mini|Die pedalgetriebene Wasserpumpe – eine angepasste Technologie? Eine angepasste Technologie oder angemessene Technologie (engl. appropriate technology) soll individuelle (dezentrale) technische Problemlösungen in kleinem Maßstab ermöglichen, die energieeffizient, nachhaltig und auch in armen und abgelegenen Gegenden erschwinglich und reproduzierbar sind und dort ein autonomes Wirtschaften ermöglichen. Das Prinzip geht auf die Ideen des Ökonomen Ernst Friedrich Schumacher zurück, der ebenso wie spätere Befürworter Wert auf eine menschenbezogene Technik legte.

Die Begriffe werden überwiegend im Zusammenhang der Entwicklungszusammenarbeit verwendet. Durch Technologietransfer soll eine technologische Weiterentwicklung im gegebenen sozioökonomischen und kulturellen Kontext ermöglicht werden, ohne heimische subsistente Wirtschaftsstrukturen oder ökologische Lebensgrundlagen zu zerstören.

Im Wesentlichen kann angepasste Technologie also folgende begriffslogische Bedeutungsdimensionen haben: Eine Technologie ist der Aufgabenstellung funktional angepasst. Eine Technologie ist der Umgebung im Einsatz angepasst.

mini|Der Universal nut sheller des Full Belly Project Ltd., hier in Uganda, lässt sich für 10 € aus Beton und einigen Eisenteilen herstellen.

Bedeutung im engeren Sinn Die obige allgemeinsprachliche Bedeutung erfährt als ein Konzept in der Theorie der „Entwicklungsökonomik“ – dies ist die Wirtschaftstheorie der Entwicklungsländer – eine genauere Eingrenzung und Konkretisierung. Hier bezeichnet angepasste Technologie im Unterschied zu einer kapitalintensiven und arbeitssparenden Import-(Hoch-)Technologie eine den technologischen Bedürfnissen und Fähigkeiten der Entwicklungsländer „angepasste Technologie“, die vor allem die Kernprobleme von Kapitalmangel, Arbeitslosigkeit und geringem technisch-wissenschaftlichem Know-how berücksichtigt. Wird die Produktion auf die Versorgung der einheimischen Bevölkerung mit einfachen Gebrauchsgütern umgestellt, so kann arbeitsintensiver produziert, die Marginalität verringert, Kaufkraft gebildet und Technik- und Technologiewissen erarbeit und erlernt werden. Das Konzept der angepassten Technologie orientiert sich am reichlich vorhandenen und ungenutzten Produktionsfaktor Arbeit. Da die meisten Nationalökonomien der Entwicklungsländer nicht vor Einflüssen der Weltwirtschaft abgeschottet sind, lässt sich das Konzept der angepassten Technologie nicht grenzenlos und nach Belieben umsetzen. Vielmehr müssen Marktgegebenheiten gründlich in Projektplanungen mit einbezogen sein (vgl. nachfolgende Kapitel).

Entsprechend dieser enger gefassten Bedeutung wird das Konzept der angepassten Technologie in der Entwicklungszusammenarbeit angewendet. In akademischen und universitären Kreisen ist zumeist die enger gefasste Bedeutungsvariante die Maßgebende, wenn von „angepasster Technologie“ die Rede ist.

In der Vergangenheit haben angepasste Technologien in Entwicklungshilfeprojekten eine gewisse Bedeutung erlangt. Derartige Projekte werden zumeist von Nichtregierungsorganisationen, Graswurzelbewegungen oder religiösen oder weltanschaulichen Aktionsgruppen getragen. Bei den Entwicklungshilfeprojekten sind nicht selten auch staatliche oder private Institutionen der jeweiligen Entwicklungsländer am Projektgeschehen beteiligt. Regierungen aus den Industriestaaten sind teilweise ebenfalls involviert; infolge des Erzwingens der Liberalisierung der Märkte in den Entwicklungsländern sowie aufgrund von deren eigener starker industrieökonomischer Ausrichtung messen jedoch die politischen Institutionen der Industriestaaten dem Einsatz von angepassten Technologien nur geringe Erfolgschancen bei.

Der Einsatzbereich der angepassten Technologie beschränkt sich auf Umgebungen, die die personellen und technischen Ressourcen besitzen, die Technologie erfolgreich einzusetzen. Andernfalls erreichen die Investitionen nicht ihre angestrebte Amortisationsdauer. Besonders für Entwicklungshilfeprojekte ist dieses Kriterium wichtig (vgl. nachfolgende Kapitel).

