Das Haus Kollwitzstraße 52 ist ein Wohn- und Geschäftshaus im Ortsteil Prenzlauer Berg im Bezirk Pankow in Berlin. Es wurde 1873 bis 1875 vom Deutsch-Holländischen Actien-Bauverein in der ersten Phase der Bebauung des heutigen Kollwitzkiezes erbaut.

Lage Das Gebäude südlich des Kollwitzplatzes befindet sich auf der östlichen Seite der Kollwitzstraße (Berlin). Wegen zahlreicher umfassender Reparaturen und Änderungen, vor allem weil der Stuck an den Fassaden abgeschlagen wurde, steht das historische Wohnhaus jedoch nicht unter Denkmalschutz.

Bau Das Wohnhaus wurde durch den Grundstückseigentümer, den Deutsch-Holländischen Actien-Bauverein, auf Parzelle Nr. 2 an einer namenlosen Planstraße, zusammen mit weiteren Häusern, nach einem vom Alt-Berliner Magistrat genehmigten Bauantrag errichtet. Als Planer trat Otto Klau, ein Baumeister des Bau-Vereins auf.Ausstellungskatalog Kollwitzstraße 52 ... S. 4. Für eine schnelle und preisgünstige Fertigstellung wurden standardisierte Grundrisse und industriell gefertigte Bauteile verwendet. Trotzdem sollte es wie alle ersten Häuser des Bauvereins ein repräsentatives, großbürgerliches Mietshaus mit Vorgarten, klassizistischer Fassade, marmornem Treppenhaus, „üppig dimensionierter“ Geschossfläche von über 200 Quadratmetern sowie Geschosshöhen von bis zu 4,10 Meter werden. Diese erste Planung sah ein Vorderhaus mit zwei Stummelseitenflügeln vor, in denen Treppenhäuser für die Dienstboten sowie Toiletten geplant waren. Der Architekt war auch zugleich der Geschäftsführer des Bauvereins. Zur gleichen Zeit wurden nach seinen Plänen und Prinzipien in dieser Straße weitere Wohnhäuser der (heutigen) Kollwitzstraße 82 bis 90 errichtet. Die Gebäude mit den 80er Nummern sind erhalten und stehen unter Denkmalschutz.

Nach dem sich kurze Zeit später anbahnenden Gründerkrach wurden zwei Seitenflügel mit kleineren Wohnungen im hinteren Teil ergänzt, um sich dem veränderten Immobilienmarkt anzupassen. Für ein derartiges Haus wurden ca. 5 Millionen Ziegelsteine verbaut, die im firmeneigenen Ringofen (heute: Helmholtzplatz) sehr günstig produziert wurden. Alle Holzelemente stammen aus der eigenen Tischlerei östlich von der Ziegelbrennerei. Durch diese Zentralisierung der Fertigung in der Nähe der Baustelle konnte der Bauverein sehr günstig bauen, es wurden unnötige Transportkosten eingespart. Im Jahr 1874 besuchte der Architekten-Verein zu Berlin diese Produktionsstätten und berichtete in Fachzeitschriften darüber.Ausstellungskatalog Kollwitzstraße 52 ... S. 46–48.

Bei der Benennung der neuen Straße als Weißenburger Straße im Jahr 1874 erhielt die Baustelle die Hausnummer 25.

Bis zur Fertigstellung im Sommer 1875 wurden im Unterschied zum gegenüberliegenden Haus Kollwitzstraße 53 die Seitenflügel um diese zusätzlichen Wohnungen gekürzt. Im Ergebnis waren die beiden Wohnungen je Etage noch größer. Es ergab sich eine Geschossfläche von über 300 Quadratmetern. Die Seitenflügel endeten mit hinteren Treppenhäusern. Ebenso wurde bei den Nachbarhäusern in der Kollwitzstraße 50 und 54 verfahren. Dabei verfügten die Wohnungen anfangs weder über fließendes Wasser noch über ein WC. Hierfür wurde auf dem Hof ein „Abtrittsgebäude“ mit darunter liegender Grube gebaut, also ein Trocken-Fallklo. Erst im Jahr 1893 ließ der Eigentümer das Haus an die neu errichtete Kanalisation anschließen. mini|hochkant|Das gegenüberliegende Haus Kollwitzstraße 53 zeigt noch den ursprünglichen Fassadenschmuck. Die Fassadengestaltung war mit einem breiten zentralen Erker über drei Etagen besonders aufwändig. Der Erker war im oberen Bereich mit vier großen Karyatiden beschmückt. Breite seitliche Fenster waren jeweils durch hölzerne Karyatiden geteilt. Der Eingangsbereich war mit fünf Metern so hoch wie die Decke des Hochparterres, er führte in das Haus hinein. Die mit hölzernem Schmuck gestaltete Eingangstür war um mehr als zwei Meter in das Haus zurückgesetzt. Das Haus hob sich mit den Erkern und seiner Höhe ebenso wie das Haus gegenüber von den anderen Häusern der Straße ab.

