Samskaras (Sanskrit: saṃskāra • संस्कार) sind im Hinduismus, im Jainismus, im Buddhismus und im Sikhismus neben ihrer rein psychologischen Bedeutung vor allen Dingen Sakramente.

Einführung mini|hochkant=1.6|Im annaprāśana samskara wird das erstmalige Aufnehmen fester Nahrung des Neugeborenen gefeiert

Im Hinduismus sind samskaras in ihrer Anzahl und in ihrem Detail je nach regionaler Tradition sehr unterschiedlich. Im Gautama Dharmasutra (Gautama Dharmasūtra – गौतम धर्मसूत्र) von zirka 500 v. Chr. wird eine Liste mit 40 Samskaras angeführt. Jahrhunderte später erscheinen in den Texten des Grhyasutras (Gṛhyasūtra – गृह्यसूत्र) nur noch 16 Samskaras. Diese Samaskaralisten enthalten sowohl externe als auch interne Rituale. Externe Rituale sind beispielsweise die Geburt eines Neugeborenen und dessen Namensgebung. Unter den internen Ritualen fungieren Entschlossenheit und Ethik, die ihren Ausdruck in einem Mitgefühl für alle Lebewesen und in einer positiven Einstellung finden.

Laut Pandurang Vaman Kane stellen Samskaras in der hinduistischen Tradition Zeremonien dar. Diese sind als nach außen gerichtete Symbole zu verstehen oder aber auch als Zeichen eines inneren Wandels. Sie markieren hierbei bedeutende Ereignisse im individuellen Leben. Samskaras dienen einem spirituellen, kulturellen und auch psychologischen Zweck – sie beglückwünschen den Einzelnen zu einem neuen Lebensabschnitt und übertragen gleichzeitig Privilegien, die der Einzelne aber auch anerkennen und zurückzahlen muss. Gleichzeitig wird dem Individuum innerhalb seines sozialen Umfelds eine neue Rolle vermittelt.

Im heutigen modernen Gebrauch bedeuten Samskaras jetzt oft nur kulturelle, soziale oder religiöse Traditionen.

Samskaras als Sakramente Im Hinduismus sind Samskaras vorrangig Sakramente, die bei Geburt einsetzen, bestimmte frühe Entwicklungsschritte des Neugeborenen feiern und es inmitten seiner Welt von Freunden und Familie willkommen heißen. Sodann folgen verschiedene Stadien wie der erste Schul- bzw. Unterrichtungstag, Schulabschluss, Heirat, Schwangerschaft, Gründung einer Familie sowie schließlich als Abschlussriten die Verbrennung und Einäscherung.

Diese Übergangsrituale werden nicht einheitlich gehandhabt und unterscheiden sich in den verschiedenen Traditionen des Hinduismus. Darunter sind einige sehr formelle Zeremonien wie beispielsweise die Yagnas (Feuerzeremonien – yajña यज्ञ), bei denen vedische Hymnen gechantet werden. Andere wiederum sind recht einfache, private Angelegenheiten des jeweiligen Paares, bei denen Freunde und andere Familienangehörige hinzukommen können – oft in Begleitung einer religiösen Person wie einen Priester oder einen Pandit (Gelehrter – Paṇḍita पण्डित).

Für sich genommen erfüllen Samskaras keinen besonderen Zweck, außer dass sie der jeweiligen Person zu sozialer Anerkennung verhelfen und den Übergang von einer bedeutenden Station im Leben zur nächsten erleichtern. Bereits in den Veden (veda • वेद) – die zu dem ältesten bekannten Schrifttum im Hinduismus und in der Welt gehören – werden verschiedene Elemente der Samskaras und der Übergangsriten erwähnt. Wie bereits angespochen finden sich die ausführlichsten, jedoch voneinander abweichenden Diskussionen der Übergangsriten in den verschiedenen Dharmasutras und Grhyasutras aus dem 1. vorchristlichen Jahrtausend. Viele der Übergangsriten enthalten formelle Zeremonien mit rituellen Hymnenlesungen, Chants und ethischen Verkündigungen, die darauf abzielen das Individuum auf Dharmawerte (Dharma धर्म) auszurichten (Werte wie richtig, gut, gerecht, moralisch, wahrhaft, spirituell, verantwortlich, sowie Pflichtgefühl gegenüber der Familie im Besonderen und der Gesellschaft im Allgemeinen) und auf essentielle Handlungen einzuschwören. Hierunter fallen letzte Riten und Leichenverbrennung, Opfergaben und fromme Werke sowie sämtliche Handlungen, die auf Glauben (Shraddha – śraddhā श्रद्धा) beruhen.

