mini|Ruth Weiss (2022 in Fürth) Ruth Weiss (* 26. Juli 1924 in Fürth; † 5. September 2025 in Ålborg) war eine deutsche Wirtschaftsjournalistin und Schriftstellerin. Ab Juni 2020 war sie Ehrenpräsidentin des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland.

Biografie Kindheit mini|hochkant|Ruth Weiss zwischen Alexander Mayer und Andrei S. Markovits vor ihrem Geburtshaus in Fürth (von Mayer angebrachte Gedenktafel rechts oben), Juli 2022 Ruth Weiss wurde 1924 als Ruth Löwenthal in der Theaterstraße 17 in Fürth geboren. 1927 ging die Familie bis 1931 nach Hamburg, anschließend nach Rückersdorf bei Nürnberg und zwei Jahre später zurück nach Fürth, wo sie wieder in ihrem Geburtshaus bei den Großeltern wohnte. In dem Haus hatte einige Jahrzehnte zuvor auch Jakob Wassermann gelebt (Gedenktafel). Es liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Geburtshaus von Henry Kissinger, der mit ihrer Schwester Margot (geb. 8. Januar 1923) in dieselbe Schulklasse ging. Besonders prägend in jener Zeit war für sie ihr Großvater Max Meyer Cohen, ein Cohen.

In der traditionsreichen jüdischen Gemeinde von Fürth besuchte sie regelmäßig die strenggläubigste Synagoge, die Klaussynagoge, und genoss die religiösen Rituale zu Festtagen wie den Aufbau der Laubhütte durch ihren Großvater im Hof der Theaterstraße 17. Ihren festen Glauben verlor sie später, bezeichnete ihn jedoch als identitätsstiftend. In der Buchbinderei des Großvaters lernte sie früh lesen.Ruth Weiss: Wege im harten Gras. Erinnerungen an Deutschland, Südafrika und England. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1994, ISBN 3-87294-622-6, S. 16 f., 20 ff., 30. Unmittelbar nach der „Machtergreifung“ durch Adolf Hitler wurde sie als damals Achtjährige mit einer schlagartig veränderten Lebenssituation konfrontiert: Mitschüler und Lehrer ignorierten sie von einem Tag auf den anderen, auch tätliche Angriffe mussten sie und ihre Schwester Margot erdulden.Ruth Weiss: Wege im harten Gras. Erinnerungen an Deutschland, Südafrika und England. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1994, ISBN 3-87294-622-6, S. 17 f., 29.

1936 folgte die Mutter mit den beiden Töchtern dem bereits emigrierten Vater via Hamburg mit dem vorletzten Flüchtlingsschiff, dem Frachtschiff Tanganjika der Woermann-Linie, nach Südafrika. Juden waren in Südafrika nicht willkommen, die Stuttgart, das dann letzte Flüchtlingsschiff mit 500 Juden an Bord, wurde im Hafen von der Ossewabrandwag mit „Juden raus!“-Rufen empfangen. In Mayfair bei Johannesburg (nahe Parktown) betrieb die – inzwischen geringfügig umbenannte – Familie Loewenthal ein Lebensmittelgeschäft.Ruth Weiss: Wege im harten Gras. Erinnerungen an Deutschland, Südafrika und England. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1994, ISBN 3-87294-622-6, S. 13 ff.Alexander Mayer: Erste Gedenktafel für Ruth Weiss in Fürth (PDF; 720 kB). Rundbrief Nr. 101 vom 13. Juni 2021. (Abruf: 10. Juli 2021).Ruth Weiss: „Ich lebte auf gepackten Koffern“. Interview: Christian Staas. In: Die Zeit Nr. 30/2024 vom 16. Juli 2024.Ruth Weiss: Wege im harten Gras. Erinnerungen an Deutschland, Südafrika und England. Mit einem Nachwort von Nadine Gordimer. Hammer, Wuppertal 1994, ISBN 3-87294-622-6, S. 34 ff.

Leben nach der Auswanderung Unmittelbar nach der Ankunft wurde sie mit der Diskriminierung der farbigen Bevölkerung konfrontiert, selbst das Berühren eines farbigen Kleinkindes führte zu Beschwerden seitens der weißen Nachbarschaft; bald wurde sie als „Kafferboetie“ gebrandmarkt (Afrikaans, in etwa: kleiner Bruder oder Freund eines „Kaffer“; heute ist die Bezeichnung als Hate Speech in Südafrika verboten).Ruth Weiss: Wege im harten Gras. Erinnerungen an Deutschland, Südafrika und England. Mit einem Nachwort von Nadine Gordimer. Hammer, Wuppertal 1994, ISBN 3-87294-622-6, S. 41 f., 52.

