Radikal! Künstlerinnen* und Moderne 1910–1950 ist der Titel einer länderübergreifenden Ausstellung zum Einfluss von Künstlerinnen auf die Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und der Beziehung zwischen Gender, Kunst und Moderne, die von September 2024 bis Oktober 2025 nacheinander in den Niederlanden, in Deutschland und in Österreich gezeigt wurde.

Die Ausstellung Die Ausstellung wurde vom 7. September 2024 bis 5. Januar 2025 im niederländischen Museum Arnhem gezeigt, danach vom 8. Februar bis 18. Mai 2025 im Saarlandmuseum – Moderne Galerie in Saarbrücken und war abschließend vom 18. Juni bis 12. Oktober 2025 in der Österreichischen Galerie Belvedere im Belvedere in Wien zu sehen.

Idee und Konzeptentwicklung zur Ausstellung stammte von der mittlerweile im Ruhestand befindlichen Kuratorin am Museum Arnhem, Mirjam Westen, die vorschlug, das Projekt aus der Perspektive unterschiedlicher Museen und Länder zu erarbeiten. Kuratiert wurde die Ausstellung in Zusammenarbeit aller drei Museen von Kathrin Elvers-Švamberk und Meike Lander vom Saarlandmuseum, Evelien Scheltinga vom Museum Arnhem und Stephanie Auer vom Belvedere. Nicht alle Künstlerinnen wurden über die Gesamtlaufzeit in allen drei Museen ausgestellt. Stattdessen wurde in den Häusern eine weitgehend identische Kernausstellung gezeigt, ergänzt um Exponate aus den Sammlungsbeständen der einzelnen Museen. Die lokalen Variationen wurden von den Kuratorinnen der drei Museen gemeinsam festgelegt.

Zur Ausstellung erschien 2024 ein zweisprachiger Katalog in Englisch und Niederländisch mit Beiträgen von Stephanie Auer, Saskia Bak, Kathrin Elvers-Švamberk, Andrea Jahn, Monica Juneja, Meike Lander, Katarina Lozo, Marsha Meskimmon, Stella Rollig, Evelien Scheltinga und Mirjam Westen.

Aufbau und Gliederung Die Ausstellungsräume sind thematisch in verschiedene Bereiche gegliedert, die die „Reflexion von Künstlerinnen über Gesellschaft und Identität bis hin zu ihrem Einfluss und ihrer Prägung auf die abstrakte Kunst der Moderne“ aufzeigen sollen:

Im Abschnitt „Kunst als Akt des Protestes“ ist ein Museumsraum Künstlerinnen gewidmet, die Protestkunstwerke schufen. Unter anderem werden Arbeiten von Alice Lex-Nerlinger gezeigt, die die Folgen des Kapitalismus und harten Arbeitsbedingungen der damaligen Zeit darstellte, „während Milada Marešová und Grethe Jürgens sich auf die künstlerische Darstellung von Armut konzentrierten. Der aufkommende Faschismus war ein wiederkehrendes Thema für Lea Grundig, Friedl Dicker-Brandeis und Jeanne Mammen“. Hanna Nagel, Käthe Kollwitz und Alice Lex-Nerlinger schufen Kunstwerke für das Recht auf Abtreibung und gegen das Abtreibungsverbot. Die Afroamerikanerin Elizabeth Catlett prangerte durch die Darstellung schwarzer Frauen in alltäglichen Situationen den Rassismus an und Alice Neel dokumentierte einen von der Kommunistischen Partei organisierten Protest.

Im Bereich „Experiment-Abstraktion“ werden unter anderem Werke von Sophie Taeuber-Arp, Sonia Delaunay-Terk, Natalja Sergejewna Gontscharowa und Künstlerinnen des Bauhauses ausgestellt, deren Formenvokabular häufig auf der Geometrie basierte und die damit zukunftsweisende Bildkonzepte und „radikale Neuinterpretationen der gesellschaftlichen Wohn- und Kleidungskultur“ schufen.

Der dritte Teil der Ausstellung zeigt im Abschnitt „Neue Realitäten/Neue Identitäten“ die künstlerische Umsetzung der mit der Emanzipation einhergehenden Herausforderungen und Konsequenzen und Bilder zu Körper- und Geschlechter-Identität. Hanna Nagel stellte in ihren Zeichnungen „ungleiche Machtverhältnisse und die Ambivalenz im Zusammenspiel der Geschlechter“ dar. Gertrud Arndt und Grete Stern verwendeten „performative Selbstinszenierungen und die Technik der Fotomontage“, um gesellschaftlich etablierte Rollenbilder zu hinterfragen, Leonor Fini kehrte in ihren surrealistischen Bildern die Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau um. Claude Cahun stellte die binäre Geschlechterordnung in Frage und entwarf ein erweitertes Spektrum möglicher Identitäten jenseits der dominanten Kategorien. Die Werke von Lotte Laserstein und Charley Toorop setzten sich mit dem nackten Körper als einem „Instrument der Selbstbehauptung und Selbstbefragung“ auseinander. Greta Freist stellte sich selbst als fast nackte Tänzerin dar und Trude Fleischmann lichtete die Profi-Tänzerin Claire Bauroff unbekleidet ab.

