mini|hochkant=1.5|Die Amazonasmündung (in der oberen Bildmitte). Der Abfluss, die Amazonasflussfahne, macht etwa 20 % des weltweiten Süßwassereintrags von der Landoberfläche in die Ozeane aus.
Flusswasserfahne, auch Flussfahne (), bezeichnet eine dynamische, oft geschichtete Wassermasse, die an der Mündung eines Flusses oder Ästuars in ein größeres stehendes oder strömendes Gewässer (z. B. Meer, Randmeer, Bodden) eintritt und dort in charakteristischer Weise mit Salz- und Küstenwasser interagiert. Kennzeichen sind eine oberflächennahe, geringere Dichte, starke Gradienten in Salzgehalt und Trübung sowie eine überwiegend horizontale Ausdehnung gegenüber der vertikalen.The hydrographic-hydrochemical state of the Baltic Sea 2023 Website Leibniz Institute for Baltic Sea Research Warnemünde (iow), abgerufen am 17. September 2025. Die Ausbreitung und Struktur einer Flusswasserfahne wird primär durch den Flusswasserabfluss, die Gezeiten, die Corioliskraft, den Wind und die Topographie des Meeresbodens gesteuert.Alexander R. Horner-Devine, Robert D. Hetland and Daniel G. MacDonald (2015): Mixing and Transport in Coastal River Plumes. In: Annual Review of Fluid Mechanics, Band 47 (2015), S. 569–594. DOI:10.1146/annurev-fluid-010313-141408.Alexander Osadchiev, Igor Medvedev, Sergey Shchuka, Mikhail Kulikov, Eduard Spivak, Maria Pisareva, and Igor Semiletov (2020): Influence of estuarine tidal mixing on structure and spatial scales of large river plumes. In: Ocean Science, Band 16 (2020), Ausgabe 4, S. 781–798. DOI:10.5194/os-16-781-2020.Ming Li, Zengrui Rong (2012): Effects of tides on freshwater and volume transports in the Changjiang River plume. In: Journal of Geophysical Research: Oceans, Band 117, Ausgabe C6, C06017. DOI:10.1029/2011JC007716.
Ihre Struktur gliedert sich in ein Nahfeld, in dem Strömung und Auftrieb des Flusses dominieren, ein Mittelfeld, in dem Wind und Gezeiten eine zunehmende Rolle spielen, und ein Fernfeld, in dem großräumige Strömungen und Coriolis-Kräfte die Ausbreitung bestimmen. Die Form einer Fahne hängt entscheidend vom Abflussvolumen des Flusses, von der Windrichtung, den Gezeiten und der Küstenmorphologie ab. In der Ostsee, die nur schwache Tiden aufweist, steuert der Wind die Ausbreitung besonders stark.
Entstehung und Struktur Beim Eintritt des leichteren Süßwassers in das dichtere Salzwasser kommt es aufgrund des Dichteunterschieds zur Bildung einer buoyanten (auftriebsgetriebenen) Fahne. Ihre räumliche Ausdehnung kann von wenigen Kilometern bis zu mehreren hundert Kilometern reichen. Horizontal gliedert sich eine Flussfahne oft in zwei Hauptbereiche: eine vertikal durchmischte Übergangsregion nahe der Mündung und ein oft schichtförmiges Ausbreitungsgebiet. An den Rändern der Fahne bilden sich häufig scharfe Fronten (Plume Fronts) aus, schmale Übergangszonen, an denen sich die Wassermassen unterschiedlicher Dichte treffen und intensive horizontale und vertikale Durchmischungsprozesse stattfinden.Qian P. Li, Weiwen Zhou, Yinchao Chen, Zhengchao Wu (2018): Phytoplankton response to a plume front in the northern South China Sea. In: Biogeosciences, Band 15 (2018), Ausgabe 8, S. 2551–2563. DOI:10.5194/bg-15-2551-2018.Tao Wang, Roy Barkan, James C. McWilliams, M. Jeroen Molemaker (2021): Structure of Submesoscale Fronts of the Mississippi River Plume. In: Journal of Physical Oceanography, Band 51 (2021), Ausgabe 4, S. 803–819. DOI:10.1175/JPO-D-20-0191.1.
Aufgrund der großen Dichteunterschiede kommt es an diesen Fronten zu starken turbulenten und Scherkräften, die eine intensive vertikale und horizontale Durchmischung der Wassermassen antreiben. Oft sind diese Fronten sogar mit bloßem Auge oder auf Satellitenbildern sichtbar, da sich das trübe, sedimentreiche Flusswasser und das klare Meerwasser nur langsam vermischen und eine scharfe Grenzlinie bilden. Diese Fronten sind von großer ökologischer Bedeutung. Die hereingemischten Nährstoffe aus dem Fluss führen zu einer starken Produktion von Phytoplankton (Algenblüten). Dies zieht wiederum Zooplankton und größere Meerestiere an und macht diese Zonen zu produktiven Futtergründen. Forschungen zeigen, dass sich entlang dieser scharfen Fronten oft komplexe, kleinräumige (submesoskalige) Strukturen wie Wirbel und Filamente ausbilden, die den Transport und die Durchmischung weiter beeinflussen.
