültig eingestellt. Die anderen Angeklagten – Frèche, Simoné und de Varga, sowie der inzwischen als Mittelsmann zu Frèche ebenfalls festgenommene Serge Tessèdre – bleiben bis zur Urteilsverkündung Ende 1981 in Untersuchungshaft.

4. November 1981. Vor dem Cour d’assises von Paris beginnt der Prozess gegen die vier Angeklagten Frèche, Simoné, de Varga und Tessèdre.

23. Dezember 1981. Die Urteile werden verkündet. Gérard Frêche, Guy Simoné und Pierre de Varga werden zu jeweils zehn Jahren Haft, Serge Tessèdre wird zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Hintergründe Ein französisches Watergate? Unmittelbar nach der Verkündung des von Innenminister Poniatowski unterstellten TatmotivsDie Angaben in den Abschnitten „Hintergründe“ und „Spätere Entwicklungen“ folgen, wenn nicht im Einzelfall anders angegeben, Guy Simonés Buch L’Affaire de Broglie (s. Literatur) und Francis Gillerys TV-Film L’Assassinat de Jean de Broglie, une affaire d’Etat (s. Film). – Beseitigung des Gläubigers der Finanzierung des Pariser Restaurants Rôtisserie de la Reine Pédauque – wurden in der französischen Öffentlichkeit Zweifel daran laut. Schon zwölf Tage später berichtete auch das deutsche Nachrichtenmagazin Der Spiegel, der laut Poniatowski „abgeschlossene Fall“ sei „total undurchsichtig geworden“: „Die als Auftraggeber öffentlich gebrandmarkten de Varga und de Ribemont bestritten jede Tatbeteiligung. Selbst die Witwe des Prinzen glaubte nicht an das Motiv: »Das ist idiotisch, man kann sich nicht vorstellen, daß er deshalb ermordet worden ist.«“, und auch die New York Times berichtete bereits Anfang Januar 1977 über den Fall unter der Überschrift „A ‘Solved’ Murder Case in Paris Is Erupting Into a National Scandal“ („Ein ‹gelöster› Mordfall in Paris entwickelt sich zu einem nationalen Skandal“). Nur acht Wochen später wurde einer der beiden vermeintlichen Auftraggeber des Mordes, Patrick de Ribemont, aus der Untersuchungshaft entlassen.

Nach drei Jahre währenden Untersuchungen wurden die Ermittlungen der Justiz im Frühjahr 1980 zunächst abgeschlossen, und es wurde die Ansetzung des Prozessbeginns erwartet. Kurz darauf, im April 1980, veröffentlichte die Wochenzeitung Le Canard enchaîné jedoch Dokumente, aus denen hervorging, dass die Polizei schon Monate vor dessen Ermordung von der Bedrohung des Lebens de Broglies wusste und dass einzelne Beteiligte an dem Fall zeitweise überwacht worden waren. Diese polizeilichen Berichte waren schon vor dem Mord innerhalb des Dienstapparates an übergeordnete Stellen weitergeleitet worden, der Justiz jedoch nie, auch nicht nach dem Mord, zur Verfügung gestellt worden. Die Folge dieser Enthüllungen war, dass ein neuer – inzwischen dritter – Ermittlungsrichter eingesetzt wurde und weitere Untersuchungen begannen. Nach mehr als einem Jahr galten auch diese Ermittlungen als abgeschlossen, und als Prozessbeginn wurde der 4. November 1981 festgesetzt.

Schon nach der Pressekonferenz von Innenminister Poniatowski mit zwei ranghohen Polizisten vom 29. Dezember 1976 hatte das französische Justizministerium von einer „eindeutigen Verletzung der Strafprozeßordnung“ und ein Sprecher des Richterverbandes von einem „Übergriff in die Obliegenheiten der Justiz“ gesprochen. Dass sich zwischenzeitlich herausgestellt hatte, dass die Verantwortlichen in Polizei und Innenministerium der Justiz wichtige Dokumente vorenthalten hatten, bezeichnete der Richter André Giresse im November 1981, während des Prozesses, als „Watergate français“.

