Die Nachschrift zum ›Namen der Rose‹ (italienisch: Postilleitalienisch „postille“ ist der Plural von „postilla“ (lateinisch: post illa (verba) "nach diesen (Worten)") und wäre somit pluralisch zu übersetzen, z. B. Nachträge, Anmerkungen. a «Il nome della rosa») ist kein herkömmliches Nachwort, sondern ein literaturtheoretischer Essay von Umberto Eco.

Der Bestsellerautor Eco, der sich als Philologe und Mediävist seit den 1960er-Jahren mit Semiotik und Rezeptionsästhetik beschäftigte, erläutert in 14 Abschnitten selbstreflexiv das „Wie und Warum“ der Entstehung seines 1980 erschienenen Romans Der Name der Rose:

Mit Witz und ironischem Augenzwinkern setzt Eco sich mit den Deutungsversuchen seiner Leser und Rezensenten auseinander.

Ausgaben der Nachschrift Die Postille erschienen erstmals im Juni 1983 in der italienischen Kulturzeitschrift AlfabetaErstveröffentlichung der Postille (italienischer Volltext) – Zeitschrift Alfabeta, n° 49, Juni 1983, S. 19–22 auf Biblioteca Gino Bianco.. Eine vom Autor überarbeitete Fassung der Nachschrift wurde in späteren italienischen Ausgaben des Romans Il nome della rosa als Anhang aufgenommen.Umberto Eco: Il nome della rosa (Reihe „I grandi tascabili“), Bompiani, 7. überarbeitete und verbesserte Ausgabe, Februar 2015, ISBN 978-88-452-7865-5 (darin pp.597–615 “Postille a Il nome della rosa”)

Seit ihrer ersten deutschen Übersetzung von Burkhart Kroeber 1984 wird sie als eigenständige Publikation veröffentlicht.Umberto Eco: Nachschrift zum ‹Namen der Rose›, dtv 1984, S. 10, ISBN 978-3-423-10552-1.

Auch in anderen Sprachen erschien der Text separat, etwa als Postscript to The Name of the Rose (englisch), Apostille au Nom de la rose (französisch) oder Apostillas a El nombre de la rosa (spanisch).

Inhalt Der Essay gliedert sich in vierzehn Abschnitte, in denen der Semiotiker Eco Erfahrungen aus der Rezeption seines Romans Der Name der Rose reflektiert.

Er lässt in seine Schrift Überlegungen zu Autorschaft und Interpretation literarischer Werke einfließen, Themen, die auch in seinen theoretischen Arbeiten wie Lector in fabula (1979) oder Das offene Kunstwerk (Opera aperta, 1962) eine bedeutende Rolle spielen:

+ Die 14 Abschnitte des Essays / Le quattordici sezioni del saggio Nr. Deutsch Italienisch (Original) Kurzinhalt 1 Titel und Sinn Il titolo e il senso Semantische Mehrdeutigkeit des Wortes „Rose“; Nominalismus. „Ein Titel soll die Ideen verwirren, nicht reglementieren.“ (Un titolo deve confondere le idee, non irregimentarle.)Umberto Eco: Il nome della rosa (Reihe „I grandi tascabili“), Bompiani, 7. überarbeitete und verbesserte Ausgabe, Februar 2015, ISBN 978-88-452-7865-5, S. 581 2 Den Arbeitsprozess erzählen Raccontare il processo Schreiben als suchender Akt; Methodik der Werkgenese 3 Natürlich, das Mittelalter Ovviamente, il Medioevo Mittelalter als Erkenntnismodell vs. nostalgische Klischees 4 Die Maske La maschera Fiktion als Schutzstrategie; literarische Rollenkonstruktion 5 Der Roman als kosmologischer Akt Il romanzo come fatto cosmologico Romanstruktur als Spiegel universeller Ordnungssysteme. 6 Wer spricht? Chi parla Polyphone Erzählstimmen; Distanz Autor–Erzähler 7 Die Paralipse La preterizione Die rhetorische Figur des Verschweigens; Bedeutung des Ausgesparten 8 Der Atem Il respiro Rhythmus und Sprachfluss des Textes 9 Den Leser schaffen Costruire il lettore Implizite Leserrolle; Ironie als Rezeptionssteuerung 10 Die Metaphysik des Kriminalromans La metafisica poliziesca Genre als Erkenntniskritik; Grenzen der Wahrheitsfindung 11 Die Unterhaltung Il divertimento Literatur als Vergnügen; Dialektik von Spiel und Ernst 12 Postmodernismus, Ironie und Vergnügen Il postmoderno, l'ironia, il piacevole Postmoderne Haltung des reflektierten Erzählens 13 Der historische Roman Il romanzo storico Gattung als Geschichtsdekonstruktion (vs. Trivialliteratur) 14 Zum Schluss Per finire Primat der intentio operis; Autonomie des Lesers

