mini|Stuttgart, Tagblatt-Turm (Bundesarchiv, 1928) Das Projekt Zeitgeschichte war im Kulturamt der Landeshauptstadt Stuttgart angesiedelt und trat in den Jahren 1982 bis 1984 mit der Ausstellungsreihe „Stuttgart im Dritten Reich“ mit insgesamt fünf Präsentationen in öffentliche Erscheinung. Veranstaltungsort aller Ausstellungen war der Tagblatt-Turm in der Eberhardstraße (Kulturzentrum „Kultur unterm Turm“). Die Bedeutung des Projekts ist im Kontext der deutschen Erinnerungskultur und der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und deren Aufarbeitung in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren zu suchen.Manfred Rommel: Geleitwort. In: Chronik der Stadt Stuttgart 1933–1945. Hrsg. von Kurt Leipner. (Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Stuttgart. 30). Klett-Cotta, Stuttgart 1982, S. V–VII.Peter Grohmann: Vorwort für die Herausgeber. In Maria Zelzer: Stuttgart unterm Hakenkreuz. Chronik 1933–1945. Stuttgart 1983, S. 11–13. Es hat in breitem Umfang quellennah zeitgeschichtliche Zusammenhänge auch unter Einsatz der Methoden der Oral History erschlossen und zum Teil medial innovativ in Ton und Film vermittelt. Die fünf Ausstellungen hatten insgesamt ca. 75.000 Besucher zu verzeichnen.

Projektverlauf Im April 1980 wurde der Journalist und Historiker Karlheinz Fuchs (1943–2022)Jan Sellner: Sternstunden der Erinnerungskultur. Zum Tod des Historikers und Journalisten Karlheinz Fuchs. Stuttgarter Nachrichten. 6. Juli 2022. im Rahmen eines Werkvertrags damit betraut, eine stadtgeschichtliche Sammlung mit dem besonderen Schwerpunkt 20. Jahrhundert einzurichten und vor allem die Aufbereitung des Materials in Form zeitgeschichtlicher Ausstellungen und sie begleitender Publikationen und Veranstaltungen zu bewerkstelligen. Neben Karlheinz Fuchs waren die Historiker Bernd Burkhardt und Walter Nachtmann und zahlreiche freie Mitarbeiter für das Projekt tätig. Burkhardt war durch seine Mühlacker-Studie ausgewiesenBernd Burkhardt: Eine Stadt wird braun. Die nationalsozialistische Machtergreifung in der schwäbischen Provinz. Mit einem Geleitwort von Heinrich August Winkler. (= Reihe historische Perspektiven. 15). Hoffmann und Campe, Hamburg 1980. ISBN 3-455-08838-4., Nachtmann befasste sich auch über das Projekt hinausWalter Nachtmann: Aufstieg und Fall des Dr. Karl Strölin. Stuttgarts NSDAP-Oberbürgermeister. In: Anpassung, Widerstand, Verfolgung. Die Jahre von 1933 bis 1939. Stuttgart 1984, S. 33–49. mit einer Biographie des Stuttgarter Oberbürgermeisters Karl Strölin.Walter Nachtmann: Karl Strölin. Stuttgarter Oberbürgermeister im "Führerstaat". Silberburg-Verlag, Tübingen 1995. ISBN 3-87407-210-X. Sie führten umfangreiche Materialrecherchen durch und interviewten eine Reihe wichtiger Zeitzeugen. Der Grafiker Michael Molnar wurde in freier Mitarbeit für die Ausstellungsgestaltung und -realisierung verpflichtet, ebenso wirkte die Kulturwissenschaftlerin Claudine Pachnicke mit. Ein im März 1982 erfolgter Aufruf von Oberbürgermeister Manfred Rommel an die Bevölkerung zur Mitarbeit hatte eine große Resonanz.

Noch während der Laufzeit der fünften Ausstellung wurde das Projekt Zeitgeschichte aus finanziellen und tarifrechtlichen Gründen mit dem Auslauf der bestehenden Zeitverträge zum 31. März 1984 abgebrochen. Eine gründliche Dokumentation der ganzen Leihgaben unterblieb so. Das im Kulturamt verbliebene Schriftgut wurde 1987 an das Stadtarchiv Stuttgart weitergereichtStadtarchiv Stuttgart, Nichtamtliche Unterlagen, Sonstiges, Bestand 1037 – Projekt Zeitgeschichte Archivführer., nachdem Fritz Richert 1986 nach achtjähriger Tätigkeit als Leiter des Kulturamts ausgeschieden war. Eine ursprünglich als Abschluss der Reihe vorgesehene Ausstellung über Stuttgart im Zweiten Weltkrieg wurde zur 50. Wiederkehr des Kriegsausbruchs im Jahre 1989 nachgeholt und unter der Leitung der Historikerin Marlene P. Hiller von der Bibliothek für Zeitgeschichte erarbeitet.Marlene P. Hiller: Stuttgart im Zweiten Weltkrieg. Katalog. Ausstellung vom 1. September 1989 bis 22. Juli 1990. Eine Ausstellung des Projekts Stuttgart im Zweiten Weltkrieg, „Kultur unterm Turm“. Veranstalter Landeshauptstadt Stuttgart; Bibliothek für Zeitgeschichte, Stuttgart. Bleicher, Gerlingen 1989. ISBN 3-88350-489-0 (Inhaltsverzeichnis PDF).

