Pfälzische Rheinauen ist ein Landschaftsschutzgebiet und eines der größten und ältesten Schutzgebiete in Rheinland-Pfalz. Es umfasst in vier größeren Abschnitten etwa 21.000 Hektar entlang des Rheins, erstreckt sich von Berg im Süden bis Bobenheim-Roxheim im Norden und umfasst zahlreiche Gemeinden wie Neuburg, Hördt, Mechtersheim, Altrip und die Städte Wörth, Germersheim, Speyer, Ludwigshafen und Frankenthal.
Im Süden grenzt es an den Bienwald, ein weiteres großes Landschaftsschutzgebiet im Landkreis Germersheim. Im Norden grenzen die Pfälzischen Rheinauen direkt an das Landschaftsschutzgebiet Rheinhessisches Rheingebiet, dazwischen sind kleinere ausgewiesene Landschaftsschutzgebiete in unmittelbarer Nachbarschaft oder umschlossen, wie z. B. die Kollerinsel am Otterstädter Altrhein.
Die Pfälzischen Rheinauen sind nicht nur ein bedeutendes Natur- und Erholungsgebiet, sondern auch ein Raum, in dem wirtschaftliche und industrielle Aktivitäten stattfinden. Die ländlichen Gegenden sind überwiegend land- und forstwirtschaftlich geprägt, in den urbanen Bereichen hat sich Industrie angesiedelt und es sind wichtige Häfen in die Infrastruktur eingegliedert. Der Schutz dieses sensiblen Ökosystems wird durch eine Kombination aus rechtlichen Vorgaben, behördlicher Kontrolle und naturschutzfachlicher Planung gewährleistet.
Geologie und Lage
Die Pfälzischen Rheinauen sind ein bedeutender Naturraum mit einer einzigartigen geologischen Entwicklung und landschaftlichen Ausprägung innerhalb der Oberrheinebene. Sie prägen die Region ökologisch, hydrologisch und geodynamisch wesentlich. Lage und geologischer Rahmen Die Pfälzischen Rheinauen liegen im südlichen Teil der Oberrheinebene, zwischen der Haardt (Pfälzerwald) und dem Rhein. Entstanden im Quartär (letzte 2,6 Mio. Jahre) durch: Rheingraben-Absenkung Sedimentablagerung durch den Rhein, Nebenflüsse und Auensedimente Wechselflutungen, Laufverlagerungen und Altarmentwicklung Bodenbildung und Substrate Dominierende Sedimente: Kiese und Sande: ehemalige Flussschotter und Hochflutablagerungen Auenlehme: feinkörnige Hochflutlehme in Senken und alten Flutrinnen Torf- und Muddeeinlagerungen: in verlandeten Altarmen und Stillgewässern Geprägt durch grundwassernahe Lagen, periodische Überschwemmung und ständigen geomorphologischen Wandel Naturräumliche Gliederung Laut der naturräumlichen Haupteinheitengliederung Deutschlands gehören die Pfälzischen Rheinauen zu: Haupteinheit 222 – Großlandschaft Nördliches OberrheintieflandUntereinheiten: Mannheim-Oppenheimer Rheinniederung (222.1) Speyerer Rheinniederung (222.2) Maxauer Rheinniederung (222.3) Charakteristisch sind: Flache Reliefs (nahezu eben) Starke Kleinteiligkeit der Biotopstruktur Unterschiedliche Grundwasserniveaus und periodische Überschwemmungen Wechsel von Feuchtgebieten, Wiesen, Altwässern und Hartholzauen
Geschichte und geologischer Nutzen Die Pfälzischen Rheinauen zeichnen sich durch eine reichhaltige Lagerung von Kiesen, Sanden und Auenlehmen aus, die durch den Rhein im Verlauf des Quartärs abgelagert wurden. Diese Sedimente stellen bedeutende geologische Ressourcen dar und wurden ab dem frühen 20. Jahrhundert wirtschaftlich genutzt.
Der industrielle Kies- und Sandabbau begann im größeren Stil in den 1920er-Jahren, insbesondere in den Bereichen Germersheim, Sondernheim, Hördt und Leimersheim. Der Ausbau der Abbaukapazitäten erfolgte verstärkt nach dem Zweiten Weltkrieg im Zuge des Wiederaufbaus und der zunehmenden Nachfrage aus der Bauwirtschaft. Unternehmen wie die Kieswerke Sondernheim und Pfälzer Kies Union prägten dabei das Landschaftsbild der Region.
Im Zuge der Rohstoffgewinnung entstanden zahlreiche Baggerseen, die heute vielfach als Naherholungsflächen, Angelgewässer oder Teil von Naturschutzgebieten genutzt werden. Zu den bekannten Folgegewässern zählen der Sondernheimer Baggersee, der Leimersheimer See und der Jockgrimer Baggersee. Viele dieser Flächen wurden seit den 1990er-Jahren renaturiert oder in ökologische Ausgleichsprojekte eingebunden, etwa im Rahmen von LIFE-Natur-Initiativen oder dem Natura-2000-Netzwerk.
