mini|Das Hôtel de La Rochefoucauld, von der Rue des Petits Augustins (heute Rue Bonaparte) aus gesehen, auf dem Plan de Turgot (1739)
Das Hôtel de La Rochefoucauld war ein Hôtel particulier im späteren 6. Arrondissement von Paris. Es hieß zuvor nacheinander Hôtel Dauphin, Hôtel de Bouillon und Hôtel de Liancourt und gehörte zuletzt der Familie La Rochefoucauld. 1825 wurde es abgerissen, um den Bau der Rue des Beaux-Arts und die Aufteilung der angrenzenden Grundstücke für kleinteiligere Bebauung zu ermöglichen.
Das Hôtel de La Rochefoucauld-Liancourt ist zu unterscheiden u. a. vom Hôtel de La Rochefoucauld-Doudeauville, dem heutigen Hôtel de Boisgelin, das sich in der Rue de Varenne 47–49 befindet und der Sitz der italienischen Botschaft ist.
Lage Das Stadtpalais befand sich auf einem Viereck zwischen der Rue de Seine (Haupteingang, aktuelle Hausnummern 14 bis 18, rund 65 m) und der Rue des petits Augustins (heute Rue Bonaparte 11 bis 15, Rückseite, rund 70 m); die Verbindungslinien zwischen den Endpunkten der beiden Strecken sind auch heute noch Grundstücksgrenzen, die Grundstücksgröße betrug demzufolge rund 9400 Quadratmeter.
Von der Fassade und der Rückseite hatte man Sicht auf die Seine und den Louvre auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses, in der anderen Richtung auf den Palais du Luxembourg. Die Abtei war 400 m entfernt, der Pont-Neuf 700 m, der Palais du Luxembourg 800 m und der Louvre 1000 m.
Geschichte Der Kardinal Tournon (1489–1562) begann in seiner Eigenschaft als Abt von Saint-Germain-des-Prés im Jahr 1538 mit der Parzellierung der der Abtei gehörenden Grundstücke auf dem Pré aux Clercs, auf der westlichen Seite der Rue de Seine (die östliche Seite war bereits 1530 parzelliert worden), die des Weiteren durch die Rue Colombier (heute Rue Jacob), die Rue des petits Augustins und den Quai Malaquais am Ufer der Seine definiert war. Der mittlere Teil davon wurde später der Standort des Hôtel de La Rochefoucauld.
mini|Le Pré-aux-Clercs auf dem Plan von Truschet und Hoyau, 1552: Links (im Norden) die Seine, rechts die Abtei Saint-Germain-des-Prés, dazwischen die Rue de Seine mit ihrer ersten Bebauung Den Teil des Grundstücks an der Rue de Seine erwarb am 6. September 1538 Charles de Maigny († 1556 Sein Grabmonument, das im Louvre zu sehen ist, wurde 1557 durch einen Vertrag zwischen seiner Schwester und dem Bildhauer Pierre Bontemps (siehe dort) in Auftrag gegeben), Hauptmann der königlichen Garde; am 19. September gab er das südliche Drittel an François Bastonneau weiter, der am 6. September einer der Notare gewesen war. Den Teil an der Rue des petits Augustins erwarb am 23. August 1540 der Diplomat Jean-Jacques de Mesmes († 1559).Aus der Familie Mesmes, Vater von Jean-Pierre de Mesmes und Henri de MesmesA.N.; M.C.; VIII/179, Verkaufsakte von Jean-Jacques de Mesmes vom 28. August 1540 Kurz darauf, am 9. Dezember verkaufte Charles de Maigny sein Grundstück an Nicolas Dangu († 1567),A.N.;M.C.; ET/VIII/179, Verkaufsakte von Charles de Maigny an Nicole Dangu, Bischof von Sées, vom 9. Dezember 1540 unehelicher Sohn des Kardinals Antoine Duprat, der auch Kanzler von Frankreich gewesen war, seit 1539 Bischof von Sées und ab 1545 Bischof von Mende. 1548/49A.N.; LL/1125 war Nicolas Dangu auch im Besitz des Grundstücks von Jean-Jacques de Mesmes. Der nächste Eigentümer – seit wann ist unbekannt – war Jérôme Burgensis († 1583), 1556–1571 Bischof von Chalons, der am 27. September 1570 „ein großes Haus, bestehend aus drei großen Gebäuden, einem Hof und einem Garten, gelegen im Vorort Saint-Germain-des-Prés in der Rue de Seine“« une grande maison consistant en trois grands corps d’hôtel, cour et jardin sise au faubourg Saint-Germain-des-Prés rue de Seine » an Louis de Bourbon, Herzog von Montpensier (1513–1582), und dessen Tochter Anne de Bourbon (1540–1572), Witwe von François de Clèves, Herzog von Nevers (1540–1562) verkaufte.A.N.; M.C.; XXXVI/138 P62 Anne de Bourbon bewohnte das Hôtel, als sie es ihrem Bruder François de Bourbon, Dauphin der Auvergne (Herzog von Montpensier wurde er 1582) vermachte. Ab Annes Tod wurde das Anwesen Hôtel Dauphin genannt.
