Das Naturschutzgebiet Wollmatinger Ried – Untersee – Gnadensee ist mit einer Gesamtfläche von 767 Hektar das größte und mit einer überaus artenreichen Pflanzen- und Tierwelt auch das bedeutendste Naturreservat am deutschen Bodenseeufer.

Es erstreckt sich vom Ufer des Seerheins westlich von Konstanz über den Damm zur im Untersee gelegenen Insel Reichenau bis hin zum östlichen Gnadensee bei Allensbach-Hegne. Zum Naturschutzgebiet gehören die beiden benachbarten ufernahen Inseln Triboldingerbohl (Langenrain) und Mittler oder Langbohl (Kopf).

Das Naturschutzgebiet Das Wollmatinger Ried wurde bereits 1930 zunächst für fünf Jahre unter Schutz gestellt. Durch die Naturschutzverordnung vom 17. Februar 1938 für die Gebiete Wollmatinger Ried, Giehrenmoos und Dreifußwiesen auf den Gemarkungen Konstanz, Reichenau und Hegne erhielt die Uferlandschaft den endgültigen staatlichen Schutz. Die geschützte Riedfläche umfasste zunächst 465 Hektar, wovon 1964 zur Arrondierung des Konstanzer Gewerbegebiets „Unterlohn“ rund fünf Hektar aus dem Schutz entlassen wurden. Nach einer Erweiterung im Jahre 1980, durch welche die dem Ried vorgelagerten Wasserflächen auf dem Untersee und Gnadensee in das neue Natur- und Landschaftsschutzgebiet „Wollmatinger Ried-Untersee-Gnadensee“ einbezogen wurden, vergrößerte sich die Fläche auf 767 Hektar.

Bedeutung Die abwechslungsreiche Uferlandschaft des Wollmatinger Rieds bietet einer Vielzahl von Pflanzen und Tierarten einen wertvollen Lebensraum. Etwa 600 Farn- und Blütenpflanzen kommen zurzeit im Naturschutzgebiet vor; über 100 weitere Arten wurden früher gefunden, sind aber heute verschollen. Die Liste der im Gebiet beobachteten Vogelarten umfasst etwa 290 Arten. Vor allem für Wasservögel ist es als Brut-, Rast- und Überwinterungsplatz von herausragender Bedeutung. Im Herbst werden regelmäßig Rastgesellschaften von 20.000–40.000 Wasservögeln gezählt. Die vom Menschen nur wenig beeinflussten Flachwasserzonen des Gebiets sind wichtig für die Erhaltung eines artenreichen Fischbestands im Untersee. Unter den Insekten sind die Großschmetterlinge mit über 330 Arten, die Libellen mit knapp 50 und die Heuschrecken mit 26 Arten besonders auffällig.

Seine Bedeutung als Refugium für seltene und gefährdete Pflanzen und Tiere sowie die erfolgreiche Naturschutzarbeit brachten dem Wollmatinger Ried mehrere internationale Auszeichnungen ein. Prämiert wurde seine Bedeutung als Refugium für seltene und gefährdete Tier- und Pflanzenarten sowie die erfolgreiche Naturschutzarbeit: 1968 erhielt das Wollmatinger Ried das „Europäische Diplom für geschützte Gebiete“ des Europarates, das seitdem alle fünf Jahre neu vergeben wurde, 1973 erklärte der Internationale Rat für Vogelschutz das Gebiet zum Europareservat und seit 1976 zählt die Riedlandschaft zusammen mit den angrenzenden Seebuchten zu den „Feuchtgebieten internationaler Bedeutung“ aufgrund der Ramsar-Konvention von 1971. Das Wollmatinger Ried ist ebenfalls durch das europäische Schutzgebietssystem Natura 2000 geschützt, das sich aus FFH-Richtlinie und Vogelschutzrichtlinie zusammensetzt.

Entstehung

Die Erdgeschichte der Untersee-Landschaft war ein Wechselspiel von Tektonik, Sedimentation und Erosion. Zur Zeit der Alpenauffaltung, im Tertiär, bildete das nördliche Alpenvorland eine riesige Mulde. Zeitweise von Meerwasser erfüllt, zeitweise von Süßwasser, wurden in diese Mulde große Mengen von Abtragungsschutt der Alpen eingeschwemmt. Im Quartär lösten sich Eiszeiten und Warmzeiten ab. In den Eiszeiten wurde das Unterseegebiet vom Rheingletscher überfahren, der die Hauptarbeit an der Eintiefung des Bodenseebeckens leistete. Nach Abschmelzen des letzten Eises wurde das Moränenmaterial vom Rhein erodiert, während mächtige Beckentonablagerungen im Seegebiet zurückblieben.

