mini|hochkant=1.2|Leipzig, Geschäftshaus des Reclam-Verlages, 1928

Die Philipp Reclam jun. Verlag GmbH ist ein mittelständischer deutscher Verlag. Den besonders als Herausgeber der Reclams Universal-Bibliothek bekannten Verlag hatte Anton Philipp Reclam 1828 in Leipzig gegründet. Der westdeutsche Zweig des Verlages entstand nach dem Zweiten Weltkrieg im September 1947 in Stuttgart und hat seit 1980 seinen Sitz im nahen Ditzingen. Das Stammhaus wurde unter dem Namen Reclam Leipzig bis zum 31. März 2006 in Leipzig fortgeführt. Der Verlag, der sich seit seiner Gründung in Familienbesitz befindet, beschäftigt etwa 50 Mitarbeiter (Stand von 2017).

Der Verlag ist eine Tochtergesellschaft der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart.

Programm Das Programm von Reclam gliedert sich in drei große Hauptbereiche: die Universal-Bibliothek, auf die der Großteil von Auflage und Umsatz des Verlages zurückgehen, das Hardcover-Programm mit Nachschlagewerken zu Kunst und Kultur, Sachbüchern und Geschenkbüchern sowie das Taschenbuchprogramm. Zusätzlich wurde das Programm 2013 noch um die Reihe Reclam XL erweitert.

Reclams Universal-Bibliothek

mini|hochkant|Verlagsverzeichnis von 1902 mini|hochkant|links|Auflagenbuch für die ersten drei Bände der Universal-Bibliothek

Wichtigster Programmteil für den Verlag oder in den Worten des ehemaligen Geschäftsführers Frank R. Max das „Herzstück des Verlages, das, was die Marke Reclam im Kern ausmacht“, ist die Universal-Bibliothek (UB). In den Reclam-Heften erscheinen seit Mitte des 19. Jahrhunderts Klassikerausgaben, die durch ihren geringen Preis, ihre geringe Größe und ihre einheitliche Gestaltung auffallen. Sie ist die älteste deutschsprachige Taschenbuchreihe, und ihr liegt das Bestreben zu Grunde, einen einmal gedruckten Titel nach Möglichkeit lieferbar zu halten. Die genaue Zahl der je erschienenen Titel ist unbekannt, sie liegt jedoch im fünfstelligen Bereich. Die Nachkriegs-Auflage der Universal-Bibliothek lag bis 2003 bei 35 Millionen Exemplaren. Von Beginn an wurden die Gestaltungen der Heftchendeckel mehrfach verändert. Das reicht von ursprünglich durch Schrift und Ornamentik verzierte Titel in Fraktur, über eine vereinfachte Variante, auf welcher oben und unten in Versalien UNIVERSAL und BIBLIOTHEK steht, dazwischen ist der Name des Autors und der Titel in kursiver Schrift mit Serifen angeordnet, bis zu (zumindest die DDR-Ausgaben der 1970er und 1980er Jahre) zwar gleicher Gestaltung, aber mit schwarzem Hintergrund. Die Maße der Büchlein haben sich von zuerst 10 × 16,8 cm auf 11 × 18 cm vergrößert.

Seit der ersten Serie des Jahres 2012 wird die Universal-Bibliothek mit neu gestalteten Covern ausgeliefert, die Friedrich Forssman und Cornelia Feyll für die Universal-Bibliothek entwickelt haben. Die neue Gestaltung löste das seit 1988 von Hans Peter und Brigitte Willberg konzipierte Erscheinungsbild der UB (Stuttgarter Ausgabe) ab. Die (gelbe) Universal-Bibliothek hat jährlich zirka hundert Neuerscheinungen.

Innerhalb der Universal-Bibliothek sind die Hefte durch einen Farbcode abgesetzt: Gelb: Einsprachige Ausgaben in deutscher Sprache, meist mit Anmerkungen und Vorwort oder Nachwort. In dieser Reihe finden sich auch Übersichtswerke beispielsweise zur deutschen Literatur, zur Geschichte oder zur Philosophie. Rot: Fremdsprachige Ausgaben mit Vokabelhilfe. In Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Latein oder Russisch. Orange: Zweisprachige Ausgaben, Deutsch-Fremdsprache. Blau: Lektüreschlüssel (für Schüler) und Arbeitstexte, beispielsweise Kurzgeschichten für einen bestimmten Jahrgang. Grün: Erläuterungen, Interpretationen, Quellentexte. Magenta: Sachbuch zu den Themenbereichen Politik, Geschichte, Gesellschaft, Naturwissenschaft, Kunst, Musik und Religion.

