Der Grüne Stettiner ist eine alte Sorte des Kulturapfels (Malus domestica) aus der Familie der Rosengewächse (Rosaceae). Bereits seit mindestens Ende des 18. Jahrhunderts war sie im deutschsprachigen Raum weithin als äußerst wohlschmeckender Winter-Wirtschaftsapfel bekannt und aufgrund ihrer außergewöhnlich langen, bis in den Juli reichenden Haltbarkeit überaus beliebt. Heutzutage jedoch ist der Grüne Stettiner kaum noch verbreitet.
Beschreibung Die Zuordnung des Grünen Stettiners zu einer Sortengruppe war Anfang des 19. Jahrhunderts unter Autoren umstritten: Johann Ludwig Christ benannte ihn 1802 als „Kugelapfel“Johann Ludwig Christ: Beiträge zum Handbuch über die Obstbaumzucht und Obstlehre von 1797. Verlag von Philipp Heinrich Guilhauman, 1802, Seite 281. und Johann Heinrich Moritz von Poppe schloss sich dieser Einschätzung 1836 an.Johann Heinrich Moritz von Poppe: Ausführliche Volkswaarenkunde für alle Stände, oder deutliche Beschreibung aller rohen und verarbeiteten Naturprodukte, Kunst-Erzeugnisse und Handels-Artikel, sowohl zum Privatgebrauch für Kaufleute, Kommissionäre, Mäckler, Handwerker, Fabrikanten, Künstler, Landwirthe, Apotheker, Hausväter & Hausmütter ⁊c. als auch für Lehrer und Schüler in Handels-, Gewerb- und Real-Schulen. Verlag der Gebrüder Raach’schen Buchhandlung, 1836, Seite 299. Bereits 1804 hatte jedoch Johann Christian Gotthard ihn zu den „Renetten“ gezähltJohann Christian Gotthard: Der Rathgeber in der Obstbaumzucht vom ersten Keime an bis zum vollendeten Wachsthume des Stammes nebst Anzeige der vorzüglichsten Obstarten, ihrer Behandlung, den Feinden und Krankheiten der Bäume. Ein Lehrbuch für Bürger und Landleute im Allgemeinen und die erwachsene Jugend insbesondere. Verlag von Beyer & Maring, 1804, Seiten 82–85. und Christ selbst revidierte seine Einschätzung, indem er ihn 1809 den „plattrunden Äpfeln“ zuordnete.Johann Ludwig Christ: Vollständige Pomologie und zugleich systematisches, richtig und ausführlich beschreibendes Verzeichnis der vornehmsten Sorten des Kern- und Steinobstes, Schalen- und Beerenobstes der Christ’schen Baumschulen zu Kronberg. Erster Band: das Kernobst. Verlag von Philipp Heinrich Guilhauman, 1809, Seite 325. Letztere Meinung scheint sich dann durchgesetzt zu haben, da auch Eduard Lucas (1854) und Theodor Engelbrecht (1889) ihn zu den „Plattäpfeln“ zählten.Eduard Lucas: Die Kernobstsorten Württembergs; eine systematische Uebersicht derselben; mit kurzer Beschreibung und mit Bemerkungen über ihre verschiedenen Benennungen, ihre Verbreitung und über ihre Verwendungsarten. Verlag von Franz Köhler, 1854, Seite 136.Theodor Engelbrecht: Deutschlands Apfelsorten. Illustrirte, systematische Darstellung der im Gebiete des Deutschen Pomologen-Vereins gebaueten Apfelsorten. Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn, 1889, Seite 729.
Frucht: Form und Farbe Im Vergleich mit anderen Apfelsorten sind die Früchte des Grünen Stettiners mittelgroß bis groß.Steckbrief zum Grünen Stettiner. Abgerufen auf obstarche.de (Anbauprojekt für alte Obstsorten in Gnotzheim) am 30. September 2025.Steckbrief zum Grünen Stettiner. Abgerufen auf lebensraum-buchleite.de (Naturschutzgebiet „Buchleite bei Markt Berolzheim“) am 30. September 2025.Johann-Heinrich Rolff: Der Apfel. Sortennamen und Synonyme. Selbstverlag, 2001, ISBN 978-3-8311-0956-2, Seite 179. Zumeist gleichmäßig gebaut, sind sie mit einer Höhe von etwa 60 bis 67 Millimetern und einem Durchmesser von 80 bis 84 Millimetern breiter als hoch und weisen eine Streuung des Fruchtform-Indexes (Höhe geteilt durch Durchmesser) zwischen 0,71 und 0,83 auf. Hinsichtlich ihrer Form werden sie daher in der einschlägigen Literatur wahlweise als „flachrund“, „regelmäßig flachrund“, „abgestumpft rundlich bis flachrund“ oder „kugelig bis flachkugelig“ beschrieben.
