Dry Leaf (georgischer Originaltitel: ხმელი ფოთოლი) ist ein deutsch-georgisches Filmdrama und experimentelles Roadmovie von Alexandre Koberidze aus dem Jahr 2025. Der Film erzählt von einem Vater, der nach dem Verschwinden seiner Tochter durch ländliche Regionen Georgiens reist und dabei von deren unsichtbarem Freund begleitet wird. Koberidze drehte den 186 Minuten langen Film mit einem alten Sony-Ericsson-Mobiltelefon. Die Weltpremiere fand am 13. August 2025 im Internationalen Wettbewerb des Locarno Film Festival statt. Deutschland kam Dry Leaf am 2. Juli 2026 in die Kinos.

Handlung Die junge Sportotografin Lisa kündigt in einem Brief ihr Verschwinden an. Ihr Vater Irakli, ein Sportdozent, macht sich daraufhin auf die Suche nach ihr. Begleitet wird er von Lisas Freund Levani, der im Film zu hören, aber nicht zu sehen ist. Lisa ist für ein Magazin namens Skhivi tätig, und ihr letztes Projekt war, Fußballplätze im ländlichen Georgien zu fotografieren. Irakli und der imaginäre Levani machen sich auf der Suche nach Lisa auf die Reise von einem Bolzplatz zum nächsten. Irakli befragt Kinder, Dorfbewohner und zufällige Zeugen, doch die Hinweise bleiben vage und widersprüchlich. Die Suche entwickelt sich zu einer mäandernden Reise durch Landschaften, Dörfer und den Menschen und Tieren Georgiens.

Produktion

Regie führte Alexandre Koberidze, der auch das Drehbuch schrieb und als Kameramann fungierte. Es handelt sich bei Dry Leaf nach Lass den Sommer nie wieder kommen und Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen? um den dritten Spielfilm des georgischen Regisseurs und Schauspielers, der an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin studierte. Mariam Shatberashvili tritt wie bei seinem letzten Film auch bei Dry Leaf als Produzentin in Erscheinung.

Ein „Dry Leaf“ (engl. für „Trockenes Blatt“) ist eine Fußballmetapher und im Deutschen etwa ein Flatterball.Markus Solty: Dry Leaf. In: film-rezensionen.de, 1. Juli 2026. Die Flugbahn des Balls wird durch Luftströmungen unberechenbar, und er wechselt plötzlich die Richtung.Patrick Seyboth: Kritik zu Dry Leaf. In: epd Film, 22. Juni 2026. Diese Schussform wurde in den späten 1950er Jahren von dem Brasilianer Didi erfunden.

Koberidze drehte mit einem alten Sony-Ericsson-Handy w595 aus dem Jahr 2008. Er filmte die von seinem Protagonisten aufgesuchten Fußballplätze einfach so, wie er sie vorgefunden hat. Bert Rebhandl erklärt zum Ergebnis in seiner Kritik in der FAZ, Koberidze habe so einen sehr originellen Impressionismus erzeugt. Die Bilder aus dieser Kamera seien von den heutigen hochauflösenden, algorithmisch optimierten Aufnahmen mit neuesten Smartphones weit entfernt: „Sie sind verwaschen, die Figuren lösen sich im Raum und in der Landschaft auf, und wenn der Wind durch einen Blätterwald fächelt, dann ist Koberidze sehr nahe an der Epihanie, die Siegfried Kracauer beim Anblick einer Brise hatte, die sich in einer Pfütze spiegelte.“ In Dry Leaf sei die Naturunmittelbarkeit nicht nur bildkompositorisch, sondern medientechnologisch gebrochen und zugleich überhöht.

David Koberidze, der Vater des Regisseurs, spielt in der Hauptrolle Irakli. Weiter auf der Besetzungsliste finden sich Irina Chelidze, Vakhtang Panchulidze und Otar Nijaradze.Marta Balaga: Radu Jude, Abdellatif Kechiche Head to Locarno as Swiss Fest Announces Lineup: An ‘Ambitious and Exciting Edition’. In: Variety, 8. Juli 2025. Bei dem in Georgien bekannten Schauspieler Giorgi Bochorishvili, der in Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen? in einer Hauptrolle zu sehen war, wuchs der Regisseur auf. Er spielte in diesem den Fußballspieler Giorgi, der sich in eine Medizinstudentin verliebt, deren Name, wie der der jungen Fotografin in Dry Leaf, ebenfalls Lisa war.