Bemerkenswerte rezente, nacheiszeitliche Sedimente im Bereich von Seerhein, Untersee und Wollmatinger Ried sind bis zweieinhalb Zentimeter große Kalkknollen, deren Schicht eine Mächtigkeit von über zehn Meter erreichen kann. Die rundlichen Knollen entstanden durch Kalkabscheidungen von Blaualgen (Cyanobakterien), oft um Schneckengehäuse als Kern, weshalb sie am See seit langem Schnegglisande genannt werden.

Wasserhaushalt Der Wasserstand des Bodensees schwankt entsprechend der jahreszeitlich stark wechselnden Wasserführung seines wichtigsten Zuflusses, des Alpenrheins, beträchtlich. Der Niedrigstwasserstand wird in der Regel im Februar erreicht; dann steigt der Seespiegel mit dem Ende der Schneeperiode in den Alpen um etwa zwei Meter an und erreicht im Juni und Juli seinen Höchstwasserstand. Gleichzeitiges Auftreten von Schneeschmelze und starken Regenfällen führt zu einem sprunghaften Anstieg des Seespiegels, in Extremfällen um über 40 Zentimeter an einem Tag.

Das Wollmatinger Ried weist nur geringe Höhenunterschiede auf. Es ist Teil der Konstanzer Niederung, einer fast ebenen Senke im Bodenseebecken zwischen dem Bodanrück-Hügelland im Norden und dem Thurgauer Seerücken im Süden. Die seenahen Teile des Wollmatinger Rieds werden regelmäßig im Frühsommer überflutet, in extremen Hochwasserjahren können über 90 % des Schutzgebietes unter Wasser stehen. Im Winterhalbjahr hingegen fallen Ried und Uferzone trocken, ein Zustand, der in Trockenjahren bis in die Sommermonate fortdauern kann. Die jahresperiodischen Wasserstandsschwankungen des Bodensees sowie die unregelmäßig auftretenden Hochwasser- oder Trockenjahre haben prägenden Einfluss auf die Pflanzen- und Tierwelt des Wollmatinger Rieds und auf die Nutzung des Gebiets durch den Menschen.

Vielfalt der Lebensräume Die regelmäßigen Überflutungen des Wollmatinger Rieds ermöglichen den Anwohnern von jeher neben Fischfang und Wasservogeljagd nur eine extensive Landwirtschaft. Dadurch entstand ein vielfältiges Mosaik aus Naturlandschaft (in Ufernähe) und Kulturlandschaft (in den höher gelegenen Bereichen). Natürliche, ursprüngliche Lebensräume sind z. B. die Flachwasserzonen und Röhrichte, die Streuwiesen hingegen entstanden durch landwirtschaftliche Nutzung.

Fließgewässer mini|Wollmatinger Ried am Seerhein in Richtung Gnadensee Das Wollmatinger Ried liegt bei der Einmündung des Seerheins in den Untersee. Im Südosten des Rieds bildet das rechte Flussufer die Grenze des Schutzgebiets. Der Hauptmündungsarm des Seerheins setzt sich nach Westen im Untersee als Rheinrinne fort. Seerhein und Rheinrinne liegen außerhalb des Reservats und weisen starken Bootsverkehr auf. Ihr Fischreichtum ist aber wichtig für Vögel wie Taucher, Kormorane und Fluss-Seeschwalben. Im Winter tauchen Reiherente und Tafelenten sowie Blässhühner auf dem Flussgrund nach Wandermuscheln. Bei Frost gewinnen die eisfrei bleibenden Fließgewässer auch für Graureiher, mehrere Gründelentenarten und Watvögel an Bedeutung.

Zwei weitere Mündungsarme des Seerheins sind die innerhalb des Schutzgebiets gelegenen sogenannten Schläuche. Ihre flussartigen Rinnen trennen zwei von Schnegglisand (Kalkausscheidungen von Blaualgen) gebildete, schilfbewachsene Inseln, Triboldingerbohl und Mittler oder Langbohl, vom Wollmatinger Ried ab. In einem der Schläuche liegen Brutflöße für die in Baden-Württemberg vom Aussterben bedrohte Fluss-Seeschwalbe. An weiteren Fließgewässern weist das Gebiet in der Röhrichtzone noch mehrere, ständig Wasser führende Gräben auf, an denen Rohrdommeln und Wasserrallen überwintern.

Flachwasserzonen Seit 1980 gehören auch Teilbereiche der vor dem Wollmatinger Ried gelegenen Flachwasserzonen zum Naturschutzgebiet. Flachwasserzonen sind das ökologisch bedeutende Bindeglied zwischen Seeufer und dem freien Seewasser. Ihre Wassertemperatur ist im Winter niedriger als in der Freiwasserzone, im Sommer hingegen bei intensiver Sonneneinstrahlung deutlich höher. Ständige Wasserbewegungen bewirken intensiven Wasser- und Gasaustausch, hohen Sauerstoffeintrag, und mit der starken Erwärmung im Sommer auch hohe Stoffumsatzraten. Resultat ist eine rasche und weitgehende Zersetzung der vom Ufer in den See eingetragenen organischen Substanzen, weshalb Flachwasserzonen auch als biologische Kläranlagen des Sees bezeichnet werden. Wasserpflanzen (Makrophyten) bilden hier regelrechte Unterwassergärten, die Laich- und Aufwuchsgebiet für zahlreiche Fischarten und Nahrungsplatz für viele Wasservögel sind.

