Das Bildnis Antonin ProustDeutscher Bildtitel im Katalog der Ausstellung Galerie Matthiesen, Berlin 1928, S. 34, Nr. 44. ()Der französische Titel ist entnommen Stéphane Guégan: Manet, inventeur du moderne, S. 283. Abweichend gibt es den Titel Portrait d’Antonin Proust en pied (Ganzkörperporträt von Antonin Proust) im Werkverzeichnis von Rouart/Wildenstein Bd. I, S. 212, Nr. 262. ist ein um 1877 entstandenes Gemälde des französischen Malers Édouard Manet. Es wurde von ihm nur skizzenhaft als Porträt eines stehenden Mannes ausgeführt und später von fremder Hand in großen Teilen überarbeitet. Das in Öl auf Leinwand gemalte Bild hat nach den Überarbeitungen eine Höhe von 182 cm und eine Breite von 110 cm. Dargestellt ist der Journalist und Politiker Antonin Proust, ein langjähriger Freund Manets. Zur wechselvolle Geschichte des Gemäldes gehört der Erwerb durch das Wallraf-Richartz-Museum in Köln während des Zweiten Weltkrieges. Nach dem Krieg gelangte es zurück nach Frankreich und wird – bei ungeklärter Eigentumsfrage – heute als Dauerleihgabe im Musée Fabre in Montpellier gezeigt. Ein weiteres Bildnis von Antonin Proust hat Manet 1880 vollendet und im selben Jahr erfolgreich im Salon de Paris präsentiert.

Proust-Bildnisse von Manet und Nachahmern Manet kannte Antonin Proust bereits seit seiner Schulzeit. Danach begannen beide eine Ausbildung zum Maler im Atelier von Thomas Couture. Proust gab die Malerei nach kurzer Zeit wieder auf und arbeitete als Journalist. 1876 wurde er Abgeordneter der Nationalversammlung und 1881 kurzzeitig Kulturminister. In der Manet-Literatur werden eine Reihe von – je nach Autor – bis zu fünf Gemälden erwähntAdolphe Tabarant: Manet et ses oeuvres, 1947, S. 312., die Antonin Proust darstellen und aus Manets Hand stammen sollen. Nicht alle vormaligen Zuschreibungen werden jedoch von der aktuellen Manet-Forschung als eigenständige Werke akzeptiert. Das früheste Werk Manets, bei dem zeitweilig angenommen wurde, es könnte Antonin Proust darstellen, ist das während der Studienjahre bei Couture entstandene Porträt eines jungen Mannes von 1855–1856 (Nationalgalerie Prag). Das Bild wurde noch 1946 von Manets Biograf Adolphe Tabarant als Jugendporträt von Proust gesehenAdolphe Tabarant: Manet et ses oeuvres, 1947, S. 24, inzwischen gibt es Überlegungen, der Dargestellte sei Manets Mitschüler Paul Roudier. Ein von Manet als Rötelzeichnung ausgeführtes Porträt Roudiers im Besitz des Louvre weist deutliche anatomische Übereinstimmungen mit dem Mann im Gemälde der Nationalgalerie in Prag auf, weshalb Proust als dargestellte Person weitestgehend ausgeschlossen wird.Hubertus Gaßner, Viola Hildebrand-Schat: Manet – Sehen, S. 114.

Das bekannteste Porträt seines Freundes Proust vollendete Manet 1880 und stellte es im selben Jahr im Salon de Paris aus. Das heute im Toledo Museum of Art befindliche Bild trägt die persönliche Widmung „A mon ami Antonin Proust“ (Für meinen Freund Antonin Proust). Es zeigt den stehenden Proust als detailreich ausgearbeitetes Dreiviertelporträt mit Zylinder und Spazierstock in der vornehmen Garderobe eines Pariser Dandy.Réunion des Musées Nationaux, Metropolitan Museum of Art: Manet, deutsche Ausgabe, S. 447–449. Vorbild hierfür war wahrscheinlich das Manet-Bildnis von Henri Fantin-Latour von 1867 (Art Institute of Chicago), in dem Manet als vornehmer Pariser Flaneur gezeigt wurde.Réunion des Musées Nationaux, Metropolitan Museum of Art: Manet, deutsche Ausgabe 1984, S. 447. Weiterhin gibt es ein Brustbild von Antonin Proust, das um 1877–1880 entstanden sein soll und heute im Puschkin-Museum in Moskau als Werk Manets ausgestellt wird.Informationen zum Gemälde Bildnis Antonin Proust auf der Website des Puschkin-Museums. Das Bild wurde noch von Tabarant als Werk Manets beschriebenAdolphe Tabarant: Manet et ses oeuvres, 1947, S. 313., fehlt hingegen in den neueren Literatur, etwa im Werkverzeichnis von Denis Rouart und Daniel Wildenstein von 1975.

