Karl Günter Wolf (* 8. Februar 1957 in Bad Kreuznach) ist ein deutscher Konzeptkünstler, der sich vorrangig als Bildhauer betätigt. Seine Arbeiten stehen in der Nachfolge der Konkreten Kunst und des frühen Konstruktivismus. Schlüsselwerke seines Schaffens gehören zum Bestand des Museum Ludwig, Von der Heydt-Museum, Kunstmuseum Stuttgart sowie des Museum Morsbroich. Im September 2024 wurde die von ihm gestaltete interaktive Bodenplatte „22.09.1984“ als offizielles Denkmal anlässlich der Versöhnungsgeste zwischen Helmut Kohl und François Mitterrand in Verdun eingeweiht.
Leben Karl Günter Wolf wuchs als jüngster Sohn einer Küsterin und eines Herrenschneidermeisters in Winzenheim in Rheinland-Pfalz mit zwei Geschwistern auf. Er beschreibt es als eine „unbeschwerte Kindheit auf dem Land“. Seine künstlerische Begabung wurde über das soziale Umfeld hinaus bereits früh erkannt und gefördert. Von 1971 bis 1974 absolvierte er eine Ausbildung als Dekorateur bei der Warenhauskette Kaufhof AG, wurde Mitglied im „Künstlerkreis Kreuznach“ und beteiligte sich regelmäßig an Gemeinschaftsausstellungen junger Künstler in Rheinland-Pfalz und dem Saarland.
1974, im Alter von 17 Jahren, erfolgte schließlich die Zulassung zum Studium der freien Malerei und Plastik an der GhK Kassel, der heutigen Kunsthochschule Kassel. Zunächst auf Malerei fokussiert, wechselte er 1975 in die Abteilung Metallbildhauerei und wurde Schüler von Eberhard Fiebig. Unter dessen Leitung fungierte er 1976 als Mitbegründer der Gruppe „Die Metaller“, die sich in ihrem radikalen Manifest der Praxis und Theorie der Metallplastik verschrieben hatte. Parallel zum Studium arbeitet er als Anstreicher und Bühnenhelfer an der Komödie Kassel.
1977 wechselte er an die Kunstakademie Düsseldorf, wo er bei Norbert Kricke und Eugen Gomringer studierte. Von 1978 bis 1979 folgte ein Studienaufenthalt an der Cité Internationale des Arts in Paris, der ihm die künstlerische Weiterentwicklung ermöglichte und ihn nachhaltig prägen sollte. 1980 schloss er sein Studium in Düsseldorf ab und lebte fortan als freischaffender Bildhauer. Es begann die Zusammenarbeit mit namhaften Galerien in Deutschland, Polen, Österreich und der Schweiz; in den nächsten Jahren folgten erste Beteiligungen an Museumsausstellungen, u. a. im Märkischen Museum in Witten, dem Wilhelm-Hack-Museum und dem Kunstmuseum Friedrichshafen. Als bisher einziger Künstler wurde er zweimal, zunächst 1983, dann 1985, auf der internationalen Kunstmesse Art Basel mit einer Sonderschau für Nachwuchskünstler, den „Perspektiven“, geehrt. Auf Initiative des Auswärtigen Amts reiste er 1985 zusammen mit Günther Uecker nach Taiwan, wo er vom Taipei Fine Arts Museum mit dem Aufbau einer großen dreiteiligen Stahlskulptur beauftragt war.
Neben wechselnden Ateliers in Köln, Düsseldorf und Leverkusen verlagerte er Mitte der 1980er Jahre seine Tätigkeiten temporär in die Schweiz und nach Südfrankreich. Durch seinen damaligen Galeristen Heinz Teufel lernte er in Zürich Richard Paul Lohse und Max Bill kennen und setzte sich intensiv mit dem Werk von Camille Gräser und Georges Vantongerloo auseinander. Parallel folgten viele künstlerisch inspirierte Reisen, u. a. nach Ägypten, Italien, Russland, in die Türkei, die USA und auf die Inseln der Ägäis. Das Rheinland blieb jedoch stets Dreh- und Angelpunkt seines Schaffens; vorrangig in der Kölner- und Düsseldorfer Kunstszene aktiv, avancierte er zu einer festen Größe im rheinischen Galerieprogramm, zunächst in der Galerie Heinz Teufel, später dann in der Galerie Martina Kaiser in Köln.