Bestimmende Faktoren Flusswasserabfluss (Discharge): Die Menge des zufließenden Süßwassers ist der primäre Antrieb für die Ausbreitung. Höhere Abflussmengen, z. B. während der Schneeschmelze oder nach Niederschlagsereignissen, führen zu größeren und energiereicheren Fahnen. Gezeiten (Tides): Gezeiten modulieren die Fahnenstruktur erheblich. In tidengeprägten Systemen kann die Fahne während der Flutphase nahezu vollständig zurückgedrängt werden und während der Ebbephase energisch ausströmen. Dies führt zu einer pulsierenden, eher kompakten Struktur mit intensiverer Durchmischung im Nahfeld. Wind: Winde können die Ausbreitungsrichtung einer Fahne maßgeblich beeinflussen und sie entlang der Küste treiben („Wind-beeinflusste Fahne“) oder ihre vertikale Schichtung durch Durchmischung verändern.Hemanth Vundavilli, Julia C. Mullarney, Iain T. MacDonald (2024): The Influence of River Plume Discharge and Winds on Sediment Transport into a Coastal Mangrove Environment. In: Estuaries and Coasts, Band 47 (2024), S. 1236–1254. DOI:10.1007/s12237-024-01367-2. Corioliskraft: Auf der Nordhalbkugel bewirkt die Erdrotation (Corioliskraft) typischerweise eine rechtsdrehende (zyklonale) Ablenkung der ausströmenden Fahne und eine Ausbreitung entlang der Küste. Küstentopographie: Untiefen, Kanäle und insbesondere Inseln können die Strömungspfade der Fahne lenken, ihre Ausbreitung behindern oder in mehrere Äste aufteilen.Xiangyu Li, Evridiki Chrysagi, Knut Klingbeil, Hans Burchard (2024): Impact of Islands on Tidally Dominated River Plumes: A High‐Resolution Modeling Study. In: Journal of Geophysical Research: Oceans, Band 129 (2024), Ausgabe 2, e2023JC020272. DOI:10.1029/2023JC020272.
Dynamik Eine Flusswasserfahne ist kein statisches, stabiles Gebilde, sondern verändert sich ständig, schnell und auf komplexe Weise.
Räumliche Veränderung (Form und Ausdehnung): Die Fahne verändert permanent ihre Form, Richtung und Größe. Sie kann sich einmal küstenparallel ausbreiten, einmal direkt seewärts strömen. Ihre Ausdehnung kann sich innerhalb weniger Stunden oder Tage dramatisch vergrößern oder verkleinern. Zeitliche Veränderung: Die Fahne pulsiert mit den Gezeiten. Während der Ebbe schießt eine große Menge Süßwasser heraus und bildet eine ausgeprägte Fahne. Während der Flut kann dieser Prozess nahezu zum Erliegen kommen oder sich sogar umkehren, wobei Salzwasser in die Flussmündung eindringt und die Fahne temporär „zerschneidet“ oder zurückdrängt. Auch der Wind kann die Fahne innerhalb von Stunden komplett umlenken. Ein anhaltender ablandiger Wind kann die Fahne weit aufs Meer hinausdrücken, während ein auflandiger Wind sie an die Küste presst und verdünnt.Hemanth Vundavilli, Julia C. Mullarney, Iain T. MacDonald (2024): The Influence of River Plume Discharge and Winds on Sediment Transport into a Coastal Mangrove Environment. In: Estuaries and Coasts, Band 47 (2024), S. 1236–1254. DOI:10.1007/s12237-024-01367-2. Interne Prozesse (Durchmischung und Schichtung): Innerhalb der Fahne finden ständig intensive Durchmischungsprozesse statt. An den Rändern (den Fronten) vermischt sich das Süßwasser turbulent mit dem Salzwasser. Diese Prozesse sind kleinräumig und hochkomplex, was die Fahne intern sehr heterogen macht. Reaktion auf Antriebskräfte: Die Fahne ist kein passives Gebilde, das einfach nur vom Fluss weggedrückt wird. Sie reagiert aktiv und nichtlinear auf die einwirkenden Kräfte (Flussabfluss, Gezeiten, Wind, Corioliskraft). Die genaue Reaktion ist oft schwer vorherzusagen, da sich diese Kräfte überlagern und manchmal sogar gegenseitig aufheben oder auch verstärken können.