Unklar war lange Zeit, ob es neben diesen drei Werken noch ein oder zwei weitere Gemälde gibt, die Antonin Proust zeigen. Unter den Werken, die Fernand Lochard (1824–1889) nach Manets Tod 1883 im Auftrag der Familie im Atelier des Malers fotografierte, befand sich eine Ölskizze, die Antonin Proust zeigt. Von dieser Skizze ist neben der Fotografie nur bekannt, das Suzanne Manet sie 1884 an Antonin Proust geschenkt haben soll. Es gibt jedoch keine Informationen über den weiteren Verbleib dieser Skizze.Denis Rouart, Daniel Wildenstein: Edouard Manet: Catalogue raisonné, Bd. I, S. 212, Nr. 262. Rouart und Wildenstein haben bereits 1975 angenommen, dass diese Skizze von fremder Hand aufgegriffen und stark überarbeitet wurde. Sie vergaben zwar in ihrem Werkverzeichnis für diese durch Foto belegte Skizze und dem heute im Musée Fabre befindlichen Gemälde noch zwei unterschiedliche Katalognummern, merkten allerdings an, dass anzunehmen sei, es handle sich um dieselbe Leinwand.Denis Rouart, Daniel Wildenstein: Edouard Manet: Catalogue raisonné, Bd. I, S. 212, Nr. 262 und Nr. 263. Der Museumskurator Stéphane Guégan führte 2011 aus, dass sich inzwischen alle Experten einig seien, das durch die Fotografie belegte Werk gehöre zu den Skizzen, die im Auftrag von Manets Witwe und ihrem Sohn Léon überarbeitet wurden, um sie besser verkaufen zu können.Stéphane Guégan: Manet, inventeur du moderne, S. 260. Da Manets Witwe das Bild jedoch 1884 an Proust verschenkt hat, ist auch eine spätere Überarbeitung im Auftrag einer anderen Person denkbar.

Beschreibung der ersten und der heutigen Fassung mini|Édouard Manet: Bildnis Antonin Proust, erste Fassung, Fotografie von Fernand Lochard Die von Manet skizzierte erste Fassung des Gemäldes ist durch eine Schwarzweißfotografie von Fernand Lochard überliefert. Zu dieser Aufnahme gibt es handschriftliche Vermerke von Léon Leenhoff, dem bei Manet lebenden Sohn seiner Frau Suzanne. Leenhoff notierte, das Bild stelle Antonin Proust dar und sei in Manets Atelier in der Rue d’Amsterdam entstanden.Album mit Fotografien von Fernand Lochard und Anmerkungen von Léon Leenhoff in der Morgan Library & Museum Von Adolphe Tabarant wird die Höhe des Bildes mit 180 cm und die Breite mit 125 cm angegeben. In dieser Ölskizze zeigt Manet seinen Freund Proust als stehende Ganzkörperfigur im Anzug. Der Kopf ist zur rechten Schulter gedreht, während der Körper frontal zum Bildbetrachter weist. Er trägt einen gepflegten Vollbart und hat die Haare nach hinten frisiert, wobei das Ohr frei bleibt. Sein Blick geht zum linken Bildrand. Nur der Kopf und die Partie um den hellen Hemdkragen sind etwas weiter ausgeführt. Der Rest des Porträts erscheint lediglich als mit wenigen Strichen umrissener bekleideter Körper.Théodore Duret: Histoire d’Edouard Manet et de son oeuvre, S. 261. Der Dargestellte hat den rechten Arm angewinkelt und greift mit der rechten Hand zur Knopfleiste. Der linke Arm fällt seitlich herunter. In der linken Hand hält er einen Zylinder und einen Spazierstock. Dunkle Partien am Ende der Hose deuten Schuhe an.

