Rethen ist eine ehemalige Gemeinde im Landkreis Gifhorn, Niedersachsen. Der Ort wurde wahrscheinlich während der Sachsenkriege Karls des Großen gegründet. Im Mittelalter war Rethen Grenzort zwischen den Bistümern Hildesheim und Halberstadt. 1974 wurden Rethen und Eickhorst in die Gemeinde Vordorf eingemeindet, die zur Samtgemeinde Papenteich gehört. Heute hat der Ort etwa 1200 Einwohner.
Geographie Geographische Lage Rethen befindet sich wenige Kilometer nördlich der Stadt Braunschweig und unweit der Großstädte Salzgitter und Wolfsburg. Der Ort liegt südlich der Lüneburger Heide und drei Kilometer nordwestlich von Vordorf, dem Sitz der Gemeinde. Rethen liegt direkt an der niedersächsischen L 321. Nächstgrößere Verkehrswege sind die B 4 (4 km östlich), die B 214 (6 km westlich) sowie die A 2 (6 km südlich). Nächstgelegene Mittelzentren sind Gifhorn, Peine und Wolfenbüttel.
Geologie Die Ortschaft liegt zentral auf der sandig-lehmigen Hochfläche des Papenteichs circa 75–82 m über NN. Die Landschaft um Rethen unterliegt überwiegend intensiv-ackerbaulicher Nutzung und wird durch einzelne kleinere Waldflächen unterbrochen. Verbreitet sind Gleyböden sowie Pseudogley-Böden. Die verschiedenen Böden der Gemarkung haben mittlere bis gute Qualität. Flache Böden über Kalkmergel sind hierbei besser bewertete,ZGB: Landesplanerische Raumplanung zur Verlegung der B4 im Raum zwischen Braunschweig und Gifhorn (PDF; 1,9 MB). im Ort auch „unser Klei“ genannt. Sande und Lehme sind eiszeitliche-nacheiszeitliche Ablagerungen. Vereinzelte oberflächennahe Findlinge, kleine Felsbrocken und Feuersteine sind Geschiebeablagerungen der Elster- und Saaleeiszeit.
Eine Besonderheit sind die im Gebiet Rethen sowie in Meine und Vordorf oberflächennah anstehenden Kalkmergelschichten der sogenannten Rethener-Meiner Oberkreidemulde, entstanden in einem Flachmeer vor etwa 80 Millionen Jahren. Im Kalkmergel befinden sich Versteinerungen beziehungsweise Fossilien aus dieser Kreidezeitphase wie beispielsweise Schwämme, Seeigel, Belemniten und Muscheln. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war eine gewerblich genutzte Kalkgrube südöstlich von Rethen eine ergiebige Fundstelle. Die Grube ist heute nicht mehr aufgeschlossen, jedoch werden auch heute noch vereinzelte Funde im Rahmen von Bodenaushüben wie etwa bei Baugruben gemacht.Papenteich – Gifhorns Fenster in die Zeit der Saurier
Gewässer mini|Die Vollbütteler Riede nördlich von Rethen
Rethen war früher bekannt für seine sehr ergiebigen Wasserquellen, die gleichermaßen von Rethenern und den Bewohnern der Nachbarorte genutzt wurden. Seit Jahrzehnten steht eine Quelle nahe dem Dorfteich öffentlich zur Verfügung und wird heute noch regelmäßig von den Landwirten genutzt. In der Rethener Gemarkung finden sich zudem noch zwei Bäche mit historischer Bedeutung: Vollbütteler Riede (auch: Mühlenriede, Mönchsgraben) Von der Gründung des Bistums Hildesheim 815 bis zur Neuumschreibung der katholischen Diözesen in Deutschland nach dem Wiener Kongress markierte die Vollbütteler Riede einen Teil der Ostgrenze der Hildesheimer Diözese zum Bistum HalberstadtAuf dieser Karte von 1837, die die Verhältnisse um 1000 darstellt, als Druchtterbiki (= Druffelbeck) bezeichnet. Zu dieser Zeit trug der Bach den Namen Druchterbiki, aus dem später auch die Bezeichnung Druffel-Bach hervorging. Der Bach entspringt nach alten Grenzkarten nördlich von Rethen und fließt an den Orten Algesbüttel, Klein Vollbüttel, Druffelbeck und Ribbesbüttel vorbei in den Bach Hehlenriede und schließlich in den Allerkanal. Rötgesbütteler Riede (auch: Dingbanksriede) Der Name des kleinen Baches stammt von den alten Dingbänken bei Rötgesbüttel, bevor diese im 16. Jahrhundert zum Schierenbalken verlegt wurden. Die historischen Dingbänke befinden sich etwa 3,5 Kilometer nordöstlich von Rethen auf Rötgesbütteler Gebiet.
