mini|Das heutige Schulgebäude:Hans und Sophie Scholl-Gymnasium Das Hans und Sophie Scholl-Gymnasium Ulm ist ein kommunales Gymnasium in der Ulmer Weststadt, das heute rund 926 Schülerinnen und Schüler in 38 Klassen unterrichtet. Die Schule kann ihre Wurzeln bis zum späten 18. Jahrhundert als private höhere Töchterschule zurückverfolgen und erfuhr im Verlauf des 19. Jahrhunderts mehrere strukturelle und pädagogische Neuerungen, bevor sie 1878 in städtische Trägerschaft überging. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Unterricht am damaligen Mädchenobergymnasium ideologisch umgestaltet und viele Lehrkräfte und Schülerinnen in die NS-Organisationen eingebunden. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte ein umfassender Wiederaufbau, die Einführung der Koedukation 1972 und schließlich die Umbenennung nach den Geschwistern Hans und Sophie Scholl als Ausdruck des Gedenkens an den Widerstand. Heute zeichnet sich das Gymnasium durch ein UNESCO-Projektprofil, einen bilingualen Zug und ein vielfältiges MINT-Angebot aus. Das denkmalgeschützte Neobarockgebäude, erbaut von 1905 bis 1907, wurde durch moderne Neubauten und eine unterirdische Sporthalle ergänzt, um die schulischen Raumbedarfe zeitgemäß zu erfüllen.
Geschichte Anfänge als Mädchenschule Die Ursprünge des heutigen Hans und Sophie Scholl-Gymnasiums Ulm als Mädchenschule reichen bis in das ausgehende 18. Jahrhundert zurück. 1795 wurde erstmals eine Mädchenschule für höhere Töchter als Privatschule gegründet, die jedoch ausschließlich Mädchen aus finanziell begüterten Familien zugänglich war, deren Eltern das erhebliche Schulgeld aufbringen konnten. Der Unterricht beschränkte sich auf grundlegende Fertigkeiten wie korrektes Schreiben und Lesen sowie Religion als Hauptfach, während Fächer wie Geschichte, Geographie, Naturgeschichte und Rechnen nur nachrangig behandelt wurden. Charakteristisch war die Verpflichtung der Schülerinnen, stets Strickzeug mitzubringen, damit sie sich während des Vorlesens der Mitschülerinnen besser konzentrieren konnten. Diese erste Mädchenschule löste sich jedoch bereits nach kurzer Zeit aufgrund mangelnder Nachfrage wieder auf.
mini|hochkant|Ludwig Neuffer, Gründer der Neuffer’schen Schule Nach einem erneuten Gründungsversuch im Jahr 1815, der wiederum mit einer Schule für wohlhabende Mädchen unternommen wurde, die jedoch rasch auf das Niveau einer Volksschule absank und in die städtische Mädchenmittelschule überging, erfolgte 1819 die Etablierung der Neuffer’schen Schule durch Pfarrer Christian Ludwig Neuffer. Diese Institution wurde als „Institut für Confirmierte Töchter“ konzipiert und stellte eine der ersten weiterführenden Mädchenschulen im heutigen Baden-Württemberg dar, war jedoch ausschließlich protestantischen Mädchen vorbehalten. Das Neuffer’sche Institut bot einen dreijährigen Aufbaukurs für „Töchter der gebildeten Stände“ an und erweiterte das Curriculum um naturwissenschaftliche Fächer wie Physik, Geographie und Geschichte, um die Schülerinnen vor Aberglauben zu bewahren. Die Schule lief zeitweise parallel zu der 1834 eröffneten Privattöchterschule, die den direkten Vorläufer der heutigen Schule darstellte.
Die 1834 gegründete Privattöchterschule wurde von einem Elternvorstand organisiert und stand unter der Leitung eines Vorstands namens Heinrich Friedrich Scholl, einem Diakon und Pädagogen, der mehrere pädagogische Werke verfasst hatte. Diese Schule war sowohl als Elementar- als auch als weiterführende Einrichtung konzipiert und ausschließlich protestantisch geprägt. Der Unterricht verzichtete zunächst auf naturwissenschaftliche Fächer und konzentrierte sich stattdessen verstärkt auf Handarbeiten. Um die Schülerzahl zu erhöhen, wurde das Schulgeld reduziert, was jedoch zu einer prekären Finanzierungssituation und überfüllten Klassen mit etwa 90 Schülerinnen pro Klasse führte. Die Schule verfügte über kein eigenes Schulgebäude und war daher gezwungen, den Unterricht in Gaststätten abzuhalten. Nach dem Weggang Scholls, der eine sichere Dekanstelle annahm, stand die Schule unter öffentlicher Prüfung und wurde auch für Nichtbürger geöffnet.
