Der Krapfen auf dem Sims ist eine erstmals 2001 beim ehemaligen Alexander Fest Verlag erschienene Textsammlung von Max Goldt. Kurzbeschreibung Der Krapfen auf dem Sims vereinigt 22 Kolumnen, „humorige Glossen“, Betrachtungen, Essays und weitere erzählende Prosa zu unterschiedlichen Themen. Den Titel wählt Goldt nicht aus inhaltlichen Gründen, sondern um den Verleser Der Karpfen auf dem Sims zu provozieren.Michael Maar: Die Schlange im Wolfspelz. Das Geheimnis großer Literatur. Rowohlt Verlag, Hamburg 2020, ISBN 978-3-498-00140-7, S. 25.

Inhalte der einzelnen Texte Mein Nachbar und der Zynismus Ausgehend von einem zum Zynismus neigenden Nachbarn, der „markante Wortkombinationen“ mit dem Ausruf „Super Gruppenname!“ kommentiert,Max Goldt: Der Krapfen auf dem Sims. Betrachtungen, Essays u. a. (= Rororo, 23349). Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, Reinbek bei Hamburg 2003. ISBN 3-499-23349-5. S. 7. widmet sich dieser Text dem eher positiv betrachteten Sarkasmus und dem durch die Phänomene eines „Jungmänner-Massenzynismus“ und einer „Zynismusindustrie“Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 13. negativer zu bewertenden Zynismus. Waffen für El Salvador Der Ich-Erzähler beklagt den Verlust eines Notizbuches, in dem er eine Erzählung konzipiert hatte. „Es ging grob erinnert darum, daß John Lennon vier Wochen vor seinem Tod von einem japanischen Fernsehteam zufällig dabei gefilmt wurde, wie er 15 Millionen Dollar von seinem Postsparbuch abhob. Er wollte damit Waffen für El Salvador kaufen“,Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 16. und der Film macht in der Fantasie des Ich-Erzählers eine Irrfahrt vom Tennō-Keller über die UNESCO, den Senat von Berlin, das Liverpooler Beatles-Museum bis hin zu Yoko Ono, die dann das Paket vielleicht im gleichen Postamt liegen ließ, in dem ihr verstorbener Mann die 15 Millionen Dollar abgehoben hatte. „Die ganze Geschichte war glamourös und windungsreich, doch sie wird für immer verschwunden sein.“Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 22. Alter und Aussehen egal Ein Besuch in einem langweiligen Nürnberger Spielzeugmuseum veranlasst den Ich-Erzähler, über den Sinn und Unsinn von Spielzeug nachzusinnen und dass kindliche Fantasie auch Müll zum Spielzeug kreieren könne. „Mit Müll und Ratten zu spielen ist […] allemal interessanter, als auf einem Gameboy herumzudrücken.“Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 25. Darüber hinaus wird unter anderem in einem scherzhaften Dialog postuliert, Kinderspielplätze seien „eh nur dafür da, daß die Mütter Zigaretten rauchen und miteinander tratschen können, während ihre Kinder in Sichtweite apathisch in dem schmutzigen Sand hocken. Kinderspielplätze durch Biergärten ersetzen und für die Kinder den Straßensperrmüll wieder einführen!“Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 29. Schulen nicht unbedingt ans Netz Beginnend mit einer Analogie zum Sprachlabor-Hype in den 1970er Jahren betrachtet der Ich-Erzähler den Hype mancher Zeitgenossen, Schulen großflächig zu digitalisieren, um die Schüler international nicht ins Hintertreffen gelangen zu lassen. „In Wahrheit ist das Internet ein zwar großes, aber schlichtes Reich“,Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 33. findet der Ich-Erzähler und bekräftigt die Auffassung, „Schule sei dazu da, Jugendliche zur Beschäftigung mit Dingen anzuhalten, denen sie sich zu Hause aus freien Stücken nicht zuwenden würden. Sie sei der Ort, wo man ihnen mit möglichst charmanter Autorität und ohne Schnarrstimme Wissen und Grundwerte unterjubelte. Sie sei eine gutherzige Zwingburg voll trotz manch kleiner Quälerei noch immer leuchtender Augen. Man muß die Kinder triezen und anstacheln, damit sie selbständig denken“.Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 35. Ich lasse meine Ohren nicht von einem Kunstdirektor abfackeln Der Ich-Erzähler unterstützt in diesem Plädoyer für das „Rechts stehen, links gehen“ auf Rolltreppen die Richtigkeit dieser Maxime durch eine sprachliche Herleitung: „Rolltreppen sind in erster Linie Treppen, […] der Wortbestandteil ‚Treppe‘ dominiert klar über das ‚Roll‘, das sieht man daran, daß die Rolltreppe im Falle einer durch technische Mängel bedingten Rollunfähigkeit weiterhin als Treppe benutzt werden kann.“Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 41–42. Ausgehend von Sicherheits-Piktogrammen an Rolltreppen kommt der Ich-Erzähler zu Raubvogel-Silhouettenaufklebern an Glasscheiben sowie zu einer „utopischen Groteske“,Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 44. in der er mit den englischsprachigen Homonymen für Türkei und Truthuhn spielt (turkey), sich anschließend türkischen Friseuren widmet sowie Friseur-Anredefloskeln im Speziellen und sonstigen Anredefloskeln im Allgemeinen. Doppelmayr halbiert die Mulmigkeit Bei diesem Text handelt es sich um eine Reisebericht aus dem „superöden“Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 57. Peking, das „eine Woche Staub, Rotz und Grau“Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 52. für die Reisegruppe des Ich-Erzählers bedeutet. Mit dem Nachtzug geht es dann von Peking nach Harbin, einer „Stadt von hengstartiger Ungebärdigkeit, wild und seltsam […]. Läge diese Stadt in Finnland und nicht in der Mandschurai, wäre sie ein beliebtes Wochenendziel wie Prag oder Budapest.“Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 56–57. Bartschattenneid Dieser Text widmet sich den zwei Bedeutungen des Wortes Bartschatten: zum einem dem „Waschbecken-Bartschatten“,Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 59. der nach einer Rasur und unvollkommener anschließender Waschbecken-Reinigung entstehe, zum anderen dem Wort Bartschatten im gebräuchlicheren Sinne, nämlich dem „Mohnbrötcheneffekt“Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 62. bei insbesondere dunkelhaarigen Menschen, die zu stärkerem Bartwuchs neigen. Unter anderem stellt der Text auch die Frage, inwiefern es identitätsstiftend wäre, „ob man sich besser vor dem Duschen rasiert oder hinterher“ oder „ob man der Naß- oder der Trockenrasur den Vorzug gibt.“Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 60. Der Ort der Eitelkeit Der Ich-Erzähler kritisiert in diesem kurzen Text, dass „Diplome, Ehrungen, hochwertige Teilnahmebescheinigungen“ oder, bei Beruf Popstar, die „goldenen Schallplatten“ von manchen Zeitgenossen zur Selbstinszenierung übers Klo gehängt werden, dessen Räumlichkeit somit zu einem „Tempel der Selbstironie“ aufsteigen soll.Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 64. Niedere Botschaften Dieser Text widmet sich diverser Kommunikationsmittel, wie beispielsweise dem Telefon, das „der größte Zeitverschlinger der westlichen Welt“Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 74. sei und bei dessen Nutzung ein bösartiger „Netzweichenwurm“Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 67. gelegentlich zu einem falschen Gesprächspartner führe, oder der E-Mail, mit der man bitte keine Beileidsbekundungen verschicken möge: „Trauer braucht Dauer, Beileid braucht Tinte.“Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 69. Der Ich-Erzähler meint, je „moderner das Kommunikationsmittel, desto weniger geprüft gehen die Mitteilungen heraus“,Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 70. und lobt die dem Kommunikationsmittel Brief innewohnenden Vorteil: „Einmal am Tag kommen die Botschaften, und man kann selbst den Zeitpunkt auswählen, wann man sich ihnen zuwendet. Faxe und Anrufe dagegen brechen zu fremdbestimmten Zeiten mit Geräuschen in die zarte Melodie des Tages ein. Sie zerfetzen den Fluß der Gedanken mit andernorts aus Gedankenlosigkeit in Eile versetzten Unwichtigkeiten.“Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 73. Die MTV-Generation entschuldigt sich bei der VIVA-Generation Ausgehend von einem Traum und einem zufällig dazu passenden realen Weckungs-Grund widmet sich dieser Text zunächst der Unwahrscheinlichkeit, dass „ein träumendes Ich tatsächliche Geschehnisse auslösen“Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 76. kann, dann einer weiteren Unwahrscheinlichkeit, nämlich einer unwahrscheinlichen Art, sich eine Bänderdehnung zuzuziehen, die einen ans Haus fesselt und einen dazu bringt, sich mit bizarren Fernseh-Programmen abzugeben sowie anderen Dingen, „um zu illustrieren, womit sich Menschen gedanklich beschäftigen können, die bei brütender Hitze die Wohnung nicht verlassen können“.Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 82. Ich will nicht in Chicago schreiben, ich will in New York schreiben „Um dem weitverbreiteten Mangel an Bereitschaft entgegenzutreten, das eigene Leben als einzigartiges Erlebnis aufzufassen, gibt es kostengünstige Alternativen zur Flucht in Rafting und Felsenkletterei: Man kann sich z. B. allabendlich hinsetzen und überlegen: Was habe ich heute zum ersten Mal gemacht?“Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 84. Der Ich-Erzähler schlägt hierbei beispielsweise eine „Schlaftournee“ des eigenen Bettes durch Wohnungsräumlichkeiten außerhalb des Schlafzimmers vorGoldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 85. und beschäftigt sich unter anderem mit der Schwierigkeit, in seinem Textverarbeitungsprogramm eine andere Schriftart als Voreinstellung festzulegen, zum Beispiel New York statt Chicago. Fotos im Portemonnaie In diesem kurzen Text geht es um Fotos in Geldbörsen und deren Interpretationsmöglichkeiten durch Außenstehende, beispielsweise das Foto von Kindern in Geldbeuteln von Erwachsenen, „um dem in der Kassenschlange hinter ihnen stehenden Kunden die Möglichkeit zu nehmen, sie der Gefräßigkeit zu verdächtigen“,Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 92. weil gar viele Lebensmittel auf dem Laufband lagern, oder ein Foto von Harald Juhnke, um ähnliches für ein Übermaß an Laufband-Alkoholika zu erreichen. „Was Deutschland benötigt, ist ein neuer berühmter Alkoholiker.“Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 93. Der Mann, der sich wie die Kühe fühlt, und die Frau, die nicht weiß, wann sie Middach kochen soll Ausgehend von städtischen Besonderheiten, die „sich dem möglichen Übernachtungstouristen anempfehlen“,Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 94. fordert der Ich-Erzähler seine Mitmenschen auf, sich auch „ihrer Besonderheiten bewußt zu werden und sie in den Dienst der Daseinsverbesserung zu stellen.“Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 96. Er selbst weise als eine von drei erwähnenswerten daseinsverbessernden Besonderheiten auf, dass er als Mann das nur für männliche Teenager angemessene laute Rülpsen unterlasse. Andere Zeitgenossen, die eine die Zahngesundheit begünstigende Mundflora ihr Eigen nennen, sollten diese durch „fünf Minuten täglich französisch küssen“ übertragen und somit der Menschheit was Gutes tun.Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 99. Ich zog ein elektronisches Goldfischglas hinter mir her, in dem ein Wetter herrschte wie auf der Venus Der Ich-Erzähler erzählt von einer Zählung seiner heimischen Elektrogeräte und von der Freude, die ihm seine Geschirrspülmaschine bereiten oder sein Backofen. „Die meisten backen nie und halten das daher für eine geheimnisvolle Kunst.“Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 104. Ein Hauptaugenmerk richtet sich aber auf einen neuen staubsaugerlosen Dyson-Staubsauger und dessen Tücken, die zur Frage bewegen, „was das denn für Irre seien, die einen Staubsauger ohne den seit Jahrzehnten bestens bewährten Staubsaugerbeutel lancieren oder gar kaufen“.Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 109. Der heile Krug Der Ich-Erzähler beschäftigt sich mit dem Phänomen, dass seiner Ansicht nach nichts mehr vollständig aus der Mode komme, sondern stattdessen „der Riesenhaufen dessen, was menschliches Nichtrastenkönnen zuwege bringt, immer größer wird und nichts mehr verschwindet“.Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 113. Zu dem Nichtverschwindenden gehörten auch die Bestandteile der inflationär aufgeblähten Kinder-Produktlinie von Ferrero, die mit dazu beitrage, dass – weil andere Produkte ja nicht verschwänden – in Supermärkten die Laufwege für die Kundschaft immer beengter würden. „Irgendwann sind die Läden so vollgestopft, daß nicht ein einziger Kunde mehr hineinpaßt.“Goldt, Der Krapfen auf dem Sims, S. 115. Pünktlichkeit plus