Die Filmmusik komponierte Giorgi Koberidze, der Bruder des Regisseurs, mit dem er bereits für Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen? zusammenarbeitete. Er war bei Dry Leaf auch Filmtonmeister.

Mitte Juli 2025 wurde der erste Trailer vorgestellt. Die Premiere des Films fand am 13. August 2025 beim Locarno Film Festival statt.Dry Leaf. In: locarnofestival.ch. Abgerufen am 18. Juli 2025. Im September 2025 wurde er beim Toronto International Film Festival gezeigt und hiernach beim New York Film Festival.German Films & Co-Productions at New York Film Festival 2025. In: german-films.de, 13. August 2025. Ende November, Anfang Dezember 2025 wurde er bei Around the World in 14 Films vorgestellt.Berlinale Spotlight: World Cinema Fund beim Weltkinofestival. In: 14films.de, 28. Oktober 2025. Die weltweiten Vertriebsrechte sicherte sich Heretic. Der Kinostart in Deutschland war am 2. Juli 2026.

Rezeption Kritiken Von den bei Rotten Tomatoes aufgeführten Kritiken sind 82 Prozent positiv.

Jochen Werner beschreibt Dry Leaf in seiner Kritik für Filmstarts als ein Roadmovie und einen Naturfilm, gleichzeitig knüpfe dieser an den verspielten magischen Realismus an, den Alexandre Koberidse insbesondere in seinem zweiten Film Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen? exzessiv zelebrierte. Wo es dort zwei Liebende waren, die sich nicht wiedersehen durften, weil sie am Morgen nach ihrem ersten Aufeinandertreffen jeweils als Andere aufwachten, täusche der Augenschein in Dry Leaf auf andere Weise, da die Welt, durch die wir mit Irakli reisen, von Unsichtbaren bevölkert ist, die man aber laut und deutlich höre.

Gaby Sikorski, Filmkorrespondentin der Gilde deutscher Filmkunsttheater, schreibt, Dry Leaf sei eher Kunstwerk als übliche, leicht verdauliche Filmkost. Es gebe keine Gelegenheit, einem sich im Vordergrund abspielenden Drama zu folgen, und auch keine klassischen Auflösungen, die dem Zuschauer Befriedigung verschaffen. Stattdessen werde eine fragmentierte Wirklichkeit erkundet, und zwar in einem durchaus poetischen Rahmen, irgendwo zwischen Roadmovie und Van Gogh, zwischen Märchen und Monet, zwischen Sozialstudie und Meditation über das Medium Film an sich. Dry Leaf fordere den Zuschauer heraus und verlange ihm eine intuitive Offenheit ab, aber auch die Bereitschaft, den Blick zu verändern. Wer dazu bereit sei, das extrem langsame Erzähltempo des Films zu nutzen, um genau hinzuschauen, werde im ansonsten leichtfertig Übersehenen eine ganz eigene, beinahe magische Welt entdecken. Und wer die Geduld aufbringe, sich auf drei Stunden wunderbar merkwürdige Filmkunst einzulassen, werde mit einem poetischen Grenzgang belohnt: das Kino als Erfahrungsraum, der aus Leerstellen kleine Wunder werden lässt.

Auszeichnungen Dry Leaf landete in der Liste der 50 besten Filmen des Jahres 2025 des vom British Film Institute herausgegebenen Filmmagazins Sight and Sound auf Platz 9.Barbara Schuster: „One Battle After Another“ auf Platz eins der Sight and Sound-Bestenliste. In: Blickpunkt:Film, 5. Dezember 2025.

Bolzano Film Festival Bozen 2026 Nominierung im WettbewerbLea Morgenstern: Programm des Bolzano Filmfest Bozen 2026 steht fest. In: the-spot-mediafilm.com, 26. März 2026.

Golden Apricot International Film Festival 2026 Auszeichnung mit der Silbernen Aprikose Auszeichnung mit dem FIPRESCI-PreisWinners of the 23rd Golden Apricot Film Festival Announced. In: kinopress.am, 19. Juli 2026.

Locarno Film Festival 2025 Nominierung im Internationalen Wettbewerb für den Goldenen Leoparden Lobende Erwähnung für die Beste Performance – Pardo (Alexandre Koberidse)deadline.com

Weblinks

Dry Leaf im Programm des Locarno Film Festivals (englisch) Dry Leaf im Katholischen Filmdienst

Einzelnachweise

Kategorie:Filmtitel 2025 Kategorie:Deutscher Film Kategorie:Georgischer Film Kategorie:Filmdrama Kategorie:Roadmovie Kategorie:Experimentalfilm