Die Textkritik (von und als Bezeichnung des Philologen) dient der wissenschaftlichen Untersuchung überlieferter Texte und ihrer Varianten. Je nach Erkenntnisinteresse, Überlieferungslage und methodischem Ansatz steht dabei die Rekonstruktion eines Stammbaums (Stemma codicum) der Textzeugen oder allein die Dokumentation vorkommender Varianten im Mittelpunkt.
Soweit die textkritische Untersuchung ein präzises Modell der Überlieferung ergibt, erlaubt dies auch die Rekonstruktion nicht erhaltener Textstufen. Dies wird meistens genutzt, um die ursprüngliche Fassung eines historischen Textes (oft „Original“ oder „Urtext“ genannt) oder zumindest die ursprünglichste erschließbare Fassung („Archetyp“) anhand mehrerer, aber im Wortlaut unterschiedlicher Textzeugen zu rekonstruieren. Auch andere Textstufen, zum Beispiel die am weitesten verbreitete Fassung, können Ziel der Rekonstruktion sein.
Das Ergebnis textkritischer Arbeit ist in jedem Fall ein Text, der als gesicherte Grundlage der Textinterpretation bzw. Exegese dienen kann; er kann auch den Obertext einer historisch-kritischen Ausgabe des Textes bilden.
Textkritik wird in allen historisch arbeitenden Disziplinen, die sich mit der Interpretation überlieferter Texte befassen, betrieben (insbesondere Philologie, Theologie, Philosophie und Geschichtswissenschaft). Die junge Disziplin der Editionswissenschaft reflektiert die Methoden und die Begrifflichkeit der Textkritik und anderer Aspekte der Erstellung historisch-kritischer Editionen.
Methoden Stemmatologische Methode Die am häufigsten angewandte Methode der Textkritik ist die stemmatologische (oder genealogische), die von Philologen im 19. Jahrhundert entwickelt wurde und oft auch ‚Lachmann’sche Methode‘ genannt wird. Die Bezeichnung geht auf den Philologen Karl Lachmann zurück, wobei die Forschung seit Sebastiano Timpanaro betont hat, dass dieser die nach ihm benannte Methode „weder erfunden noch konsistent angewendet“ habe.Anna Kathrin Bleuler, Oliver Primavesi: Einleitung: Lachmanns Programm einer historischen Textkritik und seine Wirkung. In: Anna Kathrin Bleuler, Oliver Primavesi (Hrsg.): Lachmanns Erbe. Editionsmethoden in klassischer Philologie und germanistischer Mediävistik (= Zeitschrift für Deutsche Philologie Beiheft 19). Berlin, Erich Schmidt, S. 11–108, hier S. 12–13.Sebastiano Timpanaro: The Genesis of Lachmann’s Method. Edited and translated by Glenn W. Most, Chicago, University of Chicago Press 2005 (das italienische Original zuerst 1963). Während es schon lange Verbesserungen von Texten auf breiter Handschriftenbasis gegeben hatte, war diese Methode die erste, die auf ein eigenständiges Modell der Überlieferung eines Textes abzielte. Damit beansprucht die Methode nicht nur, das Original rekonstruieren zu können, sondern auch die Entstehung aller anderen Textzeugen einschließlich ihrer Fehler und Lücken erklären zu können.
A.) Der erste Schritt erfolgt in vier Stufen:
1. Heuristik: Sämtliche erhaltenen Textzeugen werden gesucht und gesammelt. Fragmente und mutmaßliche frühere Fassungen werden ebenso erfasst wie sekundäre Bezeugungen, d. h. Zitate aus dem fraglichen Text bei zeitgenössischen oder jüngeren Autoren. Auch Übersetzungen können als sekundäre Bezeugungen gelten, da abhängig von der Texttreue des Übersetzers aus der Übersetzung auf die der Übersetzung vorliegende Fassung geschlossen werden kann. Die sekundären Zeugen werden zuweilen als „Testimonien“ von den primären Zeugen begrifflich unterschieden.
