mini|Walter Zanini 1995 Walter Zanini (geboren am 21. Mai 1925 in São Paulo, gestorben am 29. Januar 2013 ebenda) war ein brasilianischer Kunsthistoriker, Kunstkritiker und Hochschullehrer. Seine Studien zur brasilianischen ModerneZusammengefasst in: und die von ihm 1983 edierte História Geral da Arte no Brasil sind Referenzwerke für die Erschließung der brasilianischen Kunstgeschichte. Als Kurator wegweisender Ausstellungen lenkte er den Blick auf die Kunstproduktion des Subkontinents von der präkolumbianischen Epoche bis in die Gegenwart.

Familie und Ausbildung Als Neffe des italienisch-stämmigen Malers und Designers Mario Zanini kam Zanini schon früh mit der Avantgarde in der Metropole São Paulo in Kontakt. Einer deren Kristallisationspunkte war die Mitte der 1930er Jahre gegründete Künstlervereinigung Grupo Santa Helena, die sich gegen den akademischen Kunstbetrieb und für eine proletarisch geprägte internationale Kunst engagierte. 1956 bis 1961 studierte Zanini Kunstgeschichte an der Universität Paris (Sorbonne), u. a. bei Élie Lambert und bei dem Renaissance-Forscher André Chastel;Zu seiner Studienzeit in Europa und seine Rückkehr nach Brasilien das aufschlussreiche Interview von 2009: seine Doktorarbeit behandelte die Ferrareser Malerei des 15. Jahrhunderts Die Dissertation wurde als Aufsatz publiziert: Walter Zanini: Avvicinamenti e distacchi tra Ferrara e Venezia nella seconda metà del Quattrocento. In: Cultura Figurativa Ferrarese tra XV e XVI secolo in memoria di Giacomo Bargelessi. Corbo e Fiore, Venedig 1981, S. 75–87.. Weitere Studien führten ihn nach Rom und ans renommierte Londoner Courtauld-Institute. Trotz dieser „klassischen“ Ausbildung faszinierte ihn vor allem die aktuelle brasilianische Kunstszene; er veröffentlichte bereits während seiner Studienzeit vielbeachtete Beiträge zu deren Entwicklung.

Karriere und Wirken 1961 kehrte Zanini nach Brasilien zurück und übernahm eine Dozentur am Institut für Ciências e Letras der Philosophischen Fakultät der Universität von São Paulo (USP). 1963 wurde er ebenda Direktor des Museu de Arte Contemporânea (MAC), das der USP angegliedert ist. In seiner 15-jährigen Amtszeit gelang es ihm – den Repressionen der Militärdiktatur (1964–1985) zum Trotz – das MAC als Leitinstitution der Kulturgeschichte Brasiliens und der brasilianischen Moderne zu etablieren. Zu dieser Zeit noch avantgardistische Kunstformen wie Fotografie, Film und Video, Konzeptkunst, Performance und Happening erweiterten das Repertoire des Museums und führten zu einer Neudefinition des Kunstbegriffes im Brasilien der 1960er und 1970er Jahre. Ausstellungen und Publikationen u. a. zu Tarsila do Amaral (1969), Vicente do Rego Monteiro (1971) und Anita Malfatti (1977) wurden weltweit beachtet und lenkten den Blick auf die klassische Moderne des Landes. Der Ausstellungszyklus JAC (Jovem Arte Contemporânea) präsentierte regelmäßig die Vielfalt brasilianischer Avantgardekunst.

Ab Mitte der 1970er Jahre lehrte Zanini im Departamento de Artes Plásticas der Escola de Comunicações e Artes (ECA), die er 1985 bis 1989 leitete. In seiner Amtszeit erfolgte die Einführung des Promotionsstudiengangs (pós-graduação) Kunstgeschichte, eine Maßnahme, die vorbildlich für viele brasilianische Universitäten wurde.

