mini|Karte der Strecke mit Unfallhergang mini|Unfallstelle am Abend des 3. September 2025
Der Seilbahnunfall von Lissabon war ein Seilbahnunfall am 3. September 2025 in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon. Ein Wagen der Standseilbahn Ascensor da Glória löste sich vom Zugseil und stieß aufgrund versagender Notbremsen im Gefälle mit hoher Geschwindigkeit umkippend gegen eine Hauswand. 16 Menschen starben, 23 weitere wurden teils schwer verletzt.
Unfallhergang Um 18:03 Uhr hatte die Bahn eine Fahrt begonnen. Der talwärts fahrende Wagen 1 löste sich 6 m nach der Abfahrtjh/an: Schweres Unglück mit historischer Standseilbahn in Lissabon. In: Eisenbahn-Revue International. Nr. 10, 2025, S. 453. von der Bergstation vom Zugseil. Der darin anwesende Bremser betätigte sowohl die Druckluft- als auch die Handbremse sofort. Dennoch rollte der Wagen mit zunehmender Geschwindigkeit die Gefällestrecke hinab. Bei einer geschätzten Geschwindigkeit von 60 km/h entgleiste er kurz vor der Talstation Restauradores in dem engen und einzigen Gleisbogen der Strecke. Kippend stieß er gegen ein Gebäude, wobei der hölzerne Wagenkasten vollständig zerstört wurde. Ein Laternenmast und ein Oberleitungsmast durchschnitten ihn förmlich.Zahl der Todesopfer in Lissabon auf 16 korrigiert. In: Tagesschau, 4. September 2025, abgerufen am selben Tag.
Der bergwärts fahrende Wagen 2 war gleichzeitig abgefahren. Er rollte, nachdem das Zugseil die Spannung verlor, etwa 10 m rückwärts und stieß gegen den Gleisabschluss. Dort blieb er geringfügig beschädigt stehen.Carolina Amado, Leonor Alhinho: O que se sabe até agora sobre o acidente do Elevador da Glória. In: Público, 4. September 2025, abgerufen am gleichen Tag (portugiesisch). Einige Fahrgäste des Wagens sprangen in Panik aus den Fenstern, als sie den zweiten Wagen mit hoher Geschwindigkeit herannahen sahen. Das gesamte Unfallgeschehen dauerte 51 Sekunden.Nuno Ferreira Santos, Joana Bourgard: Elevador da Glória: 51 segundos que explicam um descarrilamento mortal em Lisboa. In: Público, 3. September 2025, abgerufen am 4. September 2025 (portugiesisch).
Folgen Nach dem Unfall waren die Rettungsdienste mit 22 Einsatzfahrzeugen und 62 Rettungskräften vor Ort. In den Trümmern des Wagens wurden 15 Menschen tot geborgen. Eine weitere Person erlag am folgenden Tag ihren Verletzungen. Mindestens 23 weitere Fahrgäste wurden in beiden Wagen teils schwer verletzt.Daniela Carmo: Pai de criança alemã que tinha sido dado como morto está, afinal, internado no São José. In: Público, 5. September 2025, abgerufen am selben Tag (portugiesisch). Bei den Todesopfern handelt es sich um fünf Portugiesen, drei Briten, je zwei Südkoreaner und Kanadier und je einen US-Amerikaner, Franzosen, Ukrainer und eine Schweizerin. Auch der Bremser des Wagens 1 war unter den Toten.Martim Andrade, António Moura dos Santos: Um dos sobreviventes do desastre do Elevador da Glória é uma criança alemã de três anos. O pai morreu e a mãe está em estado crítico. In: Observador, 4. September 2025, abgerufen am selben Tag (portugiesisch). Unter den übrigen Verletzten waren Touristen aus neun Ländern: Südkorea, Kanada, Italien, Frankreich, Spanien, Kap Verde, Marokko, der Schweiz und Deutschland. Sie wurden auf verschiedene Krankenhäuser in Cascais und Amadora verteilt.
In Reaktion auf den Unfall wurde der Betrieb der anderen beiden historischen Lissabonner Standseilbahnen, Ascensor do Lavra und Ascensor da Bica, sowie des Aufzugs Elevador de Santa Justa eingestellt, um die Anlagen einer technischen Prüfung zu unterziehen.
Am 30. April 2026 ging die Seilbahn Funicular da Graça wieder in Betrieb.
Ursachen mini|400px|Abgerissenes Zugseil Bereits unmittelbar nach dem Unfall berichteten portugiesische Medien auf der Basis erster sachkundiger Einschätzungen, das Zugseil, das die beiden Wagen verband, müsse sich aus einer Verankerung gelöst haben oder gerissen sein, was dazu führte, dass der bergseitige Wagen unkontrolliert bergab rollen konnte.