Reclam Hardcover Reclam führt auch gebundene Bücher. Der bekannteste Teil des Reclam Hardcover-Programms sind die seit mehr als 50 Jahren eingeführten, ständig aktualisierten Musik- und Theaterführer. Seit 2003 sind auch die Sachbücher (im Format der UB) und größerformatige einbändige Nachschlagewerke auf einen Blick zu erkennen. Sie sind in einem neu gestalteten, einheitlichen Erscheinungsbild auf dem Markt. Die Geschenkbuchreihen präsentieren seit 2003 Gedichte, Aphorismen und Geschichten für Menschen, die Lust am Lesen haben – das Hardcover-Pendant zur bunten Reihe der Universal-Bibliothek. Die 2008 ins Leben gerufene Reihe Reclam Bibliothek präsentiert Klassiker der Weltliteratur in besonderer Ausstattung. Teils wurden die Texte neu übersetzt oder herausgegeben, teils um Illustrationen ergänzt. Die Reihengestaltung von Friedrich Forssman und Cornelia Feyll erhielt beim Wettbewerb der Stiftung Buchkunst Die schönsten Bücher 2008 den 2. Preis.

Reclam Taschenbuch Seit Oktober 2007 gibt es Reclam auch im Taschenbuchformat: Die Reihe Reclam Taschenbuch bietet in leserfreundlichem Layout Klassiker, Sachbücher und Texte zeitgenössischer Autoren, ab der 2. Serie 2015 in neuer Gestaltung.

Reclam XL – Text und Kontext Seit 2013 erscheint die neue Reihe Reclam XL – Text und Kontext. Diese neuen Ausgaben für den Deutschunterricht bieten Klassikertexte mit Kommentar, im größeren Format (11,4 × 17 cm), aber im Textteil seiten- und zeilenidentisch mit den Bänden der Universal-Bibliothek. So können alle UB- und XL-Ausgaben sowie die zugehörigen Lektüreschlüssel, Erläuterungsbände und Interpretationen miteinander verwendet werden.

Reclam Leipzig Bis Anfang 2006 wurden als Reclam Leipzig neue Autoren der Belletristik und Sachbücher veröffentlicht. In dieser Reihe erschienen relativ viele Übersetzungen zeitgenössischer Autoren; bekannte Veröffentlichungen der Reihe sind Schlafes Bruder, Claudia Schreibers Emmas Glück oder die Bücher von Sibylle Berg. Unter den Sachbüchern finden sich zeitgenössische (sozial-)philosophische Texte (Dirk Baecker, Umberto Eco etc.), einige Biographien sowie Texte zur Populär- und Alltagskultur. Titel mit dem Imprint Reclam Leipzig, unter dem bis 2006 Belletristik und unterhaltsame Sachbücher veröffentlicht wurden, sind aber weiterhin lieferbar.

Geschichte Gründung mini|hochkant|Das „Literarische Museum“, Gründungsort des Reclam-Verlags (etwa 1830)

Die Geschichte des Verlags ist eng mit der Familiengeschichte der Reclams verwoben. Diese lassen sich bis ins 16. Jahrhundert nach Savoyen zurückverfolgen. Reclams waren im Laufe der Geschichte Juwelenhändler, Goldschmiede, Kaufleute, Buchhändler, Prediger, Gelehrte oder Soldaten: Die Tradition im Buchhandel begründete Carl Heinrich Reclam (eigentlich Charles Henri, 1776–1844). Sein Vater war noch Juwelier Friedrichs des Großen gewesen, Carl Heinrich zog nach Leipzig und eröffnete dort eine Buchhandlung für französische Literatur.

Nach einer Lehre zum Buchhändler und -drucker in Braunschweig folgte Carl Heinrichs Sohn Anton Philipp (getauft: Antoine Philippe) seinem Vater nach. Er lieh sich vom Vater 3000 Taler und kaufte dafür eine Leihbibliothek, das Literarische Museum, in der Grimmaischen Straße in der Leipziger Innenstadt. Thomas Mann beschrieb den Ort anlässlich des Verlagsjubiläums 100 Jahre später: Susanne Mack: Reclam Leipzig ade – Die 177-jährige Geschichte eines Verlages. In: Deutschlandradio Kultur. 29. März 2006. Am 1. Oktober 1828 gründete Anton Philipp Reclam den Verlag des literarischen Museums in seiner Heimatstadt Leipzig. 1837 verkaufte Reclam das literarische Museum und nannte den Verlag in Philipp Reclam jun. um. Er erwarb zwei Jahre später eine Druckerei. Sein Sohn beschrieb ihn später als schroffen und unnahbaren Vorgesetzten, der hart arbeitete und von seinen Mitarbeitern denselben Einsatz verlangte.

1839 kaufte Anton Philipp eine Akzidenzdruckerei in der Leipziger Königsstraße. Erste schlechte Erfahrungen und säumige Schuldner bei Auftragsdrucken ließen ihn bald nur noch eigene Werke drucken. Die ersten größeren Auflagen des Reclam-Verlags entstanden. Darunter befanden sich Bibel-Ausgaben, das Schmidtsche französische Handwörterbuch wie auch Musikalien, z. B. Das singende Deutschland.

