Der Air-India-Flug 171 war ein Passagierlinienflug der Air India vom Flughafen Ahmedabad in Indien zum Londoner Flughafen Gatwick. Am 12. Juni 2025 stürzte auf diesem Flug eine Boeing 787-8 mit 230 Passagieren und 12 Besatzungsmitgliedern kurz nach dem Start ab. 241 Flugzeuginsassen und 19 Personen am Boden kamen ums Leben. Es handelt sich um den ersten Absturz und den ersten Totalverlust einer Boeing 787 seit ihrer Einführung im Jahr 2011. Gemäß dem vorläufigen Unfallbericht des indischen Aircraft Accident Investigation Bureau (AAIB) am 12. Juli 2025 führte ein Schubverlust aufgrund kurzzeitig ausgeschalteter Treibstoffzufuhr zu dem Absturz. Die Flugunfalluntersuchungen werden fortgesetzt, um Ursache und Verlauf genauer zu klären.
Der Abschlussbericht soll im Oktober 2026 veröffentlicht werden.
Flugzeug mini|Die verunglückte Boeing 787 (2024)
Die abgestürzte Boeing 787-8 (Luftfahrzeugkennzeichen VT-ANB und Seriennummer 36279) war die 26. gebaute Boeing 787. Sie absolvierte ihren Erstflug am 14. Dezember 2013 und wurde am 28. Januar 2014 an Air India ausgeliefert. Das Flugzeug wurde von zwei Triebwerken des Typs GEnx-1B70 angetrieben, die 27.800 bzw. 33.400 Betriebsstunden aufwiesen. Insgesamt kam der Jet in seinen knapp 12 Betriebsjahren auf über 41.800 Flugstunden. Die Passagierkabine hatte 18 Sitze in der Business- und 238 Plätze in der Economy-Klasse. Die Boeing war mit zwei Aufzeichnungsgeräten ausgestattet, in denen Flugdatenschreiber und Stimmenrekorder vereint sind, sog. Enhanced Airborne Flight Recorders (EAFR).
Ablauf mini|Video zum Startvorgang, aufgezeichnet von einer Überwachungskamera am Flughafen
Die betankte Boeing 787-8 hob um 13:39 Uhr Ortszeit (08:08:39 UTC) vom Flughafen Ahmedabad von Startbahn 23 ab (213 t Startgewicht, bei 54 t Kerosin). Sie nutzte dabei die volle Startbahnlänge von 3,5 km. Die Außentemperatur betrug 37 °C und der Luftdruck 1001 hPa bei bis zu 7 Knoten Wind aus Westsüdwest; die Sichtweite lag bei 6 km ohne signifikante Wolkendecke. Auch gab es keinen signifikanten Vogelflug.
Unmittelbar nach dem Abheben () fuhr der Notgenerator aus, eine sog. Ram-Air-Turbine (RAT, dt. Staudruckturbine), die bei Verlust der hydraulischen Flugzeugsteuerung oder Zusammenbruch der elektrischen Energieversorgung automatisch oder manuell aktiviert wird. Drei bis vier Sekunden nach dem Abheben wechselten die Treibstoffschalter beider Triebwerke mit einem zeitlichen Abstand von etwa 1 Sekunde in die „Cutoff“-Position, wodurch die Treibstoffzufuhr beider Triebwerke unterbrochen wurde. Daraufhin verloren diese ihre Leistung und verlangsamten sich innerhalb von rund fünf Sekunden unter die Leerlaufdrehzahl. Der ADS-B-Transponder des Flugzeugs meldete eine erreichte barometrische Höhe von 190 Metern (etwa 130 Meter über Grund) und eine Geschwindigkeit von 322 km/h, bevor der Empfang um 08:08:51 UTC endete. Etwa zehn Sekunden nach dem Ausschalten wurde die Treibstoffzufuhr wieder eingeschaltet. Wegen der niedrigen Flughöhe konnten die Triebwerke nach der erneuten Zündung die notwendige Schubkraft nicht schnell genug wieder aufbauen. Das Flugzeug stürzte mit noch ausgefahrenem FahrwerkAir India Boeing 787 Accident Probe Reveals Few Clues. In: aviationweek.com, 12. Juni 2025; „Its landing gear remained down throughout the entire flight sequence.“ (englisch). etwa 1,7 km südwestlich der Startbahn während der Essenszeit in ein Mensagebäude des B. J. Medical College, einer medizinischen Hochschule im Stadtviertel Meghani Nagar von Ahmedabad. Der Passagierjet schlug mit waagerecht ausgerichteten Tragflächen und ca. 8 % nach oben gerichteter Nase auf dem Dach auf, wobei das Heck mit dem Leitwerk abbrach. Teile des Flugzeugs fielen auf die hinter dem Mensagebäude liegende Freifläche und beschädigten mehrere Wohngebäude.Video captures moment Air India Ahmedabad-London flight crashed after take-off. In: India Today. 12. Juni 2025, abgerufen am 13. Juni 2026 (englisch). Die Trümmer verteilten sich über eine Fläche von rund 300 m × 120 m und das Kerosin aus den Tanks fing Feuer.
