Im Rahmen des öffentlichen Diskurses über den Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023, bei dem etwa 1160 Menschen, darunter bis zu 38 Minderjährige, getötet wurden, kam es zu Falschinformationen über die Enthauptung von Babys durch die Hamas, die eine besonders weite Verbreitung erlangten.
Eine Journalistin des israelischen Senders i24news hatte am 10. Oktober live vor Ort im Kibbuz Kfar Aza über Aussagen von israelischen Soldaten berichtet, denen zufolge dort Babys enthauptet worden seien. Die Leichen von 40 Babys seien auf Bahren abtransportiert worden. Beides erwies sich später als falsch. Wie die israelische Zeitung Haaretz im Dezember 2023 und Le Monde im April 2024 berichteten, kamen bei dem Terrorangriff laut offiziellen israelischen Angaben zu zivilen Opfern insgesamt zwei Babys ums Leben, beide durch Schussverletzungen. Es gab im Laufe des Terrorangriffs auch nachweislich Enthauptungen, doch in keinem dieser Fälle handelte es sich um Babys.
Die Gerüchte über enthauptete oder auch verbrannte Babys gingen von Ersthelfern der ultraorthodoxen Nothelfer-Organisation ZAKA und israelischen Soldaten aus. Diese fanden in den ersten Stunden und Tagen nach dem Terrorangriff durch Geschosse, Explosionen und Feuer bis zur Unkenntlichkeit entstellte Leichen und menschliche Überreste vor, die insbesondere von Laien schwer zu interpretieren waren.
Die offiziellen israelischen Stellen hatten keine einheitliche Linie. Manche Sprecher und Botschaften verbreiteten die Meldungen von Kfar Aza als Fakt, andere Stellen erklärten, dass sie sie nicht bestätigen konnten. Inkorrekte Informationen über 40 getötete Babys und Babyenthauptungen erschienen in Schlagzeilen und viralen Posts, wurden von führenden Politikern der Welt bis hin zu US-Präsident Biden wiederholt und zeichneten ein besonders entmenschlichendes Bild der Palästinenser.
Gleichzeitig wurde die Falschinformation über enthauptete Babys auch von Gegnern Israels zu propagandistischen Zwecken genutzt. Propalästinensische Influencer sowie prorussische und verschwörungstheoretische Kreise instrumentalisierten die Falschmeldungen, um wahrheitswidrig zu behaupten, Berichte über große Zahlen ermordeter israelischer Zivilisten und andere bei dem Massaker begangene Gräueltaten seien ebenfalls erfunden.
Der Deutsche Presserat stellte 2024 fest, dass eine Boulevardzeitung ihre Sorgfaltspflicht verletzt habe. Diese hatte Kfar Aza beschrieben als den „Ort, an dem Hamas 40 Babys und Kinder abgeschlachtet hat. Geköpft.“
Zeitlicher Ablauf Hintergrund Während des Terrorangriffs der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 wurden unter anderem auch zwei israelische Babys getötet: Die Neugeborene Naama Abu Rashed, die im Medizinischen Zentrum Soroka in Beʾer Scheva von ihrer angeschossenen beduinischen Mutter entbunden wurde, erlag später ihrer Schussverletzung. Die neun- oder zehnmonatige Mila Cohen wurde von Hamas-Kämpfern mit einem Schuss durch eine Bunkertür im Kibbuz Be’eri getötet. Bisweilen ebenfalls noch als Baby gerechnet wird Omer Kedem Siman Tov, der bei einem Brand seines Hauses im Kibbuz Nir Oz erstickte. Sein Alter wird allerdings unterschiedlich mit zwei oder vier Jahren überliefert.Vier Jahre: Wahrscheinlicher zwei Jahre:
Außerdem waren zwischen 32 und 35 weitere Kinder und Minderjährige unter den Opfern am 7. Oktober. Auch Enthauptungen fanden statt, jedoch nicht in dieser Zahl und nicht von Babys.Darrell M. West, Kamarck Elaine Kamarck: Lies that Kill: A Citizen’s Guide to Disinformation. Rowman & Littlefield, Washington, D. C. 2024, ISBN 978-0-8157-4073-5, S. 100f.
