Die Britisch-indische Beziehungen sind das zwischenstaatliche Verhältnis zwischen dem Vereinigten Königreich und Indien. Das Verhältnis beider Staaten hat eine lange Vorgeschichte: die Britische Ostindien-Kompanie gewann im 17. Jahrhundert Einfluss auf Indien, beginnend in Bengalen nach der Schlacht bei Plassey (1757). In einer Reihe von Kriegen konnte die Kompanie ihre Einflusszone schließlich auf den gesamten indischen Subkontinent ausweiten. Misswirtschaft und Unterdrückung führten schließlich zum Indischen Aufstand von 1857, der von britischen Truppen niedergeschlagen wurde. Danach war Indien ab 1858 eine britische Kolonie. Es wurde als „Kronjuwel des britischen Empire“ bezeichnet und war dessen mit Abstand bevölkerungsreichster Bestandteil. Die Kontrolle über Indien schwächte sich durch den Aufschwung der indischen Unabhängigkeitsbewegung und zwei Weltkriege schließlich ab und 1947 übergaben die Briten die Regierungsgewalt an eine einheimische Regierung. Das britische Erbe beeinflusste Indien jedoch nachhaltig, so ist die englische Sprache heute Amtssprache in Indien und Cricket der Nationalsport. Während des Kalten Krieges versuchte sich Indien von der alten Kolonialmacht zu distanzieren und die politischen Beziehungen mit Großbritannien waren eher kühl, jedoch blieb Indien Teil des Commonwealth of Nations und entsendete zahlreiche Gastarbeiter nach Großbritannien. Nach 1990 haben die Beziehungen deutlich intensiviert und beide Länder unterhalten im 21. Jahrhundert sehr enge politische, wirtschaftliche und kulturelle Kontakte mit einer Zusammenarbeit zunehmend auch auf der strategisch-sicherheitspolitischen Ebene. David Cameron bezeichnete die Beziehungen zwischen dem Vereinigten Königreich und Indien 2013 als eine neue „special relationship“.

Geschichte

Frühe Beziehungen mini|Britisch-portugiesisches Seegefecht bei Suvali (1612) Ein früher englisch-indischer Kontakt wurde in den angelsächsischen Chroniken von 883 n. Chr. erwähnt, wo überliefert ist, dass König Alfred von Wessex Almosen und zwei Boten an den Schrein des Apostel Thomas in Indien geschickt haben soll. Die erste direkte Verbindung zwischen England und dem Mogulreich entstand im frühen 17. Jahrhundert. Königin Elisabeth I. erteilte 1600 der Englischen Ostindien-Kompanie (English East India Company, EIC) ein königliches Handelsmonopol, um in Asien mit Gewürzen, Textilien und anderen Gütern zu handeln. 1608 landeten die ersten englischen Kaufleute in Indien; 1615 entsandte König Jakob I. mit Sir Thomas Roe einen offiziellen Gesandten an den Hof des Mogulkaisers Jahangir, um über Handelsrechte zu verhandeln. Roe hielt sich vier Jahre am Hof auf und erhielt schließlich ein kaiserliches Farmān (Edikt), das den Engländern erlaubte, Handelsniederlassungen (Factories) in Mogulgebieten zu etablieren. In dieser frühen Phase beschränkten sich die Briten auf den Küstenhandel, geschützt durch die Zustimmung lokaler Herrscher. So entstanden im 17. Jahrhundert wichtige britische Handelsstützpunkte in Surat (Gujarat), Madras, Bombay sowie Calcutta.

Die Beziehungen waren vorwiegend kommerziell geprägt und friedlich, sofern die EIC die Oberhoheit der einheimischen Reiche anerkannte. Konkurrenz und Konflikte ergaben sich eher mit anderen europäischen Mächten: 1612 besiegten die Engländer im Seegefecht vor Suvali die Portugiesen und sicherten sich die Gunst der Mogulregierung; bis 1623 setzten sie sich auch gegen die Niederländer durch, die ihren Schwerpunkt fortan auf Südostasien verlagerten. Indische Herrscher gewährten den Engländern Handelsprivilegien, erwarteten im Gegenzug jedoch Unterstützung – etwa durch englische Kriegsschiffe gegen portugiesische Seeräuber. Diese Klientelbeziehungen erlaubten es der Ostindienkompanie, mit der Zeit zu einer wichtigen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Macht auf dem Subkontinent aufzusteigen. Das Mogulreich befand sich nach dem Tod Kaiser Aurangzebs 1707 im zunehmenden Zerfall, was einheimischen und ausländischen Mächten die Expansion ermöglichte.