Üblicherweise ist der Stiel der Apfelfrucht des Grünen Stettiners dünn bis mitteldick, etwa zwölf Millimeter lang, holzig, grünlich oder bräunlich und leicht behaart. Er sitzt in einer „ganz flachen“ bis „mitteltiefen“, mäßig weiten und berosteten Stielgrube. Das zwiebelförmige Kerngehäuse misst etwa 43 Millimeter in der Höhe und 34 Millimeter in der Breite und die „oft etwas zerrissen[en], mäßig geräumig[en]“ Kernkammern laufen stielwärts spitz zu, während sie kelchwärts abgerundet sind. In ihnen liegen die vergleichsweise großen, länglich-eiförmigen, lang gespitzten und hellbraunen Kerne. Die auf der „Unterseite“ des Apfels gelegene Kelchgrube ist etwas schmaler als ihre Antipode, die Stielgrube, und in sie eingebettet reicht die kegelförmige Kelchhöhle zu etwa 2/5 die Kerngehäusehausachse hinauf. Im Zentrum der Kelchhöhle wiederum sitzt der entweder geschlossene oder aber offene bis halb offene Kelch. Er ist beim Grünen Stettiner grün oder braun, locker bewollt und im Querschnitt „ziemlich rund“. Die den Kelch umgebenden Blättchen werden als recht lang und breit beschrieben und sind an ihrer Basis oftmals zusammengewachsen.
Die häutige Fruchtschale ist in der Regel glatt und zeigt eine grüne beziehungsweise hellgrüne Färbung. Es handelt sich um eine sogenannte grundfarbige Sorte – das heißt, dass auch die der Sonne zugewandte Schalenseite nicht oder nur in Ausnahmefällen kaum merklich gerötet ist. Während der Lagerung nimmt der Apfel eine gelblichgrüne bis grünlichgelbe Farbe an. Über die Schale verteilt sind zahlreiche „fein[e] bis mitteldick[e]“ Lentizellen, deren Rostpünktchen bräunlich erscheinen und in den minimalen rötlichen Bereichen „hell umflossen“ sind.
Frucht: Textur, Geschmack und Geruch Hinsichtlich der Textur des Fruchtfleisches variieren die Angaben zu einigen Details: So wird es beispielsweise vereinzelt als „trocken“, zumeist aber als „saftig“, „sehr saftig“ oder gar „vollsaftig“ beschrieben. Das Fleisch hat eine grünliche bis grünlichgelbe oder grüngelblichweiße Farbe, wirkt glasartig und ist fest (später markig), hart und knackig. Während einige Autoren es als „grobkörnig“ bezeichnen, sind andere der Ansicht, dass es eher „halbfein“ sei. Einigkeit besteht hingegen bezüglich des „erfrischend[en]“ Geschmacks. Für gewöhnlich gilt der Grüne Stettiner als überaus wohlschmeckende Apfelsorte. Johann Christian Gotthard zählte ihn 1804 gar zu den Äpfeln „von erstem Range“ und sowohl Johann Ludwig Christ (1804) als auch Carl Wilhelm Ernst Putsche (1829) waren der Ansicht, dass er geschmacklich „noch vorzüglicher“ sei als der „Rote Stettiner“, der „Gelbe Stettiner“ und der „Weiße Stettiner“.Johann Ludwig Christ: Handbuch über die Obstbaumzucht und Obstlehre. Dritte Auflage, Verlag der Joh. Chr. Hermannschen Buchhandlung, 1804, Seite 514.Carl Wilhelm Ernst Putsche: Allgemeine Encyklopädie der gesammten Land- und Hauswirthschaft der Deutschen, mit gehöriger Berücksichtigung der dahin einschlagenden Natur- und andern Wissenschaften . Baumgärtners Buchhandlung, 1829, Seite 58. Vorherrschende Geschmacksnote ist eine ausgeprägte Weinsäure. Teilweise wird der Geschmack auch als „süßlichweinartig“ beschrieben – dies kann allerdings irritieren, da die Frucht zuckerarm ist und somit keine nennenswerte Süße aufweist. Darüber hinaus ist höchstens eine geringe Würze erkennbar. Das Fruchtfleisch hat einen „merklichen“ beziehungsweise „deutlichen“ Geruch.