Der nächste Besitzer des Hôtel Dauphin war François Redont, Seigneur de Neuillac († 1607), der als Steuereinnehmer ein großes Vermögen angehäuft hatte und in den 1590er Jahren Finanzier des Herzogs von Montpensier war und ihm 1595 die Herrschaft Pransac, 1596 die Herrschaft Thuré und um 1602/03 das Hôtel Dauphin abkaufte. Ihm folgte sein Schwiegersohn Martin Martineau, Berater und Sekretär des Königs, der im Dezember 1610 Charlotte Brabantina von Oranien-Nassau (1580–1631) Fürstin von Orange, Enkelin von Louis III. de Bourbon-Montpensier und Witwe des Duc de Thouars (1566–1604), versehen mit einer Vollmacht von ihrem Schwager Henri de La Tour, Herzog von Bouillon, für zwei Jahre den rechten Teil des Hauses, den kleinen Hof, den großen Hof und den Garten vermietete. Martin Martineau behielt das zur Straße hin gelegene Hauptgebäude für seinen persönlichen Gebrauch.A.N.; M.C.; XXIII/241 F°452, Mietvertrag mit Henri de La Tour vom 20. Dezember 1610 Der Herzog von Bouillon wartete nicht bis zum Ende des zweijährigen Mietvertrags ab, sondern kaufte am 7. März 1612 das „große Haus namens Hotel Dauphin“ für 90.000 Livres.« grande maison appelée hôtel Dauphin », A.N.; M.C.; LIV/479; Verkaufsakte vom 7. März 1612 Am 9. Juli 1612 erwarb er zudem das Nachbarhaus, das vor 70 Jahren François Bastonneau gekauft hatte und jetzt dessen Enkelin gehörte,A.N.; M.C.; LIV/479, Akte vom 9. Juli 1612 und rundete damit den Besitz des 1538 angebotenen Grundstücks ab. Das Palais hieß nun Hôtel de Bouillon.
Bereits zwei Monate später begann der Herzog von Bouillon mit Umbauten und Erweiterungen: das bisherige Hôtel Dauphin wurde weiterverwendet, ein Wohnflügel (27 × 8 m) wurde anstelle des Bastonneau-Hauses neu gebaut, um die Optik zu vereinheitlichen. Auf der Gartenseite, zwischen den beiden Pavillons am Ende der Gebäudeflügel, ließ er eine große Terrasse mit durchbrochener Balustrade und einigen Stufen anlegen, um den Zugang zu ermöglichen.A.N.; M.C.; XXIV/245, Vertrag für Maurer- und Schreinerarbeiten… zwischen dem Herzog von Bouillon und Salomon de Brosse vom 1. September 1612 Die Baukosten lagen bei 25.000 Livres.
Nach Abschluss der Arbeiten beauftragte er Jean Le Nôtre (1575–1655)Vater von André Le Nôtre mit der Gestaltung des neuen Gartens, der den Garten des Herzogs von Montpensier mit dem der Erben Bastonneau verband. Er bat ihn, alles, was in den alten Gärten existierte, zu entfernen, das Gelände zu ebnen, den Schutt, den die Maurer hinterlassen hatten, zu beseitigen, indem er ihn in den zukünftigen Alleen vergrub, entlang der Mauern rechts und links des Gartens Spalierobstbäume zu pflanzen, die mit Eisenklammern an den Mauern befestigt werden sollten, und ein quadratisches Beet in der Breite des Gartens anzulegen, das nach dem vom Herzog vorgelegten Entwurf mit Buchsbaum bepflanzt werden sollte. In der Mitte des Beetes sollten die schönsten Blütenbäume aus Frankreich oder dem Ausland gepflanzt werden. Der Rand des Gartens sollte aus sandigen Alleen bestehen. Im hinteren Teil des Gartens, auf der Seite der Rue Bonaparte (damals Rue de la Petite Seine), befand sich ein Wäldchen aus Ulmen, Ahornbäumen und Hainbuchen. Jean Le Nôtre erhielt für diese Arbeiten die Summe von 1000 Livres.A.N.; M.C. LIV/481; Akte vom 7. August 1613 Am selben Tag unterzeichnete der Herzog von Bouillon einen Wartungsvertrag mit Pierre Bouchard, einem Gärtnermeister, für die Bewässerung, Erneuerung der Blumenpflanzen, Buchsbäume und Obstbäume. Er durfte weder Obst noch Blumen verkaufen oder verschenken, „solange Monseigneur oder Madame in Paris waren“. Der Herzog bot ihm und seiner Familie eine Unterkunft und ein Gehalt von 300 Livres pro Jahr an.
