Die Insel-Bücherei ist eine seit 1912 bestehende Buchreihe des Insel Verlags. In der Reihe wurden zunächst kleinere Werke aus Lyrik, Prosa und Essayistik klassischer Autoren und zeitgenössischer Verlagsautoren ediert. Später traten Kunst- und Naturdarstellungen, Texte der Märchen- und Sagenwelt sowie Lizenzausgaben von Autoren anderer Verlage hinzu. Typografie und Ausstattung der Pappbände sollten bei einem moderaten Verkaufspreis stets hohen buchästhetischen Ansprüchen gerecht werden. Die durch ihre farbigen Musterpapiere sowie ihr Titel- und Rückenschild weitgehend einheitlich gestaltete Reihe überstand aufgrund ihres durchdachten verlegerischen Konzepts alle wirtschaftlichen und politischen Fährnisse insbesondere im Ergebnis der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts sowie der Inflation, der nationalsozialistischen Diktatur und der deutschen Teilung, so dass bis 2026 Bände von Nummer 1 bis 1569 erschienen sind.Ab 2012 erscheinen auch Bände in abweichendem Format mit gesonderter, auf dem Einband nicht sichtbarer Nummerierung, die hier außen vor gelassen wurden.
Vom Beginn 1912 bis zum Jahr 1913 Von der Idee zur Reihe Bereits im Jahr 1908 erschienen im Insel Verlag, der seit 1906 unter alleiniger Führung von Anton Kippenberg stand, als preiswerte Ausgaben die ersten sogenannten „2-Mark-Bücher“. 1911 folgte die „Bibliothek der Romane“, die zum Buchpreis von 3 Mark in den Sortimentshandel kam. Beide Reihen wurden von Emil Rudolf Weiß ausgestattet.
Am 23. Mai 1912 trat der Verlag mit der Ankündigung seiner sorgfältig vorbereiteten Insel-Bücherei an die Öffentlichkeit. Sie wurde dem Buchhandel auf der 1. Umschlagseite der Nummer 118 des Börsenblatts für den Deutschen Buchhandel vom 23. Mai 1912Abbildung der Seite auf dem Digitalisat der Nr. 118 der SLUB Dresden. und durch folgendes Rundschreiben angekündigt: Der Wortlaut wurde nochmals in der Jubiläumsschrift, Die Insel-Bücherei 1912–1937, Insel Verlag, Leipzig 1937, S. 6 ff., abgedruckt.
Stefan Zweig gilt ohne jeden Zweifel als geistiger Mitschöpfer dieser PublikationsideeSusanne Buchinger, Europäisches Erbe für die Welt von morgen. Stefan Zweig-Rezeption in der Nachkriegszeit, in: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel, Frankfurt am Main und Leipzig 1999, Beilage Buchhandelsgeschichte, S.B57-B68. In seinen Erinnerungen „Die Welt von Gestern“ schreibt er dazu: „so ist die Insel-Bücherei [...] auf einen Vorschlag von mir entstanden.“ Dies ließ Kippenberg – wiederholt und entschieden – nicht unwidersprochen. Nimmt man die bekannten Fakten zusammen, wurde zwischen Kippenberg und Zweig, dem ursprünglich eine monatlich zum Preis von 20 Pfg. erscheinende Heftreihe („Flugschriften“/„Flugblätter“) mit einem Vertrieb vorzugsweise im Pop Abonnementsystem vorschwebte, bei einem in Leipzig am 19. November 1909 stattgefundenen Treffen die Etablierung einer preisgünstigen Reihe im Insel Verlag mit laufendem Bezug besprochen. Dabei gab Zweig sicher wichtige Anregungen zum inhaltlichen Konzept, spricht aber in seinem Brief an Kippenberg vom 23. November 1909, im Nachgang zu dem Treffen, selbst von „unserem grossen und entscheidenden Plan der Flugschriften zu 20 Pfg.“Oliver Matuschek, Klemens Renoldner (Hrsg.): Anton Kippenberg. Stefan Zweig. Briefwechsel 1905–1937. Insel Verlag, Berlin 2022, S. 89., so dass die Frage des ersten Ideengebers für die Reihe wohl nicht entschieden werden kann.So auch Donald Prater: Stefan Zweig und die Insel Bücherei. in: Hans-Eugen Bühler und Jochen Lengemann (Hrsg.): Insel-Bücherei. Mitteilungen für Freunde. Nummer 5. Insel Verlag, Frankfurt am Main/Leipzig 1992, S. 7 ff. Die endgültige Gestalt, die Erscheinungsweise nebst Verkaufspreis und auch – was bei einem auf größere Dauer angelegten Projekt sehr wichtig ist – die Namensgebung gehen letztendlich auf Anton Kippenberg zurück, der als Verleger vor allem unter dem ökonomischen Gesichtspunkt alle Aspekte der neuen Buchreihe im Blick haben musste.Nachdem also der Gedanke einer preiswerten Buchreihe Ende 1909 