Die Haig-Klasse wurde vom englischen Lokomotivhersteller Kerr, Stuart and Company als kostengünstigere Variante der vom französischen Schmalpurbahnhersteller Decauville konstruierten Baureihe Joffre hergestellt.Keith William Clingan, Jeffrey G. Lanham, Éric Fresné und Chris Down: Decauville Steam Locomotives – A Works List. Industrial Railway Society, 2021. S. 33, 34, 103 und 104.

Geschichte

Die französische Firma Decauville konnte während des Ersten Weltkriegs die Nachfrage nach Feldbahn-Lokomotiven der Baureihe Progrès 8t für den Transport von Munition und Nachschub an die Front sowie zum Abtransport von Verwundeten nicht decken, die von den französischen Streitkräften auf aus transportablen Gleisjochen verlegten Gleisen mit einer Spurweite von 600 mm eingesetzt wurden. Daher wurden die Zeichnungen für diese Decauville-Lokomotiven an die englische Firma Kerr, Stuart & Co mit Sitz in Stoke-on-Trent geschickt.

Daraufhin bestellte die französische Kommission 1915 Kerr Stuarts Version der Lokomotive. Diese wurde als Typ Joffre bekannt, benannt nach Joseph Joffre, dem französischen General, der vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis Ende 1916 als Oberbefehlshaber der französischen Streitkräfte an der Westfront diente. Insgesamt wurden 70 Lokomotiven vom Typ Joffre in drei Losen produziert, wobei das letzte Los 1916 bestellt wurde.

Anscheinend begann Kerr Stuart mit der Herstellung eines vierten Loses von Lokomotiven vom Typ Joffre für eine Bestellung, die nie ausgelöst oder storniert wurde. Da viele Teile bereits hergestellt waren, erstellte das Unternehmen 1917 eine Konstruktionsvariante, um die vorhandenen Komponenten zu verwenden. Die britische Konstruktionsvariante war weitgehend identisch mit dem Typ Joffre, hatte aber keine zusätzlichen Wassertanks im Rahmen und ein wesentlich kostengünstiger konstruiertes Führerhaus. Die überarbeitete Konstruktion wurde als Baureihe „Haig“ bekannt, benannt nach dem englischen Feldmarschall Douglas Haig (später 1. Earl Haig), der von Ende 1915 bis Kriegsende das britische Expeditionskorps an der Westfront befehligte.

Zwischen 1917 und 1929 wurden 27 Lokomotiven vom Typ Haig in einer Vielzahl von Spurweiten hergestellt. Ein Vorteil der Haig-Konstruktion bestand darin, dass der Rahmen durch den Einsatz unterschiedlich langer Rahmenverbreiterungen leicht verbreitert oder verschmälert werden konnten, weil der Kessel oberhalb des Rahmens installiert wurde. Einige Lokomotiven wurden in England auf Waldbahnen des Canadian Forestry Corps (CFC) mit 914 mm Spurweite eingesetzt, um Langholz zu provisorisch eingerichteten Sägewerken zu transportieren, in denen Bretter und Balken für den Kriegseinsatz hergestellt wurden.Bayfieldslightrailway: Kerr, Stuart Haig Class 0-6-0T No. 3083 (CTS 4, Sandhurst Timber Tramway) . Die anderen Exemplare wurden in die ganze Welt geliefert und waren unter anderem in Indien, Südafrika, Mauritius, Brasilien und im Sudan im Einsatz.The Western Springs Railway: Today we will be discussing our Kerr Stuart locomotive No. 4183. 30. August 2021·

mini|Lok Nr. 4183 in der Dünge­mit­tel­fabrik von Kempthorne Prosser in Auckland-Westfield, Neuseeland Es wurden nur zwei Lokomotiven der in Neuseeland populären Spurweite von 1067 mm (3 Fuß 6 Zoll) gebaut: Nr. 4183 und Nr. 4185, beide für die neuseeländische Pharmazie- und Chemie-Firma Kempthorne Prosser & Co. Ltd in deren Werken in Auckland bzw. Dunedin.

