mini|„Inšušinak“ () war der Name einer der Hauptgottheiten in Elam
Die elamische Strichschrift (auch Linearschrift, , kurz: LE) ist ein Schriftsystem für die elamische Sprache. Dabei handelt es sich um die ausgestorbene Sprache der Elamer, eines altorientalischen Volkes im Südwesten des heutigen Iran.
Geschichte Die elamische Strichschrift ist neben den ägyptischen Hieroglyphen und der mesopotamischen Keilschrift eines der ältesten bekannten Schriftsysteme der Menschheitsgeschichte. Sie wurde in der Bronzezeit etwa zwischen 2300 v. Chr. und 1880 v. Chr. verwendet.
Danach geriet sie für nahezu 3800 Jahre in Vergessenheit.
Erforschung mini|Schrift auf der „Löwentafel“ und eine vorgeschlagene Lesart (Carl Frank, 1912) mini|Liste von elamischen Schriftzeichen (1912)
20. Jahrhundert Erst 1901 wurde die elamische Strichschrift wiederentdeckt, als französische Ausgräber auf dem Akropolishügel von Susa Inschriften fanden, die in einer unbekannten Schrift verfasst waren.
Im Jahr 1905 untersuchte der deutsche Altorientalist Ferdinand Bork (1871–1962) die „Löwentafel“ (Bild), eine akkadisch-elamische Bilingue, die Texte in Keilschrift und in LE aufweist. Da er in der Lage war, die Keilschrift zu lesen, schloss er daraus, was der elamische Text beschrieb. Insbesondere fielen ihm zwei Eigennamen auf: „Inšušinak“, der Gott von Susa, und „Puzur-šušinak“, ein elamischer Herrscher. Beide Namen enden auf „šušinak“. Nun suchte er im elamischen Text nach zwei identischen Zeichenfolgen, die für diese Lautfolge „šu-ši-na-k“ stehen konnten, und wurde fündig (siehe die letzten vier Zeichen im Bild oben). Diese Interpretation wurde allerdings nicht von allen Fachleuten anerkannt.
Es wurden 64 unterschiedliche Schriftzeichen gezählt (Bild), aber es gelang keine allgemein anerkannte Entzifferung. Die Strichschrift blieb insgesamt weiterhin unverständlich. Dies lag vor allem an der geringen Zahl der zur Verfügung stehenden Schriftstücke.
Anfang der 1960er-Jahre wurde die Schrift vom Göttinger Iranisten und Elamisten Walther Hinz (1906–1992) als eigenständiges Schriftsystem erkannt und als elamische Strichschrift bezeichnet.
21. Jahrhundert Noch im Jahr 2001 waren Texte in der elamischen Strichschrift spärlich und im Wesentlichen auf die Regierungszeit Puzur-šušinaks (Ende des 23. Jahrhunderts v. Chr.) beschränkt. Dabei handelte es sich um einige Steintafeln sowie um Skulpturen wie die des Puzur-Inšušinak, die im Louvre aufbewahrt wird. Gefunden wurden bis dahin etwa vierzig Stein- und Ziegelinschriften, eine auf einer angeblich in der Nähe von Persepolis (Marvdascht) gefundenen Silbervase.
mini|Der Name von Gott Napiriša in Strichschrift mini|Lautwerttafel (2022)
Erst die Zuordnung des Namens Napiriša (Bild) und anderer Eigennamen brachte neue Erkenntnisse und führte 2019 zur Entzifferung von mehr als dreißig weiteren Zeichen durch den französischen Archäologen François Desset (* 1982), der dann am 27. November 2020 den Durchbruch bei der Lösung bekannt geben konnte. Im Jahr 2022 schließlich legte Desset mit seiner Veröffentlichung The Decipherment of Linear Elamite Writing eine umfassende Deutung der elamischen Strichschrift vor. Dabei stützte er sich auf acht beschriftete Silberbecher (siehe auch: Foto und Artikel unter Weblinks), die er neu als wichtige Textquellen für seine Forschungen nutzen konnte. Inhaltlich handelt es sich bei den Strichinschriften meist um Weihinschriften.
In den Jahren 2020 und 2021 fand Michael Mäder (unterstützt von François Desset 2022) heraus, dass es einen fließenden Übergang zwischen Proto-Elamisch und Linear-Elamisch gab inklusiver einer Übergangsphase. Inschriften, die zuvor als LE angesehen wurden, erwiesen sich als deutlich älter als die Texte auf Stein (von Puzur-Inshushinak) oder auf Silbervasen. Bei der Forschung wurden mathematische Methoden angewandt (Jaccard-Index und Levenshtein-Distanz), um die Verwandtschaft der beiden Schriftsysteme zu beweisen. Konkret ergab sich, dass 50,5 % der Zeichenformen identisch und weitere 16,8 % ähnlich sind (daher sie unterscheiden sich nur in einem Merkmal). Mit den Resultaten sind in der Fachwelt nicht alle Forscher einverstanden. So kritisiert Jacob L. Dahl die Unterteilung in eine Frühphase «Early-LE/Intermediate Phase» (2600–2200 v. Chr.) und eine Hauptphase (2200–1900 v. Chr.). Stattdessen geht er davon aus, dass die Linear-Elamische Schrift erst 2200 erfunden wurde. Mit dem Vorschlag von Mäder und Desset, die Lautwerte aus der Entzifferung des Linear-Elamischen direkt für Entzifferungsversuche des Proto-Elamischen zu verwenden, ist Dahl ebenso wenig einverstanden.
