mini|Büste vor der Volksschule in Alberschwende (2008) mini|Geburtshaus in Vorholz, Alberschwende (2011)

Hermann Gmeiner (* 23. Juni 1919 in Alberschwende, Vorarlberg; † 26. April 1986 in Innsbruck, Tirol) war der Gründer von SOS-Kinderdorf Österreich.Brockhaus Enzyklopädie. 19. Auflage. 8. Band, Verlag Friedrich Arnold Brockhaus, Mannheim 1989, ISBN 3-7653-1108-1, S. 617.Die Zeit: Das Lexikon in 20 Bänden. Zeitverlag, 5. Band, Hamburg 2005, ISBN 3-411-17565-6, S. 533 f.Lingen Lexikon in 20 Bänden. 7. Band, Helmut Lingen Verlag, Wiesbaden 1976/1977, S. 306. Im Jahr 2025 wurden Missbrauchsvorwürfe gegen ihn öffentlich bekannt, was zur Aberkennung von Ehrungen durch Umbenennung von Verkehrsflächen bzw. Entfernung von Denkmälern führte.

Leben Kindheit Hermann Gmeiner wurde am 23. Juni 1919 als sechstes von neun Kindern einer Bergbauernfamilie in Alberschwende im österreichischen Vorarlberg geboren. Mit fünf Jahren, im März 1925, wurde er durch den Tod seiner Mutter Angelika Halbwaise. Die älteste Schwester Elsa übernahm die mütterlichen Pflichten im Haus und stellte damit die wichtigste Bezugsperson für ihn und sieben weitere Geschwister dar. Der frühe Verlust der Mutter und die Rolle seiner Schwester Elsa als Ersatzmutter für die Großfamilie wurde zu einem prägenden Erlebnis. Helmut Kutin betrachtet Elsas Aufopferung für die Familie und die Geborgenheit, die sie den Familienmitgliedern schenkte, als Schlüsselerlebnis, „das Hermann Gmeiners ganzes Leben prägen sollte.“Claudio J. Honsal: Für die Kinder dieser Welt. Hermann Gmeiner: Der Vater der SOS-Kinderdörfer. Die Biografie. Kösel Verlag, München 2009, S. 20.

Ausbildung und Kriegszeit Auf Grund seiner Leistungen in der Dorfschule Alberschwende erhielt er ein Stipendium, das ihm ab 1936 den Besuch des Gymnasiums in Feldkirch ermöglichte. Noch vor Ablegung der Matura wurde Gmeiner im Februar 1940 zur Wehrmacht eingezogen.

Im Krieg gegen die Sowjetunion war Gmeiner u. a. an der Eismeerfront (Nordfinnland) und in Ungarn eingesetzt und wurde mehrmals verwundet. Einmal rettete ihm ein sowjetischer Junge das Leben. Diese Erinnerung daran sollte ein wichtiger spiritueller Wegweiser für Hermann Gmeiner werden. Er selbst meinte später, mit diesem Erlebnis habe jene Geschichte begonnen, „die ich eigentlich erzählen will“.Claudio J. Honsal: Für die Kinder dieser Welt. Hermann Gmeiner: Der Vater der SOS-Kinderdörfer. Die Biografie. Kösel Verlag, München 2009, S. 12.

Bis November 1945 war er im Lazarett Bregenz. Nach seiner Genesung half er seinem Vater auf dem Bauernhof. Als der erste aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrte Bruder diese Stelle übernahm, konnte Hermann Gmeiner die Matura (Abitur) nachholen. Im Herbst 1946 begann er in Innsbruck Medizin zu studieren.

Erste soziale Gedanken Als Ministrant in der katholischen Pfarre des Innsbrucker Stadtteiles Mariahilf kannte Gmeiner den dortigen Kaplan Mayr. Als ihm im Winter 1947 ein zwölfjähriger Junge begegnete, dessen Schicksal ihn bewegte, kamen Erinnerungen an seine eigene Kindheit und seine Erlebnisse im Krieg hoch. Gmeiner wollte für den Jungen etwas tun und ging mit seinem Anliegen zu Kaplan Mayr. So baute er eine neue Jugendgruppe auf. Er konnte 16 Jugendliche motivieren und gründete den Stoß-Trupp, der in der gesamten Tiroler katholischen Jugend bekannt wurde.

Hermann Gmeiner besuchte eine Erziehungsanstalt, sprach mit Jugendfürsorgerinnen und diskutierte mit anderen Studenten. Schließlich reifte in ihm die Überzeugung, dass Heime und Anstalten nicht der richtige Weg seien, um Kindern und Jugendlichen aus schwierigen Familienverhältnissen zu helfen. Dabei erinnerte er sich auch an seine eigene Kindheit, den frühen Verlust der Mutter und die Ersatzmutter in Gestalt seiner Schwester Elsa. Er entwarf den Plan, ein Haus für diese Kinder zu bauen, wo eine Mutter ein richtiges Daheim geben konnte, sogar eine ganze Anzahl dieser Häuser sollten es sein, ein richtiges Kinderdorf.

Der Weg zum ersten SOS-Kinderdorf in Imst mini|Hermann-Gmeiner-Denkmal (Merab Berdsenischwili) in Imst mini|hochkant|Hermann-Gmeiner-Statue auf einer Bank vor der Imster Johanneskirche; im Oktober 2025 demontiert

1948 schlug Kaplan Mayr vor, dass Gmeiner zum Jugendführer für das gesamte Dekanat werden solle. In dieser Rolle gründete Gmeiner einen Verein. Am 25. April 1949 hielt er die Gründungsversammlung ab, die Ziele des Vereines sollten sein: Errichtung eines Dorfes für Waisenkinder Errichtung einer Einrichtung „Mutter und Kind“, zum Schutz unverheirateter Mütter Errichtung eines „Mutterhauses“, zur Ausbildung einer Schwesternschaft für soziale Arbeit Die Tätigkeit des Vereins sollte sich auf das Land Tirol beschränken und seinen Sitz in Innsbruck haben. Gmeiner gab dem Verein den Namen Societas Socialis; darin steckte bereits die Abkürzung SOS, was Save our Souls bedeutet (später: SOS-Kinderdorf).

Zuerst wollte Gmeiner die Idee des SOS-Kinderdorfes realisieren, erst dann sollten „Mutter und Kind“ und das „Mutterhaus“ in Angriff genommen werden. Er begann mit einem Kapital von 600 Schilling, dies waren seine gesamten Ersparnisse, und, nachdem man ihm in Innsbruck einen Abstellraum kostenlos zur Verfügung gestellt hatte, den er als Büro umfunktionierte, investierte er in Flugblätter, die einen Spendenaufruf enthielten, welche von einigen Frauen und Bekannten aus seiner Jugendgruppe in der Stadt verteilt wurden. 1949 schrieb er an Tiroler Gemeinden und ersuchte diese, dem Verein kostenlos ein Grundstück für den Bau eines Kinderdorfes zur Verfügung zu stellen. Der Bürgermeister der Stadt Imst, Josef Koch, antwortete positiv auf die Bitte Gmeiners:

Gmeiner traf in Imst einen Kriegskameraden, der dort Baumeister war und sich bereit erklärte, mit dem Bau eines Hauses auf Kredit zu beginnen. Langsam zeigte sich der Erfolg vieler Mühe und es kam Geld herein, das meist sofort wieder in neue Mitgliederwerbung gesteckt wurde. Am 2. Dezember 1949 konnte die Dachgleiche (das Richtfest) des ersten Kinderdorfhauses gefeiert werden.

1949 gab Gmeiner sein Medizinstudium und die Arbeit als Dekanatsjugendführer auf, um sich völlig der SOS-Kinderdorf-Aufgabe widmen zu können. Es gab auch Schwierigkeiten: Er selbst und viele seiner Helfer wurden mehrmals von der Polizei festgenommen und verhört. Im Sommer 1949 kam es sogar zu einer Hausdurchsuchung. Durch Unterstützung eines befreundeten Rechtsanwaltes konnte der Betrieb wieder aufgenommen werden. Im Frühjahr 1950 hatte er beinahe 1000 regelmäßige Spendenmitglieder in seinen Listen stehen und es kamen auch größere Einzelspenden. Als die Gemeinde Imst zusagte, die notwendige Zufahrtsstraße, Strom- und Wasserleitung bis zum Grundstück kostenlos zu errichten, gab er den Auftrag, weitere vier Kinderdorfhäuser zu errichten.

Inzwischen hatte Gmeiner mit der Suche nach Kinderdorfmüttern begonnen. Eine der ersten, Helene Diddl, brachte die Idee mit der Weihnachtskartenaktion ein. Die Spendenwerbung wurde auf ganz Österreich ausgedehnt und intensiviert. Dadurch konnte er bereits Ende 1950 sämtliche Schulden abzahlen.