Entwicklungsverantwortung, Technologieanpassung und -kontrolle Eine allgemeine Schwierigkeit liegt darin, dass im Zuge der Durchsetzung des neoliberalen Kapitalismus ökonomische Verteilungsprobleme verschärft werden und Gewinne an Ressourcen infolgedessen eine einseitige Verteilung erfahren. Ingenieuren auf allen Gebieten sollte das Bewusstsein gegeben sein, was die Entwicklung von Technologie bewirkt, mit welchen Folgen zu rechnen ist und dass grundsätzlich eine große Verantwortung darin liegt, Entwicklungsprozesse anzustoßen und zu lenken oder zu beeinflussen. Betrachtet man die ökonomischen Rahmenbedingungen der Weltwirtschaft, so kann nicht außer Acht gelassen werden, dass gerade ein sich verschärfender ökonomischer Druck Ingenieure, Naturwissenschaftler, Techniker und Manager dazu verleiten kann, Technologieentwicklungen einzig und allein am Profit zu orientieren und Nachhaltigkeitsbelange beiseitezuschieben.

Ingenieure müssen klären, für wen, das heißt für welche Zielgruppe eine zu entwickelnde Technologie bestimmt ist, welchen Nutzen sie mit sich bringt, welche Bedeutung ihr zukommt und wie sie angepasst an einen konkreten Verwendungszweck und an eine konkrete Umwelt eingesetzt werden kann. Dies ist Gegenstand des Technologiemanagements.

So gibt es angepasste Technologien, die extra auf den Einsatz in Entwicklungsländern zugeschnitten werden, bei denen man darauf achtet, dass eine nachhaltige EntwicklungH. Kane: Die Umstellung auf nachhaltige Industrien. In: Worldwatch Institute, Washington (Hrsg.): Zur Lage der Welt – 1996: Daten für das Überleben unseres Planeten. S. Fischer, Frankfurt a. M. 1996, S. 226–252. mit ihrer Anwendung einhergeht. Eine Adaption für den Einsatz in einer besonderen Umgebung muss dafür eigens erarbeitet werden.

Dass im Kontext von weltanschaulicher Erziehung und gesellschaftlichem Handeln bestimmten Technologien auch Grenzen gesetzt werden müssen, wird klar, wenn man weiß, dass gewisse Technologieprodukte solch zerstörerische Kräfte entfalten können, dass sie den Fortbestand der Menschheit gefährden, sei es dadurch, dass diese Kräfte binnen Kurzem entfesselt werden, oder etwa dadurch, dass die Wirkungen erst im Laufe von Jahrzehnten voll entfaltet werden. Das Gesagte gilt für Nuklearwaffen gleichermaßen wie für die aus anthropogenen technischen Prozessen stammenden emittierten Treibhausgase beim Klimawandel. Das Setzen von Grenzen geschieht in erster Linie durch politisch-technische Kontrolle, doch die Verantwortung dafür kann nicht allein den Politikern überlassen werden. Ingenieure, Naturwissenschaftler, Techniker und Manager, die am Puls technischer Entwicklungen dichter dran liegen, müssen mitdenken und mitwirken.

Zweifellos können weder sanfte HochtechnologienFrieder Meyer-Kramer: Nachhaltigkeit und Innovation. In: Armin Grunwald (Hrsg.): Technikgestaltung für eine nachhaltige Entwicklung: Von der Konzeption zur Umsetzung. Edition Sigma, Berlin 2002, S. 81–92 in den Industriestaaten noch angepasste Technologien in den Entwicklungsländern und in unterentwickelten Regionen die durch Marktzwänge begünstigten Fehlentwicklungen beim Umgang mit Technik, welche in konventioneller (kapitalistischer) Wirtschaftsweise produziert und zum Einsatz gebracht worden ist, begrenzen, jedoch wird mit der Konzeption jener Technologien der schleppenden UmsteuerungReinhard Coenen: Umlenken auf nachhaltige Technologiepfade. In: Armin Grunwald (Hrsg.): Technikgestaltung für eine nachhaltige Entwicklung: Von der Konzeption zur Umsetzung. Edition Sigma, Berlin 2002, S. 389–405 und Umorientierung der jüngeren Vergangenheit zumindest eine Alternative entgegengehalten. Aufgrund ihres nachhaltigen Charakters (im Sinne einer längere Zeit anhaltenden Wirkung) rücken sanfte Hochtechnologien und angepasste Technologien die Belange des Menschen wieder stärker in den Fokus der Entwicklungsanforderungen. Allerdings müssen sie in einem ökonomisch rauen Umfeld eine dafür notwendige Wirkung entfalten können.