Intention

Ausstellungszyklus „Prolog“ Die erste Ausstellung „Prolog. Politische Plakate der späten Weimarer Republik“ wurde am 13. August 1982 mit einem Vortrag von Eberhard Jäckel zum Thema „Nähe und Ferne der Hitler-Zeit“ eröffnet und bis zum 12. Januar 1983 gezeigt. Im Vorwort zum Ausstellungskatalog befasste sich Manfred Rommel mit dem Untergang der Weimarer Republik und bekannte sich zu folgenden Aussagen:

Für die Ausstellung konnte auf die umfangreichen Plakatbestände der in Stuttgart ansässigen, damals von Jürgen Rohwer geleiteten Bibliothek für Zeitgeschichte zurückgegriffen werden. Fünf von Bernd Burkhardt verfasste politische Lebensläufe aus dem Stuttgart vor der Machtergreifung befassten sich mit Clara Zetkin, Kurt Schumacher, Reinhold Maier, Eugen Bolz und Wilhelm Bazille. 81 der gezeigten Plakate wurden im Detail erläutert und im Katalog verkleinert faksimiliert. Für die einzelnen Abdrucke wurden wenn möglich in der Masse gefärbte Tonpapiere verwendet, deren Erscheinungsbild weitgehend den ursprünglichen Plakatpapieren entsprach.

Eine Nachbemerkung im Katalog macht deutlich, dass in selbigem nur eine Auswahl der Präsentation zum Zuge kommen konnte, und benennt die ausschlaggebenden Kriterien: „Der Plakatteil enthält etwa die Hälfte der in der Ausstellung gezeigten Stücke. Für die Auswahl war vor allem der Stuttgart-Bezug entscheidend. So fehlen im Plakatteil weitgehend die Exponate zu den Adressaten-Gruppen wie Arbeiter, Mittelständler, Christen, Frauen etc., die in der Ausstellung in Verbindung mit den Zwanziger-Jahre-»Typen« des Fotografen August Sander zwar eine synoptische Einheit bilden, sich aber als Komplexe im Katalog kaum hätten vermitteln lassen. Die Dokumentation der Stuttgarter Wahlkämpfe von 1930 bis 1933 hat deshalb die Auswahl für den Katalog bestimmt.“Prolog, politische Plakate der späten Weimarer Republik. Stuttgart 1982, S. 222. Auf welche Fotografien aus Sanders Werk Menschen des 20. Jahrhunderts zurückgegriffen wurde, ist im Ausstellungskatalog nicht benannt.

Zwei weitere Beiträge von Walter Nachtmann (Wahlkampfmittel und Wahlkämpfe in Stuttgart 1928–1933) und Thomas Schnabel (Von Bazille bis Mergenthaler. Parteien und Wahlen in Württemberg 1928–1933) verknüpften die Stuttgarter politischen Auseinandersetzungen mit den landeshistorischen Verhältnissen im Volksstaat Württemberg.

„Völkische Radikale in Stuttgart“ Die Begleitausstellung „Völkische Radikale in Stuttgart. Zur Vorgeschichte und Frühphase der NSDAP 1890–1925“ wurde am 12. November 1982 eröffnet und ebenfalls bis zum 12. Januar 1983 gezeigt. Jürgen Genuneit (1943–2022)Marion Döbert: Nachruf Jürgen Genuneit. (Online Online) verfolgte die Ursprünge antisemitischer Politik in Stuttgart und befasste sich mit dem Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund. Er gelangte zu der Feststellung, dass Stuttgart unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg „dabei zeitweise die Rolle eines Vorreiters, eines Experimentierfeldes und einer organisatorischen Drehscheibe für Ausbreitung des Antisemitismus“ zufiel.Jürgen Genuneit: Völkische Radikale in Stuttgart. Projekt Zeitgeschichte im Kulturamt, Stuttgart 1982, S. 44.

Die Ausarbeitungen von Jürgen Genuneit stießen international auf sehr positive Resonanz: „Like many German cities during the early 1980s, Stuttgart organized an impressive exhibition on the nazi movement. The accompanying 'Ausstellungskataloge' contain solid collections of documents, pictures and narratives on right-wing radicalism in Stuttgart from 1890 to 1945. One of the best is Jurgen Genuneit […].“Johnpeter Horst Grill: Local and Regional Studies on National Socialism. A Review. In: Journal of Contemporary History, 21 (1986). (2), 253-294, Anm. 39.

