mini|Vanessa Hafenbrädl (2021)Vanessa Hafenbrädl (* 5. Dezember 1979 in Gräfelfing) ist eine deutsche Lichtkünstlerin, die immersive Installationen aus Videomapping, Glaskunst, Musik und Poesie schafft. Ihre Arbeiten hinterfragen häufig gesellschaftliche Normen, menschliche Archetypen und Rollenbilder. Hafenbrädl wurde 2023 für ihre poetischen Bilderzählungen mit dem Tassilo-Preis ausgezeichnet.
Leben und Werk Hafenbrädl wuchs im Münchner Westen auf. Ihre Karriere begann im Theater, wo sie sich als Objekt-, Pyro- und Videotechnikerin etablierte. Ihre Arbeit führte sie an renommierte Bühnen, vom Thalia Theater in Hamburg über das ResidenztheaterVanessa Hafenbrädl In: Residenztheater MünchenTagebuch eines geschlossenen Theaters #162 auf residenztheater.de und die Münchner KammerspieleVanessa Hafenbrädl In: Münchener Kammerspiele bis hin zu alternativen Spielstätten wie der Muffathalle, Kunstpark Ost, Rote Fabrik Zürich, sowie Hafenklang und Fusion Festival Lärz. Zudem war sie international für das Aktionstheater Panoptikum tätig.Selbstauskunft In: Internetseite von Vanessa Hafenbrädl.Katja Sebald: SZ-Kulturpreis Tassilo: In geheimnisvollen Märchenwelten In: Süddeutsche Zeitung, 17. Februar 2023Künstlerportrait in der Ausgabe 1/2024 der "LICHT" Um ihre technische Expertise mit künstlerischer Vision zu vereinen, absolvierte sie von 2011 bis 2013 ein Studium im Bereich „Digitaler Film und Animation“ am SAE Institute in Hamburg. Vanessa Hafenbrädl lebt seit 2015 in Dießen am Ammersee.
Ihre künstlerische Arbeit versteht sie als Dialog zwischen Geschichte und moderner Technologie. Mit ihren Videomapping-Projekten war sie auf internationale Festivals präsent, von der Luminale in Frankfurt über die Lichtkunst Biennale Evi Lichtungen in Hildesheim bis zum List í Ljósi in Island, dem Illuminus Festival in den USA und dem Lux Light Festival in Neuseeland.
Ein Wendepunkt in ihrer Laufbahn war der Gewinn des Internationalen Festivals für audiovisuelle Projektionen Genius Loci Weimar im Jahr 2016 mit der Projektion Erlinde. Dieses Ereignis motivierte sie, sich intensiver mit der Geschichte von Orten auseinanderzusetzen und diese zu erforschen.
Bei einem Besuch im Glasmuseum Frauenau gewann sie 2019 neue Einblicke in ihre familiäre Herkunft als Nachfahrin einer Glasbläserdynastie, deren Spiegel für ihre Größe bekannt waren. Diese biografische Verbindung zu einem traditionellen Handwerk floss maßgeblich in ihr künstlerisches Schaffen ein. In der Folge entwickelte Hafenbrädl einen eigenen Glaskörper für ihre Projektionen, mit dem historische Porträts neu interpretiert und Bezüge zwischen Vergangenheit und Gegenwart hergestellt werden.
In der Videoinstallation Angel in the House, begleitet von einer Soundcollage von Anna McCarthy, hinterfragt sie die Geschlechterrollen des 19. Jahrhunderts. Das Werk spielt mit dem Märchen von Schneewittchen und dem „Drama von Ludwigsthal“Hans-Joachim Häupler: Das Drama von Ludwichsthal − Wie die Glasherren Abele und Hafenbrädl um ihr Vermögen kamen. Historische Forschungshefte, Januar 1982 aus ihrer eigenen Familiengeschichte, in dem Frauen aufgrund auferlegter Moralvorstellungen ähnliche Schicksale erlitten. Die in der Installation verwendeten Spiegel bestehen aus traditionell mundgeblasenem Echt-Antikglas der Glashütte Lamberts, was das Projekt mit einer zusätzlichen historischen Ebene versieht. Im Jahr 2022 bespielte Hafenbrädl das ehemalige Familienschloss in Ludwigsthal und die benachbarte Herz-Jesu-Kirche, begleitet von Marc Chouarain an der Glasorgel.Text: Katja Sebald Fast wie Magie – Die Videokünstlerin Vanessa Hafenbrädl erweckt Gemälde zum Leben; Starke Frauen, Mutige Ideen, Wildes Leben. In: SeeMagazin 2023 № 19. S. 88. Ein weiteres Projekt, Wild things, widmet sich der Geschichte von Jella Lepman, der Gründerin der Internationalen Kinder- und Jugendbibliothek im Schloss Blutenburg.