Die Eingangstür und die äußeren Karyatiden haben die Zeiten überstanden, die letzteren wurden im Jahr 2023 durch Abgüsse ersetzt.Ausstellungskatalog Kollwitzstraße 52 ... S. 55.

Bewohnerschaft Überblick Die ersten Bewohner neu gebauter Berliner Mietshäuser waren überwiegend die sogenannten Trockenwohner, Menschen aus armen Bevölkerungsschichten konnten hier gegen eine geringe oder gar keine Miete rund drei Monate wohnen. In der Weißenburger Straße 25 waren dies im Jahr 1875 nur drei Mietparteien: zwei Schuhmacher und ein Schneider, also Handwerker, die oft nur über sehr kleine Einkommen verfügten.Ausstellungskatalog Kollwitzstraße 52 ... S. 64. Bald nach der Fertigstellung des Mietshauses waren die Parzellen/Häuser umnummeriert worden, das Haus trug seitdem die Nummer 22.

1877–1918 In den unteren Etagen waren die Wohnungen des Hauses repräsentativ genug für einen bürgerlichen und gediegenen Wohnstil. Die Weißenburger Straße war breit angelegt, die Häuser modern. Im Vergleich zu der alten Häusern der Innenstadt mit ihren engen Hinterhöfen und schmalen Straßen war das Wohnviertel damals ein repräsentativer Wohnort. Staatsbedienstete mit bürgerlichem Repräsentationsbedürfnis schätzten die ruhige Wohnlage in Nähe zur Innenstadt, wo sich ihre Arbeitsstätten befanden.

Beispiel: In einer der repräsentativsten Wohnungen der Weißenburger Straße 25, in der sogenannten Beletage, lebte seit 1875 ungefähr vier Jahre lang der Witwer Friedrich Beltzing. Beltzing war leitender Beamter im kaiserlichen Postzeitungsamt. Im Adressbuch trug er die Bezeichnung Rechnungsrat, ein Ehrentitel, der langjährigen Beamten im Rechnungswesen verliehen wurde. Sein Arbeitsplatz befand sich Ende der 1870er Jahre in der Spandauer Straße 16, gleich hinter dem Alexanderplatz. Im Jahr 1880 zog Friedrich Beltzing innerhalb der Weißenburger Straße in die Nummer 5 um.

Die Verkehrsanbindung wurde laufend verbessert. Durch die Weißenburger Straße führte seit 1894 eine elektrische Straßenbahn zum späteren Hackeschen Markt. Unter der Schönhauser Allee verkehrte ab 1913 eine U-Bahn. Der U-Bahnhof Senefelderplatz war aus der Weißenburger Straße fußläufig gut erreichbar.Ausstellungskatalog Kollwitzstraße 52 ... S. 64–67.

1919–1938 Neben der verbesserten Verkehrsanbindung zeichnete sich die Weißenburger Straße nunmehr dadurch aus, das sie inmitten eines dicht bebauten Gebietes lag. Aus einem Vorort war ein urbaner Stadtraum geworden.

Im Berliner Adressbuch des Hauses für das Jahr 1919 werden 13 Mietparteien aufgelistet, auch Gewerbetreibende wie Bohrer, Gärtner oder Kaufmann. Die soziale Zusammensetzung hatte sich seit den ersten Bewohnern stark verändert. Ein Jahr nach dem Ende des Ersten Weltkriegs lebte kein Beamter mehr im Haus. Stattdessen wohnten dort nun vor allem verschiedene Gewerbetreibende, vom kleinen Gemüsehändler bis zur international agierenden Agentur. Insgesamt war die Zusammensetzung der Bewohnerschaft der Weißenburger Straße 22 diverser und sozial heterogener als in den 1870er Jahren.

Dass die Familie Wartenberger in der Straße wohnte, war kein Zufall. In der direkten Umgebung rund um den Wörther Platz hatte sich ein reges jüdisches Leben entwickelt. Mehrere jüdische Einrichtungen waren entstanden: Hinter den gegenüberstehenden Häusern befindet sich der jüdische Friedhof. Daneben wurde 1897 das Baruch-Auerbach’sche Waisenhaus fertig. In der Rykestraße 52 wurde 1904 die Synagoge eingeweiht.