„Die Machtergreifung“ Die Ausstellung „Die Machtergreifung. Von der republikanischen zur braunen Stadt“ wurde am 28. Januar 1983 im Großen Sitzungssaal des Stuttgarter Rathauses mit einer Ansprachen von Oberbürgermeister Manfred Rommel eröffnet. Dann wurde die Dokumentation „Was erfuhren die Stuttgarter über den 30. Januar 1933 und wie reagierten die Zeitungen?“ präsentiert. Anschließend wurde zur Ausstellungs-Besichtigung im Zentrum „Kultur unterm Turm“ eingeladen.

Die räumliche Struktur der Ausstellung lässt sich einer Grafik im Begleitblatt zur Ausstellung entnehmen. Es sind die Bereiche „Die Stadt“, „Die republikanische Szene“, „Die Jugend“ und „Die Machtergreifung“ ausgewiesen. Zudem ist die Fläche der Begleitausstellung ausgewiesen sowie ein Kinodrom. Hierzu findet sich folgende Erläuterung: „Das »Kinodrom« wird im März mit einer Filmdokumentation zum Reichsturnfest 1933 in Stuttgart eröffnet. Als Begleitausstellung ist noch bis Mitte März die Dokumentation »Völkische Radikale in Stuttgart. Zur Vorgeschichte und Frühphase der NSDAP 1890–1925« zu sehen.“Landeshauptstadt Stuttgart, Projekt Zeitgeschichte. Stuttgart im Dritten Reich. Eine Zeitung zur Ausstellung „Die Machtergreifung. Von der republikanischen zur braunen Stadt“ (29. Januar bis 29. Mai 1983).

„Friedrich Wolf“ Die damals an der Universität Stuttgart tätigen Literaturwissenschaftler Michael Kienzle und Dirk Mende trugen zur Ausstellungsreihe „Stuttgart im Dritten Reich“ die Begleitausstellung „Friedrich Wolf. Die Jahre in Stuttgart 1927–1933, ein Beispiel“ bei. Sie wurde vom 9. Juli bis zum 13. November 1983 gezeigt. Der Arzt, Schriftsteller, Jude und Kommunist Friedrich Wolf, eine der „populärsten, meistübersetzten und umtriebigsten Figuren des Kulturlebens der Weimarer Republik“Michael Kienzle und Dirk Mende: Friedrich Wolf, Projekt Zeitgeschichte im Kulturamt, Stuttgart 1983, S. 8. wird als der bedeutendste Literat und Arzt charakterisiert, der in jenen Jahren in Stuttgart gelebt hatte. Dessen Schauspiel Der arme Konrad. Tragödie aus der Bauernrevolte 1514 war 1924 im Stuttgarter ChronosverlagReinhard Würffel: Lexikon deutscher Verlage von A–Z. Verlag Grotesk, Berlin 2000, S. 139–140. erschienenMichael Kienzle und Dirk Mende: Friedrich Wolf, Projekt Zeitgeschichte im Kulturamt, Stuttgart 1983, S. 49., und die Uraufführung war am 14. Februar 1924 im Württembergischen Landestheater in Stuttgart erfolgt.Michael Kienzle und Dirk Mende: Friedrich Wolf, Projekt Zeitgeschichte im Kulturamt, Stuttgart 1983, S. 52. Richard Döcker errichtete für die Familie Wolf ein Haus im Stil der Weißenhofsiedlung, wo 1929 die Praxis für „Naturheilkunde & Homöopathie“ eröffnet wurde.Michael Kienzle und Dirk Mende: Friedrich Wolf, Projekt Zeitgeschichte im Kulturamt, Stuttgart 1983, S. 39. Im Rahmen der Marxistischen Arbeiterschule sprach Wolf im der Volksbildung dienenden Gustav-Siegle-Haus über „Geburtenregelung und Sozialhygiene“Michael Kienzle und Dirk Mende: Friedrich Wolf, Projekt Zeitgeschichte im Kulturamt, Stuttgart 1983, S. 162., während sein dem Thema Schwangerschaftsabbruch gewidmetes Theaterstück Cyankali in Stuttgart drei ausverkaufte Aufführungen erlebte.Michael Kienzle und Dirk Mende: Friedrich Wolf, Projekt Zeitgeschichte im Kulturamt, Stuttgart 1983, S. 136.

Die Fülle der im Katalog abgedruckten Plakate, Zeitungsausschnitte und Briefe sowie der Grafiken von Conrad Felixmüller lassen den Reichtum der 1983 gezeigten Begleitausstellung erahnen. Einen bedeutenden Beitrag hierzu leistete das Friedrich-Wolf-Archiv, Lehnitz, der Akademie der Künste der Deutschen Demokratischen Republik.

„Anpassung – Widerstand – Verfolgung“ Die Ausstellung „Anpassung – Widerstand – Verfolgung. Die Jahre 1933 bis 1939“ lief vom 23. März bis zum 22. Dezember 1984. In einer Einleitung zum letzten Ausstellungskatalog der Ausstellungsserie „Stuttgart im Dritten Reich“ gelangte Karlheinz Fuchs zu diesem Resümee: