mini|hochkant|„Amazonen-Corps – Wilde Weiber aus Dahomey“. Plakat von Adolph Friedländer von 1898 (ohne Angabe des Auftrittsortes)
Die Völkerschau der „Amazonen von Dahomey“ 1888–1903 (auch „Das Amazonen-Corps“ oder „Die wilden Weiber von Dahomey“) war eine 15 Jahre andauernde Völkerschau-Tournee (im heutigen Sprachgebrauch auch Menschenzoo), bei der zwischen 1888 und 1903 eine Gruppe von wechselnd 20 bis 80 meist aus der damaligen deutschen Kolonie Togo stammende Personen in über siebzig europäische Städten zur Schau gestellt wurde. Die Völkerschau wurde von einer Reihe verschiedener Impresarios durchgeführt. Im Jahr 1893 fanden drei zusätzliche und parallel stattfindende Dahomey-Völkerschauen in Paris, London und Chicago mit insgesamt über 300 zur Schau gestellten Menschen statt.
Etwa jeweils zwei Drittel der zur Schau gestellten Personen waren Frauen, die als vermeintliche „Amazonen“ vermarktet wurden. Als „Amazonen von Dahomey“ wurden im 19. Jahrhundert die Agojie bezeichnet – das waren weibliche Regimenter des Königreichs Dahomey (auch Dahome oder Dahomeh) aus dem südlichen Gebiet des heutigen Benins. Im Zuge der beiden französischen Eroberungskriege gegen das Königreich Dahomey zwischen 1890 und 1894 erfuhren diese Frauenregimenter in der internationalen Berichterstattung große Aufmerksamkeit. Bei der Untersuchung der Völkerschau-Gruppe im Januar 1891 in Berlin stellten Rudolf Virchow und andere Wissenschaftler eindeutig fest, dass die zur Schau gestellten Frauen nicht zu den Agojie gehörten, sondern vorrangig aus dem benachbarten Togo stammten. Trotz der offensichtlichen Täuschung wurden sowohl die Kostümierung als auch die Inszenierung von Kriegstänzen und Schaukämpfen in der öffentlichen Berichterstattung zu den Schauen meist für authentisch gehalten.
Herkunft der „Amazonen von Dahomey“ Königreich Dahomey und die Agojie Die Völkerschau der „Amazonen von Dahomey“ spielte auf die als Agojie bezeichneten Kriegerinnen im westafrikanischen Königreich Dahomey an, das von etwa 1600 bis 1894 auf dem Gebiet des südlichen heutigen Benins bestand. Die Könige von Dahomey hatten zuvor vom transatlantischen Sklavenhandel an der sogenannten „Sklavenküste“ profitiert. Offenbar führte ein Mangel an Männern bereits im 17. Jahrhundert unter König Houegbadja zur Gründung einer weiblichen Leibgarde, die Ende des 19. Jahrhunderts von König Gezo auf eine Stärke von 4.000 bis 6.000 Kriegerinnen anwuchs. In den Jahren 1890 und 1892 führte Frankreich zwei Eroberungskriege gegen das Königreich Dahomey. Dabei kam auch eine gewisse Anzahl bewaffneter Frauen zum Einsatz. Nach der Niederlage Dahomeys gründete Frankreich 1894 die Kolonie Dahomey. Zehn Jahre später gliederte Frankreich die Kolonie Dahomey schließlich in die viel größere Kolonie Französisch-Westafrika ein.
Während dieser Kriege fanden die Agojie unter der Bezeichnung „Amazonen von Dahomey“ oder als „Leibwache des Königs von Dahome“Marianne Bechhaus-Gerst: Inszenierte Exotik – Völkerschauen in Köln, in: dies., Anne Kathrin Horstmann (Hrsg.): Köln und der deutsche Kolonialismus. Köln, Weimar, Wien 2013, S. 149–155, hier S. 152 f. in der internationalen Berichterstattung große Aufmerksamkeit. Sie wurden in Anlehnung an die griechische Mythologie als Amazonen verklärt. Die kriegerischen Frauen zeichneten sich demnach durch Kampfgeist und Stärke aus und hätten sich der „weiblich“ konnotierten Eigenschaften wie „Sanftheit, Mütterlichkeit oder emotionaler Nähe“ entledigt.Laura Szentivanyi: Die „Amazonen von Dahomey“: Menschenausstellungen in Salzburg am Ende des 19. Jahrhunderts. Online unter: Salzburg Postkolonial, 19. August 2025, abgerufen am 20. August 2025. Sie wurden zu einer „Garde schwarzer, blutrünstiger ‚weiblicher Krieger‘“ stilisiert und wurden in einem Programmheft von 1890 entsprechend als „entfesselte blutrünstige Furien, die vor keinem Widerstande zurückschrecken“ angekündigt.Stefanie Wolter: Die Vermarktung des Fremden. Frankfurt am Main 2005, S. 133 ff.
