Das Referendum über die Auflösung der Union Norwegens mit Schweden fand am 13. August 1905 statt. Ausgelöst wurde das Referendum durch einen Beschluss des Storting, des norwegischen Parlaments, nach einem Streit mit Schweden über die Frage der Eröffnung norwegischer Konsulate im Ausland.
Bei dem von Schweden zunächst als unzulässig abgelehnten Plebiszit, wurde die Auflösung der Union und damit die volle Unabhängigkeit Norwegens fast einhellig, mit 99,95 % der abgegebenen gültigen Stimmen, unterstützt. Nach einigen Wochen politischer Verhandlungen mit Schweden, erkannte dies schließlich das Ergebnis an und der schwedische König Oskar II. dankte am 26. Oktober 1905 vom norwegischen Thron ab, womit Norwegen ein unabhängiger Staat wurde.
Hintergrund Durch den Kieler Frieden im Januar 1814 fiel Norwegen (das zuvor Teil von Dänemark-Norwegen gewesen war) an das Königreich Schweden. In Norwegen erhob sich jedoch Widerstand gegen die Entscheidung und das Land erklärte seine Unabhängigkeit. Wenige Monate später wurde die liberale Eidsvoll-Verfassung verabschiedet. Es kam daraufhin zum Krieg mit Schweden, dass diese Entscheidung nicht hinnehmen wollte. In den nur wenige Wochen andauernden Kämpfen konnte sich keine Seite entscheidend durchsetzen und man einigte sich schließlich auf die Konvention von Moss. Diese sah vor, dass Norwegen in eine Personalunion mit Schweden eintrat, jedoch eine weitreichende Autonomie behielt, darunter eine eigene Verfassung, ein eigenes Parlament und Gesetze, eine eigene Verwaltung, Währung und Armee. Neben dem Monarch – der sowohl der König von Schweden als auch der König von Norwegen wurde – behielt Schweden nur in der Außenpolitik die alleinige Entscheidungsgewalt.Sarah Wambaugh: A Monograph on Plebiscites, S. 165.
Trotz der weitgehenden Selbstständigkeit nahm der norwegische Nationalismus zu und es wuchs der Wunsch nach einer vollen Unabhängigkeit. Dies wurde noch dadurch verstärkt, dass der Seehandel in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in dem ansonsten sehr armen Land zur tragenden Säule der Wirtschaft wurde. Norwegen baute die drittgrößte Handelsflotte der Welt auf und aus den Einnahmen des Seehandels wurde ein Drittel bis zur Hälfte des Staatshaushalts bestritten. Dies führte zum Wunsch nach Einrichtung eigener Konsulate in anderen Ländern, zur Stärkung des norwegischen Seehandels.Sarah Wambaugh: A Monograph on Plebiscites, S. 165.
Der Weg zum Referendum Am 27. Mai 1905 verabschiedete das Storting ein von Ministerpräsident Christian Michelsen unterstütztes Gesetz, das die Einrichtung eben solcher norwegischer Konsulate im Ausland forderte. Gemäß der Bedingungen der Union war für die Außenpolitik jedoch alleine Schweden zuständig. König Oskar II. legte sein Veto gegen das Gesetz ein. Anstatt jedoch wie vom König gefordert nachzugeben, trat die norwegische Regierung aus Protest zurück. Oskar lehnte als Reaktion die Rücktritte ab und erklärte, er würde keine Ersatzregierung anerkennen.Sarah Wambaugh: A Monograph on Plebiscites, S. 165–166.
Am 7. Juni erklärte das Storting die Union für aufgelöst, da Oskar seine Aufgaben als König von Norwegen durch die Nichtbildung einer neuen Regierung faktisch aufgegeben habe. Zwar gab es in Schweden Stimmen für einen Krieg gegen Norwegen, jedoch überwogen letztlich diejenigen, zu denen auch der König selbst gehörte, die für eine friedliche Einigung eintraten. Einerseits befand sich das schwedische Militär in einer Phase der Reform, weswegen es nur bedingt einsatzfähig war. Zum anderen gab es große Befürchtungen, dass Russland einen Krieg in Norwegen für einen Angriff auf Schweden im Osten nutzen könnte.Sarah Wambaugh: A Monograph on Plebiscites, S. 166.
