Interpersonale Gewalt bezeichnet gewalttätiges Verhalten zwischen einzelnen Personen oder Gruppen. Im engeren Sinne beschreibt der Begriff Handlungen einer oder mehrerer Personen, die sich gegen eine oder mehrere andere Personen richten und diesen Schaden zufügen oder zufügen sollen.

Begriffsdefinition Personale Gewalt umfasst „die beabsichtigte physische und/oder psychische Schädigung einer Person, von Lebewesen und Sachen durch eine andere Person“.Kunczik, J. (1998). Definition von personeller Gewalt. S. 13. Interpersonale Gewalt stellt eine spezialisierte Form dieser Gewalt dar, bei der das Verhalten unmittelbar gegen andere Personen gerichtet ist.Scheithauer, H. (2003). Interpersonale Gewalt – Definitionen und Abgrenzungen.

Kriterien Nach Kruttschnitt (1994) lassen sich drei zentrale Kriterien unterscheiden:Kruttschnitt, J. (1994). Kriterien interpersonaler Gewalt.

Verhaltensweisen einer oder mehrerer Personen, die zu einer körperlichen Schädigung führen, diese androhen oder versuchen. Die Tat muss dabei nicht erfolgreich oder vollständig ausgeführt sein. Intention der Schädigung: Es muss eine Absicht zur physischen Verletzung vorliegen (Fahrlässigkeit oder Rücksichtslosigkeit sind ausgeschlossen). Vorhandensein eines Opfers: Die Gewalt richtet sich gegen eine oder mehrere konkrete Personen.

Historische Entwicklung Bereits im 19. Jahrhundert wiesen Kriminologen wie Cesare Lombroso darauf hin, dass Grausamkeit gegenüber Tieren ein mögliches Anzeichen für spätere Gewaltkriminalität sein könne.Lombroso, C. (1876). L'uomo delinquente. Mailand. In den 1970er Jahren wurde in den USA zunehmend der Zusammenhang zwischen Tierquälerei, Kindesmissbrauch und häuslicher Gewalt erforscht. Daraus entwickelte sich das sogenannte Link-Konzept, das Tiermisshandlung als Frühwarnsignal für interpersonale Gewalt versteht.Ascione, F. R. (1993). Children who are cruel to animals: A review of research and implications for developmental psychopathology. Anthrozoös, 6(4), 226–247.

Zusammenhang zwischen Tierquälerei und interpersonaler Gewalt Forschungen der Kriminologie und Psychologie weisen auf einen engen Zusammenhang zwischen Tierquälerei und interpersonaler Gewalt hin. Dieser Zusammenhang wird auch als Link-Theorie bezeichnet.Gullone, E. (2012). Animal cruelty, antisocial behaviour, and aggression: More than a link. Palgrave Macmillan.

Tierquälerei gilt häufig als Indikator für ein erhöhtes Risiko späterer gewalttätiger Handlungen gegenüber Menschen. Studien zeigen, dass Personen, die in Kindheit oder Jugend Tiere misshandeln, überproportional oft auch aggressives Verhalten gegenüber Mitmenschen entwickeln.Scheithauer, H.; Rosenbach, C.; Niebank, K. (2008). Gelingensbedingungen für die Prävention von interpersonaler Gewalt im Kindes- und Jugendalter. Bonn: Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention.

Auch im Bereich der häuslichen Gewalt und des Kindesmissbrauchs wurde ein Zusammenhang festgestellt: Gewalt gegen Tiere tritt hier häufig parallel zu Gewalt gegen Partnerinnen, Partner oder Kinder auf.DeViney, E., Dickert, J., & Lockwood, R. (1983). The care of pets within child abusing families. International Journal for the Study of Animal Problems, 4(4), 321–329.

Forschung von Arnold Arluke Der US-amerikanische Soziologe Arnold Arluke gehört zu den führenden Forschern, die den Zusammenhang zwischen Tierquälerei und interpersonaler Gewalt untersucht haben. In mehreren Studien konnte er zeigen, dass Tiermisshandlung häufig als Teil eines größeren Musters von Gewalt auftritt.Arluke, A., & Luke, C. (1993). Physical cruelty toward animals in Massachusetts, 1975–1990. Society & Animals, 1(2), 151–162.

Arluke prägte unter anderem die sogenannte Graduation Hypothesis, nach der Tierquälerei in Kindheit und Jugend als „Einstiegsdelikt“ fungieren kann, das in späteren Jahren mit einem erhöhten Risiko für Gewalt gegen Menschen einhergeht.Arluke, A., Levin, J., Luke, C., & Ascione, F. (1999). The relationship of animal abuse to violence and other forms of antisocial behavior. Journal of Interpersonal Violence, 14(9), 963–975.