Naturschutzgebiet Maaßel
mini|Naturschutzgebiet Maaßel
Im Norden von Rethen werden die Böden zunehmend feuchter und die überwiegend landwirtschaftlich genutzte Fläche wird immer mehr von Baumbewuchs durchbrochen. Dieser Baumbewuchs geht dann in einen Eichen-Hainbuchen Wald über. Das Waldgebiet erstreckt sich zwischen Rethen, Rötgesbüttel und Vollbüttel. Das Gebiet gehört seit 2019 zum neuen Naturschutzgebiet Maaßel.
Bevölkerung Bevölkerungsentwicklung Eine genaue Entwicklung der Einwohnerzahlen bis 1821 ist nicht dokumentiert. Die einzig vorhandenen Daten sind vereinzelte Erwähnungen über die Anzahl der Höfe in Rethen. So wurden im Jahr 1489 insgesamt drei Vollhöfe, vier Halbhöfe sowie 13 Kötter verzeichnet. Im Jahr 1773 wurden sechs Ackerleute, 14 Kötter sowie vier Brinksitzer angegeben. Eine wesentliche Vergrößerung des Dorfes setzte erst gegen Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein. Aufgrund der ungenauen Datenlage wird geschätzt, dass die Bevölkerung vom 15. bis zum 17. Jahrhundert zwischen 200 und 250 Einwohnern schwankte.
Einen signifikanten Zuwachs der Einwohnerzahlen erlebte der Ort erst in der Folge des Zweiten Weltkrieges durch den Zuzug von Flüchtlingen und Vertriebenen. Da zu dieser Zeit in Rethen nicht ausreichend Bauland vorhanden war, ließ sich nur ein Teil der Flüchtlinge dauerhaft nieder. Durch den Weiterzug der übrigen Flüchtlinge sank die Bevölkerungszahl zunächst wieder leicht.Michael Falk: Geschichtliches aus Rethen – Namen, Zahlen und Daten, Dokumente und Fotos. 2001. In den darauf folgenden Jahrzehnten erfolgte ein stetiger Anstieg der Bevölkerungszahl, begünstigt durch die Nähe zu den Industriestandorten Braunschweig und insbesondere dem Volkswagen-Stammwerk in Wolfsburg.
Den letzten starken Schub gab es in den 1990er Jahren. Durch Ausweisung neuer Baugebiete und eine Ortskernverdichtung kam es zu einer verstärkten Suburbanisierung. Rethen wandelte sich zu einer Schlafstadt. Begünstigt wurde diese Entwicklung durch die Ortslage in geringer Entfernung zu Braunschweig, Wolfsburg und dem Anschluss zur Autobahn 2. Laut Modellrechnungen wird die Einwohnerzahl von Rethen, wie die des gesamten Papenteichs, in den nächsten Jahrzehnten durch diese Faktoren weiter wachsen.Beitrag zum Forschungsvorhaben Stadt 2030 (PDF; 4,9 MB)
RethenBevölkerungsentwicklung seit 1821 Entwicklung Jahr Einwohner Jahr Einwohner Jahr Einwohner 1821 328 1933 478 2000 1222 1848 365 1939 503 2005 1223 1890 386 1950 848 2006 1214 1900 420 1961 687 2013 1137 1905 470 1970 725 2015 1125 1912 514 1980 843 2021 1138 1925 499 1990 879 Quellen: Brand, Renate: Papenteich in alten Ansichten. Eschenbach 1995, ISBN 3-89570-057-6.Papenteicher Nachrichten, Ausgabe 395 - Mai 2007, S. 5.Einwohnerstatistik Papenteich, abgerufen am 23. Oktober 2018.Kirchengemeindelexikon zu Rethen (Vordorf), abgerufen am 31. Dezember 2021.
Sprache
Rethen gehört sprachlich zum hochdeutschen Sprachraum. Während die meisten ein weitgehend dialektfreies Hochdeutsch sprechen, spricht ein kleiner Teil der Bevölkerung bis heute ein mehr oder weniger eingefärbtes Hochdeutsch mit Elementen des braunschweigischen und des Papenteicher Dialekts. Hierzu gehört das deutliche A und das weiche G am Wortende. Im 20. Jahrhundert verschwand das Plattdeutsche durch die Verwendung des Hochdeutschen als Schulsprache immer mehr. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es fast vollständig vom Hochdeutschen verdrängt.