2. Kollation: Die vorhandenen Textzeugen werden miteinander verglichen und Varianten (Lesarten) festgestellt.
3. Recensio: Die Varianten werden analysiert, insbesondere im Hinblick auf ihr Entstehen. Gemeinsame Lesarten, insbesondere bestimmte Fehler (sogenannte Leitfehler) sind Indizien, dass Textzeugen voneinander oder einer gemeinsamen Vorlage abhängen. Dadurch kann auf die Existenz und den Wortlaut verlorener Vorlagen geschlossen werden, die zwischen dem Archetyp (der gemeinsamen Vorlage aller Zeugen, die vom ‚Original‘ oft durch eine jahrhundertelange Abschreibetradition mit Fehlern getrennt sein kann) und den erhaltenen Textzeugen stehen; sie werden HyparchetypenPeter Riemer, Michael Weißenberger, Bernhard Zimmermann: Einführung in das Studium der Latinistik. 2., vollständig neu bearbeitete Auflage. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-44051-9, S. 69. genannt. Die Abhängigkeitsbeziehungen zwischen erhaltenen Textzeugen und erschlossenen Hyparchetypen werden oft in Form eines Stammbaums (Stemma codicum genannt) dargestellt. Textzeugen, die nur Abschriften anderer erhaltener Zeugen sind, können von der weiteren Betrachtung ausgeschlossen, „eliminiert“ werden, sofern sie nicht sinnvolle Konjekturen enthalten. Die Anwendung dieser Methode setzt voraus, dass jeder Textzeuge nur von genau einer Vorlage abhängt („geschlossene Überlieferung“); wohingegen Handschriften auf mehrere Vorlagen zurückgehen und durch deren Varianten „kontaminiert“ sind, liegt eine offene Überlieferung vor, für die die Beziehungen zwischen den Textzeugen nicht mit Sicherheit rekonstruiert werden können. Im Fall einer solchen, offenen Überlieferung eines Textes sind die Konstruktion eines Stemma, die Eliminierung von Textzeugen und auch die Rekonstruktion des Archetyps nicht oder nur mit Einschränkungen möglich.
Typischerweise werden folgende Korruptelen gefunden: Abschreibversehen: doppelte Sätze, Zeilen, Worte oder Buchstaben (Dittographie), ausgelassene Sätze, Zeilen, Worte oder Buchstaben (Haplographie), insbesondere wenn sich Sätze, Worte oder Phrasen wörtlich oder fast wörtlich wiederholen, Verwechslung von Buchstaben mit ähnlicher Form oder ähnlicher Aussprache (solche Fehler sind häufig aufschlussreich für die Datierung von Textfassungen, da im Laufe der Zeit unterschiedliche Schriften und Aussprachen in Gebrauch waren), Schreibfehler, orthographische Änderungen; ein schwieriger Text wurde vereinfacht, ein kurzer Text wurde ergänzt, ein ungebräuchlicher Wortlaut wurde einem gebräuchlichen angeglichen.
4. Examinatio („Überprüfung“): Die Qualität der Lesarten wird nach den Kriterien Sprache, Stil und innere Schlüssigkeit beurteilt; es ergibt sich die Rekonstruktion des Archetyps. Häufige Argumentationsmuster dabei sind: Die ursprünglichere Lesart ist die, die das Zustandekommen der anderen Lesarten am besten erklären kann. (Dieses Prinzip kann mit der Ermittlung der Phylogenese eines Lebewesens in der Biologie verglichen werden.) Es gilt das Prinzip: lectio difficilior potior, das heißt, dass die schwierigere Lesart wahrscheinlich die ältere ist. Dieses Prinzip beruht auf der Annahme, dass ein Text bei seiner Abschrift eher vereinfacht und geglättet als komplexer und unverständlicher wiedergegeben wird. Komplizierte Sätze werden vereinfacht, veraltete Wörter, Wortformen und Formulierungen durch modernere ersetzt. Im Falle von Verderbnis wird ein nicht mehr verständlicher oder offenkundig sinnloser Text zu einem leichter verständlichen abgeändert. Gleichzeitig besteht aber die Gefahr, durch unreflektierte Anwendung dieses Prinzips einen Text künstlich zu verkomplizieren. Vollends problematisch, wenn nicht sinnlos, wird ein Vorgehen nach der lectio difficilior bei Texten, die schon an sich selbst keinen hohen literarischen Anspruch stellen. Je ursprünglicher ein Textzeuge, desto weniger Abschreibefehler wird er wahrscheinlich enthalten. Dabei ist zu berücksichtigen, dass jüngere Abschriften auch sehr alte oder hochwertige Vorlagen gehabt haben können (recentiores [codices], non deteriores) und dass umgekehrt auch sehr alte Handschriften minderwertig sein können, wenn sie von einem unfähigen Schreiber angefertigt wurden.