Ökologische und Umweltrelevanz Flusswasserfahnen sind biogeochemische Hotspots in Küstenregionen. Sie transportieren große Mengen an gelösten und partikulären Stoffen, darunter: Nährstoffe: Sie führen Nährstoffe (Nitrate, Phosphate, Silikate) aus dem Einzugsgebiet ins Meer, die das Algenwachstum (Phytoplanktonblüten) anregen und die Basis des marinen Nahrungsnetzes bilden Sedimente: Eingetragene Sedimente beeinflussen die Wasserqualität (Trübung), die Sedimentation in Küstengebieten und die Morphologie des Meeresbodens. Schadstoffe: Gleichzeitig können auch Schadstoffe und organische Belastungen in die Küstenökosysteme eingetragen werden.
Die frontalen Zonen von Flussfahnen sind oft besonders produktive Bereiche, in denen sich Zooplankton und Fische konzentrieren. Die Untersuchung von Flusswasserfahnen ist daher für das Verständnis der Küstendynamik, des Sedimenttransports, der Nährstoffkreisläufe und des Ökosystemmanagements von entscheidender Bedeutung.
Regionale Beispiele Neben gut untersuchten großen Flusswasserfahnen z. B. des AmazonasThomas B. Curtin (1986): Physical observations in the plume region of the Amazon River during peak discharge—III. Currents. In: Continental Shelf Research, Band 6 (1986), Ausgabe 1–2, S. 73–86. DOI:10.1016/0278-4343(86)90054-3., des OrinocoC. Newinger, R. Toumi (2015): Potential impact of the colored Amazon and Orinoco plume on tropical cyclone intensity. In: JGR Oceans, Band 120 (2015), Ausgabe 2, S. 1296–1317. DOI:10.1002/2014JC010533., des KongoJo Hopkins, Marc Lucas, Claire Dufau, Marion Sutton, Jacques Stum, Olivier Lauret, Claire Channelliere (2013): Detection and variability of the Congo River plume from satellite derived sea surface temperature, salinity, ocean colour and sea level. In: Remote Sensing of Environment, Volume 139 (2013), S. 365–385. DOI:10.1016/j.rse.2013.08.015., des Mississippi oder des Mekong gibt es auch wissenschaftlich erforschte Plumes von Flüssen in der Nord- und Ostsee:
Elbe: Die Flusswasserfahne der Elbe ist ein aktiver, dynamischer Motor für die Zirkulation in der Deutschen Bucht. Insbesondere moduliert sie die Wirbelbildung, die durch Wind angetrieben wird, und führt zur Entstehung komplexer Wirbelsysteme. Die von der Fahne beeinflussten Wirbel haben wiederum entscheidende Auswirkungen auf ökologische Prozesse wie den Transport von Larven, Sedimenten, Schadstoffen und die Entstehung von Sauerstoff-Minimum-Zonen.Joachim W. Dippner (1998): Vorticity analysis of transient shallow water eddy fields at the river plume front of the River Elbe in the German Bight. In: Journal of Marine Systems, Band 14 (1998), Ausgabe 1–2, S. 117–133. DOI:10.1016/S0924-7963(97)00008-0.
Oder (Odra): Die Oder ist eine der bedeutendsten Quellen für einerseits Nährstoffe und andererseits auch Schadstoffe an der südwestlichen Ostseeküste; Modell- und Fernerkundungsstudien zeigen variable, jahreszeitlich und witterungsabhängig stark schwankende Fahnen, die bei Extremereignissen weite Küstenbereiche beeinflussen.Gerald Schernewski, Thomas Neumann, Victor Podsetchine, Herbert Siegel (2001): Spatial impact of the Oder river plume on water quality along the south-western Baltic coast. In: International Journal of Hygiene and Environmental Health, Volume 204 (2001), Issues 2–3, S. 143–155. DOI:10.1078/1438-4639-00086. Rigaischer Meerbusen / Düna/Daugava-Fahne: Untersuchungen im Golf von Riga haben die Entwicklung und Dynamik einer Fluss-„bulge“ in einem (nahezu) nicht-tidenbeeinflussten Becken beschrieben und die Rolle der Wind-getriebenen Zirkulation hervorgehoben.Edith Soosaar, Ilja Maljutenko, Rivo Uiboupin, Maris Skudra, and Urmas Raudsepp (2016): River bulge evolution and dynamics in a non-tidal sea – Daugava River plume in the Gulf of Riga. In: Ocean Science, Band 12 (2016), Ausgabe 2, S. 417–432. DOI:10.5194/os-12-417-2016.