mini|Stefan Heym (1989) Lenz oder die Freiheit. Ein Roman um Deutschland (engl. OT: The Lenz Papers) sind Titel und Untertitel eines historischen Romans von Stefan Heym. In einer Mischung aus Historie und Dichtung wird die letzten Phase der Badischen Revolution 1849 auf der Grundlage von Dokumenten des fiktiven Freiheitsdichters Andreas Lenz erzählt. Die deutsche Übersetzung von Helga Zimnik erschien 1963.unter dem Titel Die Papiere des Andreas Lenz im Paul List Verlag, Leipzig, und 1965 unter dem Titel Lenz oder die Freiheit im Paul List Verlag, München.

Inhalt Überblick Eingekleidet in eine 1944 in den USA spielende Rahmenhandlung, hat der Autor seinen Roman nach der Chronologie der badischen Revolution von Mai bis Ende Juli 1849 in vier Bücher unterteilt. Anfang und Ende spielen in Rastatt: Revolutionäre Unruhen und Meuterei in der Festung Rastatt (Buch 1). Bildung einer provisorischen Revolutionsregierung in Karlsruhe und Richtungsstreit zwischen den Fraktionen über den weiteren Verlauf der Revolution (Buch 2). Abwehrgefechte gegen die vorwiegend preußischen Invasionstruppen (Buch 3). Belagerung der Festung Rastatt, Kapitulation, Haft und Flucht des Protagonisten (Buch 4).

In die Historie eingebunden (s. Abschnitt Wirklichkeit und Dichtung) hat der Autor das Beziehungsgeflecht fiktiver Protagonisten, die an den revolutionären Ereignissen, den Diskussionen über die Regierungsform und den militärischen Aktionen teilnehmen und mit den historischen Personen kommunizieren. Die beiden Hauptfiguren sind der Freiheitsdichter und Soldat Andreas Lenz und die ihn auf den Kriegszügen als Lazarettschwester begleitende jüdische Bankierstochter Lenore Einstein. Lenz‘ Affäre mit der Soldaten-Prostituierten Josepha Wund führt zu Konflikten und seine revolutionäre Gesinnung zu Spannungen mit Lenores Vater. Dieser sympathisiert aus ökonomischen Interessen mit den preußischen Siegern, von denen er sich einen großen deutschen Wirtschaftsraum verspricht. Er sieht das Scheitern der badischen Revolution voraus und ist um die Zukunft seiner Tochter besorgt. Deshalb versucht er mit Hilfe Josephas Lenore von Lenz zu trennen. Dieser Plan misslingt jedoch. Lenz macht seinen Freund Hans Christoffel mit Josepha bekannt und sie geht mit ihm einige Zeit eine unglückliche Beziehung ein, wird dann die Mätresse des preußischen Stadtkommandanten von Rastatt und hilft, Lenz aus dem Rastätter Gefängnis zu befreien. Dieser emigriert mit Lenore in die USA.

Rahmenhandlung In der Rahmenhandlung (Prolog) entdeckt der mit dem Erzähler befreundete US-amerikanische Sergeant Andrew Lenz 1944, bevor er im Zweiten Weltkrieg in Europa eingesetzt wird und in den letzten Kriegstagen in Deutschland ums Leben kommt, auf dem Friedhof von Gettysburg das Grab seines Großvaters Captain Andrew Lenz. Dieser hat als Andreas Lenz an der badischen Revolution 1848/1849 teilgenommen und 1863 im amerikanischen Bürgerkrieg zusammen mit Schurz, der ebenfalls aus der Festung Rastatt geflohen ist, als Soldat der Unionsarmee gekämpft (Epilog). Die von Andrew Lenz hinterlassenen Dokumente sind die Grundlage des Romans.

Vorgeschichte Die beiden Hauptfiguren sind in Rastatt in unterschiedlichen sozialen Schichten aufgewachsen: Andreas Lenz in einer armen, Lenore Einstein in einer reichen Bankiersfamilie. Andreas dichtet als Student Freiheitslieder, schließt sich den Aufständischen der 1848 badischen Revolution an und kommt nach der Niederlage in Haft. Vom Untersuchungsrichter vor die Wahl „Kerker oder Eintritt in die Armee“ gestellt, wird er Soldat und im folgenden Jahr einer der Anführer der rebellierenden Soldaten. In dieser Zeit befreundet er sich mit Lenore, die sich für die Demokratie und die Emanzipation der Frauen einsetzt.