Einsatz in Entwicklungsländern oder in unterentwickelten Regionen Erarbeitete Konzepte Die „angemessene Technologie“ (engl. appropriate technology) ist eine weiterentwickelte Form der sogenannten „Zwischentechnologie“ (engl. intermediate technology), ein Konzept, das der Wirtschaftswissenschaftler E. F. Schumacher in den 1960er Jahren für die Ökonomien der Entwicklungsländer erstmals entwarf und später, 1973, in einem Buch mit dem Titel „Small is beautiful“ (dt. Übers. u. d. T.: „Die Rückkehr zum menschlichen Maß“) verarbeitete. Schumacher kritisierte, dass in den bis zu dieser Zeit durchgeführten Entwicklungshilfeprojekten die großen Probleme der Entwicklungsländer wie Armut, Unterbeschäftigung und Landflucht nicht gelöst worden seien und diesen überdies mit kapitalintensiven Technologien Devisenentzug und große Umweltprobleme aufgebürdet worden seien. Schumacher forderte daher eine „intermediate technology“, zu deutsch, eine Zwischentechnologie, die der traditionellen Technologie weit überlegen, zugleich aber einfacher, billiger und freier als die Hochtechnologie der Industriestaaten sein sollte. Schumacher verlangte, die neue Zwischentechnologie solle arbeitsintensiv sein und humane Züge tragen; sie solle zwischen Harke und Traktor, zwischen Buschmesser und Mähdrescher liegen. Er bezeichnete die Produkte der neuen Zwischentechnologie als Kleintechnik (Motto: Small is beautiful). Mit seinen Forderungen löste er eine Debatte über passende Technologiekonzepte für Entwicklungsländer aus.

Die Kerninhalte seines Konzepts sind in vier Technologiemerkmalen zusammengefasst worden:

geringe Größe (smallness) Einfachheit (simplicity) niedrige Kapitalkosten (capital-cheapness) Sanftheit (non-violence).

Die angestoßene Debatte führte zu einer Vielzahl an Veröffentlichungen, die diese Thematik behandelt haben. Institutionen und Fachleute begannen, sich mit Schumachers Überlegungen zu befassen. Die Politiker der Entwicklungsländer weigerten sich zunächst, das Konzept der „intermediate technology“ anzunehmen, den Einwand vorbringend, dass sie sich da mit einer zweitrangigen Technologie abfinden sollten. Unter Vermittlung der Vereinten Nationen einigte man sich schließlich Anfang der 1970er Jahre auf den Begriff „appropriate technology“ (angepasste Technologie), den dann auch Schumacher selbst schließlich übernahm. In der Fachwelt entstanden unzählige Definitionen und Kriterienkataloge: Das ursprüngliche Konzept von Schumacher wurde modifiziert.

Mitarbeiter des „Brace Research Institute“, das an die McGill-Universität in Québec/Kanada angeschlossen ist, haben in einem Handbuch unter dem Titel „A handbook of appropriate technology“A handbook of appropriate technology. / Canadian Hunger Foundation (Körperschaft). Second edition. Canadian Hunger Foundation, Ottawa 1979 [getr. Seitenzählung] [ohne ISBN] (englisch) einen ausführlichen Kriterienkatalog für angepasste Technologie ausgearbeitet:Erhard Louven: Technologietransfer und angepaßte Technologien. Diss. Ruhr-Univ. Bochum 1980, S. 67.

Angepasste Technologie soll im Einklang mit örtlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Bedingungen stehen, d. h. mit den menschlichen, materiellen und kulturellen Ressourcen der Gemeinschaft. Die Maschinen und Produktionsprozesse sollen von der Bevölkerung instand gehalten bzw. kontrolliert werden. Angepasste Technologie soll, wo immer möglich, örtlich verfügbare Ressourcen verwenden. Falls importierte Ressourcen und Technologien verwendet werden, soll die Gemeinschaft eine gewisse Kontrolle darüber haben. Angepasste Technologie soll, wo immer möglich, örtlich verfügbare Energiequellen benutzen. Sie soll umweltfreundlich sein. Sie soll kulturelle Zerrüttungen minimieren. Sie soll flexibel sein, damit die Gemeinschaft sich nicht selbst in Systeme hineinbegibt, die sich später als ineffektiv und unpassend herausstellen.