Bei dem Absturz starben 260 Menschen, darunter 241 der 242 Flugzeuginsassen und 19 Menschen am Boden. Ein britischer Passagier überlebte verletzt und konnte das Flugzeugwrack nach dem Aufprall eigenständig verlassen. 67 weitere Personen, Medizinstudenten in den getroffenen Universitätsgebäuden, wurden am Absturzort verletzt.
Tabellarische Übersicht der wichtigsten Vorgänge laut vorläufigem Unfallbericht: Zeit(UTC) Ereignis 08:07:33 Startfreigabe wird erteilt für Startbahn 23. 08:07:37 Das Flugzeug rollt los. 08:08:33 Die Entscheidungsgeschwindigkeit (v1=153 kn) wird erreicht. 08:08:39 Das Flugzeug hebt ab. 08:08:42 Die maximale Geschwindigkeit während dieses Startvorgangs ist jetzt erreicht, sie beträgt 180 kn. Unmittelbar danach wechseln die Kraftstoffschalter von Triebwerk 1 und 2 mit ca. 1 s Abstand von Position RUN auf CUTOFF. ohneAngabe In der Cockpit-Sprachaufzeichnung ist zu hören, wie ein Pilot den anderen fragt, warum er unterbrochen habe (). Der andere Pilot antwortet, dass er dies nicht getan habe. 08:08:47 Die Drehzahl beider Triebwerke fällt unter die Leerlaufdrehzahl ab. Die Ram-Air-Turbine (RAT) beginnt Druck für das hydraulische System zu liefern. 08:08:52 Der Kraftstoffschalter von Triebwerk 1 (links) wird auf RUN zurückgesetzt. 08:08:54 Die Lufteinlassklappe des Hilfstriebwerks (APU) im Heck öffnet sich. 08:08:56 Der Kraftstoffschalter von Triebwerk 2 (rechts) wird auf RUN zurückgesetzt. 08:09:05 Ein Notruf aus dem Cockpit wird empfangen (Mayday). 08:09:11 Die Aufzeichnungen des Flugschreibers stoppen (Aufprall).
Passagiere und Besatzung +Personen an Bord Nationalität Anzahl Passagiere 169 53 7 1 Besatzungsmitglieder 12 Gesamt 242
Zum Zeitpunkt des Unfalls hatte der Flugkapitän rund 15.600 Flugstunden absolviert, davon 8.600 Stunden mit dem Typ Boeing 787 und war auch als Ausbilder qualifiziert. Der Erste Offizier hatte rund 3.400 Flugstunden Erfahrung, davon 1.100 Stunden mit dem Typ Boeing 787. Beide Piloten reisten am Vortag aus Mumbai an, wo sie stationiert waren, und hatten ausreichende Ruhezeiten. Ein Atemalkoholtest vor Beginn des Flugs zeigte keine Auffälligkeiten. Der Copilot übernahm für den Start das Steuer (Pilot Flying) und der Kapitän überwachte das Flugzeug (Pilot Monitoring).
Unter den Toten ist auch der indische Politiker und ehemalige Chief Minister von Gujarat, Vijay Rupani.
Unfalluntersuchung und -folgen Erste Reaktionen und Erkenntnisse mini| Besuch des indischen Premierministers Narendra Modi an der Absturzstelle. Im Bild das Gebäude der Universitätsmensa und das abgerissene Heck des Flugzeugs Noch am Tag des Absturzes kondolierte Boeing durch Präsident und CEO Kelly Ortberg den Hinterbliebenen, bot Air India volle Unterstützung an, dem AAIB ein Boeing-Team als Support und teilte zugleich mit, dass aufgrund der Rechtslage Informationen zu dem Unfall alleinig über das AAIB veröffentlicht werden.Statement by Boeing President and CEO Kelly Ortberg about Air India Flight 171. In: boeing.mediaroom.com, 12. Juni 2025, abgerufen am 7. Juni 2026 (englisch). Air India organisierte Betreuer für die Hinterbliebenen und weitere Hilfsmaßnahmen, zusammen mit dem Mutterkonzern Tata Group eine finanzielle Unterstützung innerhalb weniger Tage und eine Hilfs-Stiftung.Updates on AI171. Press Release. In: airindia.com, 26. Juli 2025, abgerufen am 7. Juni 2026 (englisch).
