Die Brücke im Dschungel ist ein Roman von B. Traven, der zunächst 1927 in der Zeitung Vorwärts erschien und 1929 als überarbeitete Fassung beim Buchmeister-Verlag Berlin/Leipzig sowie bei der Büchergilde Gutenberg in Buchform. Kurzbeschreibung Eine abendliche Tanzveranstaltung in der Nähe einer Brücke über einen mexikanischen Fluss nimmt eine dramatische Wendung, als ein Kind verschwindet, tot im Fluss aufgefunden wird und dieser unerwartete Todesfall die Bewohner der an der Brücke gelegenen Indio-Siedlung erschüttert. Nach Totenwache, Trauerzug und trunkener Totenrede wird das Kind zu Grab gebracht. Inhalt Der Ich-Erzähler und Gringo Gales reist zu dem mexikanischen Tamesí-Fluss, um „Alligatoren zu jagen“,B. Traven: Die Brücke im Dschungel. In: Der Schatz der Sierra Madre, Die Baumwollpflücker, Die Brücke im Dschungel. Drei Romane. 3. Auflage. Universitas, München 1992. ISBN 3-8004-0848-1. S. 339–423. Hier S. 342. wird von einem ihm von früher bekannten anderen Gringo namens Sleigh zum Bleiben eingeladen. Sleighs „Cattle-Ranch“Traven, Die Brücke im Dschungel, S. 343. und ein Indio-Dorf sind durch den Fluss getrennt, durch eine Brücke verbunden. „Die Brücke war breit genug, daß Wagen oder Autos sie benutzen konnten; aber sie hatte kein Geländer. Das wäre auch eine überflüssige Geldausgabe gewesen“, denn die Brücke wurde vor allem als Transportweg zu einem zwanzig Meilen vom Dorf entfernten Ölbohr-Lager gebaut. Begeistert von dem Besuch, der ihm eine fünf Wochen alte Zeitung mitbringt, die in Sleighs Augen „noch ganz warm von der Presse“ ist,Traven, Die Brücke im Dschungel, S. 344. will Sleigh im Indio-Dorf für den nächsten Samstag ein Fest organisieren lassen. Doch die bestellten Musikanten erscheinen an jenem Samstagabend nicht, so dass der in dem Dorf ansässige Indio Garza die Wartenden, zu denen sich auch eine durchreisende Pack-Karawane gesellt, mit seinem Geigenspiel unterhält. Gale und Sleigh, gleichfalls wartend, meinen in der Dunkelheit ein Platsch zu hören. „Der Platsch ist kurz und wird von niemand empfunden. Niemand achtete darauf.“Traven, Die Brücke im Dschungel, S. 353. Später fragt Garzas Frau Carmelita, ob jemand ihren sechsjährigen Sohn Carlos gesehen habe: „Er hat noch nicht sein Abendbrot gegessen.“Traven, Die Brücke im Dschungel, S. 355. Carmelitas Angst steigt, je weiter die Zeit verstreicht, man beginnt zu suchen. Zwei Jungen behaupten gesehen zu haben, Carlos wäre eine Stunde zuvor – um acht Uhr abends – mit einem unbekannten großen Jungen zur Ortschaft Magiscatzin geritten, hätte dort „Bonbons kaufen“ wollen.Traven, Die Brücke im Dschungel, S. 360–361. Daher „setzt sich Garza aufs Pferd und reitet nach Magiscatzin, um nach Carlos zu fragen“, doch als er fort ist, behauptet eine andere Person, Carlos sei nicht nach Magiscatzin mitgeritten, sondern nach Tamatán, wohin ein zweiköpfiger Suchtrupp geschickt wird.Traven, Die Brücke im Dschungel, S. 362. Carmelita Garza glaubt ohnehin nicht, dass Carlos so eine zeitaufwändige Reise unternimmt, „wenn Manuel hier ist“,Traven, Die Brücke im Dschungel, S. 364. der von Carlos angehimmelte ältere Bruder, der in den USA arbeitet. Carmelita ist sich sicher, dass Carlos in den von Manuel geschenkten Stiefeln nicht gut laufen konnte und von der geländerlosen Brücke in den Fluss gefallen ist, sich dabei ohnmächtig stoßend: „Wäre er barfuß gewesen, hätte er sich halten können. Aber die Sohlen waren spiegelglatt.