mini|Opere di Galileo Galilei Band 1, Ausgabe 1890, enthält De motu antiquiora De motu antiquioraEnrico Giusti, "Galileo's De motu antiquiora," Nuncius 13, no. 2 (1998), 427–60 (englisch). (deutsch Die älteren Schriften über die Bewegung), oder einfach De motu, ist Galileo Galileis frühes schriftliches Werk über die Bewegung (nicht zu verwechseln mit Newtons De motu corporum in gyrum, das ebenfalls die abgekürzte Bezeichnung De motu trägt). Es wurde größtenteils zwischen 1589 und 1592 geschrieben,Stillman Drake, Essays on Galileo and the History and Philosophy of Science, Volume 1, University of Toronto Press, 1999, p. 216 (englisch). aber erst 1890 vollständig veröffentlicht. De motu enthält Galileis Vorstellung über die Bewegung während seiner Zeit in Pisa vor seinem Umzug nach Padua (1592).
Aufgrund von Unsicherheiten in seinem Verständnis und seinen mathematischen Berechnungen ließ Galilei das Manuskript zu Lebzeiten unvollendet und unveröffentlicht. Es ist unklar, ob dieses Buch ursprünglich als Buch in Dialogform oder in einer konventionelleren Schreibweise konzipiert war. Galilei arbeitete viele Jahre daran und fertigte von jedem Abschnitt mehrere Kopien an. In seinem Werk ändert sich der Schreibstil von einem Dialog zwischen Lehrer und Schüler, die seine Ansichten diskutieren, zu einem Essay. Später integrierte Galilei ausgewählte Argumente und Beispiele aus De motu in seine nachfolgenden Werke Le Mecaniche, Discorso intorno alle cose che stanno in su l'acqua (Abhandlung über schwebende Körper) und Discorsi e dimostrazioni matematiche intorno a due nuove scienze (Unterredungen und mathematische Demonstrationen über zwei neue Wissenszweige).
In De motu weist Galilei Aristoteles’ Ansichten zur Physik der Bewegung durchgängig zurück, oft in spöttischem Ton. Er verwendet dazu Reductio-ad-absurdum-Argumente, die Aristoteles’ Annahmen zur Bewegung logisch zu absurden Schlussfolgerungen im Widerspruch zu Beobachtung oder dessen ursprünglichen Annahmen führen und somit beweisen, dass die Annahmen falsch sein müssen. Trotz seiner häufigen scharfen Kritik an Aristoteles’ Physik hält Galilei in De motu jedoch weiterhin an den klassischen Elementen als grundlegender Ursache der Bewegung fest, in der sich alle Materie zu ihrem jeweiligen natürlichen Platz im Universum bewegt.
Er schlägt außerdem eine alternative Bewegungstheorie vor. Diese geht davon aus, dass sich Bewegung nicht durch strömende Luft fortpflanzt (wie die Peripatetiker lehrten), sondern
dass das wahre Gewicht eines Körpers nur im Vakuum gemessen werden kann, dass das Gewicht des Körpers in einem Medium (d. h. das scheinbare Gewicht) durch seinen Auftrieb verändert wird, dass das aus diesem Auftrieb resultierende Gewicht die natürliche Bewegung des Körpers verursacht, dass die Wurfbewegung (im Unterschied zur natürlichen Bewegung) das Ergebnis einer aufgezwungenen Kraft ist, die das Gewicht des Wurfkörpers verändert, und dass die aufgezwungene Kraft mit der Zeit nachlässt, ähnlich wie ein heißer Gegenstand wieder in seinen natürlichen Kältezustand zurückkehrt.
De motu enthält den ersten Hinweis auf Galileis Interesse am Pendel. Er stellt fest, dass schwerere Objekte länger schwingen als leichtere. Allerdings deutet er dieses Phänomen fälschlicherweise als Beweis dafür, dass die in einem bewegten Körper vorhandene Kraft bei leichteren Körpern schneller abnimmt als bei schwereren, und (noch) nicht, dass der Luftwiderstand bei leichteren Körpern eine größere Wirkung hat.
Es ist fraglich, wie originell Galileis Ideen in De motu sind. Einige der Ideen stammen aus der Antike, andere aus dem Mittelalter und von Galileis unmittelbaren Vorgängern in Italien. Die im Essay behandelten Themen waren größtenteils schon seit langem in akademischen Kreisen diskutiert worden. Obwohl Galileis Lösungen für einzelne Probleme im Allgemeinen keine originellen Entdeckungen darstellen, vermittelt das Werk als Ganzes dennoch einen deutlichen Eindruck von Originalität. Dies liegt an der zugrunde liegenden Einheitlichkeit der Konzeption, der geschickten Verknüpfung der Ideen, dem ständigen Rückgriff auf die Mathematik sowie der Klarheit der Argumentation und des Stils.