mini|E-b-r-t, F. Desset: zwei historische Könige des alten Elam: Ebarat/Ebarti I, Dynastie von Schimaschki und Ebarat (II), Dynastie der Ebartiden mini|Shi-il-ha-ha, F. Desset: Šilhaha, Herrscher von Elam
Die Schrift besitzt mindestens 103 Grapheme, von denen vierzig jeweils nur ein einziges Mal belegt sind. Es zeigte sich, dass die Strichschrift phonetisch ist, die einzelnen Symbole also Laute beziehungsweise Silben repräsentieren (Bild). Die elamische Strichschrift ist damit die früheste bekannte reine phonographische Schrift, also eine allein auf Lautdarstellung, nie auf Wortzeichen beruhende Schrift. Damit ist sie mehr als sechs Jahrhunderte älter als die protosinaitische Schrift, die bis dahin als früheste galt und auf etwa 1700 v. Chr. datiert wird. Allerdings gilt die protosinaitische Schrift weiterhin als die älteste reine Alphabetschrift, bei der ein Zeichen immer nur einen Laut repräsentiert; die elamische Strichschrift ist im Gegensatz dazu eine gemischte Laut- und Silbenschrift, siehe Abugida.
Online-Textsammlung (OCLEI) mini|265x265px|Ausschnitte der Textsammlung OCLEI. Die Alice Kober Gesellschaft für die Entzifferung antiker Schriften (GEAS) verwaltet auf ihrer Webseite eine Unicode-basierte und stets aktualisierte Textsammlung namens «Online Corpus of Linear Elamite Inscriptions» (OCLEI) der Universität Bern. Diese bietet einen einfachen Zugang zu den Texten inkl. Fotografien, Abzeichnungen sowie Quellenangaben für jede einzelne Inschrift. Die Texte sind mit RegEx durchsuchbar und die Linear-elamischen Zeichen können automatisiert durch die vermuteten Lautwerte ersetzt werden. So können schnell die Suchresultate sowie die Transliteration der Texte kopiert werden und es stehen zahlreiche statistische Tools zur Verfügung. Der zugehörige Truetype-Font «Elamicon» ist kostenlos und copyright-frei erhältlich.
Siehe auch Kuschana-Schrift – ab 2022/23 entziffert; beide Entzifferungen sind die ersten seit der Entschlüsselung der Linearschrift B (1940er–50er Jahre) und der Maya-Schrift (1950er–80er Jahre).
Literatur
Weblinks Fotos
Foto eines der acht Silberbecher. OCLEI, aktualisierte Online Textsammlung und Font "Elamicon", kostenlos downloadbar.
Artikel
Videos
Einzelnachweise Bernadette Arnaud: EXCLU. Un Français "craque" une écriture non déchiffrée de plus de 4000 ans, remettant en cause la seule invention de l'écriture en Mésopotamie. Auf: Sciences et avenier (sciencesetavenir.fr) vom 7. Dezember 2020 (, abgerufen am 29. September 2025). L'archéologue François Desset est parvenu à déchiffrer l'élamite linéaire, une des plus anciennes écritures. In: Breizh-Info (www.breizh-info.com) vom 8. Februar 2021 (, abgerufen am 13. März 2021). Iranian plateau gave birth to writing: French archeologist. In: Tehran Times (www.tehrantimes.com) vom 11. Dezember 2020 (, abgerufen am 13. März 2021). Erika Bleibtreu: Iran in prähistorischer und frühgeschichtlicher Zeit. In: Wilfried Seipel (Hrsg.): 7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran: Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Iranischen Nationalmuseums in Teheran. Kunsthistorisches Museum, Wien 2001, S. 76–185, ISBN 3-85497-018-8; hier: S. 77. Dazu: Wilfried Seipel (Hrsg.): 7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran. Exposition au Kunsthistorisches Museum de Wien, 22 nov. 2000 – 25 mars 2001, 343 p., très nombr. photos en coul. In: Abstracta Iranica, Band 23, Mai 2002; , ResearchGate:41246581 ().
François Desset, Kambiz Tabibzadeh, Matthieu Kervran, Gian Pietro Basello, Gianni Marchesi: The Decipherment of Linear Elamite Writing. In: Zeitschrift für Assyriologie und Vorderasiatische Archäologie, Band 112, Nr. 1, 2022, S. 11–60 (), hier S. 16–18. François Desset, Kambiz Tabibzadeh, Matthieu Kervran, Gian Pietro Basello, Gianni Marchesi: The Decipherment of Linear Elamite Writing. In: Zeitschrift für Assyriologie und Vorderasiatische Archäologie. Band 112, Nr. 1, 2022, S. 11–60 (), hier S. 11. Walther Hinz: Zur Entzifferung der elamischen Strichschrift. In: Iranica Antiqua. Band 2, Leiden, 1. Januar 1962, S. 1–21; ProQuest:1818624. Walther Hinz: Problems of linear Elamite. In: Journal of the Royal Asiatic Society. Band 107, Nr. 2, April 1975, S. 106–115; , ().
Kategorie:Elamische Sprache Kategorie:Geschichte der Schrift Kategorie:Silbenschrift Kategorie:Bronzezeit (Alter Orient) Kategorie:23. Jahrhundert v. Chr.