Vermeintliche „Echtheit“ In der Sitzung der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte (BGAEU) am 17. Januar 1891 äußerten sich Rudolf Virchow und weitere Anwesende eindeutig zur Herkunft der Völkerschau-Gruppe, die sie während ihres Aufenthaltes in Berlin eingehend untersucht hatten. Demnach würden „die Mädchen […] ein schönes, reines Englisch sprechen, und jedenfalls keine Ahnung haben, dass sie mit einem Mal zu Amazonen eines Sultans ernannt worden sind.“ Sie kämen größtenteils aus Aného in der deutschen Kolonie Togo, einige auch aus den Küstenstädten von Dahomey (heute Benin), hätten aber „mit den Amazonen des Sulthans von Dahomey absolut nichts zu thun“. Außerdem hätten sie „keine Ahnung von einem Gewehr oder Säbel gehabt“ und die Dressur im Bajonettfechten sei „ganz nach europäischem Muster durchgeführt“ worden.Rudolf Virchow: Hr. Virchow zeigt Photographien …. In: Zeitschrift für Ethnologie. Band 23, 1891, S. 113 f. und Britta Lange: Echt. Unecht. Lebensecht. Menschenbilder im Umlauf. Berlin 2006, S. 64 ff. Virchow, der erst ein Jahr zuvor „betrügerische Vorspiegelungen in Betreff auf exotische Leute“ kritisiert hatte, blieb während dieser Sitzung gelassen, da es sich „nicht um eine eigentlich anthropologische Vorstellung, sondern um ein Schauspiel für die Masse“ gehandelt habe. In der Presseberichterstattung war zuvor von der „Echtheit“ der „Amazonen“ ausgegangen worden. Der Kölner Local-Anzeiger beispielsweise behauptete im August 1890: „Die Wildheit, welche die Leute bei allen ihren Vorführungen an den Tag legen, läßt über ihre Echtheit keinen Zweifel aufkommen. Unstreitig ist das Amazonen-Corps die interessanteste Truppe, welche das Panopticum bisher beherbergt hat“.Das Amazonencorps. In: Kölner Local-Anzeiger, 30. August 1890, S. 4. Nach der Berliner Sitzung berichtete die Presse nur gelegentlich über die Zweifel an ihrer Echtheit. So schrieb beispielsweise die Ruhrorter Zeitung unter der Überschrift „Unechte Amazonen“ im Januar 1891 über die Sitzung der BGAEU und die Zweifel an der Herkunft der Frauen – auch mit dem Hinweis, dass der König von Dahomey angesichts der aktuellen Kämpfe die Kriegerinnen wohl kaum „nach Europa beurlauben würde“.Unechte Amazonen. In: Ruhrorter Zeitung, 22. Januar 1891, S. 3. Die überwiegende Berichterstattung stellte die Echtheit allerdings auch weiterhin nicht infrage.