Ergänzend zum Kies- und Sandabbau spielte im Gebiet der Pfälzischen Rheinauen auch der Tonabbau eine bedeutende Rolle. Entlang der ehemaligen Flussarme wurden besonders in der Umgebung von Mechtersheim, Sondernheim und Jockgrim hochwertige Tonlager entdeckt, die seit dem 19. Jahrhundert industriell genutzt wurden. Der dort gewonnene Auenton war feinkörnig, gut formbar und daher besonders für die Ziegelproduktion geeignet.
mini|links|Jockgrim, Tongrube, 1936 In Jockgrim entstand ab 1883 mit der Gründung der Ziegelwerke Ludowici eines der größten Ziegeleizentren Europas. Die Firma exportierte Dachziegel – insbesondere den international bekannten „Ludowici-Dachziegel“ – weltweit. Um 1900 beschäftigte das Werk über 1.000 Arbeitskräfte und prägte die wirtschaftliche Entwicklung der Region nachhaltig. Die Tonvorkommen wurden bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ausgebeutet; einige ehemalige Tongruben sind heute rekultiviert oder als Feuchtbiotope Teil von Naturschutzflächen.
Das ehemalige Werksgelände in Jockgrim beherbergt heute die Verbandsgemeindeverwaltung und ein Industrie- und Ziegeleimuseum, das an die Bedeutung des Tonabbaus für die Region erinnert.
Der großflächige Abbau der Rohstoffe hatte allerdings auch hydrologische und ökologische Folgen: Neben Veränderungen des Grundwasserhaushalts kam es zur Zerschneidung naturnaher Auenlandschaften. Seit den 2000er-Jahren ist die Nutzung der Rohstoffe nur noch innerhalb definierter Vorranggebiete erlaubt und unterliegt strengen naturschutzrechtlichen Auflagen. Heute spielen die ehemaligen Abbauflächen auch eine Rolle in der ökologischen Aufwertung der Auenlandschaft, etwa als Ersatzlebensraum für Amphibien und Wasservögel.
Schutzzweck und Bedeutung mini|Weißstorch (Ciconia ciconia) am Altrhein in Neupotz Ziel des Landschaftsschutzgebiets ist der Erhalt der landschaftlichen Eigenart und Schönheit der Rheinauen mit ihren stehenden und fließenden Gewässern, insbesondere der Altrheinarme, naturnahen Wälder, Waldrandbiotope, Lichtungen sowie Feucht- und Nasswiesenbiotope. Der Naturraum der Rheinauen ist geprägt von einer dynamischen Landschaft mit periodischer Überflutung, die wertvolle Lebensräume für spezialisierte Tier- und Pflanzenarten schafft. Diese naturnahen Strukturen machen das Gebiet zu einem bedeutenden Rückzugsraum bspw. für seltene Amphibien, Libellen und Watvögel.
Bedeutung für Biodiversität und Naturschutz Eines der artenreichsten Gebiete in Rheinland-Pfalz Vorkommen zahlreicher Rote-Liste-Arten und prioritärer Lebensräume (gemäß FFH-Richtlinie) Kerngebiet des Natura-2000-Netzes (Vogelschutz- und FFH-Gebiet) Besonders erwähnenswerte Arten sind unter anderem: Biber (Castor fiber), Laubfrosch, Kammmolch Eisvogel (Alcedo atthis), Pirol, Schwarzmilan, Weißstorch (Ciconia ciconia) Schwarzerle (Alnus glutinosa), Blutauge (Comarum palustre), Wassernabel (Hydrocotyle vulgaris) Schmetterlinge, seltene Orchideen
Das Vogelschutzgebiet Wörther Altrhein ist bspw. landesweit bedeutsam für Tauch- und Schwimmenten, der Wörther Rheinhafen ist zeitweilig Schlafplatz von bis zu vier Möwenarten in beträchtlicher Anzahl.
Liste der Schutzgebiete im Bereich der Pfälzischen Rheinauen mini|NSG „Böllenwörth“ bei Otterstadt mini|NSG „Riedried“ im Bienwald mini|VSG „Karlskopf und Leimersheimer Altrhein“ mini|Bruchwald im NSG „Neuhofener Woog“ mini|Schäfersee im NSG „Flotzgrün“ Im Bereich des Landschaftsschutzgebiets „Pfälzische Rheinauen“ sind viele kleinere Flächen als eigenständige Schutzgebiete ausgewiesen. Diese Gebiete umfassen eine Vielzahl von ökologisch wertvollen Feuchtgebieten verschiedener Verlandungsstufen – z. B. Dauerwasserbereiche mit Schwimmblattpflanzen, Schlickflächen, ausgedehnte Schilf- und Röhrichtzonen, so wie Weichholz- und Hartholzauen – und dienen dem Schutz seltener Tierarten und Pflanzenfamilien.
