Jacques Pouysségur (* 10. November 1943 in Toulouse) ist ein französischer Biochemiker und Molekularbiologe sowie emeritierter Forschungsdirektor am Centre national de la recherche scientifique (CNRS), der durch seine Arbeiten zur Zellproliferation, zum Stoffwechsel von Tumorzellen und zur Rolle von Nährstoffstress und Hypoxie in der Krebsbiologie internationale Anerkennung gefunden hat. Für seine wissenschaftlichen Leistungen wurde er unter anderem mit dem Richard-Lounsbery-Preis ausgezeichnet.
Leben Jacques Pouysségur studierte von 1962 bis 1966 Biochemieingenieurwesen an der Grande École Institut national des sciences appliquées (INSA) in Lyon. Anschließend leistete er von 1966 bis 1968 seinen zweijährigen zivilen Ersatzdienst als Dozent für Biochemie am Institut für Agronomie in Algier. Von 1968 bis 1972 war Pouysségur Doktorand an der INSA. In dieser Zeit promovierte er zunächst zum Doktor-Ingenieur. Anschließend erwarb er 1972 den Titel eines „Dr. ès sciences“ – damals der höchste wissenschaftliche Doktorgrad im französischen Universitätssystem – im Fachgebiet bakterielle Genetik. Seine Dissertation fertigte er im Labor von François Stoeber, einem Schüler des Nobelpreisträgers Jacques Monod, an und untersuchte dabei die genetische Regulation bei Escherichia coli. Von 1974 bis 1976 war er in den USA als Postdoktorand am National Cancer Institute in Bethesda (Maryland) in der Arbeitsgruppe von Ira Pastan tätig.
Ab 1978 war er als Forschungsgruppenleiter am Centre de Biochimie der Universität Nizza (heute Universität Côte d’Azur) tätig. Seine Arbeitsgruppe forschte insbesondere zur Kontrolle der Zellteilung. Von 1997 bis 2007 war er Direktor des CNRS-Instituts für Signalübertragung, Entwicklungsbiologie und Krebs (ISBDC) in Nizza. Nach der Gründung des Instituts für Krebs- und Alternsforschung (Institute for Research on Cancer and Aging, Nice – IRCAN) im Jahr 2012 setzte er dort seine Forschungsarbeiten an der Universität Nizza fort.
Von 2013 bis Ende 2023 war Pouysségur zusätzlich am Department für Laboratoriumsmedizin des Centre scientifique de Monaco (CSM) tätig, wo er das Team „Tumorhypoxie und Metabolismus“ leitete. Ab 2013 war er außerdem Gastprofessor an der Medizinischen Universität Kyoto in Japan.
Wissenschaftliche Arbeiten Nach seiner Ausbildung in bakterieller Genetik kombinierte Jacques Pouysségur Genetik und Molekularbiologie, um die Signalmechanismen von Wachstumsfaktoren zu identifizieren, die die Zellproliferation steuern. Seine Arbeitsgruppe leistete wichtige Beiträge zu den Bereichen Glykoproteine und Zelladhäsion, Stoffwechsel, Regulation des intrazellulären pH-Werts sowie zur molekularen Identifizierung des menschlichen Na+/H+-Austauschers. Darüber hinaus zeigte das Team, dass der intrazelluläre pH-Wert und die MAP-Kinasen (ERK1/2) für die Aktivierung von mTORC1 und die Kontrolle des Eintritts der Zellen in den Zellzyklus wesentlich sind.
Seit Mitte der 1990er Jahre verlagerte das Team seinen Forschungsschwerpunkt auf die Mechanismen, durch die Zellen ihre Nährstoffaufnahme kontrollieren. Dies führte zur Untersuchung der Signalwege von HIF-Prolylhydroxylasen, der Stabilisierung von HIF1 unter Hypoxie, der Angiogenese, der Autophagie, des Nährstoffstresses und des veränderten Tumormetabolismus.
