mini|hochkant=1.3|Franzensring um 1890 Die Ringstraße ist ein Boulevard im 1. Bezirk der österreichischen Hauptstadt Wien. Sie wurde auf Anordnung Franz Josephs I. zur Schleifung der Stadtbefestigung 1857 begonnen und 1865 vollendet. An der 5,2 km langen und 57 m breiten Straße, die rund um das Historische Zentrum von Wien führt, liegen zahlreiche Gebäude des Historismus, die zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt zählen. Zum Ring im weiteren Sinne gehört auch der Franz-Josefs-Kai, der beide Enden entlang des Donaukanals verbindet.Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien. Band 4. Le–Ro. Verlag Kremayr & Scheriau, Wien 2004, ISBN 3-218-00748-8, S. 677 f.
Entwicklung mini|Der Wiener Stadtplan von 1858 verdeutlicht die Lage der Stadtmauern und des Glacis, des freien Festungsvorfelds zu den Vorstädten, rings um die Innere Stadt, ein noch dem ausgehenden Mittelalter verhaftetes Stadtkonzept. mini|Opernring mit Heinrich(s)hof kurz vor dessen Fertigstellung 1863. mini|Der Burgring im Jahr 1872; rechts das äußere Burgtor. Das Naturhistorische Museum (links) ist noch in Bau. Parlamentsgebäude und Rathaus fehlen noch, so dass im Hintergrund die Landesgerichtsstraße als Grenze zum 8. Bezirk zu sehen ist.
Vorgeschichte
Vom 13. Jahrhundert an umgab eine Mauer die Stadt. Nach der ersten Türkenbelagerung 1529 und dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) wurde diese Wehranlage weiter ausgebaut und verstärkt. Darüber hinaus wurde außen um die Festungsanlagen ein Glacis, ein Wiesenstreifen, angelegt, der nicht verbaut werden und keinen die Verteidigung behindernden Bewuchs aufweisen durfte. Der Streifen mit Bauverbot war ursprünglich 95 Meter breit und wurde bis 1683 auf 450 Meter Breite erweitert. Die mit vorspringenden Geschützterrassen – sogenannten Basteien – versehene Stadtmauer bewährte sich während der zweiten Türkenbelagerung 1683 sehr, verlor dann aber an Bedeutung und war ab dem späten 18. Jahrhundert militärtechnisch veraltet.
Kaiser Joseph II. ließ daher ab 1770 Fußgängerwege und Fahrstraßen über das Glacis anlegen, 1776 Laternen aufstellen und ab 1781 etwa 3000 Alleebäume pflanzen. Das Glacis diente nun auch als Freiluftwerkstätte für Handwerker. Verkaufsstände wurden aufgestellt. 1809 wurde die Burgbastei von den Truppen Napoleons gesprengt, 1820 in diesem Bereich das Äußere Burgtor errichtet, das der Repräsentation diente.
Nach der Revolution 1848 waren die – gegen innere Bedrohungen als nutzlos erkannteRainer Hackauf: Auch Wien, auch Wien muss brennen … In: igkultur.at, 5. Juli 2011, abgerufen am 23. Februar 2022. – Stadtmauer und die vorgelagerten Festungswerke außerdem der Stadtentwicklung der rasch wachsenden Metropole im Weg: Denn 1850 wurden die Vorstädte als Bezirke II bis VIII (ab 1861 II–IX) eingemeindet, so dass die Befestigungsanlagen ein merkliches Verkehrshindernis darstellten. Das parkartige Glacis mit seinen Erfrischungspavillons wurde allerdings als Erholungsraum allseits geschätzt.
Schleifung der Stadtmauer und Anlage der Ringstraße
Am 20. Dezember 1857 traf Kaiser Franz Joseph I. die Entscheidung zur Fred Hennings: Ringstraßen-Symphonie, 1. Satz 1857–1870, Es ist mein Wille, Verlag Herold, Wien 1963, S. 15. und ordnete den Bau eines Boulevards an dieser Stelle an. In seinem Allerhöchsten Handschreiben an Innenminister Alexander von Bach, das mit den oft zitierten Worten beginnt und am 25. Dezember in vollem Wortlaut auf Seite 1 der amtlichen Wiener Zeitung veröffentlicht wurde,Kaiser Franz Joseph I.: Allerhöchstes Handschreiben an Innenminister Alexander von Bach. In: Wiener Zeitung, Wien, Nr. 296, 25. Dezember 1857, S. 1, online bei ANNO. verfügte der Kaiser über die genaue Größe und Verwendung des neu gewonnenen Areals und kündigte einen Planungswettbewerb an. Im März 1858 begannen beim Rotenturmtor am Donaukanal die Abbrucharbeiten, die erst 1874 abgeschlossen waren. Bis zum Sommer 1858 waren 85 Projekte für den Grundplan der Ringstraße eingelangt. Mitte September 1859 erhielt die „dreißig Klafter breite, mit doppelten Baumreihen besetzte Straße, welche nach dem Stadterweiterungs-Plane gleich einem regelmäßigen Gürtel um die Stadt gezogen werden wird, […] den officiellen Namen Ringstraße“.