1939–1945, in der NS-Zeit Das Adressbuch von 1939 führt nur 10 Mietparteien und einen Gewerbebetrieb (eine Liefergenossenschaft) auf. Dabei waren 1935 die beiden Wohnungen in der vierten Etage von der neuen Eigentümerin Margarita Reichardt geteilt und dadurch weiterer Wohnraum geschaffen worden. Es fällt auf, dass viele Menschen im Textilbereich tätig waren. Insgesamt geben die Adressbücher dieser Jahre bis 1943 nur einen lückenhaften Einblick in die Bewohnerschaft des Hauses.

In der Weißenburger Straße 22 lebten in diesen Jahren zeitweilig die Familie Freundlich, die Wartenbergs oder die Bachners, die alle seit 1933 von den NS-Verfolgungen betroffen waren. 1939 fand im gesamten Deutschen Reich eine Volkszählung statt. Dort musste auch die „Abstammung“ vermerkt werden. Aus diesen Listen geht hervor, dass im Mai 1939 mindestens zwei weitere jüdische Familien im Haus lebten, die nicht im Adressbuch aufgeführt sind, so auch die Familie Jaffe.

Der Umgang der jüdischen Bewohner des Hauses mit der Verfolgung durch den NS-Staat war allerdings sehr unterschiedlich, es gab auch einen Gestapoagenten unter ihnen:

1945–1990 Über die Bewohnerschaft nach 1945 ist kaum etwas bekannt. In den Gewerberäumen im Souterrain wohnten zeitweise Menschen, vermutlich Flüchtlinge. Die kleine Wohnung im Obergeschoss der Remise wurde bis in die 1970er Jahre von einer alten Frau bewohnt. 1973–1979 wohnte der Komponist und Dirigent Friedrich Goldmann mit seiner Familie in einer Wohnung im ersten Obergeschoss. In den 1980er-Jahren wurde auf Initiative und unter Mitarbeit der Bewohnerschaft das alte Remisengebäude zurückgebaut und zu zwei Autogaragen umgebaut. Als Dank und Auszeichnung erhielt die Hausgemeinschaft von der Kommunalen Wohnungsverwaltung (KWV) eine Wäschemangel überreicht. Diese Maschine war in der Ausstellung 2025 zum Haus zu sehen. Ende 1990 wohnten im Haus 10 Mietparteien. Eine Einheit im Hochparterre wurde vom Ehepaar Dr. Beck als Arztpraxis genutzt. Die früheren Gewerbeeinheiten im Souterrain waren zur Straße hin vermauert und wurden als Mieterkeller genutzt. Die große Wohnung in der Beletage war von der Ostberliner Sparkasse angemietet und seit Jahren nicht genutzt worden. Vorher hatte sie dort ein Wohnheim für Mitarbeiter (mit getrennten Toiletten für Männer/Frauen) betrieben.

Eigentümer des Hauses 1876 Im ersten Jahr nach der Fertigstellung hatte das Haus drei verschiedene Eigentümer. Der Deutsch-Holländische Actien-Bauverein hatte das Haus an den Kaufmann Max Stecker verkauft. Dieser veräußerte das Haus an den Rentier Carl Gottlieb Brünning, der es wiederum an den Amtmann Julius Frantz Grottski weitergab.Alle auch folgenden Angaben aus dem Ausstellungskatalog Kollwitzstraße 52 ... S. 36–37.

1877–1911 Mit dem Kauf des Haus an Gustav Schultze begann eine lange Phase der stabilen Eigentumsverhältnisse. In diesen Jahrzehnten wurde das Haus an das neu gebaute Wassernetz und die Kanalisation angeschlossen, in den Seitenflügeln wurden Bäder eingebaut. Im nördlichen Teil des Hofes, hinter dem dortigen Seitenflügel wurde 1883 eine Remise gebaut, in der unten die Pferde standen. Oben war eine kleine Wohnung eingerichtet.Zeichnung der Remise auf Kollwitz52.de

1912–1935 Nach dem Tod Gustav Schultzes besaßen seine Erben das Haus. Sie verkauften es erst 1925.

Salomon Rotholz, der Käufer des Hauses, besaß schon andere Häuser in Berlin. Er führte in seinem eigenen Haus im Weidenweg 54 in Friedrichshain eine Glaserei. Ende der 1920er Jahre löste er bei den Häusern Weidenweg 54 und Weissenburger Straße 22 alte Kredite ab und nahm neue auf, zu hohen Zinssätzen. 1931 wurde eine Zwangsverwaltung für die beiden Häuser eingetragen. Er schien im Zuge der Weltwirtschaftskrise wirtschaftliche Probleme bekommen zu haben. Bis 1935 wechselten sich Zwangsverwaltungen und Löschungen ab, bis es 1935 zu einer Zwangsversteigerung kam.