Die Arbeitsgruppe erforschte auf grundlegender, translationaler und präklinischer Ebene die physiologische Rolle von Schlüsselmolekülen, die durch Nährstoffstress und Tumorhypoxie induziert werden. Im Fokus stehen der fermentative (Warburg-Effekt) oder oxidative Glucosestoffwechsel in Tumoren sowie die Aminosäureaufnahme unter dem Einfluss von HIF oder oxidativem Stress. Zahlreiche durch Zinkfingernukleasen und/oder CRISPR-Cas9 inaktivierte Zielstrukturen für Krebstherapien (Carbonanhydrasen CA9, CA12, CA2; Bicarbonattransporter NBC; Laktattransporter MCT1, MCT4 und deren Chaperon CD147/Basigin; Aminosäuretransporter LAT1, ASCT2, xCT und deren Chaperone CD98, CD44) wurden an Tumorzelllinien aus Colon, Melanom, Brust, Pankreas und Lunge untersucht.
Diese Zielstrukturen, die häufig in aggressiven Tumoren stark exprimiert sind, fördern eine „darwinistische“ Selektion im hypoxischen, sauren und nährstoffarmen Tumormikromilieu, was die metastatische Ausbreitung begünstigt. Für einige dieser Zielstrukturen konnte durch deren Ausschaltung mittels CRISPR-Cas9 ihre zentrale Rolle in der Tumorentwicklung nachgewiesen werden.
Zudem stellte Pouysségur fest, dass die fermentative Glykolyse – ein primitiver, „hypoxischer“ Stoffwechselweg, der bereits bei der Entstehung des Lebens existierte – sich zu einem zentralen bioenergetischen Mechanismus entwickelt hat. Dieser ermöglicht das schnelle Wachstum von Tumoren, die Vermehrung aktivierter Immunzellen sowie die Regeneration von Geweben (Stammzellen), aber auch die Vermehrung von Krankheitserregern wie Bakterien und Viren.
Publikationen Jacques Pouysségur hat Hunderte von wissenschaftlichen Artikeln in Fachzeitschriften mit Peer Review veröffentlicht und zahlreiche wissenschaftliche Vorträge als eingeladener Referent gehalten.
Preise und Auszeichnungen Preise: 1989: „Prix de Savoie“ der französischen Krebshilfeliga Ligue Nationale Contre le Cancer (LNCC) 1995: „Prix de néphrologie Delahautemaison“ der französischen Stiftung für medizinische Forschung Fondation pour la Recherche Médicale (FRM) 1996: „Prix de cancérologie Rosen“ der französischen Stiftung für medizinische Forschung Fondation pour la Recherche Médicale (FRM) 1996: Richard Lounsbery Award der französischen Académie des sciences und der US-amerikanischen National Academy of Sciences 2001: „Prix Athena/Institut de France“ 2001: „Prix de cancérologie Leopold Griffuel“ der französischen Krebshilfe-Organisation Association pour la Recherche sur le Cancer (ARC) 2002: „Médaille Sir Hans Krebs“ des Dachverbandes der europäischen biochemischen Gesellschaften Federation of European Biochemical Societies (FEBS) 2008: Carl-Ferdinand-Cori-Ehrenvorlesung am Roswell Park Comprehensive Cancer Center in Buffalo, New York
Ernennungen: Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats des französischen nationalen Krebsinstituts Institut national du cancer (INCa) Mitglied der European Molecular Biology Organization (EMBO) Mitglied der Académie des sciences Mitglied der Academia Europaea Ritter des Ordre national du Mérite
Weblinks
Jacques Pouysségur bei researchgate bei loop.frontiersin.org
Einzelnachweise
Kategorie:Biochemiker Kategorie:Molekularbiologe Kategorie:Genetiker Kategorie:Mitglied der Académie des sciences Kategorie:Mitglied der Academia Europaea Kategorie:Träger des französischen Nationalverdienstordens (Ritter) Kategorie:Franzose Kategorie:Geboren 1943 Kategorie:Mann