Vor dem Wollmatinger Ried liegen zwei wichtige Flachwasserbereiche: das Ermatinger Becken im Osten des Untersees, ein flaches Überschwemmungsgebiet bei der Einmündung des Seerheins, und die Hegnebucht im Osten des durch den Reichenauer Damm abgetrennten Gnadensees. Im Flachwasser der Hegnebucht dominieren unter den Wasserpflanzen verschiedene Arten von Armleuchteralgen und das Mittlere Nixenkraut. Im nährstoffreicheren Ermatinger Becken wurden die Armleuchteralgen seit den 1960er Jahren zunächst von Sumpf-Teichfaden und Kamm-Laichkraut zurückgedrängt, erobern sich aber nun wieder Terrain zurück, da sich die Wasserqualität seit 1980 deutlich verbessert hat. Weiße Seerosen können nur in vor Wellenschlag geschützten Schilfbuchten am Reichenauer Damm existieren.

Die Armleuchteralgen dienen der Kolbenente, der größten ornithologischen Kostbarkeit des Bodensees, als Hauptnahrung. Etwa die Hälfte des mitteleuropäischen Brutbestands dieser seltenen Entenart brütet am Bodensee, besonders zahlreich im Wollmatinger Ried. Im Herbst kommen noch mehrere tausend Kolbenenten aus anderen Brutgebieten hinzu, die vor allem die Hegnebucht zur Mauser des Kleingefieders aufsuchen.

Die Flachwasserzonen werden aber auch noch von vielen anderen Vogelarten als Nahrungs-, Aufzucht-, Mauser- und Ruheplatz genutzt, u. a. von Zwergtaucher, Haubentaucher und Schwarzhalstaucher, Höckerschwan, Schnatterente, Krickente, Stockente, Knäkente, Löffelente, Tafelente und Reiherente, Blässhuhn und Lachmöwe, bei Niedrigwasser auch von Watvögeln. Singschwan, Spießente und Großer Brachvogel sind typische Überwinterer des Ermatinger Beckens, während die Hegnebucht im Winter oft zufriert.

Flachwasserteiche Extreme Hochwasser mitten in der Brutzeit führen am Bodensee immer wieder zu Gelegeverlusten bei Wasservögeln. Im Wollmatinger Ried wurde daher 1976 in einer natürlichen Senke ein Flachwasserteich mit einem System aus Gräben, Inseln und Altschilfbereichen angelegt. Das Sommerhochwasser kann hier durch frühen Anstau vorweggenommen werden. Mit seinen vom Hochwasser geschützten Brutplätzen wurde der Teich schnell zum wichtigsten Brutplatz im Naturschutzgebiet. Kolbenenten (bis zu 40 Paare) und viele weitere Arten brüten hier alljährlich. Die Entenmütter können ihren Jungen nach dem Schlüpfen zum benachbarten, nahrungsreichen Ermatinger Becken führen.

Im Osten des Reservats wurde 1994 ein Flachwasser-Wiesenteich angelegt, der Gründelentenarten und Watvögeln als Nahrungs- und Rastplatz dient.

Röhrichte mini|Röhrichte im Wollmatinger Ried entlang des Reichenauer Damms

Der Uferbereich des Naturschutzgebiets wird zum größten Teil von Röhricht eingenommen, das überwiegend aus Schilfrohr besteht. Seeseitig erreicht das Schilf mittlere Wassertiefen von etwa ein bis zwei Meter, landwärts wird es von der Steifen Segge abgelöst.

Im Osten des Gebiets, am Seerhein, ist der Schilfgürtel relativ schmal; beiderseits des Reichenauer Damms erreicht das Röhricht eine Breite von über 500 Meter. Der Lebensraum Schilfröhricht wirkt eher einförmig, zeichnet sich aber durch hohe Produktivität aus. Schilfrohr kann bis zu fünf Meter hoch werden, junge Triebe wachsen täglich bis zu vier Zentimeter. Schilfröhricht schützt das Ufer gegen den Wellenschlag und ist Lebensraum für zahlreiche Tiere. Taucher, Enten, Rallen, Rohrweihe, Teichrohrsänger und Drosselrohrsänger sowie die seltene Bartmeise brüten hier. Viele weitere Vogelarten nutzen das Röhricht als Nahrungs- und Rastplatz, auf dem Durchzug finden sich oft große Schlafgesellschaften von Schwalben, Staren und Stelzen ein. Viele Insekten und andere Kleintiere haben sich auf das Schilfrohr spezialisiert, Amphibien nutzen das Röhricht als Laichplatz.