Bemerkenswert ist, dass die Seriennummern 4183 und 4185 zwar nahe beieinander liegen, zwischen ihren Fertigstellungsterminen jedoch ein Abstand von drei Jahren liegt (Baujahr 1926 bzw. 1929). Dafür gibt es folgende drei Erklärungsmöglichkeiten: Wahrscheinlich wurden die Lokomotiven in Baulosen auf Vorrat gebaut, und üblicherweise wurde das Baujahr und die Beschilderung erst mit der Auslieferung vergeben bzw. angebracht. Damit wurde dem Besteller gegenüber der Eindruck vermieden, er würde eine gebrauchte Lokomotive erwerben. Diese Praxis war im europäischen Lokomotivbau allgemein üblich. Andererseits könnte angenommen werden, dass Kerr Stuart mit der Nummerierung der Bauteile für die Lokomotiven bereits bei Baubeginn begann: Sie fertigten alle Gussteile in einem Los an und wiesen jedem Satz eine Herstellernummer zu, bauten dann aber nur die tatsächlich bestellten Lokomotiven und lagerten die restlichen Teile bis zur nächsten Bestellung ein. Einige Teile für 4183 und 4185 wurden daher zwar gleichzeitig hergestellt, die Lokomotiven selbst wurden jedoch erst nach Eintreffen der Bestellungen gebaut und nach erfolgreicher Kesselprüfung in Betrieb genommen. Unwahrscheinlich ist es, dass alle Lokomotiven zunächst mit einer Standardspurweite zum Verkauf bereitgestellt wurden und dann erst nach Bestelleingang auf die gewünschte Spurweite umgespurt wurden. Obwohl die zweite Erklärungsweise aus heutiger Sicht die Fertigung der unterschiedlichen Spurweiten kostengünstig ermöglicht hätte, ist es höchst unwahrscheinlich, das man bei Kerr Stuart die nummerierten Teile einlagerte und erst bei Bestellung montierte. Zudem war der Austauschbau damals noch relativ neu und hatte sich im Lokomotivbau nur teilweise durchgesetzt. Das Passen und Fügen war noch in weiten Teilen Handarbeit. Zwar hat die militärische Entwicklung einer möglichst freien Tauschbarkeit von Bauteilen erheblichen Vorschub geleistet, doch beschränkte diese sich im Allgemeinen auf Triebwerksteile und Kessel.

Einige Nachbauten nach Entwürfen von Kerr Stuart wurden von W. G. Bagnall gebaut, nachdem der Chefkonstrukteur von Kerr Stuart und weitere Mitarbeiter zu Bagnalls gewechselt hatten.Grace's Guide To British Industrial History: Kerr, Stuart and Co.

Erhaltene Lokomotiven Nr. 4183 im MOTAT mini|Lok Nr. 4183 und die BTC Heisler unter Dampf im MOTAT, 1967 Lokomotive Nr. 4183, die heute im neuseeländischen Museum of Transport and Technology (MOTAT) in Auckland erhalten ist, verließ Kerr Stuarts Werk im November 1926. Sie absolvierte ihre erste Kesselprüfung am 18. Februar 1927 in Auckland und verbrachte ihr gesamtes Arbeitsleben in der Fabrik von Kempthorne & Prosser in Westfield, wo sie im Rangierbahnhof Waggons mit Materialien und Düngemitteln rangierte. Als MOTAT im März 1966 hörte, dass die Lokomotive ausgemustert werden sollte, fragte es bei Kempthorne & Prosser an, ob die Lokomotive für eine Konservierung zur Verfügung stünde. Die Resonanz war positiv, und nach ihrer Ausmusterung im Mai desselben Jahres wurde sie am 14. Juli 1966 an MOTAT gespendet. Sie traf bald darauf vor Ort ein und wurde zunächst auf der älteren „oberen Bahnstrecke“ stationiert. Im März 1967 erhielt sie ihr erstes Kesselzertifikat bei MOTAT. Auf diesem ursprünglichen Streckenabschnitt konnte sie allerdings nur wenige Meter hin- und herfahren und wurde daher bald auf das angrenzende Gleis verlegt, wo sie eine längere Strecke von etwa 35 m zurücklegen konnte.

Im März 1969 fiel die Kerr Stuart aufgrund eines Lecks im Bereich der Feuerbüchse bei ihrer jährlichen Kesselinspektion durch. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie stark abgenutzte Bremsen, sodass eine Generalüberholung für notwendig erachtet wurde. MOTAT hatte mit der Barclay 1270 bereits eine weitere betriebsbereite Lokomotive in Betrieb und entschied sich aufgrund begrenzter Ressourcen dafür, die Kerr Stuart zu diesem Zeitpunkt nicht zu reparieren. Sie wurde anschließend auf die „untere Bahnstrecke“ verlegt und dort auseinandergenommen, woraufhin sie die nächsten 17 Jahre dort in Einzelteilen auf den Wiederzusammenbau wartete.