Am Anfang der Ausstellung sind mehrere abwertende Zitate bekannter Männer zum Kunstschaffen und zur Emanzipation von Frauen auf den Wänden angebracht, darunter von Jean-Jacques Rousseau („Die Frauen lieben im Allgemeinen keine Kunst, kennen sich in keiner aus und haben kein Genie.“), Ernst Guhl, Karl Scheffler („Der Mann steigert seine Natur, wenn er Künstler wird; die Frau verrenkt sie. Denn sie macht sich künstlich männisch, um konkurrenzfähig zu werden.“), Otto Weininger und Adolf Loos.

Individuelle Ausstellungskonzepte der Museen Die Ausstellung im Museum Arnhem begann mit einführenden Räumen, in denen das Museum seine eigene Geschichte reflektierte, indem es die Geschlechterverhältnisse in der Sammlung untersuchte. Dort wurde unter anderem eine der ersten Museumsdirektorinnen in den Niederlanden und frühere Museumsdirektorin Liesbeth Brandt Corstius gewürdigt, die während ihrer Amtszeit sowohl die Ankäufe als auch die Ausstellungen zu 50 Prozent mit Künstlerinnen gestaltete. Neben Katalogen und zeitgenössischen Werken aus der Sammlung des Museums wurden außerdem eine Fotografie von Barbara Bloom aus dem Jahr 1985, die Arbeit Bok von Maria Roosen von 1996 und das Foto Women Falling from the Sky von Melanie Bonajo aus dem Jahr 2006 ausgestellt.

Die Ausstellung im Saarlandmuseum in Saarbrücken zeigt die Werke in neun Themensälen. Die Schau wurde durch die Kulturstiftung der Länder mit 75.000 Euro gefördert.

Die Künstlerinnen Schwerpunkt der Ausstellung ist der Einfluss von Künstlerinnen im Zeitraum 1910 bis 1950 auf die Welt der Moderne im Hinblick auf drei Felder, „in denen Frauen sich ganz besonders mit Pionierleistungen hervorgetan haben: Die Entwicklung abstrakter Formensprachen und deren Übertragung in die Lebenswirklichkeit einer modernen Gesellschaft; der engagierte Protest gegen soziale und politische Missstände; das Infragestellen tradierter Konstrukte von ‚Weiblichkeit‘.“ „Die Künstlerinnen stellten traditionelle Rollenbilder radikal in Frage und thematisierten die Emanzipation in allen Lebensbereichen, zugleich waren nicht wenige Künstlerinnen auch Pionierinnen der Abstraktion“.

Gezeigt werden mehr als 120 Arbeiten von über siebzig Künstlerinnen aus über zwanzig Ländern. Neben Werken von weiblichen Kunstschaffenden wird vereinzelt auch Kunst von nichtbinären Künstlern wie Claude Cahun, Marlow Moss und Anton Prinner gezeigt. Vertreten sind Künstlerinnen aller Kunstströmungen der Jahre 1910 bis 1950, wie Futurismus, Expressionismus, Fotocollage, Abstraktion, Agitprop, Neue Sachlichkeit, Konstruktivismus und Surrealismus. Die Ausstellung umfasst Werke aus den Bereichen Malerei, Textildesign, Skulptur, Druckgrafik, Zeichnung, Fotografie, Film und Konstruktionszeichnungen aus den Beständen der drei Museen, ergänzt mit Leihgaben, wie etwa aus dem Stadtmuseum Berlin.

Künstlerinnen in der Ausstellung:

Medienresonanz und Einordnung Die Kunsthistorikerin Mirjam Deckers befand in der niederländischen Kunstzeitschrift De Witte Raaf, dass trotz der großen Varietät der Künstlerinnen die Ausstellung den „Charakter einer Kostprobe“ behielte, der der „nötige Kontext und die nötige Tiefe fehlten. Abgesehen von den Texttafeln, die die Themen einführen, und einigen wenigen Zitaten“ würden zu wenig Informationen zu Künstlerinnen und Werken bereitgestellt und die Verbindungen und Kontakte zwischen ihnen würden nicht dargestellt. Verwirrend sei zudem, dass einige im Katalog aufgeführte Künstlerinnen nicht in der Arnheimer Ausstellung zu sehen sind. Sie bewertete den ersten Teil der Arnheimer Ausstellung, der die Geschlechterverhältnisse in der Sammlung des Museums untersucht, als am radikalsten, da er zeige, „wie entscheidend die Rolle von Museen und kunsthistorischen Instituten für die Sichtbarkeit“ von Künstlerinnen ist, während die Ausstellung „eher eine ausführliche Einführung“ als einen Überblick gebe.