Ecos Spiel mit den Erwartungen seiner Leser Zu Beginn des dritten Abschnitt der Postille, Natürlich das Mittelalter (Ovviamente, il Medioevo), konterkariert Eco alle Erwartungen an eine konventionelle Werkentstehungsgeschichte. Als Begründung, warum er den Roman Der Name der Rose geschrieben habe, gesteht er:

Massimo Leone schreibt in seiner Rezension zur Apostille au Nom de la rose, dass Essays von Umberto Eco niemals den Leser langweilten, weil sie – im Gegensatz zu den meisten gelehrten Abhandlungen – nicht völlig abstrakt gehalten seien. Das Rezept des italienischen Semiotikers Eco laute „raconter, surprendre, amuser“ (erzählen, überraschen, unterhalten)Massimo Leone: Une rose sans épines : apostille à l’« Apostille au Nom de la rose », Cahiers de Narratologie [En ligne], 33 | 2018, doi:10.4000/narratologie.8039, Abschnitt 13.

Die Antwort Ecos auf die Frage, warum er einen Roman geschrieben habe, sei dazu ein passendes Beispiel:

Mit diesem poetologischen „Geständnis“ bricht Eco mit der traditionellen rhetorischen Figur der Captatio benevolentiae, dem Heischen um die Gunst des Lesers. Er provoziert und inszeniert sich, den Autor, als witzigen Spieler mit Leser-Erwartungen.

Vom Tod des Autors zum Schweigen des Autors Der Roman Der Name der Rose wurde nach seiner Veröffentlichung 1980 rasch zu einem internationalen Bestseller und rief eine Vielzahl literaturwissenschaftlicher, hermeneutischer und populärwissenschaftlicher Deutungen hervor. Die Postille a “Il nome della rosa” sind als Reaktion des Autors auf die Wirkungsgeschichte des Romans entstanden:

Zu Anfang des ersten Abschnitts der Nachschrift, „Titel und Sinn“ (Il titolo e il senso), findet man Ecos Kernthese:

Ironisch überspitzt heißt es außerdem am Ende dieses Abschnitts:

Diese extrem-pointierte Äußerung erinnert Matthias Agethen an den Aufsatz des Poststrukturalisten Roland Barthes „Der Tod des Autors“ (La Mort de l’auteur) aus dem Jahre 1967:

Beide – Barthes und Eco – nähmen damit die Gegenposition zum Biografismus ein. Sinn könne einzig vom Leser erzeugt werden. Der Autor dagegen habe für die Literatur eine weitaus geringere Bedeutung, als bisher postuliert wurde; eine autoritäre Deutungshoheit des Autors über sein Werk lehnten sie ab:

„Barthes lässt den Autor ‚tot‘ sein, Eco lässt ihn ‚schweigen‘“.Matthias Agethen: Eco und Barthes – auf Texturen

Umberto Eco vertrete eine vermittelnde Position. Er lehne sowohl die alleinige Autorintention als auch die vollkommen beliebige Deutung durch Leser als maßgeblich für die Interpretation eines Textes ab. „Endlos ist das Spiel der Zeichen nicht“; es werde begrenzt durch den Text:

Eco betone – im Gegensatz zu Barthes – die Intentio operis („Absicht des Textes“), die interpretativer Willkür Grenzen setzt:

Anspielung auf Jorge Luis Borges mini|Jorge Luis Borges in der Nationalbibliothek Argentiniens, die er von 1955 bis 1973 leitete Die Figur des blinden Bibliothekars Jorge von Burgos im Roman Der Name der Rose ist eine ironische Anspielung auf den argentinischen Schriftsteller Jorge Luis Borges, der in seinen letzten Lebensjahrzehnten fast vollständig erblindete und trotz seines Augenleidens als Bibliothekar, als Direktor der Nationalbibliothek Argentiniens, sowie als Autor fantastischer Kurzgeschichten kreativ tätig war.

Gegen Ende des fünften Abschnitts, Der Roman als kosmologischer Akt, heißt es in Ecos Postille:

Leo Corry und Renato Giovanolli veröffentlichten 1992 einen Aufsatz mit dem provokativen Titel Jorge Borges, Author of the Name of the Rose und entfalten darin, was Eco in den Postille mit „bei Borges Schulden begleichen“ meint. Borges ist nach Meinung von Corry und Giovanolli eine Inspirationsquelle für Umberto Eco, die den gesamten Roman durchzieht:

Eco lege durch den Trick der Namensgebung („Jorge von Burgos“) seine Quelle offen und begleiche so ― mit einem ironischen Augenzwinkern – seine „literarische Schuld“ gegenüber Borges.