So untersuchte er mögliche Zusammenhänge zwischen Tierquälerei und späterem antisozialen bzw. gewalttätigem Verhalten. Dabei kam er zu dem Ergebnis, dass Tierquälerei nicht generell als verlässlicher Frühindikator für spätere Gewalt gelten kann. Nur ein Teil der Fälle sei mit späteren Verhaltensproblemen verbunden, und zwar vor allem dann, wenn Tierquälerei wiederholt auftritt, sich gegen „höhere Tiere“ richtet, den Tätern die Tiere oder deren Besitzer bekannt sind und die Gewalt direkt ausgeübt wird (etwa durch Erwürgen statt indirekter Methoden wie Vergiften).

Darüber hinaus untersuchte er die Überschneidung von Tiermisshandlung mit Formen der häuslichen Gewalt und des Kindesmissbrauchs. Seine Arbeiten belegen, dass Gewalt gegen Tiere in Familienkontexten häufig parallel zu anderen Gewaltformen auftritt und daher als Warnsignal für interpersonale Gewalt betrachtet werden kann.Arluke, A. (2006). Just a Dog: Understanding Animal Cruelty and Ourselves. Temple University Press.

Psychologische Erklärungsansätze Ein klassisches Modell ist die sogenannte Macdonald-Trias, die eine Verbindung zwischen Tierquälerei, wiederholtem Feuerlegen und Bettnässen (Enuresis) in der Kindheit herstellt. Dieses Muster wurde als mögliches Anzeichen für spätere Gewalt- und Kriminalitätsentwicklung beschrieben.Macdonald, J. M. (1963). The threat to kill. American Journal of Psychiatry, 120(2), 125–130.

Weitere psychologische Perspektiven betonen den Zusammenhang von Tierquälerei mit antisozialen Persönlichkeitsstörungen sowie der unzureichenden Entwicklung von Empathie im Kindesalter.

Kriminalpräventive Bedeutung Tierquälerei wird in der Gewaltprävention zunehmend als Frühwarnsignal verstanden. Multidisziplinäre Ansätze – mit Beteiligung von Polizei, Jugendämtern, Tierärzten und Sozialarbeit – haben sich in mehreren Ländern etabliert.Arkow, P. (2013). Breaking the cycles of violence: A guide to multi-disciplinary responses to families and animals in crisis. Latham Foundation.

In den USA und Großbritannien bestehen in einigen Bundesstaaten und Regionen bereits Meldepflichten für Tierärzte, die Verdachtsfälle von Misshandlung dokumentieren müssen, da diese als Risikofaktor für häusliche Gewalt oder Kindesmissbrauch gelten.

Gesellschaftliche Folgen Gewalt gegen Tiere wie auch interpersonale Gewalt verursachen erhebliche gesellschaftliche Folgekosten. Dazu zählen Belastungen im Gesundheitswesen, im Strafrechtssystem sowie soziale Langzeitfolgen für betroffene Familien. Darüber hinaus wird die Förderung von Empathie im Umgang mit Tieren zunehmend als präventiver Faktor für die Verringerung interpersonaler Gewalt angesehen.

Resonanz in den Massenmedien Die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA), ein im Mai 1997 gegründeter deutscher Zusammenschluss von Medienwissenschaftlern und Journalisten, die die Öffentlichkeit auf Themen und Nachrichten aufmerksam machen möchten, die ihrer Meinung nach von den Massenmedien vernachlässigt werden, führte den Zusammenhang zwischen Tierquälerei und interpersonaler Gewalt, 2023 in ihren „Top 10 vernachlässigter Themen“ auf.Initiative Nachrichtenaufklärung: 2023: Top-Thema 10 - Der Zusammenhang von Tierquälerei und interpersonaler Gewalt, derblindefleck.de/

Literatur Arluke, Arnold; Luke, Carmen (1993): Physical cruelty toward animals in Massachusetts, 1975–1990. In: Society & Animals, 1(2), S. 151–162. Arluke, Arnold; Levin, Jack; Luke, Carmen; Ascione, Frank R. (1999): The relationship of animal abuse to violence and other forms of antisocial behavior. In: Journal of Interpersonal Violence, 14(9), S. 963–975. Arluke, Arnold (2006): Just a Dog: Understanding Animal Cruelty and Ourselves. Philadelphia: Temple University Press. Ascione, Frank R. (1993): Children who are cruel to animals: A review of research and implications for developmental psychopathology. In: Anthrozoös, 6(4), S. 226–247. Gullone, Eleonora (2012): Animal cruelty, antisocial behaviour, and aggression: More than a link. Basingstoke: Palgrave Macmillan. Scheithauer, Herbert; Rosenbach, Charlotte; Niebank, Kay (2008): Gelingensbedingungen für die Prävention von interpersonaler Gewalt im Kindes- und Jugendalter. Bonn: Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention. Kunczik, J. (1998): Definition von personeller Gewalt. Kruttschnitt, J. (1994): Kriterien interpersonaler Gewalt. Macdonald, J. M. (1963): The threat to kill. American Journal of Psychiatry, 120(2), 125–130. Arkow, Phil (2013): Breaking the cycles of violence: A guide to multi-disciplinary responses to families and animals in crisis. Latham Foundation.

Weblinks Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention National Link Coalition (USA) (englisch)

Einzelnachweise

Kategorie:Gewalt