In einer Sondersitzung des schwedischen Reichstags am 19. Juni 1905 legte die schwedische Regierung dar, dass sie keinen Krieg in der Sache wünsche, denn dieser zerstöre in jedem Fall das friedliche Miteiannder, das man in der Union miteiannder pflege. Gleichwohl sei das einseitige Vorgehen des Storting unzulässig, beide Länder müssten zunächst in Verhandlungen miteinander treten. Der Reichstag selbst debattierte die Angelegenheit für einen Monat in einem Sonderausschuss, der am 25. Juli 1905 das Ergebnis seiner Beratung vorstellte. König Oskar griff diese in einer Rede am 28. Juli 1905 auf.Sarah Wambaugh: A Monograph on Plebiscites, S. 167.
Die Auflösung der Union könne von Schweden akzeptiert werden, wenn sie in einem Plebiszit durch das norwegische Stimmvolk bestätigt werde. Weiterhin hätten beide Staaten ein Abkommen zu unterzeichnen, in dem die schwedischen Interessen nach Durchquerungsrechten des norwegischen Territoriums, nach Weiderechten für die Sami und einer militärisch neutralen Zone zwischen beiden Staaten berücksichtigt würden. Auch wenn der Reichstag diese Position erst in seiner Sittzung vom 8. August 1905 offiziell bestätigte, wurde das Ergebnis des Berichts der Sonderkommission bereits am 27. Juli 1905 nach Oslo telegraphiert. Bereits am Folgetag, also noch am Tag der Rede König Oskars beschloss der Storting für den 13. August 1905 ein Referendum über die Auflösung der Union anzusetzen.Sarah Wambaugh: A Monograph on Plebiscites, S. 167.
Ergebnis Beim Referendum am Sonntag, dem 13. August 1905 waren etwas über 435.000 Männer stimmberechtigt. Hiervon beteiligten sich 371.911 (= 85,4 %) an diesem ersten Plebiszit in der Geschichte Norwegens. Es gab keine vorgedruckte Abstimmungsfrage. Stattdessen nahmen sich die Abstimmenden entweder mit „Ja“ oder „Nein“ vorbedruckte Zettel und werfen sie in die Urne, oder sie nehmen einen leeren Zettel und schreiben von Hand ihr Votum darauf. Die Abstimmung begann erst um 13 Uhr, um allen Abstimmungswilligen den vorherigen Kirchgang zu ermöglichen.
Von den abgegebenen gültigen Stimmen sprach sich eine fast einmütige Mehrheit von 368.208 (= 99,95 %) für die Auflösung der Union Norwegens mit Schweden aus. Dagegen stimmten nur eine absolute Minderheit von 184 Personen (= 0,05 %). Die Zahl der ungültigen Stimmen fiel mit 0,95 % gering aus, überstieg jedoch kurioserweise die Zahl der „Nein“-Stimmen um das 19-fache.
Einen Tag nach der Abstimmung wurde eine Petition für die Lösung der Union von 279.878 der damals noch nicht stimmberechtigten Frauen überreicht.
Endergebnis des Referendums über die Auflösung der Union Norwegens mit Schweden am 13. August 1905Datenbank und Suchmaschine für direkte Demokratie: Norwegen, 13. August 1905 : Auflösung der Union mit Schweden. Stimmkreis Stimmberechtigte(a) abgegebeneStimmen (b) gültigeStimmen (b) ungültigeStimmen Ja Nein Anzahl Anzahl Anteil(an a) Anzahl Anteil(an b) Anzahl Anteil(an b) Anzahl Anteil(an c) Anzahl Anteil(an c) 435.376 371.911 85,42 % 368.392 99,05 % 3.519 0,95 % 368.208 99,95 % 184 0,05 %
Folgen Der Austrittsbeschluss Norwegens führte zu Spannungen mit Schweden und beide Länder mobilisierten ihre Militärs an der Grenze. In Schweden gab es jedoch keine Mehrheit für einen Krieg gegen den Nachbarn, weshalb Verhandlungen in Karlstad aufgenommen wurden. Die beiden Länder erzielten am 23. September eine Einigung, die am 9. Oktober vom norwegischen und am 13. Oktober vom schwedischen Parlament gebilligt wurde. König Oskar II. verzichtete am 26. Oktober auf alle Ansprüche auf den norwegischen Thron. In der Folge machte sich Norwegen auf die Suche nach einem neuen König und wurde mit Prinz Carl von Dänemark fündig. Nach einem zweiten Referendum, in dem sich eine Mehrheit der Abstimmenden für die Ernennung Carls zum norwegischen König aussprach, bestieg dieser als Haakon VII. den Thron und wurde zum ersten König eines unabhängigen Norwegen seit über fünf Jahrhunderten.
Literatur
Weblinks
Siehe auch Norwegisch-schwedische Beziehungen
Einzelnachweise
#1905 Norwegen 1905 Norwegen 1905 Kategorie:Politikgeschichte (Norwegen) Kategorie:Plebiszit 1905