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Alexander Marie Norbert Lernet-Holenia, Pseudonym Clemens Neydisser (* 21. Oktober 1897 in Wien; † 3. Juli 1976 ebenda), war ein österreichischer Schriftsteller. Ein großer Teil seines erzählerischen Werk ist der phantastischen Literatur zuzuordnen, zudem verfasste er auch Dramen und Lyrik.
Jugend und Erster Weltkrieg
Alexander Maria Norbert Lernet wurde am 21. Oktober 1897 in Wien geboren.Hélène Barrière hat 2025 in ihrem Aufsatz Alexander Lernet-Holenia (1897–1976) Essai biographique. In: Internationale Alexander Lernet-Holenia Gesellschaft die wichtigsten bis heute verfügbaren biografischen Informationen zu Alexander Lernet-Holenia zusammengefasst und auf die Quellen in der Literatur hingewiesen. Der vorliegende Wikipedia-Artikel fußt auf ihrer Arbeit. Seine Mutter, Sidonie von Boyneburgk-Stettfeld (1856–1935), geborene Holenia, war die Tochter des wohlhabenden Kärntner Montanindustriellen Romuald Holenia.Vgl. Alexander Dreihann-Holenia, «Alexander Lernet-Holenia: Herkunft, Kindheit und Jugend», in Thomas Eicher, Bettina Gruber (hrsg.), Alexander Lernet-Holenia. Poesie auf dem Boulevard, Köln, Böhlau, 1999, S. 19; Charlotte Gamber, Der „Fall“ Lernet-Holenia, Heraldisch-Genealogische Gesellschaft, Wien, 2000, S. 2.
Sidonie war Witwe des Barons Julius von Boyneburgk-Stettfeld (1834–1890) und heiratete sieben Jahre später – kurz bevor Alexander geboren wurde – den zehn Jahre jüngeren k. u. k. Marineoffizier Alexander Lernet (1866–1922). Diese überraschende Verbindung, nach nur kurzer Dauer in einem Scheidungsdrama endend, wurde oft als Versuch gesehen, die Zuneigung des Erzherzogs Karl Stephan von Habsburg zu Sidonie zu verschleiern. Das Gerücht, von Lernet-Holenia selbst weder bestätigt noch dementiert, spaltete Familie, Freunde und Interpreten. Literarisch jedoch wurde daraus ein „Ursprungsgeheimnis“, das seine Werke mit unehelichen Kindern, Identitätsfälschern, Doppelgängern und genealogischen Rätseln durchzieht.
Lernet-Holenia wuchs zwischen Wien und Klagenfurt auf und legte 1915 in Waidhofen an der Ybbs seine Matura ab. Im September desselben Jahres meldete er sich freiwillig zum Militär. Wie viele junge Männer seiner Generation zog es ihn, beflügelt von patriotischer Begeisterung, vom Gymnasium direkt an die Front des Ersten Weltkriegs.
Dem 9. Dragonerregiment Erzherzog Albrecht zugeteilt, kämpfte Lernet-Holenia in der Slowakei, in Ostgalizien, in Russland, in der Ukraine und in Ungarn. 1916 wurde er zum Fähnrich befördert. Im selben Jahr kam es zu einer für ihn und sein Werk prägenden Begegnung: jener mit Oberstleutnant Karl Anton Klammer (1879–1959), einem leidenschaftlichen Bewunderer der französischen Kultur, der sich unter dem Pseudonym K. L. Ammer einen Namen als Übersetzer von Villon, Rimbaud, Maeterlinck und Verlaine machte. Seine Nachdichtungen – insbesondere die des Bateau ivre – begeisterten junge Expressionisten wie Heym oder Trakl. Die langen Gespräche, die Lernet-Holenia mit seinem soldatischen Vorgesetzten führte, stärkten seine Neigung zum Lyrischen. Dank einer italienischen Amme beherrschte Lernet auch die italienische sowie die englische Sprache, was seine späteren Übersetzertätigkeiten begünstigte.
1917 wurde er zum Leutnant befördert und für seine Tapferkeit im Feld ausgezeichnet. In der Ukraine erlebte er den Zusammenbruch des Habsburgerreiches und den Zerfall der österreichisch-ungarischen Armee – Erfahrungen, die tiefe Spuren in seinem Werk hinterlassen sollten. Sie finden sich in einigen seiner Gedichte und prägten viele seiner Erzählungen und Romane – insbesondere Die Standarte (1934), Der Baron Bagge (1936) und Beide Sizilien (1942), die zu seinen bekanntesten Prosawerken zählen. Nach seiner Rückkehr von der Front nahm Lernet-Holenia 1919 auch am Kärntner Abwehrkampf teil.