erstmals erörtert worden war, hatte Zweig den Verleger in mehreren drängenden Briefen, insbesondere von April 1911 bis Januar 1912, an die „Flugblätter“ erinnert und zuletzt sogar die Besorgnis eines Scheiterns des Projekts geäußert. In einem längeren Brief vom 5. Januar 1912 teilte Kippenberg dem Autor dann aber mit, dass „der Plan der Insel-Hefte [...] nicht zunichte geworden“ sei, sondern kurz vor seiner Verwirklichung stünde und die Sammlung „Insel-Bücherei“ heißen solle.Oliver Matuschek, Klemens Renoldner (Hrsg.): Anton Kippenberg. Stefan Zweig. Briefwechsel 1905–1937. Insel Verlag, Berlin 2022, S. 115 ff., insbes. S. 131. In diesem Zusammenhang erhellend ist ein Verlagsprospekt aus dem Jahr 1910, also zwei Jahre vor dem Erscheinen der Insel–Bücherei, dessen Inhalt und Überschrift „Insel-Bücherei. Klassische Werke aller Völker und Zeiten“ – schon die Ingredienzien der Buchreihe vorwegnimmt. Hier äußerte sich noch der verlegerische Gedanke, beim Käufer eine vollständige klassische Bibliothek aus dem bis dahin laufenden Verlagsprogramm der Insel entstehen zu lassen. Zwei Jahre später war das Vorhaben – ohne die inhaltliche Seite grundsätzlich zu verändern – bei der Insel-Bücherei auf die Reihenform heruntergebrochen worden. Die hier erfolgte Verwendung des Namens „Insel-Bücherei“ dürfte belegen, dass Kippenberg den von ihm schon 1910 geäußerten Gedanken einer klassischen Weltbibliothek aus seinem Verlag nach reiflichem Überlegen mit Veröffentlichung der ersten zwölf Reihenbände im Mai 1912, wenn auch in der Form verändert, in die Tat umgesetzt hat. Nicht wenige der im Prospekt genannten Publikationen sind später auch in der Insel-Bücherei erschienen – Eduard Mörike: Mozart auf der Reise nach Prag (IB 230), Ernst Hardt: An den Toren des Lebens (IB 13), Hans Bethge: Die chinesische Flöte (IB 465), Iwan Turgenew: Gedichte in Prosa (IB 259) oder Elizabeth Barrett Browning: Sonette nach dem Portugiesischen (IB 252).
Der Insel Verlag wollte mit der Insel-Bücherei nicht in Konkurrenz zur Reclams Universal-Bibliothek, zu Meyers Volksbüchern oder ähnlichen Buchreihen treten. Die mit Kommentaren und Erläuterungen versehenen Ausgaben sollten mosaikartig ein Gesamtbild für die Leser formen.
Die ersten Reihenbände mini|x300px|Prospekt der ersten zwölf Ausgaben der Insel-Bücherei 1912
Am 2. Juli 1912 wurden die von Hand gesetzten 12 Bände der ersten Lieferung in die Buchhandlungen geliefert.Heinz Sarkowski, Wolfgang Jeske: Der Insel-Verlag 1899–1999. Die Geschichte des Verlags. Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 1999, ISBN 3-458-16985-7, S. 122. Die Bandnummer 1 enthielt die im Herbst 1899 entstandene und 1904 zunächst in einer Prager Wochenschrift veröffentlichten Prosadichtung (Erstfassung) Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke von Rainer Maria Rilke, der heute (2025) mit mehr als zwei Dutzend Titeln in der IB vertreten ist. Die Verlagsrechte daran konnte Kippenberg erst kurz vor dem Reihenstart von dem Verleger Axel Juncker für 400 Mark erwerben, nachdem dieser keinen hinreichenden Absatz mit der von ihm 1906 in 300 Exemplaren veranstalteten bibliophilen Ausgabe erzielen konnte; Rilke hatte für diese Ausgabe die Erstfassung leicht überarbeitet. In der Insel-Bücherei wurde Rilkes Cornet gleich in einer Startauflage von 10 000 Exemplaren aufgelegt, musste sofort nachgedruckt werden und erreichte als IB 1/1A nach Verlagsangaben bis 2021 mit 56 Auflagen über 1,149 Mio. Mio. Exemplare. 1987 veröffentlichte der Verlag eine von Max Schwimmer im Zweiten Weltkrieg während eines Fronteinsatzes privat illustrierte Ausgabe als bibliophile Edition. 2012 erschien zum 100-jährigen Jubiläum der Insel-Bücherei erstmals eine illustrierte normale Reihenausgabe des Cornet mit Schabblättern von Karl-Georg Hirsch (Jubiläumsprogramm, Nummer 1350), die parallel angeboten wird.Von diesem Band wurden nach Verlagsangaben bis 2022 einschließlich der Vorzugsausgabe im originalen Handpapiereinband von Gisela Reschke (2012, 650 Ex.) über 7.000 Exemplare gedruckt.