Ihr Zweck Im Gautama Dharmasutra findet sich eine Auflistung von 40 äußeren karmischen Samaskaras und 8 inneren karmischen Samskaras (guten Eigenschaften). Ihr Zweck liegt in der Ermächtigung eines menschlichen Lebewesens, den Brahman-Atman (das Höchste Wesen und die Seele, das Selbst – brahman ब्रह्मन् und ātman आत्मन्) zu entdecken, anzuerkennen und sich mit ihm zu vereinigen. Letztlicher Zweck ist die Einimpfung von Tugenden und daher werden in der Tradition des Hinduismus Samskaras als Hilfsmittel angesehen, um den menschlichen Lebensweg zur Reife und zur Perfektion zu führen. Die im Gautama Dharmasutra aufgeführten 8 guten Eigenschaften werden als wichtiger angesehen als die 40 Samskararituale. Hierzu die Verse 8.21–8.25 des Sutras (die 40 rituellen Samskaras erscheinen in 8.21 und die 8 Tugenden in 8.22):

Die 40 Samskaras Das Gautama Dharmasutra listet folgend 40 Rituale als äußere Samskaras auf: Garbhadana (Empfängnis), Pumsavana (den Fötus zelebrierender Ritus), Simantonayana (Scheiteln des Haupthaares der Schwangeren im 8. Monat), Jatakarman (Geburtsritus), Namakarana (Namensgebungszeremonie), Annaprashana (erstmalige feste Nahrungsaufnahme des Neugeborenen), Choulam (Erstrasur des Neugeborenen) und Upanayana (Schuleintrittszeremonie).

Mit dem Studium der Veden sind vier Gelübde assoziiert. Am Ende der Schulzeit wird dann ein Graduierungsritual vorgenommen. Bei der Heirat erfolgt der Ritus des Svadharma (स्वधर्म). Fünf Opfer werden den Göttern, den Vorfahren, den Menschen, den Geistwesen und dem Allwissen dargebracht. In sieben Opfern wird mit gekochten Speisen der Vorfahren gedacht und an sie erinnert. Ebenfalls sieben Opfer werden in der Gegenwart des Feuers (Yagna) dargeboten – als Zeichen von Ernten, Jahreszeiten und Gottheiten. Weiter bestehen folgende sieben Somaopfer: Agnistoma (agniṣṭoma • अग्निष्टोम), Atyagnistoma (atyagniṣṭoma • अत्यग्निष्टोम), Ukthya (ukthya • उक्थ्य), Sodasin (ṣoḍaśin • षोडशिन्), Vajapeya (vājapeya • वाजपेय), Atiratra (atirātra • अतिरात्र) und Aptoryama (aptoryāma • अप्तोर्याम).

Die Vereinigung mit Brahman verlangt jedoch nach den acht Tugenden (innere Samskaras): Mitleid, Geduld, Neidlosigkeit, Reinheit von Gedanken, Rede und Körper, innerer Seelenfrieden, positive Einstellung, Großzügigkeit und fehlender Besitzanspruch.

Die 16 Samskaras Im Hinduismus besteht eine unterschiedliche Anzahl von Samskaras. Diese variieren in den Grhyasutras (Kalpasutra – Kalpasūtra • कल्पसूत्र) je nach Text zwischen 12 und 18. Die Anzahl 16 wird als „Shodasha Samskaras“ (ṣōḍaśa saṃskāra • षोडश संस्कार) bezeichnet.

Samskaras im Einzelnen Die hinduistische Tradition kennt im Kontext der Passageriten (Englisch rites of passage) bis zu vierzig samskaras, von denen die Schriftgelehrten zwölf besonders beachtet haben. Drei sind für alle „Zweimalgeborenen“ (dvija • द्विज) unverzichtbar: Initiation, Heirat, Totenritual.

Pränatale und Geburtsriten Garbhadana bzw. Garbhadharana: Zeugung, Schwangerschaft (Garbhadhāraṇā • गर्भधारणा). Wird auch als garbhadhana bzw. garbhādhāna oder garbhādhānā bezeichnet. Der Unterschied liegt darin, dass Garbhadhana die Empfängnis oder die Zeugung bezeichnet, wohingegen Garbhadarana die Austragung der Leibesfrucht, die Schwangerschaft meint. Pumsavana: Transformation der Leibesfrucht zu einem männlichen Fötus (puṃsavana • पुंसवन). Erste essentielle Zeremonie. Simantonnayana: Haarscheitelung der Schwangeren (sīmantonnayana • सीमन्तोन्नयन). Oft auch nur sīmanta. Jatakarma: Geburt. Durchtrennung der Nabelschnur (jātakarma • जातकर्म bzw. jātakarman • जातकर्मन्).