Ihre poetischen Bilderzählungen brachten ihr 2023 den Tassilo-Kulturpreis der Süddeutschen Zeitung ein. Ihre internationale Arbeit vertiefte sie 2024 mit einem Künstleraufenthalt in Tiflis (Georgien) in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut.
Die Videoinstallation „Dyad“ ist ein temporäres Kunstwerk, das die Fassade des historischen Taubenturms in Dießen am Ammersee bespielt. Die Arbeit wurde vom Heimatverein Dießen e.V. anlässlich des 100-jährigen Jubiläums in Auftrag gegeben und fand vom 19. bis 22. Juli 2025 statt. Der Titel „Dyad“ (deutsch: Dyade) bezeichnet eine Zweiheit oder ein Paar, das eine Beziehung zueinander hat. Die Installation beleuchtet das ambivalente Verhältnis des Menschen zu Tauben, die historisch sowohl als nützliche Helfer als auch als abgewertete Tiere betrachtet wurden.
Zum Lichtfest Leipzig 2025, das am 9. Oktober an die Friedliche Revolution von 1989 erinnerte, präsentierte Vanessa Hafenbrädl im Städtischen Kaufhaus am Neumarkt ihre großformatige Videoprojektion No Flag.„No Flag – Vanessa Hafenbrädl“, Lichtfest Leipzig 2025, offizielle Programmseite. Das Lichtfest würdigte die Leipziger Montagsdemonstration vom 9. Oktober 1989.„Lichtfest Leipzig: Die Montagsdemonstrationen am 9. Oktober“, MyNewsDesk / Stadt Leipzig, 2025.
Über den Köpfen von tausenden BesuchernLeipziger Volkszeitung: Lichtfest - Tausende gedenken in Leipzig der Friedlichen RevolutionDirk Knofe, Dominic Welters, Jens Rometsch: Haratischwilis Rede gefeiert + Zehntausende beim Leipziger Lichtfest + Start für Freiheitsdenkmal In: LVZ.de wehte eine große Stofffahne, auf die Videobilder projiziert wurden. Die Installation eröffnete Raum für weibliche Stimmen und Erzählungen – historisch wie gegenwärtig – und thematisierte Freiheit, Weiblichkeit und Emanzipation.Frauenkultur e. V. Leipzig: Projektbeschreibung „Videoprojektion Vanessa Hafenbrädl“, 2025. Zu hören waren Texte von Christa Wolf, Stefanie-Lahya Aukongo, Angelika Nguyen und Gabriele Stötzer, ausgewählt in Zusammenarbeit mit dem Frauenkultur e. V. Leipzig und der Christa-Wolf-Gesellschaft.MDR: Fragen und Antworten Leipzig begeht Lichtfest 2025: Wichtige Infos zu Programm, Anfahrt und Einschränkungen, 9. Oktober 2025Programmheft Lichtfest Leipzig 9. Oktober 2025 (PDF), Leipzig 2025. Der Text von Angelika Nguyen stammt aus ihrem Dokumentarfilm Bruderland ist abgebrannt (1991). Die schauspielerische Umsetzung übernahmen Anna McCarthy, Manuela Ritz und Sandra Juds, die Soundgestaltung lag ebenfalls bei McCarthy. Fachlich begleitet wurde das Projekt von der Philosophin Karin Aleksander, Vorstandsmitglied der Christa-Wolf-Gesellschaft und Mitarbeiterin am Zentrum für transdisziplinäre Gender Studies der Humboldt-Universität zu Berlin; der Stoff stammt von Nani Weixler.
Musikalisch begleitet wurde die Installation unter anderem durch das Lied Ermutigung von Haiyti mit der Urfassung des Textes von Wolf Biermann.„Das war das Lichtfest Leipzig 2025“, Lichtfest Leipzig – News / Abschluss-Pressemitteilung, 10. Oktober 2025.
Glasstides
Im Jahr 2025 schuf Hafenbrädl die Installation Glasstides, die erstmals im Rahmen der Ausstellung „Land.schafft.Klang“ der Stiftung Kunst und Natur in Nantesbuch gezeigt wurde. Die Arbeit verbindet Glaskunst mit Videomapping und macht optische Illusionen auf statischen Objekten erlebbar. Die Installation zeigt einen Berg aus 128 gebrochenen Glasscheiben. Das raue und zerbrochene Material symbolisiert die Unmittelbarkeit und Dringlichkeit der Klimakrise sowie die damit verbundene Klimamigration.Armin Greune in SZ: Fotokunst, Lichtspiele und Livemusik 6. Mai 2025
Die Arbeit regt an, über Fragen der Bewohnbarkeit von Orten, den Wandel der europäischen Landschaften und die Vermischung von Kulturen nachzudenken. Sie reflektiert die menschliche Tradition im Angesicht der großen Zyklen der Natur und lädt dazu ein, sich dem ewigen Rhythmus der Gezeiten hinzugeben.