Religion Konfession Personen Prozent evangelisch-lutherisch 740 61 % römisch-katholisch 114 9 % Konfessionslose und sonstige Rest 30 % mini|Die Rethener Kirche gehört zur Kirchengemeinde Adenbüttel-Rethen Seit der Gründung des Bistums Hildesheim 815 bis zur Neuumschreibung der katholischen Diözesen in Deutschland nach dem Wiener Kongress markierte die Vollbütteler Riede bei Rethen einen Teil der Ostgrenze der Hildesheimer Diözese zum Bistum Halberstadt.Auf dieser Karte von 1837, die die Verhältnisse um 1000 darstellt, als Druchtterbiki (= Druffelbeck) bezeichnet In der 1899 verfassten „Geschichte des Bistums Hildesheim“ gehörte Rethen mit Leiferde, Didderse, Wipshausen, Adenbüttel, Meinsersen und Groß Schwülper zum Archdiakonat Leiferde. Mit der Reformation und der Gründung der lutherischer Landeskirchen in Braunschweig-Lüneburg verlor diese Zugehörigkeit allerdings an Bedeutung.Geschichte des Bistums Hildesheim, 1899, Adolf Bertram
Das kirchliche Leben verlief ansonsten ohne große Veränderungen. Aus einem Visitationsbericht des Jahres 1854 für die Kirchengemeinde Adenbüttel-Rethen heißt es: „Die Gemeinde hat Ihren guten Ruf als erste lutherische Gemeinde des Nordens bewahrt. Öffentliche Ärgernisse, Spieler und Säufer gibt es nicht.“
Während im 19. Jahrhundert noch durchschnittlich 350 Personen den Gottesdienst besuchten, nahm dies über die Jahre (1938: 100 Personen) bis auf den heutigen Stand von durchschnittlich 70 Personen (90er-Jahre) ab. Die Anzahl der Mitglieder der evangelischen Kirchengemeinde veränderte sich ebenfalls. Zwar stieg im Zeitraum von 1970 bis 2000 die Anzahl der Kirchenmitglieder von 690 auf 740, der Anteil an der Gesamtbevölkerung sank aber gleichzeitig von 91 auf 61 %. Zurückzuführen ist dies auf den stetig wachsenden Anteil der Konfessionslosen. Ebenfalls erhöhte sich der Anteil der Mitglieder der römisch-katholischen Kirche von 5 % (1961) auf über 9 %. Diese gehören der katholischen St.-Andreas-Gemeinde in Meine an.
Geschichte Ur- und Frühgeschichte Erste Anzeichen menschlicher Besiedlung in der Rethener Gemarkung reichen über 5000 Jahre zurück. 1995 wurden in der Nähe des Ortes Überreste des Großsteingrabes von Rethen gefunden. Die zugehörige jungsteinzeitliche Siedlung wird in einem Umkreis von etwa drei Kilometern vermutet. Bereits vor 1995 wurden Gefäßreste, Feuersteinabschläge und eine Pfeilspitze sowie Steinbeile und weitere steinzeitliche Gegenstände gefunden. Es wird vermutet, dass sich im Osten von Rethen mehrere Siedlungen der jüngeren Steinzeit befanden.
Siedlungswüstungen
In der näheren Umgebung befinden sich mehrere Siedlungswüstungen, darunter Dudanroth (1000 n. Chr.), Bromhorst (1007 n. Chr.) oder Arnsbüttel. Die meisten davon befinden sich außerhalb der heutigen Gemeindegemarkung. Sämtliche Siedlungen fielen zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert wüst. Explizit nachweisbar sind:
Algesbüttel, erstmals 1022 erwähnt. Die Siedlung bestand aus sieben Höfen und einer Kirche. Die letzte Erwähnung findet sich 1480 als lüneburgisches Lehnstück. Ossenrode (Asenroth), erstmals im Jahr 1112 in Grenzkarten erwähnt. Die Siedlung umfasste vier Höfe und lag nordöstlich des heutigen Rethen. Erste archäologische Funde stammen aus dem 12. bis 14. Jahrhundert. Zinsrode (Sinesrode), um 1022 zwischen Rethen und Vordorf existent und heute wieder lokalisiert. An der Oberfläche belegen noch heute zahlreiche Steine Aufschüttungen. Zudem wurden Metallstücke und Tonscherben mit Verzierungen gefunden. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts wurde die Siedlung urkundlich nicht mehr erwähnt. Wendenbüttel (Wendenbutle), im Jahr 1007 erstmals erwähnt. Die Siedlung lag südlich des heutigen Rethen. Erste archäologische Funde stammen aus dem 10. bis 14. Jahrhundert.
Gründung von Rethen Die erste urkundliche Erwähnung Rethens stammt aus einer Urkunde, die auf den 2. April 1301 datiert ist. Zu dieser Zeit war der Ort rein landwirtschaftlich geprägt, wobei hauptsächlich Viehzucht und nur wenig Ackerbau betrieben wurden. Inhalt der Urkunde ist der Verkauf von fünf Hufe und vier Wurten in „Rethene“. Ritter Balduin von Wenden und seine Knappen Ludolf und Georg verkauften diesen Besitz an das Kloster St. Crucis in Braunschweig.Braunschweiger Urkundenbuch, Bd. 2, S. 244. Online bei archive.org
mini|hochkant=1.3|Der Templerhof in Braunschweig, Darstellung aus dem 18. Jahrhundert