Die portugiesischen Ermittlungsbehörden nahmen gleich nach Beendigung der Rettungsarbeiten noch in der Nacht die Ermittlungen zur Ursache auf. Nach einer am 6. September veröffentlichten ersten Verlautbarung des Amtes für die Verhütung und Untersuchung von Flug- und Eisenbahnunfällen (GPIAAF)Pressemitteilung des GPIAAF (portugiesisch). (englisch) Vorläufige Information zur Einleitung der Unfalluntersuchung, 6. September 2025 (PDF; 1,0 MB) . hatte sich das Seil, mit dem die beiden Wagen verbunden waren, aus der Verankerung am oberen Wagen gelöst. Drahtseile dieses Typs wurden seit 2019 bei den Standseilbahnen Lissabons verwendet und sollten 600 Tage halten; das betreffende Seil war erst 337 Tage im Einsatz. Das 32 mm starke, aus sechs Litzen mit je 36 Einzeldrähten bestehende Seil entsprach aber nicht den Sicherheitsnormen und war für Anlagen zur Personenbeförderung nicht zugelassen. Es hatte laut Berichten portugiesischer Medien offenbar einen Kunststoffkern, der bei der havarierten Bahn durch die Beanspruchungen im laufenden Betrieb abgerieben und verformt wurde. In anderen Bahnen seien solche Seile schon über 600 Tage im Einsatz gewesen, ohne dass etwas passierte.
Gemäß vorläufigem Bericht der GPIAAF wurden alle Bremsen betätigt. Jeder Wagen besitzt als Betriebsbremse eine mechanische Handbremse, die auf die Räder des Fahrzeugs wirkt, und eine Druckluftbremse als Sicherheits- und Fangbremse, die bei Spannungsverlust mit vier Bremsschuhen selbsttätig auf den Kanal wirkt, in dem das die Fahrzeuge verbindende Seil läuft. Die Bremsen wurden alle betätigt. Das reichte aber nicht aus, den Wagen anzuhalten. Die erste Einschätzung des GPIAAF stellte daher fest, dass die vorhandenen Bremsen kein redundantes System zum Seil darstellten. Am 21. Oktober 2025 veröffentlichte die GPIAAF ihren vorläufigen Untersuchungsbericht. Der stellte fest, dass es Hinweise darauf gebe, dass das Bremssystem nach der Elektrifizierung verändert und Komponenten entfernt wurden, während zugleich das Wagengewicht zunahm.jh: Lissabon: Unfallbericht zeigt gravierende Sicherheitsmängel auf. In: Eisenbahn-Revue International 12/2025, S. 573. Weiter bemängelte der Bericht, dass die Notbremse, die versagt hatte, nie getestet worden sei. Bei der staatlichen Betreibergesellschaft Carris und den von ihr beauftragten Unternehmen konstatierte der Bericht zahlreiche Versäumnisse bei der Qualitätskontrolle und Sicherheitsüberprüfungen.
Ein endgültiger Abschlussbericht wurde von GPIAAF-Direktor Nelson Oliveira zunächst für September 2026 in Aussicht gestellt. Im August 2026 wurde aufgrund von aufwendigeren Untersuchungen der Bericht auf März 2027 terminiert.Elevador da Glória. Publicação do relatório final adiada para final de março de 2027. Rádio Renascença, 22. August 2026, abgerufen am 14. September 2026.
Beschuldigt werden der für die Instandhaltung zuständige Direktor des Unternehmens Carris, der geschäftsführende Gesellschafter des Wartungsunternehmens MNTC und das Unternehmen MNTC selbst; über die Anklageerhebung soll Ende 2026 entschieden werden. Jaime Dantas: Elevador da Glória. Ex-diretor da Carris e responsável pela manutenção constituídos arguidos. Rádio Renascença, 28. August 2026, abgerufen am 14. September 2026.
Literatur jh/an: Schweres Unglück mit historischer Standseilbahn in Lissabon. In: Eisenbahn-Revue International 10/2025, S. 453. jh: Lissabon: Unfallbericht zeigt gravierende Sicherheitsmängel auf. In: Eisenbahn-Revue International 12/2025, S. 573.
Weblinks
Pressemitteilung des GPIAAF. (englische Version) Vorläufige Information zur Einleitung der Unfalluntersuchung, 6. September 2025 (PDF; 1,0 MB) Zwischenbericht der GPIAAF vom 20. Oktober 2025 in portugiesischer und englischer Sprache Richtlinie 2000/9/EG des Europäischen Parlaments und des Rates über Seilbahnen für den Personenverkehr vom 20. März 2000 (PDF; 179 kB)
Einzelnachweise
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