Publikationsgeschichte De motu war ursprünglich zur Veröffentlichung vorgesehen, wurde jedoch von Galilei schließlich in unvollständiger Form aufgegeben. Was heute noch übrig ist, umfasst einen ersten Essayentwurf über Bewegung, mehrere überarbeitete Teile des Essays, einen Dialog, eine Reihe von Themen und Thesen sowie eine Reihe fragmentarischer Gedanken und Notizen.
Teile des Manuskripts wurden erstmals 1854 in Band 11 von Eugenio Albèris Ausgabe der Werke Galileis veröffentlicht, die restlichen Teile 1883 von Antonio Favaro. Das Manuskript wurde später unter dem Titel De motu in Band I der Opere di Galileo Galilei veröffentlicht, die 1890 von Favaro herausgegeben wurden und bestimmte Manuskripte enthielt, die Galilei in lateinischer Sprache selbst verfasst hatte. Die erste englische Übersetzung des Essayteils von De motu in der Übersetzung von Israel E. Drabkin wurde 1960 unter dem Titel On Motion and On Mechanics veröffentlicht, zusammen mit Stillman Drakes Übersetzung von Galileis Le Mecaniche. Eine spätere englische Übersetzung von Raymond Fredette (um 2010) ist nur als Digitalausgabe verfügbar und enthält auch den Dialog.
Einflüsse und Ursprünge der Dynamik Galileis in Pisa Zahlreiche Historiker haben über die genauen Einflüsse und die Entwicklung der frühen Dynamik Galileis während seiner Zeit an der Universität Pisa diskutiert und darüber, ob seine frühen Konzepte der eingeprägten Kräfte direkt auf die mittelalterliche Impetustheorie des 14. Jahrhunderts zurückgehen.
Pierre Duhem schlug vor, dass Galileis Dynamik eine Fortsetzung der von Johannes Buridan und Nicole Oresme gelehrten Tradition sei, in deren Rahmen Galilei die Impetustheorie während seiner gesamten Karriere weiter perfektionierte und dabei möglicherweise von Giovanni Battista Benedetti beeinflusst wurde, dessen Dynamik allgemein als Anhänger der Impetusphysik beschrieben wird.
Alexandre Koyré bemerkte ebenfalls Benedettis potenziellen Einfluss auf Galilei, argumentierte jedoch im Gegensatz zu Duhem, dass Galileis Pisaner Dynamik ein Versuch war, eine kohärente mathematische Formulierung des mittelalterlichen Impetus nach dem Vorbild der Statik des Archimedes zu erreichen. Doch anstatt diese zu perfektionieren, wie Duhem vermutet, scheiterte Galilei letztlich, was ihn dazu veranlasste, die mittelalterliche Tradition aufzugeben und in seiner Tätigkeit an der Universität Padua neu zu beginnen.
Der Mediävist Ernest Moody wies darauf hin, dass Galileis Argumente, mit denen er Aristoteles’ Erklärung der Wurfbewegung zurückwies, genau dieselben waren wie die von Buridan und Albrecht von Sachsen und daher nicht originär waren. Moody argumentierte jedoch gegen Duhem und Koyré, dass Galileis frühe Dynamik nicht dem Impetus von Buridan nachempfunden war, sondern vielmehr auf der Dynamik von Ibn Baddscha (Avempace) aus dem 11. Jahrhundert basierte, die wiederum auf den Ideen von Johannes Philoponos von Alexandria aus dem 6. Jahrhundert beruhte. Moody vermutet, dass Galilei möglicherweise durch Benedetti von Baddschas Theorien erfahren hat, aber auch, dass er durch seinen Zeitgenossen Girolamo Borro von Baddscha erfahren hat, der über Averroes’ Kritik an Baddschas Argumenten gegen die aristotelische Physik schrieb. Darüber hinaus wurde Galilei auch von seinem älteren Kollegen in Pisa, Francesco Buonamici, beeinflusst, der das Problem der Wurfbewegung ebenfalls in seinem eigenen Werk De motu diskutierte und erwähnte, dass Philoponos der Begründer der Theorie der eingeprägten Kräfte sei. Moody vermutet, dass Buonamici mit der mittelalterlichen Tradition der Impetusphysik vertraut war, allerdings nur aus zweiter oder dritter Hand, insbesondere im Hinblick auf den Beitrag des 14. Jahrhunderts zur Mechanik. Dies veranlasste Koyré zur Annahme, dass Buonamicis Ansichten eine Annäherung an Buridans Impetustheorie darstellten und mit der Theorie der eingeprägten Kräfte von Philoponos, Petrus Johannis Olivi und Franz von Marchia übereinstimmten. Moody nennt auch die Arbeiten von Benedictus Pererius, Julius Caesar Scaliger und Jacopo Zabarella als mögliche Einflüsse.