Wann und von wem diese erste Fassung überarbeitet wurde, ist nicht bekannt. Die heutige Version des Gemäldes ist 182 cm hoch und 110 cm breit. Während es sich bei der zur ersten Fassung um zwei Zentimeter abweichenden Höhe um eine ungenaue Messung handeln könnte, sind die 15 cm Unterschied bei der Breite eventuell auf eine Beschneidung der Leinwand zurückzuführen. Auffälligster Unterschied zwischen der ersten und der heutigen Fassung ist die nunmehr detailreiche Ausführung des Gemäldes. Die Körperhaltung mit dem zur rechten Schulter gedrehten Kopf ist nur wenig verändert, der angewinkelte rechte Arm ist an den Körper gezogen, die rechte Hand greift nach vorne und umfasst den Saum der schwarzen Jacke, die weiter oben nur mit einem einzigen Knopf geschlossen ist. Darunter ist im Bauchbereich eine helle beigefarbene Weste zu erkennen. Am Hals füllen ein weißer Hemdkragen sowie ein dunkles Halstuch den Ausschnitt. Aus der linken Brusttasche der Jacke ragt ein helles Einstecktuch hervor. Zur dunklen Jacke trägt Proust eine hellgraue Hose und schwarze Schuhe. Die linke Hand ruht auf dem Griff eines hellbraunen Spazierstocks und hält zugleich einen schwarzglänzenden Zylinder fest. Der Hintergrund ist mit deutlich sichtbaren grau-beigen Pinselstrichen skizziert, die mal waagerecht übereinander verlaufen und mal geschlängelte Muster bilden. Um den Kopfbereich ist der Hintergrund eher grau verwischt, der Bereich um die Fuße erscheint als hellgraue Fläche. Das Gemälde ist unten am linken Bildrand mit „Manet“ signiert. Diese Signatur fehlte jedoch in der von Manet gemalten Ursprungsversion, sodass sie erst nach Manets Tod angebracht wurde. Trotz dieser starken Überarbeitung fehlt es dem Gemälde nicht an Charme, wie der Museumkurator Stéphane Guégan anmerkte. Er bescheinigte dem Dargestellten eine gewisse Eleganz, dass ihn an das Manet-Bildnis von Henri Fantin-Latour von 1867 erinnerte.

Manets Ganzkörperporträts der 1870er Jahre Im Gegensatz zu den zahlreichen Bildnissen, die Manet von Frauen schuf, erscheinen Männerporträts in seinem Werk in deutlich geringeren Umfang. In den 1860er Jahren hatte er eine Reihe von lebensgroßen Männerbildnissen geschaffen, die vor allem spanische Motive darstellten oder Personen aus dem Kreis der Bettler zeigten, darunter das lebensgroße Werk Absinthtrinker (Ny Carlsberg Glyptotek, Kopenhagen). 1875 knüpfte er daran mit dem Gemälde Der Künstler (Museu de Arte de São Paulo) an, dass den befreundeten Maler Marcellin Desboutin als Bohémien zeigt. Er ist wie später der stehende Proust vor dunklem Hintergrund wiedergegeben. Ein weiterer Malerfreund war Émile Auguste Carolus-Duran, den Manet 1876 bei einem Landausflug mit einem Garten im Hintergrund porträtierte (Barber Institute of Fine Arts, Birmingham). Hier findet sich bereits die Geste mit der auf einen Stock gestützten Hand, die zugleich einen Hut hält. Wenig später fand die Haltung im Bildnis von Antonin Proust ihre Entsprechung. Eine weitere lebensgroße Darstellung eines Mannes zeigte Manet im Gemälde Der Sänger Faure als Hamlet (zwei Fassungen: Hamburger Kunsthalle und Museum Folkwang, Essen). Mit dem Degen in der Hand stellte Manet hier den Sänger Jean-Baptiste Faure in einer Bühnenrolle dar. Ebenfalls in seiner Berufskleidung porträtierte sich Manet selbst (Artizon Museum, Tokio). In diesem kleinformatigen Bild von 1878 trägt Manet seine Malerjacke und eine dazu passende Kopfbedeckung, wiederum vor neutralem Hintergrund. Dieses Selbstbildnis steht im Gegensatz zu Fantin-Latours Manet-Bildnis, in dem er als Dandy porträtiert wurde. Solch eine vornehme Pariser Figur, wie sie als Flaneur mit Zylinder und Gehstock in den Straßen der Stadt anzutreffen war, ist wiederholt auch bei Manet zu finden. So hatte er bereits 1868 im Kleinformat den befreundetet Schriftsteller Théodore Duret mit Melone und Spazierstock gemalt (Petit Palais, Paris). Diesen Typus eines Flaneurs – diesmal mit Anzug und Zylinder an einer Straßenecke – griff Manet 1879 in der kleinen Skizze Der Spaziergang (Deji Art Museum, Nanjing) erneut auf. Im selben Jahr porträtierte Manet in zwei Fassungen Monsieur Brun (Nationalmuseum für westliche Kunst, Tokio und Privatsammlung). Hierin erscheint der Porträtierte als modisch gekleidete städtische Figur auf einem Gartenweg. In diese Folge von Männerporträts reiht sich die 1877 begonnene Skizze des Antonin Proust ein, die später von fremder Hand ergänzt wurde. Das Thema des Dandy oder Flaneurs hatte Manet über mehrere Jahre interessiert und immer wieder aufgenommen.

Provenienz