Wachsender britischer Einfluss auf dem Subkontinent mini|Generalmajor Wellesley befehligt seine Truppen in der Schlacht von Assaye (1803) Mitte des 18. Jahrhunderts nutzte Großbritannien die Machtkämpfe auf dem indischen Subkontinent zu seinen Gunsten. Im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) gerieten die EIC und die französische Compagnie des Indes in einen offenen Kampf um die Vorherrschaft in Indien. Entscheidende Bedeutung erlangte die Schlacht bei Plassey (23. Juni 1757) in Bengalen: Robert Clive führte dort ein EIC-Heer trotz großer numerischer Unterzahl zum Sieg über den Nawab von Bengalen, Siraj-ud-Daulah, und dessen französische Verbündete. Dieses Ereignis gilt als entscheidender Schritt für die Briten, da es der EIC faktisch die Kontrolle über die reiche Provinz Bengalen verschaffte und den Grundstein für die britische Territorialherrschaft legte. In den folgenden Jahren setzte die Kompanie Marionettenherrscher (wie Mir Jafar in Bengalen) ein und sicherte sich vom geschwächten Mogulhof 1765 offiziell das Diwani-Recht auf die Steuererhebung in Bengalen und Bihar. Die enormen Einnahmen aus diesen Provinzen nutzte die Company, um ihre Handelsaktivitäten zu finanzieren und sein stehendes Heer zu unterhalten. Britische Beamte wie Clive häuften dabei großen persönlichen Reichtum an, während Bengalens Wirtschaft ausgeplündert wurde – eine Praxis, die später als „Drain of Wealth“ (Abfluss des Reichtums) kritisiert wurde. Ein Begriff, den der Intellektuelle Dadabhai Naoroji bereits 1867 prägte. mini|Rebellengebiete 1857 Im Laufe des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts dehnte die Ostindien-Kompanie ihren Einfluss durch eine Mischung aus militärischen Eroberungen und Bündnisverträgen systematisch aus. In einer Reihe von Kriegen besiegten die Briten die mächtigsten Regionalreiche Indiens: die Mysore-Kriege (1767–1799) endeten mit dem Tod Tipu Sultans und der Unterwerfung des Sultanats Mysore; die Marathenkriege (1775–1818) führten zur Zerschlagung von Maratha; und in der Punjab gelangte nach den Anglo-Sikh-Kriegen (1845–1849) mit dem Sieg über das Sikh-Reich ebenfalls unter britische Kontrolle. Parallel dazu zwang Generalgouverneur Richard Wellesley um 1800 vielen kleineren Fürstenstaaten sogenannte Subsidiarallianzen auf: Die Fürsten durften formal weiterregieren, mussten aber britische Truppen stationieren und auf eigene Außenpolitik verzichten. 1803 marschierten die Briten in Delhi ein, was häufig als Beginn ihrer Herrschaft über Indien eingestuft wird. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war die EIC zur dominierenden Macht über den gesamten Subkontinent aufgestiegen – teils direkt verwaltet, teils indirekt über Vasallen wurde ein Raum von Burma bis Afghanistan beherrscht. Die letzten unabhängigen Gebiete wurden durch Lord Dalhousie’s Annexionspolitik einverleibt: Seine berüchtigte Doctrine of Lapse nutzte er, um Fürstentümer ohne Thronfolger wie Satara oder Jhansi anzuschließen. Dieses aggressive Vorgehen verletzte vielfach traditionelle Rechte und Privilegien der indischen Eliten (z. B. enteignete man zahlreiche Grundherren und Adlige). Die wachsende britische Vorherrschaft ging somit mit tiefen Eingriffen in die politische und gesellschaftliche Ordnung einher.

Der zunehmende Unmut flammte schließlich im Aufstand von 1857 offen auf. Die Erhebung begann im Mai 1857 als Meuterei indischer Sepoy-Soldaten der Kompanietruppen und weitete sich zu einem flächendeckenden Aufstand in Nord- und Zentralindien aus. Neben dem unmittelbaren Auslöser – der Einführung neuer, mit Tierfett geschmierter Patronen, die religiöse Tabus der hinduistischen und muslimischen Soldaten verletzten – gab es tief liegende Ursachen: Viele Inder empfanden die britische Dominanz und die Entmachtung der angestammten Fürsten und Grundbesitzer als demütigend; es herrschte Verunsicherung durch missionarische Aktivitäten und durch westliche Reformen (etwa Verbote von Witwenverbrennung und Kinderehe), die traditionelle Gesellschaftsstrukturen infrage stellten. Der Aufstand von 1857/58 wurde von den Briten nach blutigen Kämpfen niedergeschlagen. Die britische Regierung in London hatte das Vertrauen in die EIC verloren und löste diese ab August 1858 auf. Mit dem Government of India Act 1858 übernahm der britische Staat direkt die Herrschaft über Indien. Königin Victoria wurde zur Regentin von Indien proklamiert, und ein Vizekönig in Kalkutta trat an die Stelle der EIC-Verwaltung. Damit endete die Ära der Kompanieherrschaft (Company Raj) und die Periode der direkten britischen Kolonialherrschaft begann.