“Traven, Die Brücke im Dschungel, S. 365. Während Carmelita bereits einen Trauergesang anstimmt, erleuchten die Dorfbewohner den Fluss, tauchen darin, werden dessen nach rund einer Stunde müde. „Nun beginnen die Männer mit einer langen Stange […] den Grund des Flusses an der Brücke entlang abzutasten“.Traven, Die Brücke im Dschungel, S. 372. Nach elf Uhr abends kehrt der Tamatán-Suchtrupp erfolglos zurück.Traven, Die Brücke im Dschungel, S. 374. Ein altes Indio-Ehepaar hat etwa um Mitternacht die Idee, eine Fronleichnams-Kerze auf ein Schwimmbrett zu stellen: „Wenn er überhaupt im Wasser ist, dann ruft er. Und er wird das Licht zu sich heranrufen. Und das Licht wird kommen. Das Licht wird zu ihm kommen und wird bei ihm stehenbleiben, weil es seiner Stimme folgen muß.“Traven, Die Brücke im Dschungel, S. 378. Tatsächlich hat diese abergläubische Methode Erfolg, die Leiche des Jungen wird geborgen. Carmelita Garza „drückt und preßt die Stiefelchen, und während sie, zweifellos, dumpf die geheimnisvollen Wege des Schicksals empfindet, daß die aus inniger Bruderliebe dargebotene Gabe gleichzeitig die mittelbare Ursache des Todes des beschenkten Kindes wurde, beginnt das hineingewürgte Weinen sie zu ersticken, und nun […] stößt sie einen markerschütternden Schrei aus, der die tiefe Nacht des Dschungels aufzureißen scheint.“Traven, Die Brücke im Dschungel, S. 384. Der tote Carlos wird im Heim der Garzas aufgebahrt und mit einem „ganz billigen blauen Matrosenanzug“ und anderen Dingen geschmückt.Traven, Die Brücke im Dschungel, S. 389. Der Vater kommt von seiner vergeblichen Suche in Magiscatzin zurück, Gales legt sich bei Sleigh schlafen, erwacht durch Explosionen: „Wenn unter den Indianern ein Kind stirbt, so werden zahllose, sehr krachende und knallende Feuerwerkskörper abgebrannt, um dem Himmel anzuzeigen, daß ein Engel ankommt.“Traven, Die Brücke im Dschungel, S. 399. Nicht nur Dorfbewohner frönen der Pyrotechnik, denn die Nachricht von der Tragödie hat sich „auf zehn Meilen im Umkreise schon verbreitet.“ Carlos, „ein kalter, stumpfer Klumpen“,Traven, Die Brücke im Dschungel, S. 400. beginnt in der Tropennacht zu verwesen: Es „stinkt der Junge schon außerhalb der Hütte.“Traven, Die Brücke im Dschungel, S. 401. Am nächsten Tag, einem Sonntag,Traven, Die Brücke im Dschungel, S. 404. packt man Carlos in einen selbstgefertigten Sarg, „nichts weiter als eine rohe, längliche Kiste“,Traven, Die Brücke im Dschungel, S. 411. und die zwei Musikanten, die für den Vorabend angeheuert gewesen wären und inzwischen eingetroffen sind, machen für den Trauerzug die Trauermusik, die entsprechend dem eigentlichen Musikanten-Repertoire eher aus Populärmusik wie dem Wendell-Hall-Song It Ain’t Gonna Rain No Mo’ oder Yes! We Have No Bananas besteht, wobei Song It Ain’t Gonna Rain No Mo’ während Trauerzug und Beerdigung zum mehrfach gespielten „großen Trauermarsch der Menschheit“ mutiert.Traven, Die Brücke im Dschungel, S. 422. Garza tut sich während des Trauerzugs heftig am Tequila gütlich, Carmelita seltener, denn sie unterhält sich. „Man redet von tausend Dingen, die Frauen interessieren können, nur nicht mehr von dem Kleinen. Der Marsch ist schon ein Zurückwandern in das alltägliche Leben.“Traven, Die Brücke im Dschungel, S. 415. Ziel des Trauerzugs ist der bei einem Nachbardorf gelegene Friedhof. Der Dorflehrer soll die Trauerrede halten und bringt das aufgrund seiner Betrunkenheit nur mit Mühe und mit wenig Redetext, wenn auch nach anfänglicher Zögerlichkeit mit sehr großem Eifer zustande, der ihn beinahe bis ins Grab bringt, nämlich das, das für Carlos gedacht ist. „Er kam aber nicht ganz bis auf den Boden des Grabes. Über dem offenen Grabe lagen zwei Baumstämme, auf denen der Sarg eigentlich stehen sollte, der zum großen Glück des Redners aber noch nicht hingestellt worden war“.Traven, Die Brücke im Dschungel, S. 