Der Verlag war anfangs mit der politischen Bewegung des Vormärz verbunden. Unter anderem gab er die Zeitschriften Charivari sowie die Leipziger Locomotive heraus, der bereits kurz nach ihrem Erscheinen die Konzession wegen demokratischer Aufrührigkeit entzogen wurde. 1846 verbot ein Hofdekret gar den Verkauf sämtlicher Reclam-Bücher in Österreich-Ungarn, da sie als zu antihabsburgerisch angesehen wurden. Ein Leipziger Gericht verurteilte Philipp Reclam 1848 zu einer Gefängnisstrafe, da im Verlag die Übersetzung von Thomas Paines Das Zeitalter der Vernunft. Eine Untersuchung der wahren und unwahren Theologie erschienen war.

Nach der gescheiterten Märzrevolution 1848 und den empfindlichen Verkaufseinbußen, die das Metternich-Dekret mit sich brachte, wandelte sich das Unternehmensbild. Der Verlag konzentrierte sich nun weniger auf politisch und literarisch Aufsässiges als mehr darauf, ein erfolgreiches Unternehmen zu werden. Im Vordergrund standen nun auflagenstarke Werke der klassischen Bildung: Ausgaben der griechischen und lateinischen Klassiker von Koch; Mühlmanns lateinisches, Koehlers englisches Wörterbuch und das von diesem neu bearbeitete Schmidtsche französische Lexikon; ferner die Opernbibliothek (Klavierauszüge mit deutschem Text), Härtels deutsches Lieder-Lexikon sowie als Vorläufer der billigen Klassiker-Ausgaben Shakespeares Werke.

Entstehung der Universal-Bibliothek mini|hochkant|Reclam ist seit seinen Anfängen in Familienbesitz; hier Hans Heinrich Reclam, der zweite Verlagsleiter und Sohn des Verlagsgründers Anton Philipp (um 1900) mini|hochkant=0.8|Nachbau des Reclam-Bücherautomaten von 1912 im Reclam-Museum

1858 erschien eine Shakespeare-Ausgabe, aus der 1865 eine Reihe von 25 Bändchen von Shakespeares Dramen in Einzelausgaben hervorging, die als Vorläufer der Universal-Bibliothek gilt. Mit einer Entscheidung der Bundesversammlung des Deutschen Bundes von 1856 wurde das Urheberrecht deutscher Autoren auf 30 Jahre nach deren Tod befristet; Stichtag war der 9. November 1837. Dadurch wurden deren Werke im November 1867 gemeinfrei und somit ohne Tantiemen verwertbar. Autoren wie Goethe oder Schiller waren plötzlich für die Verleger kostenfrei zu drucken.

Bereits der erste Band der Universal-Bibliothek war wenig später ein Klassiker der deutschen Literatur und der Überlieferung nach auch Anton Philipps Lieblingsbuch: Goethes Faust I. Es folgten Faust II, Lessings Nathan der Weise, Theodor Körners Liedersammlung Leyer und Schwert und Shakespeares Romeo und Julie (sic!).

Der Verlag beschrieb die Universal-Bibliothek in zeitgenössischen Anzeigen als: Der Verlag brachte damit klassische Bildung auch in Bevölkerungsschichten, für die diese vorher unerschwinglich war, und trug so maßgeblich zur Ausbreitung des Kulturguts bei.

Moderne Technik und erfolgreiches Marketing trugen bald dazu bei, dass Reclam seine Bücher im Taschenbuchformat sehr günstig verkaufen konnte. Die Werke erschienen zu einem Preis von 2 Silbergroschen, später 20 Pfennig je Nummer, den der Verlag bis 1917 halten konnte. Statt 20 kostete eine Nummer danach 25 Pfennig. In der Universal-Bibliothek erschienen pro Jahr rund 140 Bände, neben deutschen Autoren auch europäische Literatur, antike und philosophische Werke, Gesetzestexte, musikalische Werke (Libretti), Nachschlagewerke und Unterhaltungsliteratur. Von zahlreichen Bändchen gab es als Miniaturausgaben gebundene Versionen in unterschiedlichen Ausstattungen.

1896 starb Anton Philipp Reclam in seinem Geburtsort Leipzig. Die Universal-Bibliothek umfasste zu dieser Zeit rund 500 Nummern (etwa 2300 Bändchen, das sind fast genauso viele verschiedene Titel). Die Verlagsleitung ging an seinen Sohn Hans Heinrich Reclam (1840–1920) über, der vorher schon wesentlich am Aufbau der Universal-Bibliothek beteiligt war.