Garbhadhana Garbhadhana, auch als Garbhalambhana (गर्भलम्भन) bezeichnet, ist ein Ritual zur Erlangung eines Kindes. Garbhadana heißt wörtlich übersetzt den Reichtum des Mutterleibs (garbha • गर्भ) zu erreichen (ādhāna • आधान), Garbhadhāraṇā hingegen heißt die Leibesfrucht (garbha • गर्भ) aufrecht, am Leben erhalten (dhāraṇa • धारण). Das Ritual ist privater Natur und unterstreicht die Absicht eines Paares, ein Kind zu zeugen. Die Zeremonie findet noch vor der Empfängnis bzw. der Befruchtung statt. In einigen alten Texten bezieht sich der Ausdruck Garbhadhana einfach auf das Übergangsritual des Geschlechtsverkehrs zur Zeugung eines Kindes. Zeremonien werden in diesem Zusammenhang nicht erwähnt. Gelehrte verfolgen dieses Ritual bis zu vedischen Hymnen wie beispielsweise den Versen 8.35.10 bis 8.35.12 im Rigveda (ṛgveda • ऋग्वेद), in denen wiederholte Gebete für Nachkommenschaft und Wohlstand vorgetragen werden:

Vedische Texte besitzen viele Passagen, in denen die Hymnen den Wunsch nach einem Kind ernsthaft zum Ausdruck bringen, ohne dabei das Geschlecht des Kindes zu erwähnen. So findet sich im Rigveda Vers 10.184:

Das Verlangen nach Nachkommenschaft – ohne dass dabei das Geschlecht erwähnt wird – findet sich in vielen anderen Büchern des Rigvedas, beispielsweise in Hymne 10.85.37. Ähnlich enthält der Atharva Veda (atharvaveda • अथर्ववेद) Vers 14. 2. 2. eine rituelle Einladung des Ehemanns an die Frau, in das Bett zur Empfängnis zu kommen: Froh im Geist steig zu mir ins Bett; gebäre mir, deinem Ehemann, Kinder. In späteren Texten, wie der Brihadaranyaka-Upanishad (bṛhadāraṇyakopaniṣad • बृहदारण्यकोपनिषद्), finden sich im letzten Kapitel Details zur Erziehung eines Schülers sowie Lektionen zum Lebensstadium eines Grihasthas (gṛhastha • गृहस्थ). Hierin lernt der Schüler, dass ein Ehemann für seine Frau Reis kochen und sie beide dann die Nahrung in einer ganz bestimmten Weise zu sich nehmen sollten – je nachdem, ob sie sich eine Tochter oder einen Sohn wünschen. Weiter wird ausgeführt

Laut Shankaracharya (śaṅkarācārya • शङ्कराचार्य) sollte das Fleisch vegetarisch ersetzt werden, und zwar durch das Fruchtfleisch zweier Früchte, das zusammen mit dem Reis aufgekocht wird.

Die verschiedenen Grhyasutras unterscheiden sich in den Fragen, ob Garbhadana nur einmal vor der ersten Empfängnis zelebriert, oder bei jedem weiterem geplanten Kind wiederholt werden sollte. Hierzu finden sich in mittelalterlichen Schriften unterschiedlicher Schulen verschiedene Ansichten, je nachdem ob es sich um ein Übergangsritual handelt, das in Erwartung eines Babys im Mutterleib abgehalten wird, oder ob der Ritus nur für die Ehefrau zelebriert wird. Ein Übergangsritual für das Neugeborene würde für jedes weitere Kind ein erneutes Garbhadhana samskara bedeuten, ein Übergangsritual für die Ehefrau würde jedoch nur ein einmaliges Ritual erfordern.

Pumsavana – Ritual zur Erhaltung des Fötus mini|hochkant=1.6|Indische Süßspeisen werden in Kerala zu einer Pumsavana-Zeremonie serviert

Das Wort Pumsavana (puṃsavana, Sanskrit: पुंसवन) ist eine Zusammensetzung aus puṃs und savana. Das Substantiv puṃs bedeutet „Mensch, menschliches Wesen, Seele oder Geist“, savana bezeichnet eine „Zeremonie, Ritus, Opferung und Fest“. Wörtlich übersetzt lautet Pumsavana „Ritus für ein starkes Neugeborenes“ (meist männlichen Geschlechts), wird aber auch mit „einen männlichen Fötus austragen“ oder „ein männliches Kind zur Welt bringen“ umschrieben. Das Ritual findet statt, sobald die Schwangerschaft erkennbar ist – gewöhnlich im dritten Schwangerschaftsmonat oder kurz darauf – und noch ehe der Fötus mit seinen Bewegungen im Mutterleib beginnt. Die Zeremonie feiert als Übergangsritual den heranreifenden Fötus – markiert durch die Tritte des Fötus – ein Meilenstein in seiner Entwicklung.

Die Ergebnisse des Pumsavana-Rituals finden sich im Atharva Veda in den Abschnitten 4.3.23 und 4.6.2, wobei Beschwörungen zum Erhalt eines männlichen Neugeborenen rezitiert werden. Es sind im Atharva Veda aber auch Beschwörungen für beiderlei Geschlechts vorhanden – sowie gegen Fehlgeburten wie beispielsweise im Abschnitt 4.6.17.