1981 und 1983 kuratierte Zanini die 16. bzw. 17. Biennale von São Paulo (Bienal Internacional de Arte de São Paulo) und betrat auch hier Neuland, indem er die „Analogien der [künstlerischen] Sprache“ (analogias de linguagem) in den Mittelpunkt seines Konzepts stellte. mini|História Geral da Arte no Brasil 1983 erschien die zweibändige História Geral da Arte no Brasil, bis heute ein Standardwerk zur Kunst Brasiliens zwischen Prähistorie und Gegenwart. Zanini und seine Co-Autoren, darunter der Archäologe Ulpiano Bezerra de Meneses und der Anthropologe Darcy Ribeiro, zeichnen darin ein vielschichtiges Bild brasilianischer Kultur: Band 1 stellt die indigenen Zeugnisse gleichberechtigt der kolonialen Kunstproduktion und den Historismen des 19. Jahrhunderts zur Seite. Band 2 ist den Tendenzen des 20. Jahrhunderts einschließlich der afro-brasilianischen Kunst gewidmet, wobei Industriedesign, visuelle Kommunikation und Kunsterziehung breiten Raum einnehmen.

Walter Zanini blieb seinen innovativen, weitsichtigen Ansätzen treu: Ab den 1990er Jahren beschäftigte er sich mit Kunst und Technologie bis hin zur Kunstkommunikation im Cyberspace. Die Veröffentlichung seines letzten großen Buches über Kunst und Technologie erlebte er jedoch nicht mehr, A arte no século XX: vanguardas, desmaterialização e progressões tecnológicas erschien 2018 posthum.

1996–1998 leitete Zanini das Comité Brasileiro de História da Arte (CBHA), das dem Comité International d'Histoire de l'art (CIHA) angegliedert ist. Er unterhielt enge Kontakte zur deutschen kunstwissenschaftlichen Forschung, zum einen durch die Bekanntschaft mit dem in Brasilien geborenen Kunsthistoriker Martin Warnke, zum anderen durch sein Engagement in der 1989 gegründeten Carl Justi-Vereinigung e.V., durch das ein reger Austausch zwischen Brasilien und Deutschland zustande kam.So verschiedene Tagungen zu deutsch-lateinamerikanischen Themen, ferner wechselseitige Gastdozenturen, siehe

Auszeichnungen mini|Ausstellung Tributo a Walter Zanini Das Wirken von Walter Zanini wurde mit zwei Ausstellungen im MAC gewürdigt, so 2010 mit der Schau Um dia terá que ter terminado – 1969-74, welche künstlerische Arbeiten aus der Zeit der Militärdiktatur präsentierte. Der Titel bezog sich auf einen Brief des Malers und Historikers Sérgio Ferro an Zanini. Die zweite mit dem Titel Por um museu público, tributo a Walter Zanini ehrte sein Wirken für das Museum für zeitgenössische Kunst. Zaninis Nachlass, vor allem seine aufschlussreiche Bibliothek, wurde in die Biblioteca Lourival Gomes Machado innerhalb des MAC integriert.

Publikationen (Auswahl)

Tendências da escultura moderna. Cultrix São Paulo. 1971 História Geral da Arte no Brasil. 2 Bde. Nobel, EDUSP São Paulo. 1983 A arte no Brasil nas décadas de 1930-40: O Grupo Santa Helena. EDUSP São Paulo. 1991 Duas décadas difíceis. In: Nelson Aguilar: Bienal Brasil Século XX. Fundação Bienal de São Paulo. 1994 Vicente do Rego Monteiro. Artista e Poeta. Marigo Editora, São Paulo. 1997 Videoarte: uma poética aberta. In: Crítica de arte no Brasil: temáticas contemporâneas. 2006 A arte de comunicação telemática: a interatividade no ciberespaço. In: ARS 2003(1),11–34 Vanguardas, desmaterialização, tecnologias na arte (Hrsg. von Eduardo de Jesus) Editora WMF Martins Fontes São Paulo. 2018

Einzelnachweise

Kategorie:Kunsthistoriker Kategorie:Kunstkritiker Kategorie:Hochschullehrer (Universidade de São Paulo) Kategorie:Brasilianer Kategorie:Geboren 1925 Kategorie:Gestorben 2013 Kategorie:Mann