Aufstand in Rastatt Die Haupthandlung beginnt am 17. April 1849 im Rastätter Wirtshaus „Zum Türkenlouis“, dessen Eigentümer republikanischer Sympathien verdächtigt wird (Buch I, Kap. 1). Hier treffen Gäste verschiedener sozialer Schichten aufeinander: Schanzarbeiter, Soldaten der Garnison, unter ihnen der 24-jährige Dichter Andreas Lenz, der seine Freiheitslieder vorträgt, und Prostituierte, u. a. Lenz‘ Freundin Josepha. Im „Türkenlouis“ logiert zu dieser Zeit Amalie Struve. Sie empfängt zahlreiche Demokraten zu Gesprächen, u. a. Lenore, und bittet General Strathmann um die Besuchserlaubnis zu ihrem in der Festung eingekerkerten Mann Gustav. Der Kommandant lehnt dies jedoch ab, lässt den Revolutionär nach Bruchsal verlegen und weist seine Frau aus Sorge um ihre Unterstützung der lokalen Demokraten aus der Stadt aus. Erfolgreicher verlaufen ihre Gespräche mit Lenz und zwei Drahtziehern des kommenden Aufstandes: den beiden Handwerkern Comlossy und Hans Christoffel, der bei seiner Reise nach Köln die Verbindung mit Marx und Engels hergestellt hat (I, 2).

Lenore besucht mit ihrem Vater in Mannheim den Rechtsanwalt und Nationalversammlungsabgeordneten Brentano. Sie sprechen über die Demokratisierung Badens und die Beteiligung Brentanos daran, vielleicht in der Regierung des Großherzogs (I, 3). Im Unterschied zu Lenore zieht Einstein eine konstitutionelle Monarchie einer Republik vor. Einige Monate später, nach der Besetzung Rastatts durch preußische Truppen, wird die Einstellung des Bankiers in der Diskussion mit seiner Tochter deutlicher (IV, 34). Er hat in Frankfurt mit dem Bankier Oppenheimer und mit dem preußischen Oberbefehlshaber Prinz Wilhelm ihre Zusammenarbeit bei der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands vereinbart und er begründet dies Lenore gegenüber: „Deutschland muss zu einem wirtschaftlich einheitlichen ganzen zusammengeschweißt werden, das als Grundlage für weitere ökonomische Entwicklung dienen kann. […] Für mich sind Persönlichkeiten, politische Philosophie und Regierungsmethoden unwichtig, sofern nur die Voraussetzungen geschaffen sind für die Anforderungen unseres Finanz- und Wirtschaftssystems.“Stefan Heym: Lenz oder die Freiheit. List Verlag München, 1965, S. 655. Er antwortet auf Lenores Frage, was in diesem neuen preußisch dominierten Deutschland aus der Forderung nach Freiheit und ihren Idealen wird: „Was ist Freiheit? Was ist sie dem armen Arbeiter, der nicht weiß, woher er das nächste Stück Brot für seine Familie nehmen soll? – ein leeres Wort. Gib ihm Arbeit und einen Lohn, der ihn vor dem Verhungern bewahrt, und dann fang an, mit ihm über Ideen zu reden. Und auch wenn das alles erreicht ist, wird Freiheit immer noch nicht mehr sein als ein unbestimmter, aber angenehmer seelischer Zustand, der aus einer mehr oder weniger erzwungenen Anpassung an die gesellschaftlichen Verhältnisse erwächst, unter denen man nun einmal lebt.“Stefan Heym: Lenz oder die Freiheit. List Verlag München, 1965, S. 656.