Die 1920er-Jahre
Im Jahr 1920 wurde er von der wohlhabenden, in Kärnten wohnhaften Familie seiner Mutter adoptiert und trug seitdem den Doppelnamen Lernet-Holenia. In die Literatur trat er Anfang der 1920er Jahre mit anspruchsvoller expressionistischer Lyrik ein und wandte sich anschließend dem Theater zu. Seine ersten Gedichte hatte er bereits mit siebzehn Jahren verfasst und sie, von der russischen Front aus, an Rainer Maria Rilke geschicktBrief vom 18. August 1919 an Rainer Maria Rilke, zitiert nach Roman Roček (Hrsg.): Alexander Lernet-Holenia. Das lyrische Gesamtwerk, Wien / Darmstadt, Paul Zsolnay, S. 631., dem er grenzenlose Bewunderung entgegenbrachte. Seinen ersten Gedichtband, Pastorale, der 1921 in kleiner Auflage bei der Wiener Literarische Anstalt erschien, signierte er mit dem Namen Alexander Maria Lernet. Unter der Schirmherrschaft Rilkes und Bahrs veröffentlichte Lernet-Holenia 1923 beim Insel Verlag seinen zweiten Gedichtband Kanzonnair.
Hermann Bahr zählte Lernet-Holenia damals zu den „größten Hoffnungen“ der deutschsprachigen expressionistischen LiteraturHermann Bahr, Liebe der Lebenden. Tagebücher 1921–1923, Hildesheim, Franz Borgmeyer, 1925, Bd. 2, S. 388, zitiert nach Günther Berger, „Ein dichtender Grandseigneur. Beiträge zur Vervollständigung der Biographie und des Werkes von Alexander Lernet-Holenia (1897–1976)“, Österreich in Geschichte und Literatur mit Geographie 33 (2), 1989, S. 96. und begrüßte mit Begeisterung die Tragödie Demetrius (1925)„Hier springt aus einem unserer reinsten lyrischen Dichter, aus dem unvergleichlichen Wortgoldschmied des Kanzonairs, nun auf einmal mit einem Löwensatz ein vollendeter Tragiker hervor, hier rauscht zum erstenmal seit der Schlegel Tieck Übersetzung Shakespeares und Grillparzers Alterswerken wieder der Orgelklang der dramatischen Rede hohen Stils, hier kündigt sich ein kommendes Barock, ein tief gotisch aufatmendes Barock von einer Wölbung, einer Spannung an, daß wir vor solcher Vermessenheit zurückschaudern müßten, stünde das ungeheure Wagnis nicht schon in gelassener Vollendung vor uns.“ Zitiert nach Hermann Bahr, in: Alexander Lernet-Holenia, Demetrius. Haupt- und Staatsaktion, S. Fischer Verlag, Berlin, 1925. Vgl. original Umschlagabbildung. Tatsächlich brachten Lernet-Holenias erste dramatische Arbeiten ihm sofort bedeutende Auszeichnungen ein: 1926, im Alter von 29 Jahren, erhielt er den Kleist-Preis für die drei Stücke Demetrius, Ollapotrida und Österreichische Komödie. Diese Ehrung bot ihm dann auch die Gelegenheit, gegenüber dem literarischen Establishment jenen Hang zur Provokation zu demonstrieren, der ihn sein ganzes Leben lang kennzeichnen sollte: 1930 verzichtete er aus Anlass einer vermeintlichen Plagiatsaffäre um ein anderes Stück (Attraktion, gemeinsam mit Paul Frank verfasst) demonstrativ und lautstark auf den Kleist-Preis.„Da nehme ich ihn lieber wieder zurück“. Komödie um den Kleist-Preis. In: Leipziger Neueste Nachrichten, 12 September 1930.