Bei diesen Schutzgebieten handelt es sich um Fauna-Flora-Habitate (FFH-Gebiete) und Vogelschutzgebiete nach EU-Recht, die Naturschutzgebiete in diesem Bereich unterliegen nationalem Recht. Bei manchen der Gebiete überschneiden sich mehrere Schutzstatus, was bedeutet, dass sowohl die nationalen als auch die europäischen Schutzbestimmungen gelten. Für detaillierte Informationen lohnt es sich, die verlinkten Rechtsverordnungen und Datenblätter der jeweiligen Schutzgebiete zur Kenntnis zu nehmen. Schutzvorschriften und Verhalten Landschaftsschutzgebiete sind rechtsverbindlich festgesetzte Gebiete, in denen nach § 26 Abs. 1 BNatSchG „ein besonderer Schutz von Natur und Landschaft erforderlich ist zur Erhaltung, Entwicklung oder Wiederherstellung der Leistungs- und Funktionsfähigkeit des Naturhaushaltes“. Im Landschaftsschutzgebiet gelten daher bestimmte Verhaltensregeln, um die Natur zu schützen. So ist beispielsweise das Verrichten der Notdurft in der freien Natur verboten. Zudem sollten Besucher die Wege nicht verlassen und keine Pflanzen oder Tiere entnehmen. Außerdem gibt es zeitliche Beschränkungen, die die Ausübung des Angel- und Wassersports betreffen.
Naturschutzgebiete
EU-Vogelschutzgebiete
FFH-Gebiete
Siehe auch Liste der Landschaftsschutzgebiete in Rheinland-Pfalz Liste der FFH-Gebiete in Rheinland-Pfalz Liste der EU-Vogelschutzgebiete in Rheinland-Pfalz Liste der Naturschutzgebiete im Rhein-Pfalz-Kreis Liste der Naturschutzgebiete im Landkreis Germersheim
Hochwasserschutz und Landschaftsschutz miniatur|Überflutete Flächen nach dem Hochwasser im März 2021 bei Leimersheim miniatur|Polder Wörth/Jockgrim, Ein- und Auslassbauwerk Der Hochwasserschutz spielt eine zentrale Rolle in den Pfälzischen Rheinauen und ist eng mit dem Landschaftsschutz verknüpft. Das Gebiet fungiert als multifunktionales System, das gleichzeitig dem Naturschutz, der Naherholung und dem Hochwasserschutz dient. Regionale Bedeutung Aufgrund des hohen Schadenspotentials am Oberrhein – allein in Rheinland-Pfalz mehr als 11 Milliarden Euro – hat die Enquete-Kommission des Landtags „Verbesserung des Schutzes vor Hochwassergefahren“ im Jahr 1995 empfohlen, alle rheinland-pfälzischen Hochwasserrückhaltungen schnellstmöglich fertigzustellen und wo immer möglich, zusätzlichen Hochwasserrückhalteraum zu schaffen. Unter Berücksichtigung der möglichen Hochwasserverschärfung durch den Klimawandel werden die Planungen für neue Retentionsräume kontinuierlich vorangetrieben. Geplante Retentionsräume Konkrete Planungen für Hochwasserrückhaltungen gibt es in den Räumen Eich-Guntersblum (im Landkreis Mainz-Bingen) und Hördter Rheinaue. Der Planfeststellungsbeschluss für den Polder Waldsee/Altrip/Neuhofen wird derzeit beklagt. Dass Projekt Deichrückverlegung Petersau-Bannen bei Frankenthal befindet sich in der Planungsphase. Von den geplanten Maßnahmen können auch die Nachbarländer und Unterlieger profitieren.
Technische Schutzmaßnahmen Zur Sicherung der tiefliegenden Gebiete sind verschiedene technische Maßnahmen erforderlich. Schöpfwerke werden benötigt, um die tiefliegenden Gebiete landseits der Deiche bei Rheinhochwasser zu schützen. Führt der Rhein Hochwasser, wird der Mündungsbereich der Nebengewässer – wie in Speyer der Speyerbach – an der Stelle, wo sie den Rheinhauptdeich queren, mit einer Schütztafel abgesperrt. Natürlicher Hochwasserschutz Die natürlichen Auenfunktionen werden gezielt zur Hochwasserminderung genutzt. Früher konnten sich die Hochwasserwellen des Rheins in den breiten Auen „totlaufen“. Umweltschützer fordern daher: „Aus Hochwasser muss wieder Breitwasser werden. Breite Auen sind die beste Hochwasserversicherung.“ Synergien zwischen Natur- und Hochwasserschutz