Der Herzog von Bouillon starb am 25. März 1623 in Sedan. Die Familie behielt das Hôtel noch einige Jahre, bis sein Sohn Frédéric-Maurice de La Tour d’Auvergne (1605–1652) es am 5. Februar 1631 an Roger du Plessis (1598–1674), Herr von Liancourt, Graf von La Roche-Guyon und Beaumont-sur-Oise, und seiner Frau Jeanne de SchombergTochter von Henri de Schomberg und Schwester des Marschalls Charles de Schomberg, Ehemann von Marie de Hautefort, der Vertrauten Ludwigs XIII. für die Summe von 129.000 Livres verkaufte.A.N.; M.C; LI / 161, 5. Februar 1631
mini|Ansicht des Hôtel de Liancourt, Gravur von Israël Silvestre, 17. Jahrhundert mini|Ansicht des Hôtel de Liancourt von der Gartenseite, Gravur von Israël Silvestre, 17. Jahrhundert Auch die neuen Besitzer beschlossen, Arbeiten an ihrem neuen Wohnsitz durchzuführen, um ihn komfortabler zu gestalten. Sie beauftragten 1635 als Bauunternehmer Frémin de Cotte (1591–1666), einen vom König vereidigten Maurer, und als Bauleiter einen M. Petit, Architekten des Königs,Wohl Louis Petit, Architekt des Königs, der laut einer Urkunde aus dem Zentralarchiv der Nationalarchive (ET/I/118) 1637 in der Rue de Seine lebte sowie Jacques Lemercier (1585–1654), Architekt der Gebäude des Königs, als Streitschlichter. Das Palais wurde nun Hôtel de Liancourt genannt.
Roger du Plessis ließ den Haupttrakt, der parallel zur Rue de Seine zwischen dem Innenhof und dem großen Garten verlief, sowie den linken Trakt beim Betreten des Innenhofs zerstören und neu errichten.Alexandre Gady, Jacques Lemercier, architecte et Ingenieur du roi, Ed . de la Maison des sciences de l'homme, Paris 2005, ISBN 978-2-735-11042-1 Er fügte eine monumentale Treppe hinzu, deren Vorraum im Erdgeschoss mit schwarzem Marmor und Liais-FliesenLiais: Hartes Kalkgestein mit sehr feiner Körnung, das sich für Bauwerke und Skulpturen eignet (fr.wiktionary) gepflastert und mit Säulen verziert war.A.N.; Z/1j/260; Kostenvoranschlag für Bauarbeiten vom 23. Dezember 1642 Seine Frau ließ von dem Schlosser François Marchant eine ca. 11 m lange und 4,54 m hohe Voliere mit schmiedeeisernen Blatt- und Blumenverzierungen anfertigen.A.N.; M.C.; XCVIII/125, Mai, Juni, Juli 1637
Hier wuchs Henri Roger, der einzige Sohn des Paares auf, der am 6. August 1646 bei der Belagerung von Fort Mardyck getötet wurde, und hier starb am 6. Juni 1656 sein Schwager, der Marschall Charles de Schomberg. Kurz darauf beherbergte er dort François VI. de La Rochefoucauld (1613–1680), Gouverneur von Poitou, Pair de France, der Autor der Réflexions ou sentences et maximes morales (1666), dessen Sohn François VII. de La Rochefoucauld, Prince de Marcillac (1634–1714), 1659 seine 14-jährige Enkelin heiratete: Jeanne Charlotte du Plessis-Liancourt (1645–1674), die Tochter Henri Rogers, brachte das Hôtel de Liancourt bei ihrer Heirat als Mitgift in die Ehe.
Zu den damaligen Stammgästen des Paares zählten: Jean de La Fontaine (1621–1695), Pierre Corneille (1606–1684), der dort Pulchérie vorlas (geschrieben 1671/72), Molière (1622–1673), der Lesungen aus Les Femmes Savantes (geschrieben 1672) hielt, Mme Scarron (1635–1719), Mme de Lafayette (1634–1693) und Gourville (1625–1703).