mini|Dimităr Kudoglu (Aufnahme von Pascal Sébah, Konstantinopel 1886) Dimităr Petrow Kudоglu (, * 21. August 1862 in Gabrowo bei Xanthi, Osmanisches Reich; † 7. März 1940 in Plowdiw, Zarentum Bulgarien) war ein bulgarisch-deutscher Tabakgroßhändler und Philanthrop, der seit 1903 in Dresden lebte. Er gilt als einer der größten Spender für wohltätige Zwecke in der Geschichte des modernen Bulgariens.
Eltern und Jugend Dimităr Kudoglu kam am als Kind des Tabakhändlers Petăr ("Petko") Georgiew Kudoglu und seiner Frau Stana, geborene Koruewa, im Dorf Gabrowo bei Xanthi () zur Welt.: , podtepeto.com, 2015 (bulgarisch, Übersetzung: „Der Philanthrop Dimităr Kudoglu“), www.kapana.bg, 2019 (bulgarisch, Übersetzung: „Die Archive erzählen: Am 21. August 1862 wurde Dimităr Kudoglu geboren“) Er hatte sechs Geschwister, von denen jedoch nur seine Schwester Maria () das Erwachsenenalter erreichte., www.economic.bg, 2023 (bulgarisch, Übersetzung: „Der Philanthrop Dimităr Kudoglu“) Zunächst besuchte er die Grundschule seines Heimatdorfes. Später wechselte Dimităr in eine griechische Schule auf der Insel Chios über. Um 1870 trat er in das renommierte französische Knabengymnasium St. Josef () in Konstantinopel ein. Sechs Jahre später schloss er seine schulische Ausbildung mit Auszeichnung ab., daritelite.bg (bulgarisch, Übersetzung: „Dimităr Kudoglu“) Er hatte dort hervorragende Kenntnisse im Finanzwesen erworben. Zudem sprach er neben Bulgarisch fließend Französisch, Deutsch, Griechisch und Türkisch., lostinplovdiv.com (bulgarisch, Übersetzung: „Wer ist Dimitar Kudoglu?“)Maja Lesinska, 2009, S. 132 Seine Schwester Maria blieb in Gabrowo und heiratete Atanas Turdoglu ().
Sein Heimatdorf Gabrowo liegt in Westthrakien an den Südhängen der Rhodopen. Es befindet sich circ. 18 km nordwestlich von Xanthi. Ursprünglich trug es den Namen Klein Gabrowo (). Später entfiel dieser Zusatz und es wurde als Gabrowo bei Xanthi () bezeichnet, um es von der Stadt Gabrowo zu unterscheiden. Nach dem Russisch-Osmanischen Krieg (1877/78) wechselte die staatliche Zuordnung Westthrakiens mehrfach, bis es 1923 im Vertrag von Lausanne Griechenland zugesprochen wurde. Heute trägt das Dorf den Namen Kallithea bei Xanthi (). Es gehört seit 2010 zur Gemeinde Xanthi () im gleichnamigen Regionalbezirk ().
Unternehmerische Aktivitäten Tabakgroßhändler in Gabrowo und Xanthi Nach dem frühen Tod seines Vaters übernahm Dimităr die Leitung des Familienunternehmens in dritter Generation. Den Grundstein dazu hatte sein Großvater Georgi („Jordschu“) Kudew () gelegt.
Die Region um Xanthi war bereits in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein bekanntes Tabakanbaugebiet. Anfang des 19. Jahrhunderts begann Georgi Kudew als einer der ersten Einwohner von Gabrowo, mit Tabak zu handeln.Petăr Koruew, 1984, S. 152 Er eröffnete ein Geschäft und tauschte hochqualitativen Tabak aus Gabrowo sowie aus den umliegenden Dörfern gegen von den Bauern benötigte Waren. Durch den Verkauf des Tabaks gelangte er zu Wohlstand. Um mit seinen türkischstämmigen Konkurrenten gleichzuziehen, erweiterte er seinen Familiennamen um das türkische Suffix „-oğlu“, das der Silbe „-sohn“, „-son“ oder „-sen“ im Deutschen entspricht. Georgi Kudew, nun Kudoglu (), hatte fünf Kinder aus zwei Ehen, die Söhne Petăr (), Kyriakos () und Atanas () sowie die Töchter Mata () und Maria ().Petăr Koruew, 1984, S. 84
Seine Söhne blieben in der Tabakbranche. Sie siedelten nach Konstantinopel über, wo sie sich als erfolgreiche Kaufleute etablieren konnten. Dort kamen sie mit den drei Söhnen des aus Gabrowo stammenden Petăr Koruew in Kontakt, die ihre guten Freunde wurden. Petăr Kudoglu kehrte nach Gabrowo zurück, um den väterlichen Betrieb weiterzuführen. Er schloss mit Stana, der Schwester der Gebrüder Koruew, den Bund der Ehe. Um die Abhängigkeit von Zulieferern zu reduzieren, legte er eine eigene Tabakpflanzung an.Petăr Koruew, 1984, S. 144 Georgis Tochter Stamata („Mata“) ehelichte Mawro Kafaliew (), den Inhaber eines Ladengeschäfts in Gabrowo, das gleichzeitig als Kneipe, Kaffeehaus und Barbierstube diente. Sie hatten fünf Kinder (Dimităr, Georgi, Nikola, Konstantin und Maria).Petăr Koruew, 1984, S. 83 Ihre Söhne wurden später zu treuen Weggefährten ihres Neffen Dimităr Kudoglu.