Die Idee des labyrinthischen Bibliotheksbaus im Roman ist von Borges’ phantastischer Erzählung Die Bibliothek von Babel inspiriert.Reinhold F. Glei: Aristoteles im Mönchskloster. Bemerkungen zum zweiten Buch der Poetik In: (Poetica 22, 1990, S, 283), doi:10.30965/25890530-0220304003.Leo Corry / Renato Giovanolli: Jorge Borges, Author of the Name of the Rose. In: Poetics Today, vol. 13, no. 3, 1992, pp. 425–445, hier S. 428. doi:10.2307/1772870 Abgerufen am 11. August 2025.

Im Roman ist der blinde Bibliothekar Jorge allerdings ein fanatischer Zensor, während Borges, obgleich blind und Hüter von Büchern, das intellektuelle Spiel, Ironie und geistige Freiheit feierte.

Literatur Primärtexte Umberto Eco: Postille a “Il nome della rosa”. In: Alfabeta, Nr. 49, Juni 1983, S. 18–22.Erstveröffentlichung der Postille (italienischer Volltext) – Zeitschrift Alfabeta, n° 49, Juni 1983, S. 19–22 auf Biblioteca Gino Bianco. Rezension von Jennifer Lee. In: Rocky Mountain Review of Language and Literature, vol. 39, no. 2, 1985, pp. 143–45. doi:10.2307/1347331 – auf JSTOR, Accessed 31 Aug. 2025. Umberto Eco: Nachschrift zum ›Namen der Rose‹, dtv 11. Auflage München 2012, ISBN 978-3-423-10552-1. Umberto Eco: Postscript to The Name of the Rose. In: ders.: The Name of the Rose. Translated by William Weaver, Mariner Books, Boston, 2014, ISBN 978-0-544-17656-0 Umberto Eco: Apostille au Nom de la rose, Grasset 1985, ISBN 2-253-04414-8. Umberto Eco: Il nome della rosa (Reihe „I grandi tascabili“), Bompiani, VII. überarbeitete und verbesserte Ausgabe, Mailand Februar 2015, ISBN 978-88-452-7865-5 (darin pp.579–615 “Postille a Il nome della rosa”)- Rezension von Harald Weinrich: Unser Mann im Mittelalter In: Merkur Jahrgang 37, Heft 415, Januar 1983, S. 93–97. Sekundärliteratur Roland Barthes: Der Tod des Autors. In: Das Rauschen der Sprache. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2006, ISBN 978-3-518-11695-1. Theresa Coletti: Naming the Rose: Eco, Medieval Signs, and Modern Theory, Cornell University Press, Ithaca, ISBN 0-8014-2114-4, Internet Archive. Rezension Carl A. Rubino in: Italica, vol. 67, no. 3, 1990, pp. 385–87. doi:10.2307/478645 – auf JSTOR, Accessed 31 Aug. 2025. Umberto Eco: Das offene Kunstwerk (it. Opera aperta) Suhrkamp 1977, ISBN 978-3-518-27822-2. Umberto Eco: Lector in fabula: Die Mitarbeit der Interpretation in erzählenden Texten. (it. Lector in fabula. La cooperazione interpretativa nei testi narrativi. dtv 1987, ISBN 978-3-446-14214-5). Umberto Eco u. Richard Rorty: Zwischen Autor und Text; Interpretation und Überinterpretation. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1995, ISBN 978-3-423-04682-4. Umberto Eco: Die Grenzen der Interpretation („I limiti dell'interpretazione“). Dtv, München 1995, ISBN 3-423-04644-9, Wolfgang Iser: Der Akt des Lesens. Theorie ästhetischer Wirkung. Fink, München 1976, ISBN 978-3-8252-0636-9. Erik Schilling (Hg.): Umberto Eco Handbuch Leben – Werk – Wirkung, (Metzler) Springer Verlag 2021, ISBN 978-3-476-05779-2, Inhaltsverzeichnis – (insbesondere Kapitel 11.7 Nachschrift zum Namen der Rose, S. 159–161). Rainer Stamm: Unlesbare Schriften und verborgene Bücher in Umberto Ecos Roman Il nome della rosa In: Poetica, vol. 28, no. 3/4, 1996, pp. 386–407. JSTOR accessed 1 Aug. 2025.

Weblinks (Italienisch) Digitalisat der Postille a “Il nome della rosa” (1983) bei der Biblioteca Gino Bianco. (Spanisch); Apostillas A El Nombre De La Rosa – Spanische Übersetzung der Nachschrift (Volltext, PDF download möglich) (Englisch) Postscript to the Name of the Rose – bookreview – Buchkritik auf Youtube (Französisch) Une Rose sans épines: apostille à l’« Apostille au Nom de la rose » – ausführliche Studie von Massimo Leone über die Nachschrift zum Namen der Rose – auf „Cahiers de narratologie“ doi:10.4000/narratologie.8039

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