Die neue Straße wurde als Repräsentationsboulevard geplant, der nicht zuletzt aus militärischen Überlegungen eine unregelmäßig achteckige Form bekam. Im Falle eines etwaigen erneuten Aufstandes der Bevölkerung (nach dem Wiener Oktoberaufstand 1848) hätten die geraden Straßenabschnitte den kaiserlichen Truppen eine freiere Schusslinie ermöglicht und die Breite der Straße einen Barrikadenbau erschwert.
Für Lastfuhrwerke wurde die parallel verlaufende „Lastenstraße“ vorgesehen. Diese Verkehrsregelung besteht bis heute. Die offiziell verschiedene Namen tragende Lastenstraße ist heute als Zweierlinie bekannt; der dem Straßenbahnbetrieb entlehnte Name verwies auf die hier bis 1980 verkehrenden Straßenbahnlinien E2, G2 und H2 und bezieht sich seither auf die zwischen U-Bahn-Karlsplatz und Alser Straße unter der Straße verlaufende U-Bahn-Linie U2.
Nach Kompetenzstreitigkeiten zwischen Regierung und Stadtverwaltung wurde 1858 der Stadterweiterungsfonds geschaffen, der zum Ärar, von der Regierung verwaltetem Staatsvermögen, zählte. Er erhielt 1859 den Auftrag, das Projekt zu übernehmen, verkaufte die durch die Schleifung der Stadtmauer und den Wegfall des Verteidigungszwecks frei gewordenen Grundstücke an private Investoren und finanzierte damit die staatlichen Repräsentationsbauten. Nur das Neue Rathaus, wie es bis 1960 hieß, wurde von der Stadtverwaltung geplant. Weil die Stadt bei dieser groß angelegten Immobilienoperation leer ausging, vertrat sie mit umso größerer Entschiedenheit die teilweise Erhaltung der vorhandenen Erholungsräume. Bis zur Gegenwart existieren mit Stadtpark, Burggarten, Volksgarten, Rathauspark und Sigmund-Freud-Park entlang der Ringstraße vergleichsweise große Grünflächen.
Dem Ausbau des Stubenrings stand lang die Franz-Josephs-Kaserne im Wege. Sie sollte, gemeinsam mit der 1865–1869 errichteten, nördlich der Altstadt gelegenen Roßauer Kaserne und dem Arsenal, das Stadtzentrum militärisch kontrollieren. Der Bau der Franz-Josephs-Kaserne begann 1854. Sie wurde 1857 fertiggestellt; im gleichen Jahr entschied der Kaiser die Auflassung der Befestigungsanlagen. Die Aspernbrücke als Verbindung vom Stubenring in die Leopoldstadt, den 2. Bezirk, wurde zwar bereits 1864 eröffnet, aber erst 1900/1901 wurde die Franz-Josephs-Kaserne abgerissen. Auf ihrem einstigen Areal steht das bis 1913 erbaute Viertel um das ehemalige k.k. Postsparkassenamt (gebaut 1904–1906, später erweitert); 1909/1910 wurde die Urania als Abschluss der Ringstraße neben die Aspernbrücke gestellt, erst 1913 vis-à-vis der Postsparkasse das neue k.u.k. Kriegsministerium eröffnet und der Stubenring damit komplettiert.
Die Ringstraße wurde am 1. Mai 1865 von Kaiser Franz Joseph in Anwesenheit von Kaiserin Elisabeth, zahlreicher Erzherzöge, Minister und Vertreter der Stadt Wien mit Bürgermeister Andreas Zelinka an der Spitze feierlich eröffnet. Zuvor waren die öffentlichen sowie privaten Gebäude mit Reisig, Wappen, Fahnen sowie Girlanden geschmückt worden; außerdem wurde am 1. Mai die Gasbeleuchtung auf dem westlichen Teil der Ringstraße in Betrieb genommen. Der Festakt fand vor dem Äußeren Burgtor auf dem Burgring statt; an der anschließenden Fahrt der Ehrengäste zur Hoftafel im Prater waren mehr als 100 Equipagen beteiligt.
Zum Zeitpunkt der Eröffnung der Straße waren (heutige Namen) Stubenring, Burgring, Dr.-Karl-Renner-Ring, Universitätsring und Schottenring noch größtenteils unverbaut. Von der Wollzeile bis zur Babenbergerstraße hatten hingegen Bauherren aus Aristokratie und Großbürgertum bereits viele „hochherrschaftliche“ Wohnhäuser errichtet.