Raymond Fredette wie auch Enrico Giusti bezweifelten Benedettis Einfluss, den Galilei vermutlich nicht einmal gelesen hatte. Wahrscheinlicher sei ein Einfluss von Jacopo Mazzoni, der während der Entstehung von De motu antiquiora an der Universität Pisa Philosophie lehrte und Galileis Mentor war. In seiner Lehre widersprach Mazzoni einigen Aussagen Benedettis.
Stillman Drake wies darauf hin, dass De motu allem überlegen war, was seine Kollegen bis dahin veröffentlicht hatten. Vermutlich hielt er es vom Druck zurück, weil „seine Schlüsse über die Geschwindigkeit auf schiefen Ebenen nicht exakt den tatsächlichen Ergebnissen der Experimente entsprachen“.
Unterscheidung zwischen Galileis frühen erzwungenen Kräften und Buridans Impetustheorie Moody behauptet, dass es nicht nur einen Entwicklungsunterschied, sondern auch einen Bedeutungsunterschied zwischen der Galileischen Kraft (virtus impressa) und dem Buridanischen Impetus gibt: Buridans Impetus war eine „dauerhafte Realität“ (res permanens), die für immer unvermindert bestehen bliebe, wenn sie nicht durch Luft und Schwerkraft behindert würde, ähnlich wie die moderne Behandlung des Impulses. Galileis Kräfte hingegen waren in erster Linie selbsterschöpfend und wurden zusätzlich durch den Luftwiderstand behindert. Dies bedeutete, dass die Erklärungen für die natürliche Beschleunigung radikal voneinander verschieden waren, da bei einem Objekt, das unbegrenzt in ein Vakuum fällt, der Buridanische Impetus und die Geschwindigkeit des Objekts für immer bis ins Unendliche zunehmen würden, während die Galileische Kraft schließlich asymptotisch auf Null abfallen würde, wenn sich das Objekt im Vakuum einer Endgeschwindigkeit nähert.
Eine weitere Unterscheidung wird hinsichtlich der Rotationsbewegung getroffen, insbesondere bei der Erklärung der Rotation der Himmelssphären. Frühere Philosophen wie Avicenna, al-Ghazālī, Moses Maimonides und die meisten christlichen Scholastiker dachten, dass die Rotation der Himmelssphären eine konstante Kraft erforderte, um ihre Rotation aufrechtzuerhalten. Sie identifizierten Aristoteles’ „Intelligenzen“, die diese Sphären antrieben, mit den Engeln der Offenbarung, wodurch sie jeder Sphäre einen Engel zuordneten. Buridan schlug vor, dass es für den Antrieb nicht notwendig sei, Engel oder „Intelligenzen“ als Beweger des Himmels anzunehmen. Wenn wir unterstellen, dass Gott bei der Erschaffung der Welt die Himmelskörper mit ihrer gegenwärtigen Rotationsgeschwindigkeit in Bewegung setzte, wäre kein weiteres Eingreifen eines „Bewegers“ erforderlich, weil ihr ursprünglicher Antrieb ohne Widerstand oder entgegengesetzte Kräfte für immer unvermindert bestehen bliebe. Galilei hingegen beantwortet diese Frage nur teilweise, indem er behauptet, die Rotation der Himmelssphären sei weder das Ergebnis einer erzwungenen Bewegung, da sich die Sphären nicht vom Zentrum des Universums entfernen, noch handele es sich um eine natürliche Bewegung, da sich Sphären scheinbar nicht einem natürlichen Ort nähern. Dies wirft die Frage auf, ob die Rotation der Sphären fortwährend fortschreitet oder ob sie ohne Krafteinwirkung irgendwann zum Stillstand kommen. Galilei lässt diese Frage unbeantwortet.
Dialog über Bewegung