mini|Das Ulmer Sammlunghaus beherbergte ab 1875 die Mädchenschule. 1870 übernahm Dr. Carl Weitzel trotz ungünstiger Voraussetzungen die Weiterführung der Schule, obwohl keine Lehrkräfte vorhanden waren, zu wenig Schülerinnen und kein geeigneter Unterrichtsort zur Verfügung standen. Unter Weitzels engagierter Leitung entwickelte sich die Einrichtung erfolgreich von vier Klassen, sieben Lehrern und 93 Schülerinnen im Jahr 1870 auf 16 Klassen, neun Lehrer, vier Lehrerinnen und 233 Schülerinnen bis 1879. 1871 erhielt die Schule endlich einen festen Unterrichtsort und war ab 1875 in der Frauenstraße im Sammlunghaus gemeinsam mit anderen Schulen untergebracht, wo sie bis 1944 verblieb. 1873 führte Weitzel ein innovatives pädagogisches System ein, das der späteren Gesamtschule ähnelte, und etablierte drei Elementarklassen sowie zwei Oberstufen, wodurch Schülerinnen nicht mehr auf eine Volksschule angewiesen waren.
Entwicklung zur städtischen Anstalt Der entscheidende institutionelle Wandel ereignete sich im Jahr 1878, als die Weitzel’sche Privattöchterschule in die städtische Trägerschaft überging und zur städtischen Schule wurde. Diese Übernahme erfolgte unter staatlicher Aufsicht, die jedoch als sehr locker beschrieben wird. Mit der Kommunalisierung ging eine deutliche Reduzierung der Schulkosten einher: Das Schulgeld der nun städtischen höheren Mädchenschule war im Vergleich zu ähnlichen Einrichtungen in Baden-Württemberg das niedrigste, obwohl es dennoch 404 Reichsmark teurer war als das Schulgeld für Jungen.
Die strukturellen Veränderungen betrafen auch das Lehrpersonal. Das Gehalt der Lehrkräfte wurde nach Dienstzeit und Tüchtigkeit festgelegt, blieb aber auf einem sehr niedrigen Niveau, sodass viele Lehrer weiterhin Nebenberufe ausüben mussten. Trotz der bereits 1882 erreichten hohen Reputation der höheren Städtischen Mädchenschule verzeichnete die Einrichtung ein kontinuierlich wachsendes Defizit.
Die Übernahme in städtische Trägerschaft erfolgte zu einem Zeitpunkt, als die höheren Mädchenschulen in Württemberg eine wichtige gesellschaftliche Legitimation erhielten. Die zeitgenössische Argumentation für die Schulbildung von Mädchen konzentrierte sich darauf, dass ungebildete Frauen nicht zur Kindererziehung geeignet seien. Dr. Weitzel formulierte das Bildungsziel der Schule dahingehend, „Verstand und Gemüt zu einer Harmonie zu bilden, deren Grundton durch das Gemüt bestimmt, dessen Reinheit durch den Verstand gesichert ist“. Diese Formulierung verdeutlicht, dass die Bildungsziele nicht auf Gleichberechtigung ausgerichtet waren.
Die Kommunalisierung der Ulmer höheren Mädchenschule steht im Kontext der allgemeinen Entwicklung des höheren Mädchenschulwesens im Königreich Württemberg. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurden die meisten höheren Mädchenschulen privat geführt, oft von Frauen und häufig in Verbindung mit einem Pensionat. Die städtischen höheren Mädchenschulen galten jedoch als die angesehensten Einrichtungen dieser Art. Die Überführung in kommunale Trägerschaft war ein wichtiger Schritt zur Etablierung und Standardisierung der höheren Mädchenbildung.