Dieser verlegte den Firmensitz alsbald von Gabrowo nach Xanthi und eröffnete Filialen in verschiedenen bulgarischen Städten. 1883 kam es im Osmanischen Reich zur Einführung des Tabakmonopols.Petăr Koruew, 1984, S. 143 Danach wandte sich sein Unternehmen der Verarbeitung von Rohtabak zu. XX, plovdivtime.bg, 2021 (bulgarisch, Übersetzung: „Erinnern wir uns an Dimităr Kudoglu – einen der edelsten und würdigsten Bulgaren des 20. Jahrhunderts“) Auf diese Weise gelang es Dimităr schließlich, das Familienvermögen zu vervielfachen.Exhibition for 160 years since the birth of Dimitar Kudoglu, www.visitplovdiv.com, 2022
Durch sein Engagement im Bulgarisch-griechischen Kirchenkampf sowie seine Unterstützung des Bulgarischen Makedonisch-Adrianopeler Revolutionären Komitees hatte sich Kudoglu unwissentlich erbitterte Feinde geschaffen. Während des Ilinden-Preobraschenie-Aufstands im Jahre 1903 fand sich sein Name auf einer Todesliste einer griechischen nationalistischen Gruppe. Mehmet Paşa, ein befreundeter Würdenträger in Xanthi, setzte ihn darüber in Kenntnis. Die osmanischen Behörden organisierten für Dimităr und seine Frau Katherina einen sicheren Transfer nach Kavala. Von dort emigrierten beide per Schiff nach Deutschland.
Tabakgroßhändler in Dresden Das Paar ließ sich in Dresden nieder, das damals als Zentrum des europäischen Tabakhandels galt. Dort gründete Dimităr die Tabakhandelsfirma D. P. Coudoglou. Es vereinfachte seinen Neustart, dass er bereits seit seiner Zeit in Xanthi über gute Beziehungen zu Tabakhändlern in Deutschland verfügte.: , podtepeto.com, 2015 (bulgarisch, Übersetzung: „Wladimir Baltschew: Als der Krieg seinen Geburtsort auslöschte, beschloss der Philanthrop Kudoglu eine neues Dorf für seine Landsleute zu bauen“) Dimitar Kudoglu avancierte schließlich zu einem der reichsten Bulgaren seiner Zeit. 1913 hatten Dimităr und Katherina ihren Wohnsitz im Haus Bürgerwiese 23 in der östlichen Seevorstadt.Adreßbuch für Dresden und seine Vororte 1913, Teil I, Buchdruckerei der Güntzschen Stiftung, Dresden 1913, S. 119 Später erwarb Dimităr die von Heino Otto entworfene Jugendstilvilla Comeniusstraße 16 in der Pirnaischen Vorstadt. 1910 stellte das Ehepaar einen Antrag auf Einbürgerung, dem am 16. Juni desselben Jahres stattgegeben wurde.Kunstverwaltung des Bundes: Achenbach, Andreas – Segelboote bei stürmischer See, kunstverwaltung.bund.de, 2008
1914 eröffnete er eine Filiale seiner Firma in Plowdiw, deren Leitung er seinen Cousins Kafaliew übertrug. Speziell im Ersten Weltkrieg konnte sein Unternehmen riesige Gewinne realisieren.: , newme.bg, 2017 (bulgarisch, Übersetzung: „Leute wie Dimitar Kudoglu werden (anscheinend) nur alle hundert Jahre geboren“) Nach Kriegsende fiel Westthrakien unter französische Verwaltung. 1918 war Dimităr Kudoglu gezwungen, seine Zweigstelle in Xanthi aufzugeben und sämtliche geschäftlichen Aktivitäten nach Plowdiw zu verlagern.: , nula32.bg, 2016 (bulgarisch, Übersetzung: „Namen, die man kennen muss“) Hierbei konnte er sich wieder der Unterstützung seiner Verwandten Georgi Kafaliew und Konstantin Turdoglu versichern.