Umfassende Opferlisten wurden erst ab Anfang November veröffentlicht und erst ab Anfang Dezember ausgewertet (siehe unten); bis zu diesem Zeitpunkt war nicht öffentlich bekannt, wie viele Babys gestorben waren. In diesem Kontext verbreitete sich die Behauptung, „Hamas-Terroristen“ hätten im Kibbuz Kfar Aza „40 Babys enthauptet“; außerdem weitere verwandte Gerüchte über Gräueltaten an Babys.
Erste Meldungen Die Geschehnisse im Kibbuz Kfar Aza wurden unter anderem laut Recherchen von Le Monde von Nicole Zedek, Korrespondentin des israelischen Senders i24news, kommentiert. Am 10. Oktober zitierte sie live vor Ort in Kfar Aza israelische Soldaten, die von enthaupteten Babys berichtet hätten. Kurz darauf behauptete sie, von einem der Kommandanten erfahren zu haben, dass „etwa 40 Babys“ auf Bahren abtransportiert worden seien. Von enthaupteten Frauen und Kindern berichtete auch ihr Kollege Maël Benoliel vom selben Sender; der CNN-Journalist Nic Robertson sprach von „Männern, Frauen, Kindern, mit gefesselten Händen, erschossen, hingerichtet, enthauptet“. Zwei andere Journalisten, die an derselben Medientour teilgenommen hatten – Oren Ziv und Samuel Forey – erklärten dagegen am nächsten Tag, ihnen sei nichts von enthaupteten Babys berichtet worden.
Die Berichte über enthauptete Babys in Kfar Aza gingen viral und wurden innerhalb weniger Stunden mehr als 44 Millionen Mal auf X angesehen und oft geteilt: unter anderem vom israelischen Regierungssprecher Eylon Levy, ebenso vom offiziellen Account der israelischen Regierung, hier mit dem Begleittext „40 Babys ermordet“. Der Post der israelischen Regierung wurde zwei Tage später bereits 18 Millionen Mal angesehen. Am Abend des 10. Oktobers meldete eine französische i24news-Fernsehmoderatorin die Enthauptung von 40 Babys in Kfar Aza. Gleichzeitig berichtete Agence France-Presse nur von zwei getöteten Kindern in Kfar Aza; diese Zahl erwies sich später als korrekt und korreliert mit der amtlichen Zählung der Todesopfer, der zufolge in Kfar Aza zwei Brüder im Teenageralter zusammen mit ihrer älteren Schwester und ihren Eltern im Bett erschossen worden waren. Ebenfalls am Abend des 10. Oktobers räumte die israelische Armee in einem Interview mit der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu erstmals ein, sie habe „keine Details oder Bestätigungen“ zu den Behauptungen über von der Hamas geköpfte Babys. Noch am selben Abend erschienen die ersten Schlagzeilen für Zeitungen des folgenden Tags online; die britische Metro beispielsweise titelte „40 Babys von Hamas ermordet“, die britische Times, Hamas habe „Babys die Kehlen durchschnitten“.
Meldungen und Reaktionen an den folgenden Tagen
Während der Rezeption von Zedeks Meldungen – „enthauptete Babys“ und „40 Babys“ – wurden diese kombiniert zu „40 enthauptete Babys“. In der Folge schrieb zum Beispiel am 11. Oktober der amerikanische Schauspieler Noah Schnapp, der 25 Millionen Instagram-Follower hat, auf der Plattform: „40 Babys wurden von der Hamas vor den Augen ihrer Eltern enthauptet und lebendig verbrannt.“ Auch eine deutsche Boulevard-Zeitung berichtete: „Der Ort, an dem Hamas 40 Babys und Kinder abgeschlachtet hat. Geköpft“. Fabian Goldmann analysierte später, insgesamt habe sich die deutsche Rezeption von der internationalen unterschieden: Während es in anderen Ländern ebenfalls Boulevard-Medien und außerdem konservative Medien gewesen seien, die die Meldungen verbreitet hätten, sei die Falschinformation in Deutschland von Medien jeglicher politischer und publizistischer Ausrichtung aufgegriffen worden. Propalästinensische Accounts kritisierten die Meldungen als unzureichend gesichert und Hasbara-Propaganda.