Diese Entwicklung fügt sich ein in die breiteren bildungspolitischen Tendenzen des späten 19. Jahrhunderts in Württemberg und anderen deutschen Staaten, wo private Bildungseinrichtungen zunehmend in öffentliche oder halböffentliche Trägerschaft übergingen. Für andere Städte ist dokumentiert, dass ähnliche Übergänge von privater zu städtischer Trägerschaft stattfanden, wie beispielsweise in Karlsruhe, wo die Höhere Töchterschule 1838 in die volle Trägerschaft der Stadt überging.
Zeit des Nationalsozialismus mini|hochkant|Hans Scholl (1943) mini|hochkant|Sophie Scholl (1943) Bereits unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Frühjahr 1933 begann am städtischen Mädchengymnasium die schrittweise Ausschaltung jüdischer Lehrkräfte und Schülerinnen nach den Maßgaben der neuen Rassenpolitik. Am 7. April 1933 wurde das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums (BBG) erlassen, das jüdische Lehrerinnen und Lehrer umgehend aus dem öffentlichen Schuldienst entfernte. Nur wenige Wochen später, am 25. April 1933, folgte das Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen, das die Neuaufnahme jüdischer Schüler auf monatlich 1,5 Prozent begrenzte und den Gesamtanteil an höheren Schulen auf maximal 5 Prozent festlegte – Ausnahmen galten zunächst allein für Kinder von Frontkämpfern des Ersten Weltkriegs.
Ab 1935 verschärfte sich die Schulpolitik weiter, im Zuge der Reichspogromnacht und parallel zu den Nürnberger Rassegesetzen ordnete das Regime eine flächendeckende Rassenerhebung an öffentlichen Schulen an, um die endgültige Rassentrennung und den dauerhaften Ausschluss jüdischer Schülerinnen und Schüler vorzubereiten. In Ulm trat Rektor Justin Häcker von der Wagnerschule bereits im Juli 1935 als erbitterter Befürworter dieser Maßnahmen hervor und forderte gegenüber Stadtverwaltung und Partei, man müsse „die ganze deutsche Jugend in planmäßiger und eindringlicher Weise über die Gefahren, die dem deutschen Volke von seiten der Juden drohen, vom 1. Schuljahr an belehr[en]“, da das „Vorhandensein von jüdischen Schülern [...] ein schweres Hindernis, diesen Aufklärungsfeldzug durchzuführen,“ darstelle. Im selben Jahr wurde die Mitgliedschaft im Bund Deutscher Mädel (BDM) für Schülerinnen verpflichtend, und die nationalsozialistische Weltanschauung gewann durch neue Fächer wie Rassenkunde, Körpererziehung und Wehrwille Einzug in den Lehrplan. Lehrerinnen und Schülerinnen sollten verstärkt in die Hitlerjugend und den BDM eingebunden werden. Oppositionelle Stimmen im Kollegium wurden unterbunden und missliebige Lehrkräfte entlassen oder versetzt.
Als Folge des Ausschlusses öffentlicher Schulen suchten jüdische Familien ab 1936 alternative Bildungseinrichtungen: Die ehemaligen Schüler der Ulmer Oberrealschule besuchten fortan das jüdische Landschulheim in Herrlingen, gegründet von der Reformpädagogin Anna Essinger und geleitet von Hugo Rosenthal, dessen Schülerzahl nach Verweisen aus Ulm deutlich anstieg. Ebenfalls 1936 wurde in direkter Nachbarschaft zur Synagoge in der Weinhofstraße 3 eine jüdische Volksschule unter Leitung des Lehrers und Kantors Rudolf Loewy eröffnet.
Der vollständige Ausschluss jüdischer Kinder aus dem öffentlichen Schulwesen erfolgte nach den Novemberpogromen von 1938 durch den Erlass des Reichserziehungsministers Bernhard Rust vom 15. November 1938. Fortan galt, „dass es keinem deutschen Lehrer und keiner Lehrerin mehr zugemutet werden“ könne, „an jüdische Schulkinder Unterricht zu erteilen“, und es sei „für deutsche Schüler und Schülerinnen unerträglich“, „mit Juden in einem Klassenraum zu sitzen“. Unterricht war nur noch in rein jüdischen Schulen zulässig, doch bereits 1939 musste die Ulmer jüdische Schule angesichts steigenden Verfolgungsdrucks und massiver Abwanderung schließen. Schließlich verfügte ein Erlass vom 30. Juni 1942 die endgültige Schließung aller jüdischen Schulen im Reich und untersagte jede Beschulung jüdischer Kinder ab 1. Juli 1942.