De Broglies Geschäftstätigkeiten Einer der Angeklagten, der frühere Polizist Guy Simoné, hatte schon in den ersten Verhören nach seiner Verhaftung behauptet, der als Auftraggeber Hauptangeklagte Pierre de Varga habe ihm gegenüber versichert, die Aktion gegen de Broglie sei „von ganz oben“ gedeckt.In seinem Buch L’Affaire de Broglie (S. 44; s. Literatur) gibt Simoné die Behauptung de Vargas so wieder: „je ne peux pas vous dire pourquoi, sinon que ça se passe très très haut“ (sinngemäß: „ich kann Ihnen nicht sagen, warum, außer dass es sehr, sehr weit oben entschieden wurde“). Entsprechend stellte der Anwalt von Simoné, Maître Roland Dumas, die Plausibilität des von Poniatowski unterstellten Tatmotivs in Frage. Er beklagte, dass Polizei und Ermittlungsrichter trotz jahrelanger Untersuchungen nicht auch andere mögliche Zusammenhänge und Tatmotive betrachtet hätten, die vor allem mit de Broglies eigenen Geschäftstätigkeiten zusammenhingen. Bereits im September 1978 hatte er der damals gerade eingesetzten zweiten Ermittlungsrichterin ein Dossier vorgelegt, in dem u. a. auf dessen verantwortliche Funktionen in den folgenden drei Gesellschaften hingewiesen wurde: Eine zentrale Rolle habe die 1968 gegründete luxemburgische Briefkastenfirma SODETEX gespielt, deren Geschäftsführer de Broglie war. Die SODETEX sei, so das Ergebnis eines spanischen Parlamentsausschusses, eine Filiale des spanischen Unternehmens Matesa gewesen, das große Summen an staatlichen Subventionen auf ausländische Konten, vor allem in der Schweiz und in Luxemburg, transferiert hat. Die Matesa wiederum sei ein Instrument des Opus Dei gewesen und oberster Repräsentant des Opus Dei in Frankreich sei Edmond Giscard d’Estaing, Vater des Staatspräsidenten, politisch verbunden mit de Broglie über die Républicains indépendants. Drei der Gesellschafter und Geschäftspartner der SODETEX waren in Skandale verwickelt bzw. gerichtlich verurteilt (im Fall des Matesa-Direktors Juan Vila Reyes später begnadigt).Auszug aus dem Dossier von Roland Dumas im Wortlaut in Guy Simoné: L’Affaire de Broglie (s. Literatur), S. 141–145. De Broglie war bis zu ihrer Auflösung 1973 auch Generaldirektor der Gesellschaft SOFRADEC gewesen. Der Hauptaktionär der SOFRADEC war im Mai 1973 im Wald von Compiègne durch Schüsse in den Kopf ermordet worden.Auszug aus dem Dossier von Roland Dumas im Wortlaut in Guy Simoné: L’Affaire de Broglie (s. Literatur), S. 145. Außerdem leitete de Broglie gemeinsam mit einem ehemaligen Mitarbeiter des algerischen Geheimdienstes die Gesellschaft BRINCOM, unter deren Deckmantel Waffenhandel in nordafrikanische und arabische Länder abgewickelt wurde.Auszug aus dem Dossier von Roland Dumas im Wortlaut in Guy Simoné: L’Affaire de Broglie (s. Literatur), S. 147. Einer möglichen Verbindung zwischen diesen Geschäftstätigkeiten de Broglies und seiner Ermordung im Dezember 1976 wurde weder von polizeilicher noch von ermittlungsrichterlicher Seite nachgegangen. Während des 1981er Prozesses fand auch eine Anhörung des damaligen Direktors des französischen Nachrichtendienstes renseignements généraux statt, Raymond Cham; er sagte, ohne einen ausdrücklichen Auftrag durch die Regierung gelte: „Die Geschäftsangelegenheiten von Jean de Broglie waren Teil seines Privatlebens und die renseignements généraux haben nicht die Aufgabe, sich mit dem Privatleben zu befassen.“

Weitere ungeklärte Aspekte Nelly Azerad Eine vollkommen undurchsichtige Rolle spielte in der Affäre die Ärztin Nelly Azerad, eine Kardiologin mit eigener Praxis, gleichzeitig aber tätig im medizinischen Dienst der Pariser Gefängnisse. In dieser Funktion war sie auch zuständig für die Erstellung von Gutachten, die zur Entscheidungsfindung über Haftverschonung dienten. Zu den Patienten ihrer Praxis gehörten sowohl Pierre de Varga als auch Jean de Broglie. Wenige Tage nach der Ermordung de Broglies hatte der damalige Anwalt von de Varga, Maître Alain Beaumier, Azerad veranlasst, ihren Terminkalender des Jahres 1976 zu vernichten. Hintergrund war es, de Varga ein Alibi für den Tag eines früher geplanten Mordanschlags auf de Broglie zu ermöglichen. Anfang 1982 wurden Azerad und Beaumier in dieser Sache zu Bewährungsstrafen verurteilt.

An einer weiteren Angelegenheit der Affäre, die während des 1981er Prozesses behandelt wurde, war Nelly Azerad beteiligt. Ein gewisser Serge Gehrling hatte gegenüber einem ranghohen, bekannten Polizeikommissar behauptet, Azerad habe ihn für einen Mordanschlag auf den inhaftierten Pierre de Varga anwerben wollen; dieser Anschlag sollte während des Hofaufenthalts der Häftlinge des Pariser Santé-Gefängnisses passieren. Vor Gericht beschuldigten sich beide, Gehrling und Azerad, gegenseitig, Initiator dieses Plans gewesen zu sein, ihn selbst aber nie ernst genommen zu haben. Diese Angelegenheit blieb ohne rechtliche Konsequenzen.

Drei mysteriöse Todesfälle