Die Eltern konnten aus finanziellen Gründen nur einer Tochter den Besuch der High School ermöglichen. Aufgrund der schulischen Leistungen entschieden sie sich für Ruth. Schwester Margot verließ dagegen als 15-Jährige die Schule, arbeitete als Dekorateurin und heiratete früh. Die Nachfahren leben heute in Australien.Ruth Weiss: Wege im harten Gras. Erinnerungen an Deutschland, Südafrika und England. Mit einem Nachwort von Nadine Gordimer. Hammer, Wuppertal 1994, ISBN 3-87294-622-6, S. 60, 78.

Während ihrer Zeit an der Parktown Girls High School trat sie in die Jugendgruppe der von deutschen Emigranten gegründeten Unabhängigen Kulturvereinigung (UKV) ein, wo sie zunehmend politisiert wurde und ihren späteren Ehemann Hans Leopold Weiss kennenlernte, der zuvor in Deutschland u. a. Redakteur beim Berliner Tageblatt war. Zusammen mit zwei Freunden gab sie die Jugendzeitschrift Molecule heraus. Kurzzeitig war sie Mitglied in der zionistischen Jugendbewegung Habonim.Ruth Weiss: Wege im harten Gras. Erinnerungen an Deutschland, Südafrika und England. Mit einem Nachwort von Nadine Gordimer. Hammer, Wuppertal 1994, ISBN 3-87294-622-6, S. 72, 75 f., 78; Sabine Hasenbach: Ruth Weiss. Meine Schwester Sara. Analyse. Reihe Königs Erläuterungen. Bange Verlag, Hollfeld 2017, ISBN 978-3-8044-3124-9, S. 23; Ruth Weiss, Lutz Kliche: Erinnern heißt Handeln. Mein Jahrhundertleben für Demokratie und Menschlichkeit. Herder, Freiburg/Basel/Wien 2025, S. 96.

Aufgrund ihres guten Schulabschlusses erhielt sie 1941 ein Stipendium, das jedoch nur für die Universitätsgebühren reichte. Eine zusätzliche Anleihe wurde ihr verweigert, weil sie trotz Ausbürgerung nach internationalem Recht immer noch Deutsche sei. Sie arbeitete daraufhin zwei Jahre als Angestellte in einem Rechtsanwaltsbüro, um nebenher Jura zu studieren, wofür sie zunächst erfolgreich eine Lateinprüfung ablegte. In dieser Zeit war sie Mitglied in der sozialistisch-zionistischen Jugendorganisation Hashomer Hatzair. Sie stand unter erheblichen Einfluss von Hans Weiss, der sie vom fünfjährigen Abendstudium abbrachte. Die Beziehung zu Weiss bezeichnete sie später als „eisernes Gefängnis“, sie sei ihm „beinahe hörig“ gewesen. Deswegen und aus politischen Gründen kündigte sie beim Rechtsanwaltsbüro: Mit zunehmender Einarbeitung erkannte sie, dass es an Kreditgeschäften und der Ausbeutung vor allem farbiger Immobilienkäufer beteiligt war. Hans Weiss überredete sie, ab 1944 in der von ihm und seinem Partner Hans Oscar Simon betriebenen Buchhandlung Selected Books zu arbeiten, die ein Treffpunkt der Exilgemeinde und auch einiger Prominenz war. So gehörte zum Beispiel Ernest Oppenheimer zur Stammkundschaft. Die Betreiber gaben jedoch 1948 das Geschäft auf und überließen dessen Abwicklung Ruth Loewenthal, die den Bestand an einen Käufer aus Swakopmund (Namibia) veräußerte. In der ehemaligen deutschen Kolonie war die Nachfrage nach deutschsprachigen Büchern größer, die einen Großteil des Bestandes ausmachten.Ruth Weiss: Wege im harten Gras. Erinnerungen an Deutschland, Südafrika und England. Mit einem Nachwort von Nadine Gordimer. Hammer, Wuppertal 1994, ISBN 3-87294-622-6, S. 78 f., 85 f., 93, 95.Weiss, Hans. In: Ernst Fischer: Verleger, Buchhändler & Antiquare aus Deutschland und Österreich in der Emigration nach 1933: Ein biographisches Handbuch. 2. Auflage. Berlin : De Gruyter, 2020, S. 545.Ruth Weiss, Lutz Kliche: Erinnern heißt Handeln. Mein Jahrhundertleben für Demokratie und Menschlichkeit. Herder, Freiburg/Basel/Wien 2025, S. 96 ff.