Wuchs und Blüten Der Baum des Grünen Stettiners kann groß werden und besitzt eine breit ausladende Krone.A. Koch (Hrsg.): Verhandlungen der XI. Allgemeinen Versammlung Deutscher Pomologen und Obstzüchter in Meissen vom 29. September bis 3. October 1886. Verlag Joh. Heinr. Meyer, 1887, Seiten 8–9. Er weist zunächst einen starken und später einen mittelstarken Wuchs auf, wobei er als robustMaria-Theresia Wirtl; Maria Dachs: Rund um den Most. Gelebte Mostkultur und. Mostschänken in Oberösterreich. Trauner Verlag, 2013, ISBN 978-3-99033-175-0, Seite 20. Abgerufen auf land-oberoesterreich.gv.at (Offizielle Website des Landes Oberösterreich) am 30. September 2025. und sehr widerstandsfähigAngela Pfennig: Die Welt ein großer Garten. der Königlich-Preußische Hofgartendirektor Ferdinand Jühlke (1815–1893). Lukas Verlag, 2002, ISBN 978-3-931836-88-7, Seite 7. gilt. So wurde beispielsweise aus der südostbayerischen Region rund um Traunstein berichtet, dass die Sorte den dortigen strengen Winter 1879/80 „ziemlich unversehrt“ überstanden habe und sogar zu den Sorten zählte, die sich mit „am vorzüglichsten“ gehalten hätten.Joseph Leonpacher: Beobachtungen der Obstbausektion Traunstein. In: Landwirthschaftliche Mittheilungen – Wochenschrift. Jahrgang 15, № 34, 22. August 1880, Seiten 134–135. Der Baum bevorzugt nährstoffreiche und ausreichend feuchte Böden und sonnige Standorte, wobei er auch für raue Höhenlagen geeignet ist. Er kann sehr alt werden.
Die sommergrünen Blätter sind mittelgrün, eiförmig und leicht gesägt (= serrat). Mittelfrühblühend bildet der Grüne Stettiner ab April hellrosafarbene Blüten. Deren Stempel sind verwachsen und lediglich „in der Teilung etwas flaumig“ und die Staubfäden sind mittelständig. Die Baum- oder Samenreife wird normalerweise im September erreicht und der Grüne Stettiner gilt als sogenannter Massenträger – also als eine Sorte, die eine reiche und außergewöhnlich hohe Erntemenge liefert.
Herkunft und Historie mini|Äpfel des Grünen Stettiners auf einem Obsthof in Staufen im Breisgau im September 2023. Sowohl die Entstehungsgeschichte als auch die Herkunft des Grünen Stettiners sind unklar.Informationen zu über 250 alten Apfelsorten. Abgerufen auf oberlausitz-stiftung.de (Oberlausitz-Stiftung) am 30. September 2025. So weiß man beispielsweise nicht, ob er als Zufallssämling oder als bewusste Kreuzung entstanden ist. Sein Name deutet auf einen Ursprung in der Region Pommern hin, belegen lässt sich dies allerdings nicht. Die nachweislich erste schriftliche Erwähnung der Sorte erfolgte im Jahr 1797 durch Johann Ludwig Christ. Zu dieser Zeit war die Sorte wohl schon mindestens seit mehreren Jahrzehnten deutschlandweit etabliert und bekannt. Erste ausführlichere Beschreibungen erfolgten dann 1804 durch Johann Christian Gotthard und 1809 erneut durch Christ.
Anbau In früheren Jahrhunderten war der Grüne Stettiner eine vielerorts oft anzutreffende Kulturapfelsorte. Aufgrund seiner langen Haltbarkeit empfahl Johann Christian Gotthard den Anbau 1804 sogar nachdrücklich. Unter der Leitung von Ferdinand Jühlke sorgte die Garten- und Obstbaumschule der Königlichen Staats- und landwirtschaftlichen Akademie Eldena ab 1834 dafür, dass der Grüne Stettiner als eine der Apfelsorten, die für die klimatischen Verhältnisse Pommerns besonders geeignet waren, vermehrt gezüchtet und verbreitet wurde. Er war bald fester Bestandteil pommerscher Guts- und Bauerngärten und wurde in Pommern auch in größerem Umfang als Straßenbaum angepflanzt. Ähnliche Entwicklungen zeigten sich in anderen Regionen Deutschlands: So zählte der Grüne Stettiner beispielsweise 1877 zu den Sorten, die im preußischen Regierungsbezirk Magdeburg am häufigsten von Landwirten gepflanzt wurden.Karl Heinrich Koch: Obstbau und Obsternte im Deutschen Reich. Bericht über das Jahr 1877 und Ergänzungen zum Bericht über 1876. In: Monatshefte zur Statistik des Deutschen Reiches für das Jahr 1879. Seite Mitte der 1880er Jahre empfahlen ihn die Pomologen Bertog aus dem sächsischen Meißen und Koch für freie Flächen und Landstraßen„Aepfel für Landstrassen, Sandboden und rauhe Lagen“. In: Deutsche Garten-zeitung – Wochenschrift für Gärtner und Gartenfreunde. Band 1, № 46, 1886, Seiten 553–554. und 1890 gehörte er zu den vier beliebtesten Apfelsorten in Unterfranken.Pomologische Monatshefte. Jahrgang 38, 1892, Seiten 15–16.
Heutzutage hat der Grüne Stettiner nur noch eine vergleichsweise geringe Verbreitung. Die Sorte gilt inzwischen als gefährdet und wird auch nicht mehr in Baumschulen gezüchtet.
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