B.) Wo die so ermittelte Textfassung des Archetyps als fehlerhaft erkannt wird, wird im zweiten Schritt angestrebt, den ursprünglichen Text des Autors durch Divination (kluge und begründete Vermutung) wiederherzustellen (Emendation). Auch hier urteilt der Herausgeber nach seiner Kenntnis des historischen Umfelds, des Sprachgebrauchs des Autors und seiner Zeit bzw. der Schreibergewohnheiten zur mutmaßlichen Entstehungszeit des Archetyps, der inneren Struktur des zu edierenden Textes, sowie seiner Einbettung in das literarische Umfeld (intertextuelle Bezüge). Zwei Mittel stehen zur Verfügung: Konjektur: Der Herausgeber ersetzt den Text des Archetyps durch einen anderen, nirgends überlieferten. Häufig, aber nicht immer, ähnelt die Konjektur im Schriftbild dem überlieferten Text, sodass sich leicht eine plausible Hypothese bezüglich eines möglichen Verschreibungsvorgangs angeben lässt. Konjekturen können völlig unterschiedlichen Grad an Sicherheit aufweisen, vom hochspekulativen Vorschlag, der eher dazu dient, die Aufmerksamkeit auf eine problematische Stelle zu lenken („diagnostische Konjektur“), bis hin zur offensichtlichen und über jeden Zweifel erhabenen Richtigstellung, einer sogenannten coniectura palmaris („auf der Hand liegende Konjektur“, von palma, „Handfläche“). Athetese: Der Herausgeber scheidet Text aus, den er als spätere Zutat erkannt hat und der demnach nicht zum ursprünglichen Text des Autors gehört hat; dies wird durch eckige Klammern angezeigt. Oft handelt es sich dabei um Randnotizen, Erklärungen oder Kommentare eines Schreibers, die von einem späteren Abschreiber als Teil des Textes angesehen wurden (Interpolation).
Umgekehrt kann der Herausgeber auch der Meinung sein, dass originaler Text ausgefallen ist (Lacuna); Handschriften haben manchmal Löcher im Schreibmaterial oder Teile der Seite sind zerstört oder abgerissen, einzelne Buchstaben oder Worte sind überschrieben, verwischt oder nicht mehr lesbar. Ergänzte Wörter oder Buchstaben werden in spitze Klammern gesetzt, längere Lücken zumeist mit Asterisken angedeutet. Nur in seltenen Fällen werden auch längere Lücken mit passend erfundenem Text gefüllt. Bei größeren Lücken kann der Herausgeber eine Zusammenfassung dessen geben, was in dem verlorenen Text mutmaßlich inhaltlich enthalten war.
Leithandschrift-Prinzip Eine Alternative zur stemmatologischen Methode sind Editionen nach dem Leithandschrift-Prinzip (auch copy edit-Ausgaben genannt). Sie findet vor allem bei volkssprachlichen Texten des Mittelalters und bei neuzeitlichen Texten Anwendung. Auch hier wird zunächst die Überlieferung gesammelt (Lachmanns ‚Heuristik‘) und überprüft, aber die recensio findet normalerweise nicht in Form einer Kollationierung aller Textzeugen statt. Stattdessen wird eine Handschrift als Leithandschrift ausgewählt; die Edition folgt dem Wortlaut dieser Handschrift entweder vollständig oder weicht nur in wenigen Fällen von ihr ab (z. B. bei Beschädigungen der Handschrift). Abweichungen können auf Basis anderer Handschriften oder auch als Konjektur erfolgen, der Grad der Normalisierung ist unterschiedlich. Editionen, die der Leithandschrift besonders eng folgen (Orthographie, Layout usw.) nennt man diplomatische Editionen.
Anders als die stemmatologische Methode kann das Leithandschrift-Prinzip auf alle Überlieferungssituationen angewandt werden, also auch bei einer sogenannten kontaminierten Überlieferung. Ein weiterer Vorteil ist die Zeitersparnis, da die recensio weitaus weniger aufwendig ist. Außerdem präsentiert eine Edition nach dem Leithandschrift-Prinzip einen Text, der zumindest so oder sehr ähnlich zumindest in Form der Leithandschrift auch historisch wirksam wird, während stemmatologischen Editionen teilweise vorgeworfen wird, einen Text, den es so nie gab, zu konstruieren. Andererseits enthält eine Edition nach dem Leithandschrift-Prinzip deutlich weniger Informationen über die Entwicklung eines Textes im Laufe der Überlieferung und erhebt auch nicht den Anspruch, verlorene Überlieferungsstufen (einschließlich des Originals) zu rekonstruieren. Auch ist keineswegs sicher, dass die ausgewählte Leithandschrift eine weiter verbreitete Fassung repräsentiert.