Die weitere Entwicklung der Reihe bis 1913 Aufgrund der guten Aufnahme des mit zwölf Bänden gestarteten Reihenprogramms erweiterte Kippenberg zügig das Angebot an lieferbaren Titeln. Hinzu kam eine Vielzahl von Titeln zu philosophischen oder historischen Themen, wie Friedrich Rochlitz' Tage der Gefahr. Ein Tagebuch der Leipziger Schlacht (IB 17/1), Immanuel Kants Über das Schöne und Erhabene (B 31), Tacitus’ Germania (IB 77) oder O. Fr. von der Groebens Guineische Reisebeschreibung (IB 90/1). Illustrierte deutsche Volksbücher mit alten Holzschnitten erschienen als IB 14 Aucassin und Nicolete, IB 39 Die schön Magelona, IB 56 Till Eulenspiegel und IB 71 Herzog Ernst. Aus Italien kam hier Giovanni Boccaccio mit IB 16 Geschichten aus dem Decamerone zu Wort. Breiten Raum nahm die deutsche klassische Literatur und Dichtung ein mit u. a. Novalis (IB 21: Hymnen an die Nacht. Die Christenheit oder Europa), nochmals Goethe (IB 30/1: Pandora; IB 61: Goethes Faust in ursprünglicher Gestalt), Jean Paul (IB 51: Leben des vergnügten Schulmeisterlein Maria Wutz in Auenthal), Friedrich Hölderlin (IB 50: Gedichte), Johann Peter Hebel (IB 80: Schnock). Mit zeitgenössischen deutschen Texten und Dichtungen waren die Autoren Johannes Schlaf (IB 20: Dingsda), Ricarda Huch (IB 22: Liebesgedichte), Heinrich Mann (IB 62/1: Auferstehung) und Rudolf Alexander Schröder (IB 66/1: Deutsche Oden) vertreten. Auch die russische Literatur war von Anbeginn mit mehreren Titeln präsent, die unter anderen von Hermann Röhl, Rudolf Kassner und Alexander Eliasberg ins Deutsche übertragen wurden: Nikolaj Gogol (IB 24: Der Mantel) und Lew Nikolajewitsch Tolstoi (IB 36: Der Leinwandmesser, IB 52: Der Tod des Iwan Iljitsch, IB 68: Volkserzählungen, IB 73: Der Schneesturm, IB 85: Herr und Knecht). Weiter kamen vom Ausland u. a. Henrik Pontoppidan (IB 87/1: Aus jungen Tagen), Björnstjerne Björnson (IB 48: Arne) oder Per Hallström (IB 64: Drei Novellen), ins Programm. Nachdem das Jahr 1912 mit IB 27 (Sophokles: Antigone) abgeschlossen worden war, ging mit Georg Büchners drittem Reihenband Wozzeck. Lenz Ende 1913 bereits die Nummer 92 in den Handel.
Die Buchreihe im Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918 Ein Pressendruck in der Insel-Bücherei Im Jahr 1914 überschritt die Gesamtauflage aller Insel-Bändchen schon 1 Million. In diesem Jahr ließ der Verleger für die Reihe das Buch Ruth (IB 152) in einer Auflage von 10 000 Exemplaren als zweifarbigen Pressendruck in der Ernst-Ludwig-Presse Darmstadt fertigen. Solche Ausgaben erscheinen sonst nur in Kleinauflagen für Bibliophile.
Richard Wagners Libretti und kleine Schriften Mit Ablauf der damals nur dreißigjährigen urheberrechtlichen Schutzfrist wollte Kippenberg die noch bestehende Wagner-Begeisterung ausnutzen und legte 1914 eine 20 Bände umfassende Reihe überwiegend mit dessen Opernlibretti, wie Siegfried (IB 95/1), Lohengrin (IB 101/1) oder Tristan und Isolde (IB 102/1), auf; dazu kamen noch einige Aufsätze. Dieser war aufgrund der preisgünstigeren Alternative durch die zur selben Zeit verfügbaren Reclam-Texte kein durchschlagender wirtschaftlicher Erfolg beschieden. Es blieben nur IB 111/1 Beethoven bis 1937 (38. Tausend) und IB 107 Fünf Gedichte von Mathilde Wesendonk bis 1961 (Neuauflage mit Nachwort von Joachim Kaiser) im Verlagsprogramm.
Kriegstitel mini|x200px|Weihnachtsgabe deutscher Ministerien (Einkleber in IB 25/1 von 1917)