Am Tag nach dem Absturz schilderte der überlebende Passagier Momente der Katastrophe. So hätte es sich 5–10 Sekunden nach dem Abheben angefühlt, als wäre man in der Luft stecken geblieben. Dann hätte das Licht grün und weiß geflackert und 30 Sekunden nach dem Start hätte es dann ein lautes Geräusch gegeben. Am gleichen Tag wurde auch der erste der beiden redundanten Flugschreiber aus dem Heck der Boeing 787 auf dem Dach des Gebäudes gefunden, in das die Unfallmaschine gestürzt war. Der zweite Flugschreiber wurde zwei Tage später aus dem Trümmerfeld geborgen. Im weiteren Verlauf der Untersuchung konnten 49 Stunden Flugdatenaufzeichnungen von 6 Flügen sowie 2 Stunden Audiomitschnitte gesichert werden. Zudem zeigten verschiedene Videoaufnahmen den Absturzverlauf, wobei eine Tonaufzeichnung auf eine aktive Ram-Air-Turbine hindeutete.
Ebenfalls am 13. Juni besuchte der indische Premierminister Narendra Modi die Absturzstelle und die indische Luftfahrt-Aufsichtsbehörde Directorate General of Civil Aviation (DGCA) ordnete eine vorsorgliche technische Überprüfung aller Boeing 787 der Air India an.
mini|AI-171 kurz nach dem Abheben: Die ausgefahrene RAT ist zwischen den Haupfahrwerken erkennbar Sechs Tage nach dem Unfall wurden erste Ermittlungsergebnisse publik, demnach waren die Landeklappen und andere Steuerflächen korrekt für den Start eingestellt und die Staudruckturbine (engl. Ram-Air-Turbine, RAT) sei beim Aufprall tatsächlich ausgefahren gewesen.
Vorläufiger Unfallbericht und Reaktionen Am 11. Juli veröffentlichte das indische Büro für Flugunfalluntersuchungen (AAIB) den vorläufigen Unfallbericht, in dem festgestellt wurde, dass die Treibstoffzufuhr abgestellt wurde. Der Grund für das Verstellen der Schalter der Treibstoffzufuhr auf die „Cutoff“-Position ist Gegenstand weiterer Untersuchungen. Der Stimmenrekorder dokumentiert, dass ein Pilot den anderen fragte, warum er unterbrochen habe (), worauf dieser antwortete, er habe das nicht getan. Der vorläufige Unfallbericht klärt nicht, ob der Flugkapitän (Pilot Monitoring) den Ersten Offizier (Pilot Flying) fragte oder umgekehrt; eine genaue Analyse der Sprachaufzeichnung kann diese Frage möglicherweise klären; auch bleibt offen, ob sich der Wortwechsel auf das Schalten der Treibstoffzufuhr bezieht, wann er stattgefunden hat.
Der Bericht gibt einen weiteren Überblick über den Stand und Planung der Ermittlung, bspw. dass Untersuchungen des Treibstoffs befriedigend waren oder über den regulären Zustand des Flugzeugs. Er stellt klar, dass zu diesem Zeitpunkt der Untersuchung keine Handlungsempfehlungen für Hersteller oder Betreiber der Triebwerke oder der Boeing 787-8 abgeleitet wurden und dass der Bericht nicht als Grundlage für weitergehende Folgerungen geeignet sei.
mini|Schalter für die Treibstoffzufuhr einer Boeing 787 Dreamliner (unten, Bildmitte) In dem Bericht wird auch eine im Dezember 2018 herausgegebene Mitteilung der US-Luftfahrtbehörde Federal Aviation Administration (Special Airworthiness Information Bulletin) betrachtet: Seit den 1950er Jahren schreiben internationale Standards vor, dass die Schalter zur Deaktivierung der Treibstoffzufuhr gesichert sein müssen, um ein versehentliches Umlegen des Schalters (beispielsweise durch eine ungeschickte Bewegung) zu verhindern. In dieser Mitteilung der US-Luftfahrtbehörde wurde darauf hingewiesen, dass bei einem anderen Boeing-Flugzeugtyp, der Boeing 737, einige fehlerhaft installierte Treibstoffzufuhrschalter vorgefunden worden waren, bei denen sich die Sicherungsvorrichtung gegen unabsichtliches Betätigen gelöst hatte. Aufgrund der Gleichheit im Schalterdesign wurde bei einer Vielzahl von Baureihen empfohlen, den Verriegelungsmechanismus zu überprüfen. Das Problem wurde damals nicht als so gravierend betrachtet, um eine Lufttüchtigkeitsanweisung zu rechtfertigen und die ganze Einheit wurde das letzte Mal 2023 getauscht und seitdem ist kein Defekt des Schalters berichtet worden.
Nachfolgend publik wurden weitere Untersuchungen, ob eine elektrische Fehlfunktion zum Abschalten der Triebwerke geführt haben könnte.
Mitte August 2025 wurde bekannt, dass zahlreiche Familien von Unfallopfern Akteneinsicht nach dem indischen Gesetz über das Recht auf Information eingefordert haben.