mini|hochkant=1.2|Hermes, Eurydike und Orpheus (Relief in der Villa Albani, Rom) Orpheus () ist ein Sänger und Dichter der griechischen Mythologie. Auf ihn beriefen sich die Orphiker und sahen in ihm den Urheber ihrer Lehren und den Autor der orphischen Schriften.

Die Sage Um die Gestalt des Orpheus ranken sich verschiedene Sagen. Nach einhelliger antiker Überlieferung stammte er aus Thrakien, auch wenn die so bezeichnete Landschaft dafür großzügig ausgedehnt wurde und Makedonien umfasste. Speziell Pierien im Nordosten des Olymp wird mehrheitlich und in den ältesten Überlieferungen als seine Heimat genannt, konkret erhob insbesondere Dion den Anspruch, Orpheus’ Geburtsort zu sein. Er wurde als Sohn der Muse Kalliope geboren. Als sein Vater galt der thrakische König und Flussgott OiagrosPlaton, Symposion 179 d. (nach anderen Überlieferungen ApollonVgl. Pindar, Pythische Oden 4,176 f. und Ovid, Metamorphosen 10,167.). Von Apollon, dem Gott der Musik, bekam er eine Lyra geschenkt, die Apollon von seinem Halbbruder Hermes erhalten hatte. Unter den Sängern galt Orpheus als der beste; er betörte Götter, Menschen und sogar Tiere, Pflanzen und Steine. Die Bäume neigten sich ihm zu, wenn er spielte, die wilden Tiere scharten sich friedlich um ihn, und selbst die Felsen weinten angesichts seines schönen Gesangs.

mini|Orpheus’ Lebensstationen Die Argonauten nahmen ihn auf ihren Zug zur Erlangung des Goldenen Vlieses mit. Orpheus sang so schön, dass er sogar das wütende Meer und die Feinde durch den Zauber seiner Lyra bezwang. Während der Fahrt soll er mit seinem Gesang sogar die Sirenen übertönt haben.

Orpheus’ Ehefrau war die Nymphe Eurydike. Als Aristaios versuchte, sie zu vergewaltigen, starb sie nach der Erzählung Vergils in den Georgica auf der Flucht durch einen Schlangenbiss, was dem Aristaios zur Last gelegt wurde. Orpheus stieg in die Unterwelt, um durch seinen Gesang und das Spiel seiner Lyra den Gott Hades zu bewegen, ihm seine Frau zurückzugeben. Seine Kunst war so groß, dass selbst der Höllenhund Kerberos nicht mehr bellte. So wurde ihm seine Bitte gewährt – jedoch unter der von Hades und seiner Frau Persephone gestellten Bedingung, dass er beim Aufstieg in die Oberwelt vorangehen und sich nicht nach Eurydike umschauen dürfe. Da er jedoch die Schritte seiner Ehefrau hinter sich nicht hörte, sah er sich um und sie verschwand wieder in der Unterwelt.

Der Sänger stand den Musen und somit dem Gott Apollon nahe, nicht aber dem Dionysos, dem Gott des Rausches und ausschweifend-wilder Umzüge und Gesänge. So wurde Orpheus, wie Ovid erzählt, in seiner Heimat von Mänaden, berauschten Anhängerinnen des Dionysos, zerrissen. Nach antiker Vorstellung war es kein Trost, dass er sich nun als Schatten zum Schatten der Eurydike gesellen konnte. In späteren Bearbeitungen des Mythos wird als Motiv für den Mord angeführt, Orpheus habe sich von der Liebe zu Frauen losgesagt und zum Weiberfeind entwickelt oder sich gar der Knabenliebe zugewandt, die er, wie Ovid behauptet, die Thraker als Erster gelehrt haben soll. Sein Kopf jedoch wurde mitsamt seiner Lyra in den Fluss Hebros geworfen, sie schwammen hinab in das Ägäische Meer und wurden auf der Insel Lesbos an Land gespült. Der Kopf sang immer weiter, bis Apollon ihm gebot zu schweigen. Sein Grab soll sich in der Stadt Leibethra befunden haben; andere Quellen nennen diese Stadt auch als Geburtsort des Orpheus und den Fluss, in dem sein Kopf gefunden wurde, Meletos. Seine Lyra wurde als Sternbild an den Himmel versetzt.

Orpheus mag historische Vorbilder gehabt haben und war möglicherweise ein Reformer des Dionysoskults. Sein Mythos verkörperte die Unsterblichkeit der Seele und vereinte starke orientalische Einflüsse mit den thrakischen Wurzeln. Die Griechen schrieben ihm die Erfindung der Musik und des Tanzes zu.

Deutung Orpheus’ in der frühchristlichen Apologetik und Kunst mini|Orpheus-Christus Darstellung in den Marcellinus-Petrus-Katakomben (Rom) Seit Clemens von Alexandria wurde Orpheus als Präfiguration Christi gedeutet und entsprechende Interpretationen finden sich auch bei Eusebius von Caesarea, Kyrill von Alexandria und Augustinus von Hippo, der ihn einen „poeta theologus“ nannte. Sein Abstieg in die Unterwelt wurde mit dem Abstieg Christi in die Unterwelt verglichen; während Orpheus seine Geliebte schließlich zurücklassen musste, zerbrach Christus die Höllenpforte und führte die Gefangenen der Tiefe in den Himmel. Orpheus bezauberte die wilden Tiere – Christus die Sünder. Im 5. Jahrhundert wurde Orpheus denn auch schon als Prophet Christi beschrieben.

So erscheinen auch klassische Orpheus-Motive in der frühchristlichen Kunst, die als Christus-Darstellungen zu sehen sind. Oft sind diese mit dem Motiv des Guten Hirten verbunden und zeigen einen Leierspieler mit Schafen an seiner Seite.

Das christliche Orpheus-Motiv hält sich bis ins späte Mittelalter. Mit der Renaissance und der erneuten Beschäftigung mit antiken Motiven sind die Orpheus-Darstellungen etwa ab dem 16. Jahrhundert überwiegend nicht mehr christlich gedacht.Zum ganzen Abschnitt vgl. L. Pressouyre: Orpheus. In: Lexikon der christlichen Ikonographie. Band 2, Freiburg 1971, Spalten 356–358.

Auch das Werk eines ebenfalls „Orpheus“ genannten Dichters wird in der Alten Kirche rezipiert.

Orpheus als Darsteller in römischen Inszenierungen Der römische Dichter Martial beschreibt in einem Epigramm (Liber de spectaculis 21), wie anlässlich einer Aufführung im Amphitheater ein als Orpheus verkleideter Musiker inmitten von Tieren auftrat, der dann allerdings von einem Bären zerfleischt wurde. Bei Varro (De re rustica 3,13,2–3) inszeniert der Besitzer eines Landgutes in einem weitläufigen Tiergehege eine Tierfütterung, wobei die Tiere von einem als Orpheus verkleideten Darsteller mittels Hornstößen herbeigelockt werden.

Der Mythos in der Kunst mini|hochkant|Namenvase des Orpheus-Malers in der Antikensammlung Berlin, Rotfigurige Vasenmalerei, Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. Vor allem in der Oper ist die Geschichte des Sängers, der vergeblich versucht, seine Geliebte aus dem Hades zurückzugewinnen, stets lebendig geblieben, wobei in der Oper von Christoph Willibald Gluck Eurydike nicht wieder in die Unterwelt zurückkehren muss, sondern bei Orpheus bleiben darf.Vgl. Andreas Dorschel: Es existieren zahlreiche Orpheus-Opern.

Musik mini|Ein die Vihuela spielender Orpheus, aus El Maestro von Luis Milán, 1536 Besonders Musiker griffen die Geschichte des Sängers, der mit seiner Musik wilde Tiere und sogar die Götter der Unterwelt besänftigte, als Thema auf:

Jacopo Peri: Euridice (1600) Giulio Caccini: Euridice (1600, UA 1602) Claudio Monteverdi: L’Orfeo (Uraufführung 1607) Domenico Belli: Orfeo Dolente (Florenz 1616) Heinrich Schütz: Ballettoper Orpheus und Eurydice (Dresden 1638, Libretto August Buchner, Musik nicht erhalten) Antonio Sartorio: L’Orfeo (1672) Marc-Antoine Charpentier: La descente d’Orphée aux enfers (1686/87) Reinhard Keiser: Orpheus (1709) Johann Joseph Fux: Orfeo ed Euridice (1715) Jean-Philippe Rameau: Kantate Orphée von (c.1721) Georg Philipp Telemann: Die wunderbare Beständigkeit der Liebe, oder Orpheus (1726) William Hayes: Ode When the fair Consor oder Orpheus and Euridice (1735) Christoph Willibald Glucks tragische Oper Orfeo ed Euridice (1762) Joseph Haydns Oper L’anima del filosofo (1791, Uraufführung erst 1951) Franz Liszt: Orpheus, Symphonische Dichtung (1854) Jacques Offenbachs Operette Orpheus in der Unterwelt (1858) Ernst Krenek: Orpheus und Eurydike (1923) Carl Orff: Orpheus, Neufassung von Monteverdis L’Orfeo (1924/1940) Igor Strawinsky: Orpheus. Ballet (1947). UA: New York City Ballet Pierre Henry, Pierre Schaeffer: Orphée 53 (1953) Luiz Bonfá: Black Orpheus (eigentlich Manhã de Carnaval, 1959), Bossa Nova und Jazzstandard The Herd: From the Underworld. Popsong, Text von Alan Howard und Ken Blaikley, (1967) The Walker Brothers: Orpheus (1967). Song vom Album Images Reinhard Mey: Ich wollte wie Orpheus singen (1967). Album und Lied. Tito Schipa Jr.: Orfeo 9 (1972) Ital. Rockopera und Film. Michael Denhoff: O Orpheus singt (1977) fünf lyrische Stücke für Oktett. Hans Werner Henze: Orpheus (1978). Eine Geschichte in 6 Szenen (2 Akten). Libretto: Edward Bond, UA: Kölner Rundfunk-Sinfonie-Orchester / Orpheus behind the wire (1981–1983) für 4- bis 12-stimmigen gemischten Chor. UA: BBC Singers, 1985. Gerd Domhardt: Orpheus-Fragmente Orpheus-Fragmente I für zwei Gitarren. Orpheus-Fragmente II – in memoriam Víctor Jara für Sprecher und 7 Melodie-Instrumente (1985) Orpheus-Fragmente III für Englischhorn, Fagott, Viola und Gitarre (1994). UA: Ensemble Sortisatio. David Sylvian: Orpheus auf dem Album Secrets Of The Beehive (1987) Klaus Miehling: Orphée; Cantate Françoise für Bariton, Altblockflöte und B.c. op. 25 (1988) Philip Glass: Die Kammeroper Orphée (1993) nach dem Film (1950) von Jean Cocteau Rolf Riehm: Restoring the Death of Orpheus (2000) für Akkordeon und großes Orchester. Carmen Consoli: Orfeo auf dem Album Stato di Necessità (2000) Beat Furrer: Begehren. für Musiktheater (2001). UA: Vokalensemble Nova und ensemble recherche Nicolaus A. Huber: Der entkommene Orpheus für Gitarrenquartett (2001) Stormlord: A Sight Inwards auf dem Album At the Gates of Utopia (2001) Ash: Orpheus (2004). (Single von dem Album Meltdown) Nick Cave and the Bad Seeds: The Lyre of Orpheus (2004) Amber: In den Tiefen des Hades (2005) Söhne Mannheims: Ich wollte wie Orpheus singen (Cover von Reinhard Meys Lied; Album Wettsingen in Schwetzingen, 2008) Anaïs Mitchell: Hadestown (2010) Otto Dix: Orpheus auf dem Album Zone of Shadows (2010) Saltatio Mortis: Orpheus auf dem Album Sturm aufs Paradies (2011) Arcade Fire: Awful Sound (Oh Eurydice) und It’s Never Over (Hey Orpheus) auf dem Album Reflektor (2013) Voyager: Orpheus auf dem Album V (2014) Helmut Oehring: Orfeo14, Teil 1 des Musiktheater-Zyklus auf Monteverdis L’Orfeo und Joseph Conrads Heart of Darkness, Auftragswerk der Opéra Lille für das Ictus Ensemble und Le Concert d’Astrée/Emmanuelle Haïm François Cotinaud: Verwandlung. Spiegele Malerei. L’Orphée de Rilke. Ensemble Luxus. Nach Sonette an Orpheus. Mit Pascale Labbé (Stimme), François Cotinaud (Klarinette, Saxophon), und Jérôme Lefebvre (Gitarre). Label Musivi (Musea), 2015. Timo Jouko Herrmann: La lira d’Orfeo für Gitarre (2015/16) Anaïs Mitchell: Hadestown. Musical (2016) Christina Pluhar & L’Arpeggiata: Orfeo Chamán (2016) Helmut Oehring: FinsterHERZ oder Orfeo17, Teil 2 des Musiktheater-Zyklus auf Monteverdis L’Orfeo und Joseph Conrads Heart of Darkness, Auftragswerk der Kammerakademie Potsdam u. a. mit David Moss und gehörlosen Geflüchteten aus dem Nahen Osten Orphaned Land feat. Hansi Kürsch – Like Orpheus (2018) Hozier: Talk auf dem Album Wasteland, Baby! (2019) Helmut Oehring: EURYDIKE? vol. 1 (2019), AudioVideoInstallation und Performance, Auftragswerk des Europäischen Zentrums der Künste HELLERAU Matthew Aucoin: Eurydice (2020) Darren Korb: Lament of Orpheus (2020) Johannes Brahms: Vertonung von Schillers Gedicht „Nänie“ von 1800 in seinem gleichnamigen Vokalwerk op. 82 (1881) Vladimir Genin: Mono-oper (Monodrama) ORPHEUS. EURYDIKE. HERMES (2017) nach dem Text von Rainer Maria Rilke, uraufgeführt 2023 in Pierre Boulez Saal Berlin John Mellencamp: Orpheus descending (2023) Machine Gun Kelly: orpheus auf dem Album lost americana (2025). Songwriting Machine Gun Kelly und Megan Fox.

Literatur Die Geschichte des Sängers Orpheus als Teilnehmer an der Argonautenfahrt wird insbesondere erwähnt bei Apollonios von Rhodos, ArgonautikaKurzporträt in Buch I, 23-34. Valerius Flaccus, Argonautica

Die tragische Liebesgeschichte wird u. a.Erste kurze Erwähnungen finden sich bei Platon, Das Gastmahl 179d; Euripides, Alkestis 357–362; Isokrates 11,8 erzählt bei Vergil, GeorgicaVergil, Georgica 4,281-566 Ovid, MetamorphosenOvid, Metamorphosen 10,1-85