420. Carlos wird letztlich also gut unter die Erde gebracht. „Obwohl diese Entgleisung des Redners recht lustig war, sah ich doch nicht einen einzigen unter allen, die anwesend waren, lachen. Und ich selbst, dem das Lachen für gewöhnlich verhängnisvoll nahesteht, fand auch nicht eine Spur von Komik in dem Vorgang. Damals auf keinen Fall“.Traven, Die Brücke im Dschungel, S. 420–421. Textanalyse Bei Die Brücke im Dschungel handelt es sich um einen in Ich-Form erzählten Roman. Hauptort der Handlung ist ein Indio-Dorf sowie dessen einen Friedhof besitzende Nachbargemeinde zwischen Magiscatzin und Tamatán und somit rund 120 Kilometer nordwestlich von Tampico. Die Handlung beginnt an einem Donnerstag,Traven, Die Brücke im Dschungel, S. 345. endet am darauffolgenden Sonntag und spielt zwischen dem Jahr 1923, als die in dem Roman erwähnten Lieder It Ain’t Gonna Rain No Mo’ und Yes! We Have No Bananas erschienen, und mindestens drei Monate vor der Erstveröffentlichung im Vorwärts 1927.Der Ich-Erzähler behauptet, zwischen den Ereignissen an der Brücke und seiner Niederschrift wären drei Monate vergangen (Traven, Die Brücke im Dschungel, S. 421). Figuren (Auswahl) Gales: Dieser Ich-Erzähler taucht bereits in den der Brücke im Dschungel vorangegangenen Traven-Romanen Das Totenschiff und Die Baumwollpflücker auf. Aufgrund seiner Rolle als außenstehender Gringo und bloßer sozialkritischer Beobachter nimmt er an der eigentlichen Handlung kaum teil, fühlt sich aber dennoch schuldig: „Er empfindet unwillkürlich eine Schuld, die aus keiner seiner Handlungen oder Ansichten, keineswegs aus dem bisherigen Gang der Erzählung hervorgeht. Sie entsteht aus der Fremdheit des Beobachters: Der Blick von außen, den er auf die Indios richtet, wird als Vorwurf an den weißen Mann auf ihn zurückgeworfen.“Wilfried F. Schoeller: Nachwort. In: Der Schatz der Sierra Madre, Die Baumwollpflücker, Die Brücke im Dschungel. Drei Romane. 3. Auflage. Universitas, München 1992. ISBN 3-8004-0848-1. S. 425–433. Hier S. 432. Carmelita Garza: Diese „junge, hübsche Frau“ mit „dem schwarzen, sorgfältig durchgekämmten Haar“ ist die zweite Gattin des Geigenspielers Garza. Ihre Besorgnis um den verschwundenen Sohn Carlos, Angst, Hoffnung, Gewissheit, Trauer und erste Trauerbewältigung ziehen sich durch die Handlung. Sleigh: Dieser Gringo und alte Bekannte von Gales ist mit einer Indio-Frau verheiratet und hat drei Kinder: „Seit zwanzig Jahren lebte er unter den Indianern oder zwischen ihnen“ und verhält sich ausgesprochen phlegmatisch: „Was ihn überhaupt lebhaft in Bewegung bringen könnte, habe ich bis heute nicht erfahren können“, so der Ich-Erzähler. Manuel Garza: Garzas erster Sohn von der ersten Frau ist 20 Jahre alt, hat strähniges HaarTraven, Die Brücke im Dschungel, S. 347. und „arbeitet in Texas“.Traven, Die Brücke im Dschungel, S. 346. Der kleine Carlos sieht zu diesem Stiefbruder auf, der ihm neue Stiefelchen schenkt. Garza. Dieser Vater des verschwundenen Kindes ist „ein etwa vierzigjähriger Indianer mit einem dünnen Vollbart“ und Gratis-Dorfmusikant. Carlos Garza: Dieser Sechsjährige ist das einzige Kind von Garza und Carmelita Garza und zu Lebzeiten „ein lustiger, munterer, immer geschwätziger Bub“. Er ist „ganz verrückt nach seinem erwachsenen Bruder“. Themen B. Travens Die Brücke im Dschungel lässt „viel Platz für Beobachtungen am Rande, für Geräusche und für Stille, Gerüche und Gesten“,Schoeller, Nachwort, S. 431. von denen eines – ein merkwürdiges Platschen im Fluss – einen Anlass für eine radikale Wendung in der Handlung markiert: den Tod des Kindes Carlos. Kapitalismus
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