mini|Menschenfresserin, Landesmuseum Württemberg Die Menschenfresserin ist eine um das Jahr 1630 von Leonhard Kern gefertigte Elfenbeinstatuette. Die vollplastische Schnitzerei zeigt eine verhärmte alte Frau, die ein abgetrenntes Menschenbein verzehrt. Die nur 20 cm hohe Kleinplastik befindet sich im Hällisch-Fränkischen Museum als Leihgabe vom Landesmuseum Württemberg und wird im Rahmen der Dauerausstellung gezeigt.

Beschreibung Die aus Elfenbein gefertigte Statuette des Landesmuseums Württemberg hat eine Höhe von 20 cm. Die als Menschenfresserin titulierte alte Frau sitzt nackt auf einem schmalen Klotz, der auf einer runden, mit Gräsern bewachsenen Plinthe steht. Ein hochgeschlagenes Tuch bedeckt ihren Schambereich. Ihre etwas derb wirkenden Haare sind hinten zu einem Dutt zusammengebunden. Ihre Gesicht ist verhärmt und faltig, ihr Blick nach vorne gerichtet. Sie hält mit beiden Händen ein linkes menschliches Bein an ihren Mund. Mit herausgearbeiteten, gut sichtbaren Zähnen beißt sie in das Fleisch, welches sich oberhalb des Knies befindet, und verzehrt es.

Als Kontrast zu der kannibalistischen Szene sitzt zur linken Seite der Menschenfresserin (aus Sicht der Frau) ein rundlicher, wohlgenährter Knabe am Boden. Er ist ebenfalls nackt. Schaudernd wendet er seinen Körper nach links, weg von der grauenvollen Tat. Sein Kopf und sein Blick sind jedoch neugierig nach rechts gewandt, um der alten Frau beim Essen zuzusehen.

Deutung Das Sujet einer alten Frau, die in ein Menschenbein beißt, wurde von Leonhard Kern mindestens fünf Mal aufgegriffen. Drei dieser Werke sind aus Holz gefertigt und zwei aus Elfenbein. Eine der Holzstatuetten trägt Kerns Monogramm LK. Die Bezeichnung diese Skulpturenreihe sowie ihre Deutung wird seit langem diskutiert. Wie Donhuijsen ausführt, benutzten Christian Scherer und Hermann Fillitz für sie den Titel „Hungersnot“ bzw. „Allegorie der Hungersnot“. Dieser Hungeraspekt wird besonders in den beiden Elfenbeinstatuetten durch den Gegensatz betont, der in der Begleitung eines adipösen Kindes liegt. Demgegenüber bevorzugt Michael Grünenwald „Gäa“, die Erdmutter, als Bezeichnung. Hans-Ulrich Kessler vom Bode-Museum schließt sich, zumindest für die Berliner Figur, dieser Sicht an, da in dieser Figur die Frau muskulös und nicht verhungert aussehe. Auch die Bezeichnungen „Gier“ und „Geiz“ wurden vorgeschlagen.

Für die Werke der Skulpturenreihe wird heute zumeist die deskriptive „funktionsnahe“ Bezeichnung „Menschenfresserin“ verwendet. Diese Bezeichnung fand sich auch in der Inventarliste der Kunstkammer der Herzöge von Württemberg für eine zum Thema passende Buchsbaumstatuette. Sie ist im Württembergischen Landesmuseum Stuttgart asserviert.

Datierung und Ausstellungsort Die beschriebene Skulptur entstand um das Jahr 1630 in Schwäbisch Hall, wo sich Kern zu dieser Zeit aufhielt und arbeitete. Sie wurde 1988 aus dem Bremer Kunsthandel für das in Stuttgart liegende Württembergische Landesmuseum erworben. Die Inventarnummer lautet: WLM 1988–332. Die „Menschenfresserin“ wird in der Dauerausstellung des Hällisch-Fränkischen Museums gezeigt.

Die erwähnten drei aus Holz gearbeiteten Statuetten befinden sich im Bode-Museum (mit Monogramm von Kern, Inv.-Nr. 8290), im Württembergischen Landesmuseum (Inv.-Nr. E 799) sowie in Privatbesitz. Die zweite Elfenbeinstatuette wurde bei einer Auktion am 13. Dezember 1990 bei Sotheby’s, London, verkauft.

Einzelnachweise

Kategorie:Museumsbestand (Landesmuseum Württemberg) Kategorie:Werk der Elfenbeinkunst Kategorie:Frauenskulptur Kategorie:Skulptur (17. Jahrhundert) Kategorie:Weiblicher Akt