Am 1. Dezember 1950 erfolgte in Imst im Rahmen einer „schlichten Feier“ in Anwesenheit des stellvertretenden Landeshauptmanns Franz Hüttenberger die Schlüsselübergabe für die fünf fertiggestellten Häuser an Hermann Gmeiner. Die ersten drei Häuser trugen die Namen „Weihnachten 1949“, „Osttirol“ und „Schwalbenhaus“. Am Weihnachtsabend 1950 wurde schließlich das erste Kinderdorfhaus von fünf Waisenkindern, die kurz vorher ihre Eltern verloren hatten, bezogen. Einige Monate später waren alle fünf Häuser fertiggestellt. Die feierliche Eröffnung des gesamten Kindersdorfes erfolgte am 8. Juli 1951. Anwesend war u. a. der Gründer des Schweizer Kinderdorfs Pestalozzi, Walter Robert Corti. Im Sommer 1951 wurde das Dorf von insgesamt 45 Kindern bewohnt.

Die Kinderdörfer beruhen auf dem Prinzip Mutter-Geschwister-Haus-Dorf, das am ehesten den natürlichen Familienverhältnissen entspricht. Der Anfang war schwierig. Zahllose Probleme mussten mit den Kinderdorfmüttern besprochen werden, der Schriftverkehr mit Jugendämtern, Pflegschaftsgerichten und Fürsorgeeinrichtungen bewältigt, und viele Details, von Impfkarten bis Dokumentenmappen, für die Kinder organisiert werden.

Expansion der Kinderdörfer Gmeiner vertrat Österreich auf dem UNESCO-Kongress für Kinderdörfer, der vom 24. bis 30. September in Lyon stattfand.

Im Sommer 1951 fuhr Gmeiner nach Wien, um dort eine eigene SOS-Geschäftsstelle einzurichten. In diesem Jahr konnten in Imst zwei weitere Kinderdorfhäuser und ein Gemeindehaus errichtet werden. Im Gemeindehaus wurden eine Krankenstation, ein Gemeinschaftsraum, eine Waschküche, Näh- und Bastelzimmer sowie Lagerräume untergebracht. 1952 erschien erstmals der Kinderdorfbote, eine vierteljährliche Zeitschrift, die alles in und um die Kinderdörfer berichtete und an alle Spender verschickt wurde. Dieses Blatt sollte später, in zahlreichen Sprachen gedruckt, in Millionenauflage der wichtigste Spendenbringer werden. Daneben wurde der Kinderdorfkalender ins Leben gerufen, eine Kinderdorflotterie gegründet und mehr und mehr Unternehmen und Organisationen als Unterstützer gewonnen. Die immer reichlicher fließenden Spenden ermöglichten es Gmeiner in den folgenden Jahren, kontinuierlich das Kinderdorf in Imst weiter auszubauen.

1953 errichtete Gmeiner im italienischen Caldonazzo ein Ferienlager, das später ein Ort der Begegnung für alle europäischen Kinderdorfkinder werden sollte und als Ausbildungsstätte für spätere Kinderdorfleiter genutzt wurde. 1954 folgte in Innsbruck erstmals eine als Ausbildungszentrum für Kinderdorfmütter ins Leben gerufene Mütterschule. 1954 wurde in Nußdorf-Debant in Osttirol Grund gekauft und das zweite Kinderdorf der Welt gebaut. Am 23. Oktober 1955 konnte das erste Haus bezogen werden.

Am 10. Februar 1955 eröffnete Gmeiner in München die Gründungsversammlung des deutschen „SOS-Kinderdorf e. V.“ unter der Leitung von Jürgen Froelich und Peter Hecker, siehe SOS-Kinderdorf Deutschland. 1955 gründete er den Verein „SOS-Kinderdorf Oberösterreich“, unter dessen Geschäftsführer Hansheinz Reinprecht entstand im Frühjahr 1956 das Kinderdorf Altmünster. 1956 wurde das erste Jugendhaus, wofür Gmeiner in Egerdach bei Innsbruck ein aufgelassenes Erholungsheim erworben hatte, eröffnet. Letzteres wurde Wohnung für spätere Lehrlinge und Studenten aus Kinderdörfern. 1957, nachdem Gmeiner monatelang persönlich in Wien Spenden gesammelt hatte, wurde das bis dahin größte Kinderdorf in Hinterbrühl im Wienerwald seiner Bestimmung übergeben. Nach anfänglichen Schwierigkeiten beim deutschen SOS-Kinderdorf e. V. – auch hier gab es polizeiliche Beschlagnahmungen – wurde 1958 das erste deutsche Kinderdorf in Dießen am Ammersee eröffnet. Es folgten Kinderdörfer in Frankreich und Italien.