Nuestra Tierra – Landmarks (Originaltitel: Nuestra tierra) ist der erste lange Dokumentarfilm der argentinischen Filmemacherin Lucrecia Martel. Die internationale Produktion thematisiert den Mord am Diaguita-Häuptling Javier Chocobar durch weiße Landbesitzer im Jahr 2009.

Nuestra Tierra feierte auf den Filmfestspielen von Venedig 2025 internationale Premiere. Der Verleihstart in Deutschland ist noch unbekannt.

Handlung Der Film beginnt mit Satellitenansichten der Erde, während eine Stimme von „nuestra tierra“, also „unserem Land“ oder „unserer Erde“ singt. In Drohnenaufnahmen wird die Landschaft der Gemeinde Chuschagasta im Norden Argentiniens gezeigt, anfangs ist Wildnis zu sehen, später fliegt die Drohne über klar konturierte Felder und Straßen. Schließlich wird eine Frauenfußballmannschaft gezeigt, eine ältere indigene Frau feuert eine der jungen Spielerinnen an.

Das Zentrum der Handlung bildet die Ermordung von Javier Chocobar, Diaguita-Häuptling der Gemeinde Chuschagasta, im Jahr 2009. Drei bewaffnete Weiße behaupteten, Eigentümer des Grundes zu sein, auf dem Chuschagasta liegt. Ihre Familienangehörigen hätten das Land rechtmäßig erstanden. Beim anschließenden Streit wurde der 68-jährige Chocobar von einem der Männer, Darío Amín, erschossen, zwei weitere Angehörige der Chuschagasta-Gemeinschaft wurden verletzt. Die Tat wurde mit Handyvideos festgehalten. Trotzdem dauerte es neun Jahre, bis es 2018 zum Prozess kam. Die Verdächtigen blieben während dieser Zeit auf freiem Fuß.

Martel zeigt im Laufe des Prozesses durchgeführte Reenactements des Mordes, Zeugenaussagen im Gerichtssaal, sowie die Handyaufnahmen vom Mord an Chocobar. Parallel dazu berichten Angehörige der indigenen Chuschagasta-Gemeinschaft in langen Interviewszenen von ihrem Alltag und ihren Lebenswegen. Einigen von ihnen erfuhren erst spät im Leben, dass sie Indigene sind. Während sie in der Schule lernten, wer Amerika entdeckt hat, und wie sich die spanischen Siedler gegen Ureinwohner zur Wehr setzten, wurde verschwiegen, dass weiterhin Nachkommen der Indigenen – sie selbst – in Argentinien leben. Aus den Erzählungen der Chuschagasta wird nach und nach deutlich, wie die Existenz und Identität der Indigenen verleugnet wurde, damit die Kolonialherren sich scheinbar rechtmäßig deren Land aneignen konnten.

Den Schluss des Films bildet der Urteilsspruch, die Täter werden zu langen Haftstrafen verurteilt. Im Abspann wird erklärt, die Männer seien zwei Jahre später bereits wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Während Darío Amín an Covid-19 verstarb, kamen seine zwei Mittäter 2025 nach einer Revision des Obersten Gerichtshofs erneut ins Gefängnis.

Rezeption Variety beschreibt Nuestra Tierra als sich langsam entwickelnde Aufarbeitung des Mordes an Javier Chocobar. Der Film verlange den Zuschauern Geduld ab, belohne sie jedoch mit einem tiefen Einblick in die lateinamerikanische Geschichte. Auswirkungen des Kolonialismus und Vorurteile Indigenen gegenüber würden sichtbar gemacht. Im Vergleich zu Martels älteren Filmen sei das Werk, ihr erster Dokumentarfilm, geradlinig konstruiert.

Für den Rolling Stone gehörte Nuestra Tierra zu den zehn besten Filmen auf dem Toronto Film Festival 2025. Martels Ansatz, die Handlung nicht chronologisch zu erzählen, gleiche der Technik eines Murals. Viel Zeit werde verwendet, um die Lebensumstände und die Geschichte der indigenen Bevölkerung zu beleuchten. Der fesselnde Film rege zum Nachdenken an.

Indiewire geht auf die von Martel und ihrem Team kreierten Klanglandschaften ein: Die Szenen im Gerichtssaal würden durch die Verwendung von Nebengeräuschen wie Rascheln, Schlurfen und Tippen in akustischer Hinsicht surreal und horrorfilmartig. Archivaufnahmen aus Chuschagasta würden durch die Unterlegung mit Schaufel- und Arbeitsgeräuschen mit „Arbeit und Ausbeutung“ verknüpft. Auf der visuellen Ebene sei der Einsatz von Drohnenaufnahmen bemerkenswert: Diese Art von Bildmaterial werde in Netflix-Dokus viel zu oft eingesetzt, funktioniere bei Nuestra Tierra jedoch gut, es entstehe ein beängstigender und voyeuristischer Eindruck. Auch der Hollywood Reporter erwähnt den Einsatz der Drohnen für die Kameraarbeit und betont die Schönheit der dadurch entstandenen Landschaftsaufnahmen. Lucrecia Martel erläuterte in einem Interview, dass sie durch die Drohnenaufnahmen der Polizei inspiriert wurde, mit denen das Reenactment des Verbrechens für den Gerichtsprozess gefilmt wurde. Durch die Aufnahmen von oben begreife man den Aufbau der Landschaft, auch ihre Schönheit vermittle sich so besser.

Produktionsnotizen und Vertrieb Bereits in den 1990er Jahren drehte Lucrecia Martel kurze TV-Dokumentationen. An ihrem ersten langen Dokumentarfilm arbeitete sie 15 Jahre – seit der Ermordung Javier Chocobars 2009. Handlungsort ist, ähnlich wie bei ihren Spielfilmen, der Norden Argentiniens.

Einige der im Film gezeigten Passagen entstanden in einem Filmworkshop, den Kameramann Ernesto de Carvalho zusammen mit Einwohnern von Chuschagasta veranstaltete. In diesen Videos wird der familiäre Alltag in der Gemeinde gezeigt sowie die Trauer der Chuschagasta um ihren Bruder, Onkel oder Freund, Javier Chocobar.

Die internationale Premiere von Nuestra Tierra fand 2025 auf den Filmfestspielen von Venedig statt, der Film lief außerhalb des Wettbewerbs. Im gleichen Jahr war er auf der Viennale zu sehen. 2026 lief er auf dem Göteborg Film Festival und auf dem Filmfest München.

Auszeichnungen

Bereits 2020 erhielt Martel einen Pardo des Filmfestivals von Locarno für „das beste internationale Projekt“. Der Film hatte damals noch den Arbeitstitel Chocobar. 2025: Bester Film beim London Film Festival 2026: „Special Award For a Film Awaiting U.S. Distribution“ der National Society of Film Critics

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Einzelnachweise

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