Verlauf der Völkerschau
Impresarios mini|hochkant|John Hood (Foto um 1885) Über die Herkunft und die Anwerbung der Völkerschau-Gruppe gibt es nur wenige Überlieferungen, ebenso wie über deren ersten Impresario John Hood (in anderen Quellen auch unter dem Namen John Wood erwähntStanley B. Alpern: Amazones of Black Sparta. The Women Warriors of Dahomey. London 1998, S. 9–25 und S. 196 f. und Dominika Czarnecka, Dagnoslaw Demski: Staged Otherness. Ethnic Shows in Central and Eastern Europe, 1850–1939. Budapest, Vienna, New York 2021, S. 33.). Hood soll laut der Historikerin Johanna Berg verschiedene Pseudonyme verwendet und auch sein Geburtsdatum unterschiedlich zwischen 1847 und 1854 angegeben haben. Er stammte aus der Nähe von Sydney und kam Mitte der 1870er Jahre nach Europa.Johanna Berg: Föreställningar. John Hood och hans värld. Stockholmia förlag, Stockholm 2024. Hood wird zwischen 1888 und 1899 regelmäßig als Impresario der Dahomey-Amazonen genannt. 1897 zeigte er außerdem in Berlin die „West-afrikanische Neger-Carawane“ gezeigt.Hilke Thode-Arora: Für fünfzig Pfennig um die Welt. Frankfurt am Main 1989, S. 49. Es finden sich mehrere Hinweise, dass er die Völkerschau im Auftrag von John Hagenbeck (dem jüngeren Bruder von Carl Hagenbeck) organisierte.Hilke Thode-Arora listet Hoods Völkerschau unter denen von Hagenbeck auf; Hilke Thode-Arora: Für fünfzig Pfennig um die Welt. Die Hagenbeckschen Völkerschauen. Frankfurt am Main 1989, S. 171. Auch bei Rea Brändle findet sich die Formulierung „im Auftrag von Hagenbeck“; Rea Brändle: „Wilde, die sich hier sehen lassen“. Jahrmarkt, frühe Völkerschauen und Schaustellerei. Zürich 2023, S. 176 f. Außerdem fand die erste Aufführung 1890 in Umlauff's Weltmuseum statt, dessen Betreiber Heinrich Umlauff der Sohn von Carl Hagenbecks Schwester Caroline war. Als weitere Impresarios, die Hood entweder unterstützten oder die Völkerschau alleine organisierten, werden unter anderem E. Pinkusz im Jahr 1890, Xavier Pené 1893/94 in Nordamerika,Robert Rydell: Afrikaner in Amerika. Afrika-Dörfer bei internationalen Ausstellungen in Amerika (1893–1901). In: Pascal Blanchard u. a. (Hrsg.): MenschenZoos. Schaufenster der Unmenschlichkeit. Hamburg 2012, S. 353–61, hier S. 356 f. Edmund Porfi zwischen 1897 und 1899,Rea Brändle: „Wilde, die sich hier sehen lassen“. Jahrmarkt, frühe Völkerschauen und Schaustellerei. Zürich 2023, S. 176, 190, 199, 245, 253, und Clemens Maier-Wolthausen, Franziska Jahn: Die Zurschaustellung von Menschen im Zoo Hannover 1878–1932. Ein Forschungsbericht im Spiegel zeitgenössischer Quellen. Broschüre des Zoo Hannover, Hannover 2024, S. 78 f. Albert Urbach zwischen 1890 und 1900 sowie John Calvert Nayo Bruce erwähnt.Rea Brändle: „Wilde, die sich hier sehen lassen“. Jahrmarkt, frühe Völkerschauen und Schaustellerei. Zürich 2023, S. 146, 149, 157, 168, 176, 179, 191, 222, 246, 253, 262 und Clemens Maier-Wolthausen, Franziska Jahn: Die Zurschaustellung von Menschen im Zoo Hannover 1878–1932. Ein Forschungsbericht im Spiegel zeitgenössischer Quellen. Broschüre des Zoo Hannover, Hannover 2024, S. 86 ff. In den Jahren nach 1900 wurde die Völkerschau von einem Impresario namens Tom Brown organisiert.Rea Brändle: „Wilde, die sich hier sehen lassen“. Jahrmarkt, frühe Völkerschauen und Schaustellerei. Zürich 2023, S. 216, 223, 233, 239, 254, 257 und Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde. Frankfurt am Main 2005, S. 102.
Völkerschau-Tournee 1888–1903
Am 24. September 1888 berichtete das Hamburger Fremdenblatt, dass eine Gruppe von „ca. zwanzig Amazonen, Eingeborene der Westküste Afrikas, welche bis jetzt von Europäern noch nie gesehen wurden“, im Hamburger Hafen angekommen und dort von John Hood in Empfang genommen worden sei. Über die Hintergründe der Anwerbung und die Vertragsbedingungen gibt es in der Literatur keine näheren Angaben. Sie traten dort zunächst einige Wochen im Concordia-Theater auf und sollten anschließend „eine Tournee durch Deutschland, Frankreich und Rußland“ antreten.Seltener Besuch. In: Hamburger Fremdenblatt, 24. September 1888, S. 5. Besser, aber dennoch lückenhaft dokumentiert ist die zweite von Hood organisierte Tournee mit einer Gruppe von 14 Frauen, 8 Männern und zwei Kindern (wobei unklar ist, ob es sich um dieselbe Gruppe handelte), die im Sommer 1890 wiederum in Hamburg ihren Anfang nahm. Ab Ende Juni war die Gruppe in Umlauff’s Weltmuseum zu sehen.
mini|300px|links|loop|„42 wilde Weiber aus Dahomey“ – kurze Filmsequenz der Brüder Lumière vom Berliner Passage-Panopticum in der Kaisergalerie (Friedrichstraße, hinteres Gebäude, vorne das direkt benachbarte Castans Panopticum) von 1896