1994 beauftragte ihn das Museum Morsbroich mit der Realisierung einer Großplastik für den Schlossgarten. Die so entstandene Raumklammer Nr. 8, eine achtteilige Stahlskulptur, gehört seitdem zum Bestand der Museumssammlung. 2003 hielten Arbeiten seiner Werkreihe Space Diagonal Einzug in das Von der Heydt-Museum und die Sammlung Peter C. Ruppert im Kulturspeicher Würzburg, die Schlüsselwerke Konkreter Kunst in Europa umfasst. Für Aufsehen sorgte die von ihm initiierte und selbstfinanzierte Wanderausstellung „12 Skulpturen – 12 Orte“, die von 2006 bis 2012 in Burgen und Schlössern der Rhein-Erft-Region stattfand, u. a. in Schloss Falkenlust, Abtei Brauweiler, Schloss Miel, Schloss Gracht, Schloss Gymnich, Schloss Loersfeld und Schloss Paffendorf. 2024 wurde seine interaktive Bodenplatte „22.09.1984“ zum offiziellen Denkmal anlässlich der Versöhnungsgeste zwischen Helmut Kohl und François Mitterrand in Verdun deklariert und mit einer bewegenden Rede des Künstlers ebendort im September 2024 feierlich eingeweiht.
Seit 2019 lebt und arbeitet Karl Günter Wolf in dem ehemaligen Kloster des Wilhelmiten-Ordens in Orlamünde im Freistaat Thüringen, welches er 2016 erworben hat und seitdem restauriert. 2022 gründete er ebendort das FORUM Wilhelmi, das Besucher mit der Geschichte der Klosteranlage aus dem 14. Jahrhundert vertraut macht. Aktuell plant er die Anlage seines eigenen Skulpturengartens auf dem Gelände.
Werk Als Ausgangspunkt seiner späteren Werkreihen nennt Wolf die Mantegna-Performance von 1975. In Anlehnung an Andrea Mantegnas Gemälde Beweinung Christi initiierte Wolf in der Kasseler Karlsaue eine Fotoserie, wo mittels eines sich sukzessiv erweiternden Scherengitters die Verkürzung seines auf dem Rasen liegenden Körpers bewirkt wurde. Dieses Ausloten von Perspektive, Raumwahrnehmung und alternierenden Proportionen wurde fortan zum tragenden Element seines künstlerischen Konzepts.
Die dem Scherengitter zugrundeliegende Kreuzform prägte sein Frühwerk und führte, ebenfalls 1975, schließlich zum „Triumphbogen“, Wolfs Schlüsselwerk, das von wiederholten Parisaufenthalten in seiner Kindheit und ritualisierten Umfahrungen des Arc de Triomphe im Familienauto inspiriert wurde. Beim Triumphbogen kam erstmals die Idee der Faltung von Metallblechen zur Anwendung. Das Prinzip bestand darin, durch die einfache Faltung eines Schnittblechs eine L-Form zu schaffen, während die doppelte Faltung eine U-Form erzeugte. Der Triumphbogen, eine 10-teilige Skulptur aus Aluminium, veranschaulicht Wolfs Konzept, indem es eine konvexe Bogenform im rechten Winkel über einen konkaven Metallbogen spannt – mithin also zwei U-förmige Elemente miteinander verbindet – und damit eine dreidimensionale Kreuzform erschafft. Dazu Wolf: „Mehrere Teile ergeben ein Ganzes, niemals ein Einzelteil für sich, immer in Kombination miteinander. Ergänzung und Vielfalt ist hier Ziel, nicht Isolation. Progression durch Variation und doch ganz individuell – gleich der Natur, das ist alles.“ 2024 erwarb das Museum Schlosspark in Wolfs Heimatort Bad Kreuznach den Triumphbogen, wo er seitdem ausgestellt ist.
Mitte der 1970er Jahre folgte eine kurze experimentelle Phase mit monochromen Papierarbeiten, malerischen Exkursionen, Collagen sowie an die Aktions- und Performance-Kunst angelehnter Projekte, deren Einflüsse sich später in Wolfs Werk wiederfinden, so z. B. bei der Bodenplatte von Verdun mit ihren grafischen Elementen und ihrer implizierten Aufforderung zur Interaktion. In der Zeit seiner Mitgliedschaft in der Gruppe „Die Metaller“ entstanden bis Ende 1977 fast 50 komplexe, teils aus 200 Einzelteilen konstruierte Skulpturen aus Aluminium, die das bildhauerische Frühwerk Wolfs bildeten. Diese wurden 1978 jedoch durch Vandalismus zerstört und konnten nicht rekonstruiert werden.