Britisch-Indien

mini|Flagge von Britisch-Indien mini|Verwaltungseinteilung von Britisch-Indien Die Zeit des sogenannten British Raj (1858–1947) war gekennzeichnet durch die feste Eingliederung Indiens in das Britische Weltreich und durch tiefgreifende Veränderungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Die britische Krone regierte Indien in dieser Zeit entweder direkt durch eigene Beamte oder indirekt über untergeordnete einheimische Fürsten. Etwa zwei Drittel des Landes wurden als britische Provinzen verwaltet, während rund 40 % als nominell autonome Fürstenstaaten unter britischer Oberhoheit standen. An der Spitze der Kolonialverwaltung stand ein von London eingesetzter Vizekönig (Governor-General), dem ein Indian Civil Service (ICS) aus britischen Beamten unterstand – Zugang für Inder war lange nur in Ausnahmefällen möglich. Königin Victoria wurde 1876 symbolisch zur „Kaiserin von Indien“ ausgerufen, was die Ideologie des Empire unterstrich. Die Briten betrieben eine Politik des „divide et impera“ (Teile und herrsche), um die enorme ethnische, sprachliche und religiöse Vielfalt Indiens zu beherrschen. Gleichzeitig brachten sie neue Institutionen: ein nach westlichem Vorbild geschaffenes Rechtssystem, eine zentrale Verwaltung und englischsprachige Hochschulen. Diese Maßnahmen dienten primär der effizienteren Kolonialherrschaft, bildeten aber ungewollt auch die Grundlage für ein modernes indisches Nationalbewusstsein – gebildete Inder eigneten sich die englische Sprache und politische Ideen wie Liberalismus und Demokratie an.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen der britischen Herrschaft sind bis heute umstritten. Unbestreitbar ist, dass Indien während der Kolonialzeit relativ gesehen verarmte: Sein Anteil an der Weltwirtschaft schrumpfte von etwa 24 % um 1700 auf nur noch rund 4 % im Jahr 1950 laut der Schätzungen des Wirtschaftshistorikers Angus Maddison.History of Indian Economy Um 1750 besaß Indien noch rund ein Viertel der weltweiten Industrieproduktion, 1900 waren es nur noch ca. 2 %.India’s Deindustrialization in the 18th and 19th Centuries Als häufiges Beispiel für den industriellen Niedergang Indiens unter der britischen Herrschaft wurde die Textilindustrie in Bengalen genannt, welche durch billige britische Importe und schädliche koloniale Zoll- und Steuerpolitik ruiniert wurde. Zudem belasteten hohe Steuerabgaben (u. a. Landsteuer, Salzsteuer) die indische Bevölkerung, während viele Einnahmen nach Großbritannien abgeführt wurden. Die Folgen für die Bevölkerung waren verheerend. Armut und Hungerkrisen prägten weite Teile Indiens im späten 19. Jahrhundert. Unter britischer Aufsicht kam es zu einer Serie großer Hungersnöte (z. B. 1770 in Bengalen, 1866 in Orissa, 1876–78 in Südindien, 1896–97 in Nordindien, 1943 in Bengalen), in denen nach heutiger Schätzung Dutzende Millionen Menschen starben. Allein die Hungersnot von 1876–78 forderte etwa 5 Millionen Tote, die von 1896–97 ebenfalls mehrere Millionen. Britische Kolonialbeamte wie Lord Lytton, der zur Zeit der „Großen Hungersnot“ 1876–78 Vizekönig war, hielten dennoch strikt an dem Export von Lebensmitteln und an der Zurückhaltung staatlicher Hilfen fest – teils aus dem Glauben an den freien Markt, teils aus sozialdarwinistischen und rassistischen Gründen, was auch für spätere Hungersnöte bis ins 20. Jahrhundert hinein der Fall war.