Lernet-Holenias stilisierte Nonchalance gegenüber Auszeichnungen war Ausdruck eines komplexen Verhältnisses zum Schreiben, gekennzeichnet durch die Bescheidenheit eines Schriftstellers, der sich aus Ehrfurcht vor den Meisterwerken der Vergangenheit weigerte, zeitgenössische Werke – auch die eigenen – als gleichrangig zu betrachten. Diese Haltung, die sich sowohl sozial als auch literarisch manifestierte, führte dazu, dass er von seinen Freunden und Bewunderern u. a. als „letzter Grandseigneur der österreichischen Literatur“ bezeichnet wurde.Ein Ausdruck, den Friedrich Torberg 1955 prägte („Ein schwieriger Herr“, in Alexander Lernet-Holenia. Festschrift zum 70. Geburtstag des Dichters, Wien / Hamburg, Paul Zsolnay, 1967, S. 17) und der seither immer wieder aufgegriffen wurde.
Bezüglich des Theaters führte Lernets Weg vom Expressionismus und lyrischem Drama zur Komödie und zum Boulevardstück. Ollapotrida (1926) bedeutete Lernet-Holenias ersten finanziellen Erfolg. In den fünf darauffolgenden Jahren blieb das Publikum den Komödien, die er allein oder in Zusammenarbeit verfasste, treu. Die Kritik zeigte sich zurückhaltend, doch diese Werke verschafften dem Autor eine solide materielle Grundlage.
Geprägt vom Geist des Lyrischen und des Theaters sind die 1920er-Jahre zugleich jene Zeit, in der Kontakte und Freundschaften entstanden, die dem von Lernet-Holenia bewusst inszenierten Dilettantismus widersprachen. Bedeutende ältere Zeitgenossen wie Stefan Zweig oder Hugo von Hofmannsthal würdigten die Qualität seiner besten Arbeiten. Von 1927 bis zum Zweiten Weltkrieg teilte Lernet-Holenia seine Zeit zwischen Wien und St. Wolfgang, wo seine Mutter seit 1900 ein Haus besaß und ihm später schenkte.Vgl. Alexander Dreihann-Holenia, «Alexander Lernet-Holenia: Herkunft, Kindheit und Jugend», in Thomas Eicher, Bettina Gruber (hrsg.), Alexander Lernet-Holenia. Poesie auf dem Boulevard, Köln, Böhlau, 1999, S. 36. In St. Wolfgang war er Nachbar von Stefan Zweig, der seit 1919 in Salzburg lebte. Im Jahr 1928 verfassten sie gemeinsam, unter dem Pseudonym Clemens Neydisser, die Komödie Gelegenheit macht Liebe – ein Werk ohne besonderen Anspruch, das jedoch der Schauspielerin Paula Wessely ihren ersten großen Erfolg bescherte10 Vgl. Alexander Lernet-Holenia, „Ich wollte, er lebte uns noch!“, in Hanns Arens (Hrsg.): Stefan Zweig. Im Zeugnis seiner Freunde, überarb. und erw. Ausg., München/Wien, Langen-Müller, 1968, S. 84.. Die gegenseitige Wertschätzung der beiden veranlasste Zweig, die Laufbahn Lernet-Holenias nach Kräften zu fördern. Er stellte ihn dem Verleger Herbert Reichner vor, der in Folge drei Werke Lernet-Holenias in seinem Verlag veröffentlichte.
Unter seinen Vertrauten befand sich in dieser Zeit insbesondere Carl Zuckmayer, mit dem er seit 1926 verbunden war, als Zuckmayer ein Haus in Henndorf bei Salzburg erwarb. Er verfolgte Lernet-Holenias literarische Entwicklung mit großer Aufmerksamkeit. 1939 schrieb er beispielsweise an Annemarie Seidel, die Ehefrau von Peter Suhrkamp und Lektorin des Verlags, der Roman Ein Traum in Rot habe ihn „vollkommen entzückt, bezaubert, verzaubert“.Gunther Nickel, Erwin Rotermund (hrsg.), Carl Zuckmayer – Alexander Lernet-Holenia. Briefwechsel und andere Beiträge zur Zuckmayer-Forschung, Zuckmayer-Jahrbuch, Band 8, Wallstein, 2005/06, S. 22. Er hob Lernet-Holenias Fähigkeit hervor, seine Leser unaufhörlich zu überraschen, und seine „zugleich souveräne und demütige Art, mit der Sprache umzugehen“.Carl Zuckmayer, «Die Siegel des Dichters», Festschrift zum 70. Geburtstag des Dichters, S. 7.