Zu Beginn der 1920er Jahre begann Dimităr Kudoglu, sich aus dem Wirtschaftsleben zurückzuziehen. Zuerst schloss er die Filialen in Chaskowo und Charmanli. Am 4. Januar 1922 stellte er beim Handelsgericht Plowdiw den Antrag auf Löschung seiner bulgarischen Firma.: , www.economic.bg, 2023 (bulgarisch, Übersetzung: „Der Philanthrop Dimităr Kudoglu“) In den 1930er Jahren erhielt er die Ernennung zum Honorarkonsul des Zarentums Bulgarien. Er erwarb die Villa Comeniusstraße 36, die er als Dienstgebäude nutzte.: , www.sitebulgarizaedno.com, 2010 (bulgarisch, Übersetzung: „Der thrakische Bulgare Dimităr Kudoglu“)
Philanthropische Aktivitäten Obwohl Dimităr Kudoglu in Deutschland lebte, hielt er die Verbindung zu seiner Heimat stets aufrecht. Bei jeder Reise nach Thrakien besuchte er auch das Dorf Gabrowo. 1908–1909 kam es dort zu einer Scharlachepidemie, bei der 60 Kinder den Tod fanden. Als er davon hörte, ließ er in Gabrowo eine Ambulanz einrichten und einen Arzt anstellen. Dimităr Kudoglu übernahm sowohl dessen Gehalt als auch, bei ärmeren Patientinnen und Patienten, die Kosten für deren Medikamente.Maja Lesinska, 2009, S. 132–133: , filibe.com, 2012 (bulgarisch, Übersetzung: „Die Kirche der Gesundheit)“ 1911 erteilte er den Auftrag, sein Vaterhaus zu restaurieren und in eine Schule umzuwandeln. Ein Jahr später sandte er Hilfe für die hungernde türkische Bevölkerung von Xanthi.
Im Zweiten Balkankrieg wurde Gabrowo am 13. Juli 1913 von der griechischen Armee niedergebrannt. Dem größten Teil der Einwohner gelang es, sich drei Tage zuvor in Sicherheit zu bringen. Die Vertriebenen siedelten sich in Bulgarien in verschiedenen Orten an.Petăr Koruew, 1984, S. 97–102 Dimităr stiftete daraufhin erste Hilfsgelder. Die nach Bulgarien geflohenen Menschen versorgte er mit Baumaterial im Wert von über 200.000 Lewa für neue Häuser. Während des Ersten Weltkriegs unterhielt er in Bulgarien Suppenküchen sowie Unterkünfte für Waisen, Kriegsbeschädigte und ältere Menschen.
1920 gründete er die mit 100.000 Lewa dotierte Stiftung „Dimităr Kudoglu“ (). Ihre Einnahmen standen der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften zur Verfügung, um literarische Werke zu veröffentlichen. Auf seinen Wunsch hin wurden die Mittel später für den Kampf gegen Tuberkulose, Säuglingssterblichkeit sowie Haut- und Geschlechtskrankheiten umgewidmet.Maja Lesinska, 2009, S. 134 Nur ein Jahr später eröffnete er die Stiftungen „Iwan Wasow“ () mit 100.000 Lewa, „Zanko Zerkowski“ () mit 50.000 Lewa und „Autonomie der Universität“ () mit 10.000 Lewa. Dem Ministerium für Bildung übergab er 50.000 Lewa., izumitelno.com, 2019 (bulgarisch, Übersetzung: „Der bulgarische Philanthrop, der den Armen 5 Millionen Lewa spendete“)
mini|Haus der Wohltätigkeit und der Volksgesundheit im Jahre 1928 (Aufnahme von S. Nisimow) Sein ambitioniertestes philanthropisches Projekt war der Aufbau eines sozialen medizinischen Zentrums in Plowdiw. Dazu konstituierte sich am 1. Dezember 1926 die Stiftung „Haus für Wohltätigkeit und Volksgesundheit Dimităr Petrow Kudoglu“ (). Die Gebühren für die Behandlungen sollten sich nach dem Gehalt und Vermögen der Patienten und Patientinnen richten. Für ärmere Menschen sollte die Hilfe kostenfrei sein.Maja Lesinska, 2009, S. 136
mini|Lagerhäuser des Tabakhändlers Dimităr Kudoglu (Postkarte aus dem Jahr 1927) Ende 1926 kaufte Dimităr Kudoglu das Hotel „Zar Simeon“ () im Stadtzentrum für 5 Millionen Lewa. Das Gebäude umfasste 45 luxuriös ausgestattete Zimmer auf vier Etagen. Es war vom Architekten Stojko Stojkow () entworfen worden und wurde 1923–1924 errichtet. Die Ausgaben für den Umbau und den Kauf der medizinischen Geräte beliefen sich auf weitere 5 Millionen Lewa. Daneben brachte er zwei Tabaklagerhäuser in Plowdiw im Werte von 15 Millionen Lewa in die Stiftung ein. Sie befinden sich in der Kapitan-Andreëw-Straße 2 und 3 (). Beide Gebäude sind Werke des Architekten Kamen Petkow, die 1909 realisiert wurden. Die damit erzielten Mieteinnahmen sollten zur Deckung der Betriebskosten für die Klinik herangezogen werden.