Bauten mini|Der Schottenring um 1875, Blick vom Schottentor Richtung Donaukanal mini|Parlamentsgebäude vor 1898 am damaligen Franzensring, nach mehreren Umbenennungen seit 1956 beim Parlament Dr.-Karl-Renner-Ring, beim Rathauspark (vorne rechts) seit 2012 Universitätsring mini|Der heutige Universitätsring mit dem Burgtheater um 1900, im Vordergrund der Rathauspark
Entlang der gesamten Ringstraße wurden zahlreiche öffentliche und private Bauten errichtet. Adelige und andere wohlhabende Privatleute beeilten sich, repräsentative Palais (Ringstraßenpalais) im monumentalen historistischen Stil bauen zu lassen. Der Ringstraßenstil als besondere Ausprägung des Historismus war stilbildend für die österreichische Architektur im Zeitraum der 1860er bis 1890er Jahre, der so genannten Ringstraßenzeit. Die zahlreichen Prachtbauten am Ring zählen zu den Hauptsehenswürdigkeiten Wiens.
Eines der ersten Gebäude war der Heinrichhof (historische Schreibung ohne s) des Ziegelfabrikanten Heinrich von Drasche-Wartinberg, der, zuletzt kriegsbeschädigt, bis 1954 gegenüber der Oper stand.
Bemerkenswert sind vor allem das k.k. Hof-Operntheater (nunmehr Staatsoper) im Stil der Neorenaissance von August Sicard von Sicardsburg und Eduard van der Nüll, das Parlament im neo-attischen Stil (ein Verweis auf die altathenische Demokratie) und das Palais Epstein von Theophil von Hansen, das Rathaus im Stil der flämischen Gotik von Friedrich von Schmidt, das Burgtheater von Carl von Hasenauer und Gottfried Semper sowie das neue Universitätsgebäude von Heinrich von Ferstel. Der einzige Sakralbau ist die Votivkirche im neogotischen Stil (ebenfalls von Ferstel), die 1853 anlässlich der Errettung Kaiser Franz Josephs vor einem Attentat gestiftet wurde und jahrzehntelang in Bau war.
In Wien erreichten Juden ab 1860 die Realbesitzfähigkeit und waren als Bauherren an der Ringstraße vertreten. Sie nahmen den Historismus als Möglichkeit wahr, ihrem Bedürfnis nach Zugehörigkeit zur europäischen Geschichte Ausdruck zu verleihen. Speziell die Familien Ephrussi, Dumba und Lieben bauten aufwändige Palais. Durch die sehr hohen Grundstückspreise trugen sie zur Finanzierung der Ringstraße bei. Der Kaiser erhob mehrere von ihnen in den Adelsstand, meist als Ritter.
Quer zur Ringstraße sollte vor der historischen Hofburg, der Kaiserresidenz, das monumentale Kaiserforum entstehen, um die Macht der österreichisch-ungarischen Monarchie zu demonstrieren. Das Projekt blieb ein Torso. Gebaut wurde bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs innerhalb der Ringstraße die Neue Hofburg, in der heute die Österreichische Nationalbibliothek, das Weltmuseum, die Sammlung alter Musikinstrumente, das Ephesos Museum sowie die Hofjagd- und Rüstkammer untergebracht sind. Weitere realisierte Teile des Kaiserforums sind außerhalb der Ringstraße das Kunsthistorische Museum und das Naturhistorische Museum.
Der ursprünglichen Planung nach hätte gegenüber der Neuen Hofburg ein spiegelgleicher Flügel an den Altbestand der Hofburg angebaut werden sollen, der an das Naturhistorische Museum anschließen hätte sollen. Der Heldenplatz und der Maria-Theresien-Platz wären somit Teile des von der Ringstraße durch Torbögen zwischen den Museen und den neuen Hofburgteilen gequerten Kaiserforums geworden. Dieser Plan geriet aus Geldmangel ins Stocken, außerdem war zu Beginn des Ersten Weltkriegs nicht einmal der Innenausbau der „Neuen Burg“ abgeschlossen. Die geänderten politischen Verhältnisse nach 1918 machten das Projekt obsolet.
Der Abschluss der repräsentativen Bautätigkeit am Ring wurde erst 1913 mit der Fertigstellung des k.u.k. Kriegsministeriums erreicht, als der Ringstraßenstil schon ein wenig unmodern geworden war, wie das etwa gleichzeitig von Otto Wagner im Jugendstil gebaute, gegenüberliegende Postsparkassengebäude zeigt.
Die größte Katastrophe an der Ringstraße war der Brand des Ringtheaters 1881, der mehrere hundert Todesopfer forderte. An Stelle des Theaters wurde das Sühnhaus errichtet, welches seinerseits im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde und Platz für den Neubau der Wiener Polizeidirektion (Schottenring 7–9) als Ersatz für die ebenfalls zerstörte bisherige Polizeidirektion (Schottenring 11) bot.