1983 markierte das Ausgangsjahr der Werkreihe Space Diagonal, mit der Wolf auf dem damaligen Kölner Kunstmarkt, der heutigen Art Cologne, debütierte. Hier fokussierte er eine reduzierte, stark geometrisch ausgerichtete Formensprache, die mit wechselnden Proportionen und Größenmaßstäben im Verhältnis zum Betrachter spielt. Ineinander gefaltet, verkantet und gestaffelt erzeugen die vertikal arrangierten Metallelemente ein Konglomerat von Winkeln, die den Raum zeitgleich öffnen und verschließen und ihn hochkant durchschneiden. 1985 fertigte Wolf mit der „Großen Baseler“ seine erste Großplastik zur Space Diagonal-Serie, die ihm nach 1983 bereits die zweite Sonderschau für Nachwuchskünstler auf der Art Basel ermöglichte. Im gleichen Jahr folgte die Beteiligung an der Gruppenausstellung "German Art 1945-1985" im Taipei Fine Arts Museum, für die er ebenfalls eine Großplastik konzipiert hatte und dann vor Ort aufbaute.
In den 1990er Jahren bildete sich mit den Raumklammern eine weitere Werkserie heraus. Nicht mehr vertikal ausgerichtet, sondern als horizontale Bodenplastiken konzipiert, schufen die einzelnen Elemente der jeweiligen Raumklammer einen Parcours, der das Konzept für den Betrachter psychophysisch und exemplarisch nachvollziehbar macht. Ein Hauptwerk dieser Serie markierte die aus rostigem Stahl gefertigte Raumklammer Nr. 8, die 1994 als „Hommage an Josef Albers“ für das Museum Morsbroich entstand. Der komplexe, sich aus einer flach auf dem Boden liegenden, quadratischen Stahlplatte entwickelnde begehbare Raumkörper mit seinen im rechten Winkel und U-förmig gebogenen Stahlzuschnitten, liegt auf einer ca. 60 m² großen, abgesteckten Grundfläche und geht auf ein Entwurfsmodell aus dem Jahr 1987 für die Documenta 8 in Kassel zurück. Auf Einladung des damaligen Documenta-Leiters Manfred Schneckenburger sah der ursprüngliche Entwurf eine doppelt so große Ausführung wie später bei derjenigen für das Museum Morsbroich vor, konnte aber aus Kostengründen nicht realisiert werden. Erst dem einflussreichen Kunsthistoriker und Direktor des Museums Morsbroich, Rolf Wedewer, gelang es schließlich 1994 Geldgeber für die Realisierung der Skulptur zu finden. Seitdem ist sie im Schlossgarten der Leverkusener Institution heimisch. Bezugnehmend auf seine komplexen Plastiken aus den Werkreihen Space Diagonal und Raumklammern sagt Wolf: „Allen Skulpturen liegt ein Konzept zugrunde, das nachvollziehbar ist; Konzept und optisches Ergebnis sollen als Einheit verstanden werden. Die Skulptur spricht für sich selbst. Dies ist ein Teil des Inhalts und eine sich selbst rechtfertigende Idee von Konkreter Skulptur. Was zu sehen ist, sind Teile unterschiedlicher Form und Größe. Sie zu verbinden ist nur in der Harmonie zueinander möglich. Es ist ein Sinnbild des tiefen menschlichen Bedürfnisses nach Übereinstimmung mit sich selbst. Dieses Ziel zu erreichen, ist unsere Aufgabe und Voraussetzung für einen friedlichen Dialog der Menschen untereinander. Wenn Kunst dazu einen Beitrag leisten soll, und es ist eine ihrer Aufgaben, muss sie in ihrem Wesen und ihrer Erscheinung klar lesbar sein. Darin liegt dann ein Teil ihres Wertes.“
Eine Weiterführung der Raumklammern bildeten Anfang der 2000er Jahre die Ringskulpturen, Wolfs nächste Werkreihe. Bislang auf Winkel und rechteckige Formen abonniert, brachte der Künstler hier erstmals den Kreis als wesentliches Kompositionselement hervor. Das Prinzip der Biegung trat nun anstelle der Faltung des Materials, blieb aber dennoch eine organische Fortführung des bisherigen Konzepts, wo aus der ultimativen Dehnung des Rechtecks in der Zusammenführung seiner Enden schlussendlich ein kreisrunder Bogen entsteht. Dies verweist wiederum auf Wolfs Ausgangswerk, den „Triumphbogen“. Von geometrisch-kantigen Elementen gehalten, die als unsichtbare Fassung fungieren, scheinen die Ringe in der Luft zu schweben und zeichnen sich zudem durch ihre Farbigkeit aus. Damit hat nun auch die Farbe Einzug in die Plastiken des Künstlers gehalten. Das manifestierte sich ebenso in den Ringreliefs, muralen Plastiken, in denen die Ringe paarweise angeordnet sind und so in symbolgeladene Beziehungen zueinander gesetzt werden.