1987 änderte sich das Schicksal der Kerr Stuart, als MOTAT und die Schnellrestaurantkette McDonald’s eine Vereinbarung trafen, sie mit Wagen vor dem Restaurant in Paraparaumu im der Region auf der Nordinsel von Neuseeland aufzustellen. Sie wurde am 7. Februar 1987 wieder zusammengebaut und dampfgestrahlt, so dass sie am 19. Februar 1987 transportbereit für den Transport zu den Otahuhu Railway Workshops war. Dort wurde die Lokomotive wieder in einen sehenswerten Zustand versetzt, einschließlich des fast vollständigen Austauschs des alten Führerstands. Sie wurde kurz zum MOTAT gebracht, um eine neue Verkleidung anzubringen, und im Oktober 1987 wurde sie per LKW nach Wellington transportiert und an ihrem Standort für die nächsten 21 Jahre aufgestellt.

mini|Lok Nr. 4183 im MOTAT Nach Ablauf des Mietvertrags mit McDonald’s wurde die Lokomotive wieder ins MOTAT zurückgebracht und traf dort am 14. Februar 2008 ein. Sie wurde daraufhin bis zum 1. Mai 2011 vor dem Bahnhof Waitakere ausgestellt und dann wieder ins MOTAT gebracht, wo sie begutachtet und gewartet wurde, damit sie wieder auf der Strecke bewegt werden konnte. Seitdem wurde sie im Laufe der Jahre viele Male bei Veranstaltungen ausgestellt.

Obwohl die Lokomotive ziemlich abgenutzt ist, befindet sie sich äußerlich in einem guten Zustand. In den letzten Jahren wurden Forschungsarbeiten durchgeführt, die es MOTAT eines Tages ermöglichen wird, sie wieder in den Zustand zu versetzen, in dem sie sich befand, als sie für Kempthorne & Prosser im Einsatz war. Insbesondere das Führerhaus muss vollständig und originalgetreu rekonstruiert werden. Zu diesem Zweck hat sich das MOTAT einige Originalzeichnungen beschafft, die ihm dabei helfen sollen.MOTAT: Steam locomotive (Kerr Stuart).

Nr. 4185 in Dunedin mini| Nr. 4185 bei der Ocean Beach Railway in Dunedin, Neuseeland

Die Lokomotive Nr. 4185 wird bei der Ocean Beach Railway in Dunedin (NZ) aufbewahrt, wo sie über die Jahre eine beliebte Betriebsattraktion war. Sie wurde 1929 für Kempthorne Prosser gebaut und schließlich von der Ocean Beach Railway erworben und wieder in einen betriebsfähigen Zustand versetzt. 1994 ist sie zur Generalüberholung außer Betrieb genommen worden. Mit einer Westinghouse-Bremse ausgestattet ist sie seit 13. Mai 1995 wieder in Betrieb. Im September 1995 nahm sie am Waipara Vintage Festival der Weka Pass Railway teil. In den 2000er Jahren wurde sie bis 2007 überholt. Am 21. April 2014 wurde sie zum Ersatz einiger Rohre vorübergehend außer Betrieb genommen, ist aber inzwischen wieder betriebsbereit.

Nr. 3117 in Wales mini|Nr. 3117 Sgt. Murphy auf der Teifi Valley Railway, Wales Die Lokomotive Nr. 3117 Sgt. Murphy wird bei der Teifi Valley Railway in Wales aufbewahrt. Sie wurde früher auf der Penrhyn Quarry Railway eingesetzt und kam über die Ffestiniog Railway zur Teifi Valley Railway. Heute präsentiert sie sich in einem stark veränderten Zustand, da ihr Kessel während ihrer Betriebszeit in den Penrhyn-Steinbrüchen abgesenkt wurde und die Ffestiniog-Eisenbahn ihr vor kurzem ein zusätzliches Drehgestell hinzugefügt hat.

Weblinks

Schmalfilmaufnahmen von Nr. 4183 bei der Arbeit (ab Minute 5:23) D.H. Gandes: Diagrams of Kerr Stuart 'Haig' class locomotive. 1992.

Einzelnachweise

Kategorie:Feldbahn Kategorie:Schienenfahrzeug (Kerr, Stuart and Company)