Am selben Tag erklärte der amerikanische Präsident Joe Biden in Washington in einem Gespräch mit Vertretern jüdischer Gemeinden: „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Bilder von Terroristen, die Kinder enthaupten, sehen ... bestätigt bekommen würde.“ Schon am 12. Oktober 2023 kamen Zweifel an der Belastbarkeit der Behauptungen auf. Die Berliner Morgenpost berichtete, dass der israelische Militärsprecher Richard Hecht die Enthauptungen nicht bestätigen konnte. Die US-Regierung musste zugeben, dass Präsident Biden sich auf Medienberichte und die Aussagen einer Pressesprecherin von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu verlassen hatte. Der US-Regierung lägen keine entsprechenden Berichte oder Bilder vor. Veröffentlichte Faktenchecks beschrieben die Meldungen meist als „nicht verifiziert“ oder „unbestätigt“.
Offizielle israelische Stellen befolgten keine einheitliche Linie. Manche Sprecher und Botschaften verbreiteten die Meldung als Fakt, andere israelische Stellen wollten die Meldung nicht bestätigen. Das israelische Außenministerium teilte unverifizierte Bilder, die verbrannte Säuglinge zeigen sollten, und löschte sie später wieder.
Zeitgleich wurden verwandte Berichte verbreitet, die sich später gleichfalls als falsch herausstellten. So erklärte Yossi Landau, ein Regionalleiter der ultraorthodoxen Organisation freiwilliger Nothelfer ZAKA, am 11. Oktober gegenüber CBS News, geköpfte Babys und Kinder mit eigenen Augen gesehen zu haben. Landau berichtete außerdem von einer getöteten schwangeren Frau, deren Fötus ihr aus dem Bauch geschnitten worden sei. Online wurde ein Video verbreitet, das diesen Mord zeigen sollte, aber von einer anderen Begebenheit in einem anderen Land stammte. Die Tötung der schwangeren Frau wurde auch von israelischen Sprechern aufgegriffen. Sie sollte sich im Kibbuz Be’eri ereignet haben, was Bewohner des Kibbuz selbst als falsch bezeichneten und später von ZAKA ebenfalls als widerlegt bezeichnet wurde. Landau hielt trotzdem an dieser Erzählung fest.
Am 12. Oktober bestätigte die Jerusalem Post, dass auf Grundlage „verifizierter Fotos“ die Berichte über verbrannte und geköpfte Babys in Kfar Aza korrekt seien und dass die Hamas die entsprechenden Anschuldigungen in einem Video zurückgewiesen habe. Der Tagesspiegel schrieb darauf, dass es laut Jerusalem Post nun Fotos gebe, „die geköpfte Kinder zeigen.“ Die Fotos seien außerdem dem US-Außenminister Antony Blinken bei dessen Besuch im Büro des Premierministers durch die Direktion für öffentliche Diplomatie gezeigt worden.
Die Jüdische Allgemeine erkläre, dass die Meldungen aus dem Kibbuz Kfar Aza, die sich später als Falschmeldungen herausstellen, an historische Berichte über das Massaker von Babyn Jar erinnerten.
Aufarbeitung Das amerikanische Online-Magazin Slate schrieb am 13. Oktober 2023, die Gerüchte dienten dem Zweck, Palästinenser insgesamt zu entmenschlichen und es so akzeptabler zu machen, dass nun im Gazastreifen Dutzende Kinder unter israelischen Bomben stürben. Am selben Tag wies Alan MacLeod in Mint Press News darauf hin, dass die breite Berichterstattung in keinem Verhältnis stehe zur mangelnden Evidenz, unbekannten und ungenannten Quelle und Distanzierung der israelischen Streitkräfte.Zu: Der progressive Medien-Watchdog Fairness & Accuracy in Reporting (FAIR) urteilte am 20. Oktober 2023, Medien seien sehr unverantwortlich mit den unverifizierten Meldungen umgegangen (ebenso urteilte in der Rückschau die Medienwissenschaftlerin Robin Andersen: US-Medien hätten sich der „Komplizenschaft“ mit einer israelischen Propaganda-Kampagne schuldig gemacht).