Ähnlich äußerte sich Xandra Schutte, Chefredakteurin des De Groene Amsterdammer, die meinte, die Ausstellung sei so vielfältig, und die Erklärungen zu den Künstlerinnen seien so knapp, „dass es schwierig ist, eine Geschichte über die weibliche Moderne zu schreiben“, während der Katalog die Intention besser verdeutliche und darauf eingehe, dass Künstlerinnen im Kunstkanon weniger Aufnahme gefunden hätten als ihre männlichen Kollegen.

Auch Anna van Leeuwen schrieb im De Volkskrant, das Museum Arnhem folge der Strategie „Zeigen, nicht erzählen“, um eine alternative Geschichte der Moderne mit Frauen in den Hauptrollen zu bieten, wodurch einordnende Informationen zu begrenzt blieben. Es konzentriere „sich auf Künstlerinnen, erklärt aber nicht, was sie so radikal macht“. Bis auf eine ausführliche Zeitleiste zur Geschichte und Emanzipation der Frauen im vorderen Ausstellungsbereich werde im weiteren Verlauf wenig weiterführende Information gegeben.

Dieser Einschätzung folgte auch Joke de Wolf in Trouw, die die Kürze der Werkbeschreibungen und Hintergrundinformationen bemängelte und den umfangreichen „Katalog mit Fachtexten für den allgemein interessierten Besucher nicht hilfreich“ fand. Trotz eines langen Banners „mit Fakten zur Geschichte des Feminismus, der Frauenrechte und der Kunstgeschichte in verschiedenen Ländern“ fehle der Kontext zum Leben der einzelnen Künstlerinnen.

Die Redakteurin für Bildende Kunst Toef Jaeger vom NRC Handelsblad äußerte sich gleichlautend, lobte aber, dass die Ausstellung „sowohl die abstrakten als auch die realistischen Ausdrucksformen des Protests“ zeige und durch die Präsentation von Werken, die außerhalb Europas entstanden sind, „die eurozentrische Sichtweise, auf der der Kanon der Moderne lange Zeit basierte, positiv“ ergänze, auch wenn diese teils den selbst gesetzten Zeitrahmen überschritten.

Dies merkte auch Wibke Weishaupt in Kunst+Film positiv an und schrieb, die Ausstellung überschreite „den geläufigen europäisch-nordamerikanischen Kanon und bezieht auch nichtwestliche Künstlerinnen mit ein“. Sie hob zudem lobend hervor, dass die Ausstellung „als beeindruckend vielfältige Tour d’horizon voller Originalität“ die wegweisende Leistung von Frauen in allen Avantgarde-Strömungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeige. Sie übte jedoch Kritik am „vollmundigem Verbalradikalismus“ und dem „Furor, mit dem diese Themenschau Künstlerinnen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts rehabilitieren will. Dass Frauen erst nach 1900, in manchen Ländern sogar erst nach dem Ersten Weltkrieg zu Kunsthochschulen zugelassen wurden; dass man sie dort häufig in nachrangige Kunsthandwerks-Disziplinen abdrängte; dass es ihnen nach ihrem Abschluss meist schwerer als männlichen Konkurrenten fiel, Galeristen und Sammler auf sich aufmerksam zu machen; dass sie oft nicht die ersehnte Anerkennung erhielten“, sei bekannt und beschrieben worden. Jeroen de Baaij befand in Kunstvensters, die „Gemälde in der Ausstellung sind wegen ihrer hohen Qualität interessant, nicht weil sie jahrhundertelang in Vergessenheit geraten sind“.

Die SR-Kultur-Redakteurin Barbara Renno lobte, dass die Ausstellung nicht nach Epochen kuratiert worden sei, sondern ganze vier Jahrzehnte abbilde sowie die große Bandbreite an Künstlerinnen, die Themenvielfalt der Werke und die enzyklopädische Aufmachung des Katalogs. Auch die Kulturredakteurin der Saarbrücker Zeitung Cathrin Elss-Seringhaus merkte an, die Ausstellung halte „tatsächlich neue Positionen in einer Stilrichtung bereit, die man nur zu gut zu kennen meint“.

Werke in der Ausstellung