Fremdverstehen (auch: Verstehen des Fremden) bezeichnet in Hermeneutik, Interkultureller Theologie, Religions- und Kulturwissenschaften die Kompetenz und Praxis, das „Andere“ – Personen, Gruppen, Weltbilder, religiöse oder kulturelle Praktiken – in ihrer Eigenlogik zu verstehen, ohne sie zu vereinnahmen oder zu nivellieren. Der Begriff wurde im deutschsprachigen Raum insbesondere durch den Heidelberger Theologen Theo Sundermeier profiliert, der Fremdverstehen als dialogisch-zirkulären Prozess beschrieb und mit dem Leitkonzept der Konvivenz (gemeinschaftliches Zusammenleben) verband.

Begriff und Abgrenzung Fremdverstehen zielt nicht auf ein vollständiges Aufgehen im Anderen, sondern hält die Spannung von Nähe und Distanz aus. Es ist von Empathie zu unterscheiden (Gefühlsmitvollzug) und von reiner Toleranz (Duldung), da es auf ein verstehendes Nachvollziehen der fremden Sinnhorizonte abzielt. In hermeneutischer Perspektive setzt Fremdverstehen eine kritische Reflexion der eigenen Vorurteile und Kategorien voraus und nimmt die Möglichkeit bleibender Differenz ernst (Differenzhermeneutik).

Theoretische Fundierung (Sundermeier) Sundermeier versteht Fremdverstehen als zirkulären, dialogischen Prozess zwischen Offenheit und Rückbindung an das Eigene. Ziel ist ein „gelingendes Zusammenleben“, in dem niemand vereinnahmt wird und dennoch ein wechselseitiger Austausch stattfindet; als sozial-ethische Leitfigur dient ihm die Konvivenz. Der Ansatz steht in der Tradition interkultureller und missionswissenschaftlicher Hermeneutik und wurde innerhalb der deutschsprachigen Interkulturellen Theologie rezipiert und weiterentwickelt. Zeitgenössische Arbeiten betonen die methodische Verschränkung von Differenzhermeneutik, Komparatistik und Dialogik.

Methoden Zu den häufig genannten methodischen Elementen zählen: dialogische Begegnung und Perspektivwechsel, biografische und kontextuelle Reflexion (eigene Vorannahmen sichtbar machen), sprachlich-kulturelle Übersetzungsarbeit (Begriffe, Praktiken, Symbole), Anerkennung bleibender Differenzen (Verzicht auf erzwungene Synthese).

Anwendungsfelder

Interkulturelle und interreligiöse Kontexte In interreligiösen Dialogen und in der Religionspädagogik dient Fremdverstehen als Leitprinzip, um andere Religionen/Überzeugungen in ihrer Eigenlogik wahrzunehmen, ohne missionarischen oder paternalistischen Übergriff. Das Konzept ist mit Sundermeiers Idee von Konvivenz verschränkt (helfen, voneinander lernen, miteinander feiern). Literatur Theo Sundermeier: Den Fremden verstehen. Eine praktische Hermeneutik. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1996, ISBN 3-525-01619-0. Anette C. Hammerschmidt: Fremdverstehen. Interkulturelle Hermeneutik zwischen Eigenem und Fremdem. (Monographie)

Weblinks Google-Books-Eintrag zu Sundermeier (1996) Einordnung Sundermeiers Ansatz (Universität Heidelberg, PDF)

Einzelnachweise

Kategorie:Interkultureller Dialog Kategorie:Religionswissenschaft Kategorie:Kulturwissenschaften Kategorie:Theologie