Am 9. Mai versammeln sich in Rastatt Soldaten der Garnison, Mitglieder der Bürgerwehr, Arbeiter und Handwerker auf einem Feld vor den Festungsmauern (I, 4). Reden werden gehalten und der bei den Frauen beliebte Lenz trägt sein Revolutionslied vor: „Wir wollen nicht mehr! Es ist genug, Der Opfer an Jahren und Toten, Der Kerkerluft, Der Hungergruft, Und des ewigen: Verboten! […] So. Trommler, rühr die Trommel gut: Kehraus der deutschen Misere! Für die neue Zeit Und Gerechtigkeit Marschieren der Freiheit Heere!“Stefan Heym: Lenz oder die Freiheit. List Verlag München, 1965, S. 75, 76. In seiner anschließenden Rede fordert er die Befreiung des Volkes von den Zwängen der Herrschaft und die Annahme der Paulskirchenverfassung. Daraufhin wird er verhaftet und in der Festung eingekerkert und verprügelt. Lenore versucht vergeblich bei Strathmann die Entlassung ihres Freundes zu erreichen.

Inzwischen haben sich die Unruhen an einzelnen Orten in Baden ausgedehnt und die Regierung weist die Offiziere zum Durchgreifen an. Daraufhin rebellieren einzelne Brigaden, stürmen die Festung und befreien die Gefangenen, darunter Lenz (I, 5). General Strathmann versteckt sich in der Villa des Bankiers Einstein, die von Lenz erfolglos durchsucht wird.

Richtungsstreit Von der Meuterei der Truppen in Rastatt und Freiburg und der Ablehnung einer Petition an die großherzogliche Regierung in Karlsruhe wird die Versammlung der Delegierten der Volksvereine und der desertierten Freiburger und Rastätter Garnisonen am 13. Mai in Offenburg, unter ihnen Lenz und Christoffel, beeinflusst (I, 6). Die verschiedenen Fraktionen, Radikale und gemäßigt Fortschrittliche, streiten über die angestrebte Gesellschafts- und Regierungsform: Badische Republik oder Zusammenschluss der 36 deutschen Länder zu einem Bundesstaat mit einem einheitlichen Wirtschaftsraum ohne Zollschranken und einer konstitutionellen Monarchie. Bei der Abstimmung setzen sich die Republikaner durch, die auch gegen die vom Großherzog zu Hilfe gerufenen preußischen Truppen kämpfen wollen. Sie fordern eine Ersetzung der Monarchie durch eine Republik nach französischem Vorbild, singen die Marseillaise und wollen eine Regierung unter dem Ministerpräsidenten Brentano bilden. Lenz wird zum Delegierten der rebellierenden Soldaten in den Landesausschuss gewählt. Gleichzeitig erreicht die Revolutionäre die Nachricht von der Flucht des Großherzogs Leopold.

Lenore reist nach der Meinungsverschiedenheit mit ihrem Vater über die Revolution zu Lenz nach Karlsruhe, wo der Landesausschuss tagt (I, 8). Sie mietet mit Amalie Struves Hilfe ein Zimmer in einer Pension, lebt dort mit Lenz eheähnlich zusammen und beteiligt sich aktiv an der Revolution: als Sekretärin in Lenz‘ Büro und als Krankenschwester im neu errichteten Feld-Lazarett Dr. Walchers (III, 22).

Der von den meuternden Soldaten aus der Haft befreite Struve wird in den Landesausschuss aufgenommen und weist die Delegierten auf die größten Probleme bei der Durchführung einer Revolution hin: die mangelnde Organisation und Diversität der Strategien. Die Finanzierung erfordere eine Enteignung der Reichen und die rebellierenden Soldaten müssten mit der Bürgerwehr zu einer Volkswehr zusammengeführt werden, um die Dragoner, die von ihren adligen Offizieren in ihrer Konterrevolution gegen Karlsruhe geführt werden, abzuwehren und gefangen zu nehmen (II, 9, 15). Diese Aufgabe wird Becker übertragen (II, 8). Lenz übernimmt, mit Lenores Assistenz, die Rekrutierungsbehörde, die alle Männer zwischen achtzehn und fünfunddreißig Jahren in den Dienst der Volkswehr aufnehmen soll (II, 10). Allerdings melden sich vor allem, teils kranke, schlecht ausgerüstete Männer aus der unteren sozialen Schicht.