Nach weiteren vier Jahren in einem Versicherungsbüro zog sie nach London, arbeitete im Verlag Elek Books und ging nach zwei Jahren zurück nach Südafrika, nun neben ihrer erneuten Tätigkeit als Assistentin in der Versicherung zusammen mit Hans Weiss als Korrespondentin für deutsche Medien, wobei Hans Weiss als Autor genannt wurde. Ihre Berichte über die Verhältnisse in Südafrika fanden zunehmend internationale Verbreitung. Die 1953 geschlossene Ehe mit Hans Weiss zerbrach 1962.Tobias Prüwer: »Judentum heißt Wärme« Schriftstellerin, Anti-Apartheidkämpferin,gläubige Jüdin: Ruth Weiss wird 90. Artikel vom 24. Juli 2014 in Jüdische Allgemeine, online auf www.juedische-allgemeine.de (deutsch).Claus Stäcker: Ruth Weiss - eine deutsch-afrikanische Jahrhundertzeugin. auf www.dw.com (deutsch).Ruth Weiss: Wege im harten Gras. Erinnerungen an Deutschland, Südafrika und England. Mit einem Nachwort von Nadine Gordimer. Hammer, Wuppertal 1994, ISBN 3-87294-622-6, S. 116, 162 f.

Zuvor, 1960, war sie unter eigenem Namen in den journalistischen Beruf eingestiegen. Zwei Jahre lang war sie Business Editor (Wirtschaftsredakteurin) beim Newscheck in Johannesburg. Im Rahmen ihrer journalistischen Tätigkeit fuhr sie am 20. März 1960 mit ihrem Mann und anderen Journalisten nach Orlando und wurde Zeugin der Unruhen, die im Massaker von Sharpeville gipfelten. Am 9. April 1960 wurde sie als Journalistin Zeugin des Attentates auf den südafrikanischen Premierminister Hendrik Frensch Verwoerd.Ruth Weiss: Wege im harten Gras. Erinnerungen an Deutschland, Südafrika und England. Mit einem Nachwort von Nadine Gordimer. Hammer, Wuppertal 1994, ISBN 3-87294-622-6, S. 116, 134 f., 139. Anfang der 1960er Jahre besuchte sie Hörstein, den Heimatort ihres Vaters, und erfuhr dort, dass ihr Onkel und ihre Tante während der Novemberpogrome 1938 an einem Baum im Garten ihres Wohnhauses aufgehängt wurden.Ruth Weiss: Wege im harten Gras. Erinnerungen an Deutschland, Südafrika und England. Mit einem Nachwort von Nadine Gordimer. Hammer, Wuppertal 1994, ISBN 3-87294-622-6, S. 239 ff.; Ruth Weiss, Lutz Kliche: Erinnern heißt Handeln. Mein Jahrhundertleben für Demokratie und Menschlichkeit. Herder, Freiburg/Basel/Wien 2025, S. 170 ff.

1965 ging sie zur Financial Mail, 1966 bis 1968 war sie Bürochefin der Financial Mail in Salisbury im damaligen Rhodesien. Von dort aus ging sie wiederum nach London und arbeitete für den Guardian und den Investors Chronicle. 1971 wurde sie Business Editor bei der Times of Zambia und dortige Korrespondentin der Financial Times. Früh setzte sich Ruth Weiss gegen den Rassismus und die Apartheid in Südafrika ein. Die südafrikanische Regierung setzte sie 1966 auf eine „Schwarze Liste“: Sie bekam Einreiseverbot und hätte bei Zuwiderhandeln persönliche Verfolgung zu befürchten gehabt. Erst 1991 wurde sie wieder von der „Schwarzen Liste“ gestrichen. Sie hatte engen Kontakt zu vielen Führern der afrikanischen Freiheitsbewegungen, so zu Alfred Nzo, Kenneth Kaunda und Tom Mboya. Zur Freilassung von Denis Goldberg stellte sie auf Bitten seiner Frau den Kontakt zu Henry Kissinger her, den sie und ihre Schwester aus ihrer Fürther Zeit kannten. Nelson Mandela lernte sie kurz vor seiner Verhaftung kennen. Sie galt lange als eine der wichtigsten afrikanischen Stimmen gegen Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus. 1968 musste sie auch Rhodesien verlassen, da sie allzu offen berichtete, wie es der Regierung gelang, die UN-Sanktionen zu umgehen.Ruth Weiss: Wege im harten Gras. Erinnerungen an Deutschland, Südafrika und England. Mit einem Nachwort von Nadine Gordimer. Hammer, Wuppertal 1994, ISBN 3-87294-622-6, S. 180, 204, 209; Sabine Hasenbach: Ruth Weiss. Meine Schwester Sara. Analyse. Reihe Königs Erläuterungen. Bange Verlag, Hollfeld 2017, ISBN 978-3-8044-3124-9, S. 10; Ruth Weiss, Lutz Kliche: Erinnern heißt Handeln. Mein Jahrhundertleben für Demokratie und Menschlichkeit. Herder, Freiburg/Basel/Wien 2025, S. 94, 116 f., 120 f.