Die Installation wurde durch die Stiftung kulturelle Erneuerung und die Alexander Tutsek Stiftung gefördert. Die musikalische Komposition stammt von Andi Stecher (Produktion, Mixing, Mastering) und Muezzo, dessen Alphornpolyphonie von Balthasar Streiff komponiert wurde.Info – Glasstides, Geförderte Projekte der Stiftung Kulturelle Erneuerung
Your Scapes
In ihrem Werk Your Scapes verschmilzt Hafenbrädl Videoprojektion, handgefertigtes Spiegelglas und Ecopoetry zu einer Installation, die die tiefe Verwurzelung der menschlichen Existenz im Wasser thematisiert. Die Installation besteht aus zwei Projektoren, die die Audiowellenform (Waveform) von zwei Seiten auf einen mundgeblasenen Spiegelglaszylinder projizieren. Die daraus resultierenden Reflexionen füllen den gesamten Raum in einer 360-Grad-Erfahrung.
Hafenbrädl stellt sich in dieser Arbeit der künstlerischen Herausforderung, die Dringlichkeit des Klimawandels zu vermitteln, ohne den poetischen Ausdruck zu verlieren. Sie arbeitete hierfür mit Künstlern zusammen, die sich auf Öko-Poesie spezialisiert haben, darunter der Dichter Craig Santos Perez und die Autorin Steinunn Sigurðardóttir. Die akustische Ebene wurde durch Musik von Roel Funcken und Ambient-Klängen des Cristal Baschet von Marc Chouarain geschaffen. Des Weiteren flossen Aufnahmen von Seenotrettern der MS Iuventa sowie von Anna McCarthy in das Werk ein.Kurzportrait: Women Light Artists Collected Light Band 2, Light Collective, United Kingdom 2025,, S. 216
Angel in the House Eine zentrale und langfristige Arbeit ist die Installation Angel in the House. Der Titel bezieht sich auf das von Virginia Woolf geprägte Konzept des „Engel im Haus“, das die idealisierte, selbstlose Frau des 19. Jahrhunderts beschreibt. Hafenbrädl setzt sich in diesem Werk mit der Familiengeschichte der Glashüttenbesitzer Hafenbrädl im Bayerischen Wald auseinander und hinterfragt die damit verbundenen weiblichen Geschlechterrollen.
Die Installation ist eine Metapher für den Bruch mit Konventionen. Hafenbrädl projiziert Porträts ihrer Schwestern, ihrer Tochter sowie Ölgemälde ihrer Ahnen durch ein rotierendes, rohes Stück optisches Glas. Dieses Glas wurde während eines Stipendiums der Alexander Tutsek Stiftung in den Werkstätten des Bildwerks Frauenau bis zur Explosion erhitzt. Die Porträts erscheinen dadurch verzerrt und fragmentiert. Die begleitende Sound- und Textcollage der Künstlerin und Musikerin Anna McCarthy verstärkt diese Idee. Sie schafft ein hypnotisches Geflecht aus Field Recordings und historischen sowie zeitgenössischen Textfragmenten, die auf realen Berichten der Glasdynastie basieren. Sprachaufnahmen in Deutsch, Englisch und Tschechisch sowie Samples von Glasharmonikas und Glasharfen erzeugen eine atmosphärische, traumähnliche Klanglandschaft, die wie aus einem verfallenen Ballsaal zu kommen scheint.
Das Werk knüpft auch an das Märchen von Schneewittchen an, dessen Familie ebenfalls Spiegelglasfabrikanten waren, und stellt Parallelen zum familiären „Drama von Ludwigsthal“ her, bei dem die Frauen aufgrund auferlegter Moralvorstellungen ähnliche Schicksale erlitten. Im Jahr 2022 bespielte Hafenbrädl die Installation im ehemaligen Familienschloss in Ludwigsthal und der benachbarten Herz-Jesu-Kirche, begleitet von Marc Chouarain an der Glasorgel.Kurzportrait: Women Light Artists – Collected Light Volume Two, United Kingdom 2025, Verlag: Light Collective, S. 214.
Familiengeschichte Die Familie Hafenbrädl war eine Glasbläser-Dynastie, die sich auf die Herstellung von handgefertigten Spiegeln spezialisierte, die für ihre außergewöhnliche Höhe und Breite bekannt waren.Hans-Joachim Häupler: Das Drama von Ludwichsthal – Wie die Glasherren Abele und Hafenbrädl um ihr Vermögen kamen, Historische Forschungshefte, Januar 1982, S. 13Kurzbiografie: Gile-Haindl-Steiner-Stipendium