Der Ursprung der Welt ist der 2019 erschienene Debütroman des deutschen Schauspielers, Musikers und Schriftstellers Ulrich Tukur.

Kurzbeschreibung Paul Goullet erwirbt in Paris ein altes Fotoalbum, dessen Hauptfigur der Paul sehr ähnlich sehende Kinderarzt, Résistance-Fluchthelfer sowie Frauenmörder Prosper Genoux ist. Paul versucht das Leben von Genoux zu erforschen, was Paul in eine düstere und unheilvolle Lage bringt: Er fürchtet, dass Prosper zeit- oder teilweise in ihm fortlebt, gerät in eine französische Widerstandsgruppe und deckt Verbindungen zur Geschichte seiner eigenen Familie auf.

Inhalt Haupthandlungsstrang im Jahre 2033 Europa im Jahre 2033. Deutschland ist angesichts von Unruhen, Gewaltausbrüchen, Hysterie und Hass „in einen Zustand von Erschöpfung und Fatalismus gesunken, der politischen Abenteurern und Extremisten ausreichend Raum gab, den letzten Rest gesellschaftlichen Zusammenhalts zu zerstören.“Ulrich Tukur: Der Ursprung der Welt. Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main 2019. ISBN 978-3-10-397273-3. S. 11 In Frankreich sind Nationalisten an der Macht und haben durch „Polizei, Militär und Geheimdienste scheinbar alles fest im Griff“. Doch den Stuttgarter Mittdreißiger Paul Goullet ficht das kaum an. Durch seine Adoptivfamilie mit reichem Erbe ausgestattet und daher keinem Brotberuf verpflichtet, verlässt Paul „die bürgerlich schwäbische Welt, in der er groß geworden war“,Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 17. ist in Paris, um sich das Gustave-Courbet-Bild Der Ursprung der Welt anzusehen, das er als Kind einmal in Postkartenform gefunden und für eine Abbildung seiner früh verstorbenen Adoptivmutter gehalten hatte.Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 29. Paul ist zwar finanziell gut ausgestattet, wird aber immer wieder von Phantasien heimgesucht, „die ihm kaum begreiflich und verstörend“ sind,Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 37. und fühlt sich fremd in einer Welt, in der seine Mitmenschen bereit sind, „Autonomie für den schnellen und bequemen Zugang zu Daten aller Art aufzugeben und die permanente Manipulation durch Informationsflüsse zu akzeptieren, die am Ende nur den einen Sinn und Zweck hatte, die Abhängigkeit der Menschen zu potenzieren und sie seelisch und finanziell auszuräumen.“ Bei einem Bouquinisten wird Paul auf ein Fotoalbum aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufmerksam: „In der rechten oberen Ecke waren zwei goldene Lettern eingestanzt: PG. Es waren die Initialen seines Namens“,Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 20. und die darin befindlichen Fotos erschrecken Paul: Er erkennt sich selbst wieder in dem Mann, der da „für einen unbekannten Photographen posiert hatte“.Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 21. Paul kauft das Album, findet darin den Ortschafts-Namen Banyuls, wohin er am nächsten Tag einen Zug besteigt. In jenem Zug strahlt eine Mitreisende große Unruhe aus, wechselt Sitzplätze, setzt sich schließlich zu Paul. Angesichts einer drohenden Polizeikontrolle schreibt sie hektisch etwas auf ein Stück Papier und übergibt Paul das Papier sowie ein Kuvert, hastet davon. Das Papier gibt die Zieladresse des Kuverts in Banyuls‘ Nachbargemeinde Port-Vendres an. Beim längeren Umsteige-Aufenthalt in Perpignan überfällt Paul in der dortigen Bahnhofshalle „ein seltsames Déjà-vu“,Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 40. und darüber hinausgehend verwandelt sich der Raum in ein Gebäude der 1940er-Jahre,Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 41. das Paul verlässt, um zu einem Hotel zu gehen. Er „sprang in den dunklen Eingang des Hotels“,Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 42. findet sich plötzlich in der Bahnhofshalle der Gegenwart wieder, wird von einem im 1940er-Jahre-Stil grüngekleideten Mann mit „Prosper“ statt „Paul“ begrüßt, verlässt die Bahnhofshalle abermals. Das Hotel, in das er in seiner Vision hineinspringen wollte, ist nun aber verfallen, bei einem Stadtpalais hat Paul ein weiteres Déjà-vu, und „er wusste sofort, dass er das Stammhaus der Zigarettenfabrik Bardou vor sich hatte […]. Und wie ein Blitz fuhr ihm ein Name ins Bewusstsein: Lacroix. Sieben Buchstaben. Kein Gesicht.“Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 44. Auch den Rest des Romans wird Paul „von lichtblitzartigen Erinnerungen an die im Jahr 1943 spielenden Ereignisse heimgesucht“, beispielsweise die Nahaufnahme „eines Menschen, der begreift, dass er getötet wird“,Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 97. der beginnende Missbrauch einer Frau,Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 140. eine verbale Auseinandersetzung mit dem grüngekleideten Mann,Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 144–145. sein Doppelgänger, der ihn aus einer spiegelnden Zugscheibe angrinst.Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 154. Etwa nach dem ersten Roman-Viertel werden diese „lichtblitzartigen Erinnerungen“ zu ausführlicheren Szenen, in denen zunächst Paul Goullet in seinen 1940er-Jahre Doppelgänger Prosper Genoux übergeht;Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 77–84. später taucht Genoux in den Gegenschnitten beider Zeitebenen ohne fließenden Übergang von Goullet zu Genoux auf, ausgenommen in einer Szene, in der Paul Goullet anstelle seine Doppelgängers Prosper Genoux von Rudolf Goullet, dem Vater seines Adoptivvaters Richard Goullet, in der Toulouser Gestapo-Leitstelle gefoltert wird.Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 268–275. Ebenso wie solche Genoux-Visionen erscheint gelegentlich der grüngekleidete Mann als Verbindungsglied zwischen den Jahren 1943 und 2033 und als Lotse für den nach der Wahrheit suchenden Paul.Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 48.Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 77.Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 101.Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 276. Der Grüngekleidete ist der von Rudolf Goullet hingerichtete Résistance-Kämpfer Pierre Lacroix. „Lacroix würde immer wieder auftauchen, solange er [=Paul] nicht das Rätsel seines Vorläufers gelöst hatte.“Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 102–103. Nach der Weiterfahrt aus Perpignan besucht Paul die Adresse, die ihm die Zug-Unbekannte gegeben hat und wo er den Brief abgeben soll. Es handelt sich um eine Pension, deren Wirtin Françoise Simon auf Pauls Erscheinung reagiert, als erkenne sie ihn.Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 54. Paul mietet sich in der Pension ein und geht in einem von Françoise empfohlenen Restaurant essen, wo er Augenkontakt mit Hélène aufnimmt, einer Frau mit „verwirrend schönen Augen“,Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 60. die mit drei Männern im Lokal weilt. Nach dem Essen trinkt Paul mit Françoise Kaffee,Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 64. erzählt ihr von seinem Erlebnissen und dem Fotoalbum, dessen Inhalt Françoise „widerwillig“ zur Kenntnis nimmt.Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 67. Paul seinerseits nimmt überrascht zur Kenntnis, dass in Françoises Wohnzimmer ein Bild hängt, das unter anderem Antoinette zeigt,Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 68. die Mutter von Pauls Adoptivvater Richard, deren Aufnahme Richards Halbschwester Elsbeth Paul einmal zeigte, als Paul ein Kind war.Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 47. Durch dieses Foto verwirrt und erschüttert, verlässt Paul fluchtartig den Raum. Am Folgetag wird er abermals von einer seiner „lichtblitzartigen Erinnerungen“ heimgesucht, fällt in Ohnmacht, aus der ihn ausgerechnet die schöne Hélène mit einer Ohrfeige weckt.Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 84. In ihrem Gespräch berichtet Hélène, in deren Äußeres Paul inzwischen heftig verliebt ist,Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 72. unter anderem, dass der französische Präsident durch ein Attentat gestorben wäre. Auf Pauls Frage, was das ändere, antwortet Hélène, dass der nunmehrige starke Mann in Frankreich, der Staatssicherheits- und Geheimdienst-Chef, „die Überwachung noch lückenloser“ machen werde, „und sie können ihre Schweinereien immer weiter treiben“.Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 86–87. Paul durchsucht heimlich Françoises Wohnung und findet dabei unter anderem einen bebilderten Zeitungsartikel vom 22. Oktober 1943.Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 92. Auf dem Foto erkennt er seinen Doppelgänger wieder. „Der Artikel unter dem Photo […] berichtete von einem Dr. Prosper Genoux, Kinderarzt aus Perpignan und Mitglied einer […] Fluchthelfergruppe, die Juden und anderen Volksfeinden zum illegalen Übertritt nach Spanien verhalf“ und den man des mehrfachen Mordes verdächtigte: „Im Keller seines Hauses in Perpignan, in dem auch seine Praxis untergebracht gewesen war, wären Knochen und andere Leichenteile und in einer Kalkgrube im Innenhof seines Anwesens die Überreste weiterer Opfer gefunden worden“.Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 91. Während der Wohnungsdurchsuchung muss Paul sich verstecken, da den Stimmen nach Françoise, Hélène und mindestens ein Mann die Wohnung betreten. „Sein Name fiel; offenbar war er Gegenstand einer Erörterung, von der er nur Bruchstücke verstand, und der er irgendwann entnahm, dass man ihn als Kurier einsetzen wollte.“Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 93. Später fragt Paul Françoise, warum in deren Wohnzimmer ein Bild hänge, das unter anderem Antoinette zeigt, und Françoise antwortet, dass Antoinette eine 1943 verschwundene Tante von ihr wäre.Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 111. Während des Gesprächs zwischen Françoise Simon und Paul Goullet dringt die Polizei bei Françoise ein und verhaftet sie.Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 112–114. Paul sucht Hélène in dem Lokal, wo er sie zuerst gesehen hat, doch auch dort ist die Polizei.Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 115. Ein Freund von Hélène bringt Paul zu einer Widerstands-Gruppe, der auch Hélène angehörtTukur, Der Ursprung der Welt, S. 130–133. und die sich aufgrund der perfektionierten digitalen Überwachung entschlossen hat, künftig im „analogen Raum“ zu agieren.Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 134. Paul erfährt, bei dem Françoise ausgehändigten Brief hätte es sich um das Schreiben eines nach dem Verbot seiner Zeitung untergetauchten Libération-Journalisten gehandelt,Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 135. und soll abermals den Kurier spielen: Ein Brief müsse nach Perpignan.Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 136. Ehe Paul nach Perpignan abreist, durchsucht er mit Hélène Françoises Wohnung, findet einen Umschlag mit gleichem Inhalt wie dem jenes Umschlags, den er als Kind gefunden hatte: das Bild Der Ursprung der Welt in Postkartenform und, ebenso wie damals, als er es nicht zu deuten wusste, das Foto eines gutgelaunten Prosper Genoux an der Seite einer bewusstlosen Frau. „Bei der Frau […] handelte es sich um Antoinette“.Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 149. Auf der Postkarte mit dem Ursprung der Welt steht hinten: „Ich warne Dich!“,Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 150. und adressiert ist der Brief an Françoises Bruder, den inzwischen verstorbenen Kriminalkommissar Georges Simon:Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 148. Genoux „drohte Georges Simon, er würde seiner Schwester [Antoinette] sexuelle Gewalt antun […]. Aber was genau hatte ihm Simon getan?“Tukur, Der Ursprung der Welt, S. 150–151.